Mittwoch, 4. Januar 2017

Philippe Djian – „Verraten und verkauft“

(Diogenes, 424 S., Tb.)
Fünf Jahre nach Bettys Tod ist es um Karriere des als Schriftsteller arbeitenden Ich-Erzählers nicht allzu rosig bestellt. Als er den 62. Geburtstag seines von ihm verehrten und mit ihm in einem Haus lebenden Dichter Henri ausrichtet, steckt sein Konto tief in den roten Zahlen. Händeringend wartet er auf den nächsten Scheck seines Verlegers, damit er endlich die Außenstände beim Lebensmittelhändler begleichen und seinen Mercedes aus der Werkstatt abholen kann, der dort seit einem Monat verweilt. Gemeinsam machen sich Henri und er auf die Suche nach Henris Tochter Gloria, die vor drei Monaten mit einem Gebrauchtwagenhändler durchgebrannt ist, was für Henri umso schwerer wiegt, als dass seine Frau Marlène ebenfalls mit einem Gebrauchtwagenhändler abgehauen war.
Doch als sie Gloria wieder zu sich holen – mit ihrem Freund im Gepäck – entspannt sich die Lage kaum. Der Ich-Erzähler unterhält eine komplexe Beziehung zur quirligen Tochter seines besten Freundes, die aus ihrer Verachtung ihm gegenüber keinen Hehl macht. Als dann auch Henris Ex-Frau Marlène wieder auftaucht, mit der der Autor immer wieder Sex hat, und ein Kritiker („Dingsbums“) alles daran setzt, seinen Ruf zu zerstören, wird das Leben nicht gerade einfacher.
Immerhin fangen sich auf einmal seine Bücher zu verkaufen, und die größeren und häufiger eintrudelnden Schecks sorgen für eine ungewohnt entspannte Lebenssituation.
„Ich hatte keine Lust zu reden, und sie redete nicht. Ich hatte keine Lust, mich zu bewegen, und sie bewegte sich nicht. Ich strich ihr eine Strähne hinters Ohr, und sie fasste nach meiner Hand. In der anderen hielt ich das Glas. Leider steht zu befürchten, dass ich nicht das Glück haben werde, in solch einem Moment zu sterben. Das macht aber nichts.“ (S. 191) 
Nach „Erogene Zone“ und „Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen“ stellt „Verraten und verkauft“ den Abschluss einer Trilogie dar, in der der Franzose Philippe Djian über das Leben, die Liebe und das Schreiben sinniert, eingebettet in eine wundervolle Geschichte, die ihren Ausgang in einer außergewöhnlichen Männer- und Autoren-Freundschaft nimmt und über einen Road Trip zu den Tücken von Erfolg, Missgunst und Verrat führt.
Dabei hat der Ich-Erzähler selbst keinen geringen Anteil. Er sonnt sich im plötzlich auftretenden Erfolg, teilt mit dem zwanzig Jahre älteren Henri seine Not ebenso wie seinen Geldsegen, er lässt sich auf Affären sowohl mit Gloria als auch Marlène ein und unterhält ein schwieriges Verhältnis zu seinen Schriftstellerkollegen.
„Verraten und verkauft“ steckt voller Tempo, Witz, Erotik und immer wieder eingestreuten Lebensweisheiten eines coolen Schriftstellers, der stets um einen perfekten Stil bemüht ist und zu Frauen eine ganz besondere Beziehung unterhält. Zwar steht Djian eindeutig in der Tradition seiner literarischen Vorbilder Richard Brautigan, Henry Miller, Jack Kerouac und Jerome David Salinger, hat aber seinen ganz eigenen Ton in einer Welt gefunden, in der Liebe und die Kunst oft komplex miteinander verschlungen sind.

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