Sonntag, 8. Januar 2017

Anthony McCarten – „Hand aufs Herz“

(Diogenes, 320 S., HC)
Um seinem miserabel laufenden Neuwagenhandel Back-to-Back (Olympia) Ltd. wieder auf die Beine zu helfen, veranstaltet Eigentümer Terry „Hatch“ Back einen Wettbewerb, mit dem er sich gleichzeitig im Guinness-Buch der Rekorde verewigen will. Zusammen mit seinen beiden, seit zwei Monaten nicht bezahlten, nicht sehr hellen, aber loyalen Angestellten Vince und Dan lost er aus über 150 Interessenten 40 Teilnehmer aus, die nichts weiter tun müssen, als mit einer Hand stets in Berührung mit einem Landrover zu bleiben, der dem Gewinner als Preis winkt.
Unter den Teilnehmern tummeln sich die verschiedensten Charaktere. Da ist der Geschäftsmann Tom Shrift, der vor dem finanziellen Ruin steht, nachdem er mit seiner Firma für künstlerisch gestaltete Postkarten von russischen Museen betrogen worden ist und dem bei einem Intelligenztest bescheinigt worden war, dass er zu den ein Prozent der Intelligenz-Elite der Welt zählt.
Auch die 39-jährige Politesse Jess Podorowski hat als Witwe und Mutter einer querschnittsgelähmten Tochter mit dem Leben zu hadern. Unter den weiteren Teilnehmern befinden sich u.a. der Rentner Walter, der wohlhabende Matt Brocklebank, der endlich mal etwas Sinnvolles in seinem Leben machen möchte, die junge Betsy Richards sowie ein Schlafloser aus Billingsgate, ein Obdachloser, ein Rumäne, ein Schlagzeuger, eine Hebamme, ein ehemaliger Fußballer, ein Berufssoldat …
Doch die erhoffte Publicity, mit deren Hilfe Hatch seinen Laden wieder in die schwarzen Zahlen zu bringen hofft, bleibt irgendwie aus. Stattdessen wird er in der örtlichen Radioshow von Lee Lerner runtergemacht, was Hatch im Grunde genommen verstehen kann, schließlich stellt dieser Wettbewerb auch für ihn selbst einen „Tiefpunkt auf dem Kulturbarometer“ dar.
Interessant gestaltet sich der Wettbewerb trotzdem. Nach der ersten Nacht sind nur noch 28 Teilnehmer am Start. Nach anfänglich lockeren Gesprächen zwischen ihnen entwickeln sich Affären und perfide Strategien, Konkurrenten dazu zu bringen, aus dem Wettbewerb zu fliegen. Dabei entwickelt nicht nur der gestrauchelte Geschäftsmann Tom, sondern auch die von polnischen Einwanderern abstammende Politesse ein ungewöhnliches Durchhaltevermögen über die Tage hinweg, in denen die Teilnehmer zunehmend mit Wahrnehmungsstörungen und anderen unerfreulichen Nebenwirkungen des Schlafentzugs zu kämpfen haben.
„Jess entdeckte jedoch, dass es etwas gab – vielleicht das einzige Mittel -, was gegen das Gefühl dieses stetigen Anwachsens der Leiden half.
Das Leiden der anderen.
Es war unglaublich, wie einen das aufbaute. Sie war verblüfft, wie sehr sie innerlich jubilierte, wenn ein anderer aufgab, davonwankte, nicht mehr an den Wagen zurückkam. Sie hatte ein schlechtes Gewissen deswegen, doch die Wirkung blieb.“ (S. 133) 
Der neuseeländische Autor Anthony McCarten („Superhero“, „Englischer Harem“) nimmt einen ungewöhnlichen Wettbewerb als Ausgangspunkt für eine Geschichte über Menschen, denen im Kampf ums Überleben (fast) jedes Mittel recht zu sein scheint. Doch im zunehmenden Konkurrenzkampf um das Auto entwickelt sich nicht nur Missgunst und Hass, sondern durchaus auch Verständnis, Mitleid und Zuneigung, die über einen Quickie in der Toilettenpause hinausgeht.
Bei aller Tragik ist „Hand aufs Herz“ vor allem ein einfühlsamer, tiefgründiger und auch komischer Roman über menschliche Schwächen und Tugenden und wartet mit einem überraschenden Finale auf.
 Leseprobe Anthony McCarten - "Hand aufs Herz"

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