Montag, 14. September 2009

Gabriel García Márquez - „Erinnerung an meine traurigen Huren“

(Kiepenheuer & Witsch, 160 S., HC)
Nachdem er eher untalentiert als Spanisch- und Lateinlehrer tätig gewesen war und vierzig Jahre lang für die heimische Diario de la Paz Informationen über die Kurzwelle oder Morsezeichen aufgefangen und zu Meldungen aufbereitet hatte, sind ihm nur noch eine Sonntagsglosse sowie gelegentliche Musik- und Theaterbesprechungen geblieben. Zu seinem neunzigsten Geburtstag möchte der alte Mann, der sich selbst für unbeschreiblich hässlich und gewöhnlich hält, sich eine Jungfrau gönnen, die zu besorgen er seine alte Freundin Rosa Cabarcas beauftragt, in deren laden der Mann Stammkunde ist.
Er hat sein Leben lang für Sex bezahlen müssen und hat doch schon einen recht resignierten Blick auf das Leben und das Altern, der auch unverhohlen in seinen Glossen zum Ausdruck kommt. Die Bordellbesitzerin erfüllt dem Alten den Wunsch und hat ein vierzehnjähriges Mädchen besorgt, das sie mit Bromid und Baldrian betäubte. Augenblicklich ist der Mann von der Reinheit des Mädchens fasziniert und denkt gar nicht an den Vollzug dessen, wofür er mehr bezahlt hatte als sonst. Stattdessen erfährt er mit neunzig Jahren erstmals das Gefühl, verliebt zu sein … Was zunächst wie eine Geschichte über einen alten, geilen Mann und sein minderjähriges Objekt sexueller Begierden zu sein scheint, entwickelt sich zu einer melancholischen, humorvollen und zärtlichen Parabel über die wunderbaren Möglichkeiten, die sich einem Mann auch im hohen Alter eröffnen können, wenn man nur daran glaubt.

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