Stephen King – „Desperation“

Dienstag, 10. März 2026

(Heyne, 668 S., HC)
In seiner langjährigen Karriere hat Stephen King immer mal was Neues ausprobiert, sei es in Charles Dickens‘ Tradition mit „The Green Mile“ einen sechsteiligen Fortsetzungsroman zu schreiben, Drehbücher zu den Verfilmungen seiner Werke beizusteuern („Friedhof der Kuscheltiere“, „Rhea M. – Es begann ohne Warnung“) oder eine Geschichte aus zwei Perspektiven zu erzählen. So geschehen bei „Desperation“, wozu King das Pendant „Regulator“ unter seinem eigentlich schon begrabenen, wiederbelebten Pseudonym Richard Bachman veröffentlicht hat. Während selbst gestandene Fans des „King of Horror“ sich nur schwer mit „Regulator“ anfreunden konnten, bietet „Desperation“ einmal mehr Horror vom Feinsten.
Peter Jackson befindet sich mit seiner Frau Mary im Acura von Peters Schwester Deidre gerade auf dem US 50 in Nevada, der gemeinhin als der „einsamste Highway Amerikas“ genannt wird, als sie von einem Cop des Desperation Police Department angehalten werden, weil dem Wagen ein Nummernschild fehlt, das ihnen offensichtlich beim Tanken abgeschraubt worden ist. Leider findet der Cop auch einen Beutel mit Drogen im Kofferraum, so dass er Peter und Mary auffordert, auf der Rückbank seines Wagens Platz zu nehmen. Es ist der Anfang eines Horror-Trips, in den noch weitere Opfer von Deputy Entragian verwickelt sind: Ralph Carver und sein Sohn David, der Schriftsteller John Marinville, der auf seiner Harley Amerika auf der Suche nach Inspirationen für sein neues Buch durchqueren wollte, sein ihm im Auto hinterherfahrender Aufpasser Steve Ames, die Anhalterin Cynthia Smith und der ortsansässige Tierarzt Tom Billingsley. Sie werden nicht nur Zeuge von Entragians gelegentlich seltsamer Sprache und seinem brutalen Verhalten, sondern auch von seiner zunehmenden körperlichen Zersetzung. Nachdem sich Entragians Opfer aus dem Zellentrakt des Polizeireviers befreien konnten, kommen vor allem der strenggläubige David und dem Schriftsteller Marinville Verbindungen der fast menschenleeren Stadt zu der nahegelegenen Mine in den Sinn, in der einst Bergleute auf ein uraltes Wesen namens Tak stießen, das sich nun in immer neue menschliche Körper einnistet, um zu überleben, und Kojoten, Wölfe, Geier, Schlangen und Adler für seine Zwecke einspannt, um neue Nahrung nach Desperation zu locken…

„Der Cop sah zu dem von Geiern gesäumten Dachrand des Rathauses und fing an zu lachen. Sie schrien ihre schrillen, gellenden Schreie herab, und Johnny konnte den Gedanken, der ihm dabei kam, nicht unterdrücken. Es war ein schrecklicher Gedanke, weil er so überzeugend war. Sie rufen nicht. Sie kreischen nicht. Sie lachen. Sie lachen mit ihm. Weil es nicht sein Witz ist, sondern ihrer. Wind peitschte über dem Parkplatz, so dass Johnny taumelte, und wehte den abgerissenen Geierflügel über den Asphalt wie einen Staubwedel. Das Licht schwand aus dem Tag – schwand viel zu schnell. Johnny sah nach Westen und stellte fest, dass Staubwolken die Berge einhüllten und sie in Kürze völlig den Blicken entziehen würden. Die Sonne stand noch über ihnen, aber nicht mehr lange. Es war ein Sturm, der in ihre Richtung zog.“ (S. 211)

Wieder einmal führt Stephen King eine Schicksalsgemeinschaft zusammen, die sich aus einer prekären Situation nur durch gemeinsame Anstrengungen befreien kann. Nach und nach stellt der Autor die einzelnen Figuren in diesem diabolischen Szenario vor, ehe sie in die Fänge des äußerst brutalen, von einer uralten Macht gelenkten Deputys geraten, der zwar mit einigen widerspenstigen Bürgern kurzen Prozess macht, aber natürlich auch lebende Wirte für Tak benötigt. Mit diesem Wesen beschwört King das Lovecraft’sche Grauen aus dem All herauf, das King ebenso beeinflusst hat wie viele seiner Weggefährten. Um ihm Paroli zu bieten, es am Ende auszurotten, spielen hier Davids Glaube an einen offensichtlich sehr grausamen Gott ebenso eine Rolle wie die Tatkraft eines abgehalfterten Schriftstellers, der die zunehmend dezimierte Truppe zu retten versucht. Das geht brutal und blutig zu, verkommt aber nie zum bloßen Selbstzweck. Auch wenn „Desperation“ innerhalb des King-Kosmos nicht besonders originell erscheint, sorgen gerade die Rückblicke auf den Einsatz chinesischer Minenarbeiter und Davids religiöse Erweckung sowie die temporeich inszenierte Spannung für gruseligen Lesespaß.

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