John Grisham – „Das Vermächtnis“

Dienstag, 31. März 2026

(Heyne, 476 S., HC)
Mit seinen ersten – allesamt meist sogar sehr erfolgreich verfilmten - Thrillern wie „Die Jury“, „Die Firma“, „Die Akte“, „Der Klient“ und „Die Kammer“ definierte der ehemalige Rechtsanwalt John Grisham Anfang der 1990er Jahre das Genre des Justizthrillers gänzlich neu und schiebt seitdem nahezu jährlich ein Buch nach, gelegentlich versucht er sich dabei auch in anderen Genres wie dem Sportler-Roman und Jugendbuch. Dass nach über dreißig Jahren gewisse Abnutzungserscheinungen zu erwarten sind, dürfte nicht verwundern, dennoch versteht es der in Virginia lebende Bestseller-Autor nach wie vor, sein Publikum bestens zu unterhalten. Das trifft auch auf seinen neuen Roman „Das Vermächtnis“ zu.
Seit achtzehn Jahren praktiziert Simon F. Latch als Anwalt mit Schwerpunkt auf Erbschaftsangelegenheiten und Insolvenzen in der Kleinstadt Braxton, Virginia. Doch unter der Tretmühle anspruchsloser, unkomplizierter Vorgänge, die er mit einem Stundenhonorar von 250 Dollar in Rechnung stellte, ging nicht nur seine Ehe mit Paula in die Brüche, sondern er selbst steht mit einigen tausend Dollar Wettschulden beim örtlichen Buchmacher Chub in der Kreide und vor dem Burn-out. Doch dann betritt die fünfundachtzigjährige Witwe Eleanor Barnett die Kanzlei und will ein neues Testament aufsetzen lassen. Ihr Mann Harry, der zwei nichtsnutzige Söhne in die Ehe gebracht hatte, ist mittlerweile verstorben und hat offensichtlich durch Mitarbeiter-Aktien von Coca-Cola und von Walmart ein Vermögen angehäuft, von denen die beiden Stiefsöhne, zu denen sie keinen Kontakt pflegt, nichts sehen sollen. Mit ihrem bei Simons Kollegen Walter J. Thackerman aufgegebenen Testament ist die alte Dame nicht zufrieden, was Simon sehr schnell nachvollziehen kann, hat Thackerman im Kleingedruckten doch alle Möglichkeiten eingebaut, selbst einen Großteil des Erbes für sich abzuzweigen. Aber auch Simon packt die Habgier, sieht er hier doch die Möglichkeit, nicht nur höhere Stundensätze zu kassieren, sondern ebenfalls einen kleinen Batzen aus dem Vermögen für sich herauszuholen und so seine finanzielle Misere zu beenden. Da die alte Dame kaum Freundschaften pflegt und keine weiteren Verwandten hat, kümmert sich Simon rührend um sie, geht mit ihr ständig essen und quartiert sie sogar zwischenzeitlich in einem Hotel außerhalb der Stadt ein. Doch als Eleanor im betrunkenen Zustand einen Autounfall verursacht, bei dem auch ihre Freundin Doris verletzt wird, ändert sich alles, denn kurz nach ihrer Einlieferung verstirbt die alte Dame. Auf einen anonymen Hinweis bei der örtlichen Polizei hin wird die geplante Einäscherung gestoppt und eine Obduktion angeordnet, bei der festgestellt wird, dass die alte Dame mit dem verbotenen Gift Thallium vergiftet worden ist, das den Ingwerkeksen beigefügt worden ist, die Simon seiner Mandantin durch seine Sekretärin ins Krankenhaus liefern ließ. Nun muss sich Simon vor einem Geschworenengericht verantworten. Derweil haben Eleanors Stiefsöhne mit Teddy Hammer ebenfalls einen Anwalt engagiert…
Mit „Das Vermächtnis“ legt Grisham einen ganz klassischen Justiz-Thriller vor, dessen Plot stringent nach Lehrbuch inszeniert ist. Mit Simon Latch wird ein unauffälliger Kleinstadtanwalt mit einigen persönlichen Problemen – Scheidung, Wettschulden – eingeführt, der durch das Testament für eine vermeintlich sehr, sehr wohlhabende alte Dame die Chance sieht, seinen Lebensstandard erheblich aufzubessern und einige, vor allem finanzielle Probleme zu lösen. So verständlich das Vorgehen des Protagonisten ist, wird der Berufsstand des Anwalts nicht gerade wohlwollend gezeichnet, und Sympathien mag man als Leser:in für den habgierigen Mann auch schwerlich empfinden. Es dauert dann auch einige Zeit, bis die Handlung in die Gänge kommt. Sobald der Umstand bekannt wird, dass seine Mandantin vergiftet worden ist, spult Grisham routiniert sein Prozess-Schema ab, bringt zur rechten Zeit neue Spuren ins Spiel und macht damit vor allem deutlich, wie anfällig das Justizsystem für Fehlentscheidungen ist. Grisham verleiht seinen Figuren nur die nötigsten Charaktereigenschaften, doch ist „Das Vermächtnis“ viel zu handlungsorientiert, um mit den Menschen vertraut zu werden. Einzig die Episode um das Sammeln billiger Taschenbuchausgaben von John D. MacDonald während Simons Studienzeit sorgt für etwas Leben in dem ansonsten recht lieblos geschriebenen, nach wie vor aber unterhaltsamen Thriller.

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