(Heyne, 476 S., HC)
Mit seinen ersten – allesamt meist sogar sehr erfolgreich
verfilmten - Thrillern wie „Die Jury“, „Die Firma“, „Die Akte“, „Der Klient“
und „Die Kammer“ definierte der ehemalige Rechtsanwalt John
Grisham Anfang der 1990er Jahre das Genre des Justizthrillers gänzlich neu
und schiebt seitdem nahezu jährlich ein Buch nach, gelegentlich versucht er
sich dabei auch in anderen Genres wie dem Sportler-Roman und Jugendbuch. Dass nach
über dreißig Jahren gewisse Abnutzungserscheinungen zu erwarten sind, dürfte
nicht verwundern, dennoch versteht es der in Virginia lebende Bestseller-Autor
nach wie vor, sein Publikum bestens zu unterhalten. Das trifft auch auf seinen
neuen Roman „Das Vermächtnis“ zu.
Seit achtzehn Jahren praktiziert Simon F. Latch als Anwalt
mit Schwerpunkt auf Erbschaftsangelegenheiten und Insolvenzen in der Kleinstadt
Braxton, Virginia. Doch unter der Tretmühle anspruchsloser, unkomplizierter
Vorgänge, die er mit einem Stundenhonorar von 250 Dollar in Rechnung stellte,
ging nicht nur seine Ehe mit Paula in die Brüche, sondern er selbst steht mit
einigen tausend Dollar Wettschulden beim örtlichen Buchmacher Chub in der
Kreide und vor dem Burn-out. Doch dann betritt die fünfundachtzigjährige Witwe
Eleanor Barnett die Kanzlei und will ein neues Testament aufsetzen lassen. Ihr
Mann Harry, der zwei nichtsnutzige Söhne in die Ehe gebracht hatte, ist mittlerweile
verstorben und hat offensichtlich durch Mitarbeiter-Aktien von Coca-Cola und
von Walmart ein Vermögen angehäuft, von denen die beiden Stiefsöhne, zu denen
sie keinen Kontakt pflegt, nichts sehen sollen. Mit ihrem bei Simons Kollegen Walter
J. Thackerman aufgegebenen Testament ist die alte Dame nicht zufrieden, was
Simon sehr schnell nachvollziehen kann, hat Thackerman im Kleingedruckten doch
alle Möglichkeiten eingebaut, selbst einen Großteil des Erbes für sich abzuzweigen.
Aber auch Simon packt die Habgier, sieht er hier doch die Möglichkeit, nicht
nur höhere Stundensätze zu kassieren, sondern ebenfalls einen kleinen Batzen
aus dem Vermögen für sich herauszuholen und so seine finanzielle Misere zu
beenden. Da die alte Dame kaum Freundschaften pflegt und keine weiteren Verwandten
hat, kümmert sich Simon rührend um sie, geht mit ihr ständig essen und
quartiert sie sogar zwischenzeitlich in einem Hotel außerhalb der Stadt ein.
Doch als Eleanor im betrunkenen Zustand einen Autounfall verursacht, bei dem
auch ihre Freundin Doris verletzt wird, ändert sich alles, denn kurz nach ihrer
Einlieferung verstirbt die alte Dame. Auf einen anonymen Hinweis bei der
örtlichen Polizei hin wird die geplante Einäscherung gestoppt und eine
Obduktion angeordnet, bei der festgestellt wird, dass die alte Dame mit dem
verbotenen Gift Thallium vergiftet worden ist, das den Ingwerkeksen beigefügt
worden ist, die Simon seiner Mandantin durch seine Sekretärin ins Krankenhaus
liefern ließ. Nun muss sich Simon vor einem Geschworenengericht verantworten.
Derweil haben Eleanors Stiefsöhne mit Teddy Hammer ebenfalls einen Anwalt
engagiert…
Mit „Das Vermächtnis“ legt Grisham einen ganz
klassischen Justiz-Thriller vor, dessen Plot stringent nach Lehrbuch inszeniert
ist. Mit Simon Latch wird ein unauffälliger Kleinstadtanwalt mit einigen
persönlichen Problemen – Scheidung, Wettschulden – eingeführt, der durch das
Testament für eine vermeintlich sehr, sehr wohlhabende alte Dame die Chance
sieht, seinen Lebensstandard erheblich aufzubessern und einige, vor allem
finanzielle Probleme zu lösen. So verständlich das Vorgehen des Protagonisten ist,
wird der Berufsstand des Anwalts nicht gerade wohlwollend gezeichnet, und
Sympathien mag man als Leser:in für den habgierigen Mann auch schwerlich
empfinden. Es dauert dann auch einige Zeit, bis die Handlung in die Gänge kommt.
Sobald der Umstand bekannt wird, dass seine Mandantin vergiftet worden ist,
spult Grisham routiniert sein Prozess-Schema ab, bringt zur rechten Zeit neue
Spuren ins Spiel und macht damit vor allem deutlich, wie anfällig das Justizsystem
für Fehlentscheidungen ist. Grisham verleiht seinen Figuren nur die
nötigsten Charaktereigenschaften, doch ist „Das Vermächtnis“ viel zu
handlungsorientiert, um mit den Menschen vertraut zu werden. Einzig die Episode
um das Sammeln billiger Taschenbuchausgaben von John D. MacDonald
während Simons Studienzeit sorgt für etwas Leben in dem ansonsten recht lieblos
geschriebenen, nach wie vor aber unterhaltsamen Thriller.

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