(Heyne, 668 S., HC)
In seiner langjährigen Karriere hat Stephen King
immer mal was Neues ausprobiert, sei es in Charles Dickens‘ Tradition mit „The
Green Mile“ einen sechsteiligen Fortsetzungsroman zu schreiben, Drehbücher
zu den Verfilmungen seiner Werke beizusteuern („Friedhof der Kuscheltiere“, „Rhea
M. – Es begann ohne Warnung“) oder eine Geschichte aus zwei Perspektiven zu
erzählen. So geschehen bei „Desperation“, wozu King das Pendant „Regulator“
unter seinem eigentlich schon begrabenen, wiederbelebten Pseudonym Richard Bachman
veröffentlicht hat. Während selbst gestandene Fans des „King of Horror“ sich
nur schwer mit „Regulator“ anfreunden konnten, bietet „Desperation“
einmal mehr Horror vom Feinsten.
Peter Jackson befindet sich mit seiner Frau Mary im Acura
von Peters Schwester Deidre gerade auf dem US 50 in Nevada, der gemeinhin als der
„einsamste Highway Amerikas“ genannt wird, als sie von einem Cop des Desperation
Police Department angehalten werden, weil dem Wagen ein Nummernschild fehlt,
das ihnen offensichtlich beim Tanken abgeschraubt worden ist. Leider findet der
Cop auch einen Beutel mit Drogen im Kofferraum, so dass er Peter und Mary
auffordert, auf der Rückbank seines Wagens Platz zu nehmen. Es ist der Anfang
eines Horror-Trips, in den noch weitere Opfer von Deputy Entragian verwickelt sind: Ralph Carver und
sein Sohn David, der Schriftsteller John Marinville, der auf seiner Harley
Amerika auf der Suche nach Inspirationen für sein neues Buch durchqueren wollte,
sein ihm im Auto hinterherfahrender Aufpasser Steve Ames, die Anhalterin
Cynthia Smith und der ortsansässige Tierarzt Tom Billingsley. Sie werden nicht
nur Zeuge von Entragians gelegentlich seltsamer Sprache und seinem brutalen
Verhalten, sondern auch von seiner zunehmenden körperlichen Zersetzung. Nachdem
sich Entragians Opfer aus dem Zellentrakt des Polizeireviers befreien konnten, kommen
vor allem der strenggläubige David und dem Schriftsteller Marinville Verbindungen
der fast menschenleeren Stadt zu der nahegelegenen Mine in den Sinn, in der
einst Bergleute auf ein uraltes Wesen namens Tak stießen, das sich nun in immer
neue menschliche Körper einnistet, um zu überleben, und Kojoten, Wölfe, Geier,
Schlangen und Adler für seine Zwecke einspannt, um neue Nahrung nach
Desperation zu locken…
„Der Cop sah zu dem von Geiern gesäumten Dachrand des Rathauses und fing an zu lachen. Sie schrien ihre schrillen, gellenden Schreie herab, und Johnny konnte den Gedanken, der ihm dabei kam, nicht unterdrücken. Es war ein schrecklicher Gedanke, weil er so überzeugend war. Sie rufen nicht. Sie kreischen nicht. Sie lachen. Sie lachen mit ihm. Weil es nicht sein Witz ist, sondern ihrer. Wind peitschte über dem Parkplatz, so dass Johnny taumelte, und wehte den abgerissenen Geierflügel über den Asphalt wie einen Staubwedel. Das Licht schwand aus dem Tag – schwand viel zu schnell. Johnny sah nach Westen und stellte fest, dass Staubwolken die Berge einhüllten und sie in Kürze völlig den Blicken entziehen würden. Die Sonne stand noch über ihnen, aber nicht mehr lange. Es war ein Sturm, der in ihre Richtung zog.“ (S. 211)
Wieder einmal führt Stephen King eine
Schicksalsgemeinschaft zusammen, die sich aus einer prekären Situation nur durch
gemeinsame Anstrengungen befreien kann. Nach und nach stellt der Autor die
einzelnen Figuren in diesem diabolischen Szenario vor, ehe sie in die Fänge des
äußerst brutalen, von einer uralten Macht gelenkten Deputys geraten, der zwar
mit einigen widerspenstigen Bürgern kurzen Prozess macht, aber natürlich auch lebende
Wirte für Tak benötigt. Mit diesem Wesen beschwört King das Lovecraft’sche
Grauen aus dem All herauf, das King ebenso beeinflusst hat wie viele seiner Weggefährten.
Um ihm Paroli zu bieten, es am Ende auszurotten, spielen hier Davids Glaube an
einen offensichtlich sehr grausamen Gott ebenso eine Rolle wie die Tatkraft
eines abgehalfterten Schriftstellers, der die zunehmend dezimierte Truppe zu
retten versucht. Das geht brutal und blutig zu, verkommt aber nie zum bloßen
Selbstzweck. Auch wenn „Desperation“ innerhalb des King-Kosmos nicht
besonders originell erscheint, sorgen gerade die Rückblicke auf den Einsatz
chinesischer Minenarbeiter und Davids religiöse Erweckung sowie die temporeich
inszenierte Spannung für gruseligen Lesespaß.

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