Joey Goebel – „Sunset Flip“

Mittwoch, 27. Mai 2026

(Diogenes, 376 S., HC)
Seit Darren Aronofskys Meisterwerk „The Wrestler“ (2008) mit Mickey Rourke in einer Oscar-würdigen Hauptrolle als abgewrackter Wrestler haben nicht nur Fans des spektakulären Ring-Sports eine Ahnung davon bekommen, wie es hinter den Kulissen dieses Sports aussieht. Nun hat sich der verlässliche US-amerikanische Schriftsteller Joey Goebel („Ich gegen Osborne“, „Vincent“) mit seinem neuen Roman „Sunset Flip“ auf literarische Weise an eine ungewöhnliche Geschichtsschreibung gemacht.
Auggie „The Aug“ Schnuck steht im Juli 1989 kurz davor, zum Wrestling-Champion gekürt zu werden und sich mit seiner Frau Nadine den Traum von einem eigenen Haus zu erfüllen. Immerhin gibt es bereits eine Action-Figur von The Aug. Zu seinem Traum gehört aber auch, das Wrestling nur als Sprungbrett für die geplante Schauspielkarriere zu nutzen, die er mit seinem Manager Stan MacGowan bereits ausgehandelt hat. Doch Auggie ist ständig von Selbstzweifeln geplagt, oft kann er die Rollen als Lord Augustine oder The Aug, die er im Ring verkörpert, nicht mehr von seinem realen Leben unterscheiden, weshalb er umso dankbarer dafür ist, dass Nadine ihm zur Seite steht.

„Sie leuchtete, dachte er. Sie war das Leben. In diesen ersten Monaten mit Nadine fühlte Auggie sich auf einmal ganz leicht. Wie neu geboren. Als hätte er übermenschliche Kräfte. Er beschloss, weiter zu Castings zu gehen, und nahm von nun an jedes Mal ein Taschentuch mit ihrem berauschenden Duft mit. Er bat sie, sich damit überall abzureiben, zog es dann, bevor er das Gebäude betrat, heraus, atmete sie ein und dachte: Wenn ich diese Frau dazu bringen kann, mich zu lieben, dann kann ich so ziemlich alles erreichen.“ (S. 308)

Nadine, die weiterhin als Sozialarbeiterin beschäftigt ist, stand auch schon als The Augs Valet mit ihrem Mann im Ring und weiß genau, wie sich ihr Mann fühlt, und doch entfremden sich die beiden voneinander, je weiter sich Auggies Traum von einer Schauspielkarriere in Luft aufzulösen droht.
In seiner Danksagung am Ende des Buches erwähnt Goebel auch die Männer und Frauen vom WWE Wrestling, die es ihm seit seinem neunten Lebensjahr ermöglicht haben, der Realität zu entfliehen. Darum geht es auch vor allem in „Sunset Flip“ (der Titel bezieht sich übrigens auf eine klassische Wrestling-Technik, bei der Konter und Einroller oft eingesetzt werden, um einen Angriff des Gegners in einen sofortigen Pinfall umzuwandeln). Auggie, der aus schwierigen familiären Verhältnissen stammt – wie wir erst im letzten Kapitel ausführlich erfahren -, lebt mit seiner wunderschönen Frau Nadine den amerikanischen Traum, schlüpft theaterreif im Ring in verschiedene Rollen und bringt das Publikum zum Toben. Doch Goebel interessiert weniger, was im Ring geschieht, von dem jeder weiß, dass sich die Wrestler nicht wirklich wehtun, dass auch die Ergebnisse gefakt sind. Der Autor bleibt stets dicht bei seinen Figuren, vor allem bei Auggie, leuchtet aus, was die Erwartungen des Publikums und des Managers mit dem Mann machen, der einfach nur zum Film und sich nicht länger vorschreiben lassen will, wann er einen Kampf gewinnt und wann nicht. „Sunset Flip“ ist vor allem das Psychogramm eines Mannes, der Traum und Realität, Rolle und Identität kaum noch voneinander unterscheiden kann. Das beschreibt Joey Goebel in gewohnt flüssiger, eleganter Sprache, mit lebendigen Dialogen und stark gezeichneten Figuren, so dass auch Nicht-Wrestling-Fans voll auf ihre Kosten kommen.

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