Mittwoch, 11. Januar 2017

Peter Straub – „Das geheimnisvolle Mädchen“

(Heyne, 348 S., Tb.)
Im Dezember 1969 kehren Elliot Denmark und seine Frau Vera nach einem vierjährigen Aufenthalt in Paris in ihre Heimatstadt Plechette City im südlichen Wisconsin zurück. Für Elliot war die durch Zuschüsse der Field Foundation ermöglichte Reise nach Frankreich eine willkommene Möglichkeit, sich von seiner Arbeit als Dozent für Kompositionslehre am heimischen College und der übertriebenen Fürsorglichkeit von Elliots Eltern zu lösen, die zu den prominentesten Familien der Stadt zählen. Es sollte ihm aber auch dabei helfen, Abstand von Anita Kellerman zu gewinnen, die er auf einer Party des Cellisten Nathan Himmel kennengelernt und mit der er eine kurze, aber leidenschaftliche Affäre unterhalten hatte.
Kaum sind die Denmarks wieder zuhause, werden der bekannte Komponist und seine Frau von allen möglichen Seiten belagert, zunächst von Veras Eltern Tessa und Herman Glauber, dann auch von Elliots Eltern Chase und Margaret Denwood. Elliot soll nicht nur ein Konzert in seiner Heimatstadt geben, sondern auch in einer lokalen Fernsehshow von Ted Edwards auftreten und sich dafür einsetzen, dass das große Waldgebiet von Nun’s Wood nicht wie geplant bebaut wird. Schließlich trifft er auch Anita wieder, die mit der missgestalteten Andy zusammenlebt, die wiederum Anitas problematischen Sohn Mark betreut.
„Es war unmöglich, Anita alleine zu sprechen. So lange Andy dabei war, mussten sie immer wieder zu zweitrangigen Themen abschweifen – fast alles, außer seiner Liebe zu Anita, schien jetzt zweitrangig zu sein. Er wünschte, Andy würde das Zimmer verlassen. Diese Unterhaltung, die Musik, die Drinks, sogar die frühe Dunkelheit, die von der Straße ins Zimmer kroch und Umrisse weichmachte und Einzelheiten undeutlich werden ließ, all dies schien darauf hinzudeuten, als wäre alles wie vor Jahren, als er sich an so vielen Winternachmittagen hier aufgehalten hatte.“ (S. 127 f.) 
Bevor Peter Straub mit Romanen wie „Geisterstunde“ und „Schattenland“ in den 1980er Jahren zu einem der bedeutendsten Autoren der modernen Mystery-Literatur wurde und mit Stephen King 1984 zusammen den Roman „Der Talisman“ veröffentlicht hatte, erschien mit „Under Venus“ 1974 ein Roman, der noch gar nichts mit diesem Genre zu tun hatte, aber im Zuge der wachsenden Popularität des Autors durch den Heyne Verlag 1986 auch erstmals in deutscher Sprache unter dem Titel „Das geheimnisvolle Mädchen“ erschien.
Dieses Frühwerk des amerikanischen Autors lässt sich mit seinen späteren, atmosphärisch dichten und auch spannenden Gruselwerken leider gar nicht vergleichen. Zwar erweist sich Straub bereits hier als feiner Stilist, doch hat er in „Das geheimnisvolle Mädchen“ eigentlich keine Geschichte zu erzählen. Dass sich die Handlung in der Weihnachtszeit des Jahres 1969 abspielt, lässt sich kaum sinnvoll nachvollziehen. Stattdessen wirkt das geschilderte gestelzte Gesellschaftsleben wie im Bürgertum des 19. Jahrhunderts. Die Charaktere bleiben erschreckend flach und gehen eher oberflächliche Beziehungen zueinander ein, ohne dass daraus irgendeine Spannung resultieren würde. Das titelgebende „geheimnisvolle Mädchen“ nimmt letztlich nur eine unbedeutende Nebenrolle ein und trägt zur Dramaturgie der schleppend inszenierten Geschichte kaum etwas bei. So ist dieses Frühwerk von Peter Straub einfach nur langweilig und nichtssagend.

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