(Diogenes, 256 S., HC)
Mit Romanen wie „Blau wie die Hölle“, „Erogene Zone“
und vor allem dem erfolgreich verfilmten „Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen“
avancierte der französische Schriftsteller Philippe Djian mit seinem flüssigem
Schreibstil und erotisch geprägten Plots in den 1980er Jahren zum Kultautor
einer ganzen Generation. Produktiv ist der mittlerweile 77-jährige Franzose
nach wie vor, fast jährlich schiebt er einen neuen Roman nach. Seinem Stil ist
er treu geblieben, nur der Sex scheint nicht mehr ganz so wichtig zu sein, wie
das Schicksal des Protagonisten in seinem neuen, im Original bereits 2023
veröffentlichten Roman „Offene Rechnung“ nahelegt, oder vielleicht doch?
Seit der Chefredakteur Rodolphe vor einem halben Jahr
verkündete, dass die Redaktion der Lokalzeitung Der Morgen
verkleinert werden müsse, befindet sich nicht nur Nathans Journalistenlaufbahn
am Tiefpunkt. Zwar lebt er noch mit seiner Frau Sylvia zusammen, doch seit der
missglückten Vasektomie bekommt Nathan keine Erektion mehr, was die Beziehung ebenso
belastete wie die ständigen Streitereien zwischen seiner Frau und ihrer Mutter
Gaby, der auch noch die Zeitung gehört, für die Nathan nur noch gelegentlich schreiben
darf. Gaby, die auch noch eine renommierte Dichterin ist, lebt im Gartenhaus auf
dem Grundstück und hat vor allem damit zu kämpfen, dass die Investorengruppe um
den machthungrigen, skrupellosen Senator Brunevigne alles daransetzt, Gaby die
Zeitung abzukaufen. Während Nathan an einer Reportage über eine Frau arbeitet,
die sich im Wald verlaufen hat und sich an nichts mehr erinnern konnte, seit
sie aufgefunden wurde. Pikanterweise arbeitet diese Wanderin, Nicole, seit
Jahren für die Brunevignes. Während Nathan an der Geschichte arbeitet, wird
nicht nur Nicole zudringlich, auch ihre Arbeitgeberin Barbara, die sich von
ihrem Mann längst entfremdet hat, interessiert sich für Nathan, entblößt ihre
schönen Brüste vor ihm und würde sich gern auf mehr einlassen. Als wäre es
nicht schon kompliziert genug, sorgen dramatische Ereignisse für eine
Zuspitzung der Verhältnisse, die Nathan zu den Frauen in seinem Leben
unterhält…
„Barbara gehört zu den Frauen, nach denen man sich umdreht, und das ist auch jetzt noch so. Ich habe dennoch fast den Impuls zurückzuweichen. Wie wenn ich meine Lippen in schales Bier tauche. Sie spürt das und schaut mich an. Ich habe das Gefühl, mit ihr noch nicht fertig zu sein. Ich sollte es mir mit ihr nicht verderben. Das käme meinem Todesurteil gleich, schätze ich.“ (S. 188)
Djian hält sich auch bei „Offene Rechnung“ nicht
lange mit einer Einleitung auf. Wir sind sofort mittendrin im Geschehen. Der
Ich-Erzähler Nathan umreißt kurz seine berufliche Misslage, dann das schwierige
Verhältnis zu seiner Frau und seiner Schwiegermutter, wenig später greifen auch
Nicole und Barbara in das turbulente Beziehungskarussell ein, das
ironischerweise davon geprägt ist, dass Nathan – zunächst – überhaupt keine
sexuellen Bedürfnisse verspürt bzw. diese ansprechend befriedigen könnte. Allerdings
geben gut 250 Seiten nicht genügend Raum, um sowohl die unheilvollen Übernahmeversuche
der Zeitung durch den Senator und die Geschichte der erinnerungslosen Wanderin
Nicole als auch die nachfolgenden tragischen Ereignisse und die zunehmend
komplizierten amourösen Abenteuer unter einen Hut zu bringen. Djian begnügt
sich hier mit einer fast episodenhaften Erzählstruktur. Und da wir stets die
Geschichte nur aus Nathans Sicht präsentiert bekommen, bleibt zwangsläufig viel
von den äußeren Ereignissen ausgespart und geheimnisvoll. So sind es vor allem der
unvergleichliche, nach wie vor spritzige Stil des Autors und sein ausgeprägter
Sinn für fast schon groteske Beziehungen, die „Offene Rechnung“
unterhaltsam machen. Es ist sicher nicht Djians bestes Werk, knüpft aber
an die unbeschwerten Exzesse früherer Zeiten an.

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