Samstag, 21. Januar 2017

Dennis Lehane – „Im Aufruhr jener Tage“

(Ullstein, 760 S., HC)
Als sich der irischstämmige Danny Coughlin, Officer der Bostoner Polizei, im Rahmen der Charity-Veranstaltung „Boxing & Badges: Haymakers for Hope“ einen Vier-Runden-Kampf gegen einen seiner Kollegen liefert, nutzen die Cops der Special Squads Division unter der Leitung seines Patenonkels Eddie McKenna die Gelegenheit, um unter den großen anarchistischen, bolschewistischen, radikalen und subversiven Organisationen aufzuräumen.
Seit dem Bombenanschlag auf das Polizeirevier in der Salutation Street vor zwei Jahren und gemäß dem Espionage Act von 1917 können Bürger wegen ihrer regierungsfeindlichen Äußerungen verhaftet und deportiert werden. Allerdings müssten die ohnehin schlechtbezahlten, überarbeiteten Cops dann fast das komplette North End ihrer Stadt festnehmen. Um sich die unwürdigen Zustände auch in den Revieren nicht länger bieten zu lassen, planen die Cops einen Zusammenschluss des Wohltätigkeitsvereins Boston Social Club mit der nationalen Gewerkschaft AFL.
Danny ist zunächst skeptisch, als er von seinem Freund und Streifenpartner Steve Coyle darauf angesprochen wird, dass sich seine Chancen, zum Detective befördert zu werden, extrem verbessern würde, wenn er der Gewerkschaft beitreten würde, zumal er von seinem Vater, Captain Thomas Coughlin, Deputy Chief Madigan und seinem Onkel dazu angestiftet wird, in diesen subversiven Kreisen als Spion die Chefideologen ausfindig zu machen. Doch kaum hat Danny ein paar Treffen in der Fay Hall besucht, sympathisiert er mit den Plänen des BSC und entwickelt sich selbst zu einem charismatischen Wortführer, was ihn zunehmend seiner Familie entfremdet.
Dafür freundet er sich mit dem jungen Schwarzen Luther Laurence an, einem ehemals talentierten Baseballspieler, der sogar schon mit Babe Ruth auf dem Spielfeld stand, und nach einem von ihm selbst angerichteten Blutbad in seiner Heimatstadt Tulsa seine schwangere Frau Lila verlassen und nach Boston fliehen musste. Hier arbeitet er als Diener im Haushalt der Coughlin-Familie und muss immer wieder am eigenen Leib schmerzhaft erfahren, wie breit der Rassismus im Land noch verbreitet ist.
Als sich der BSC tatsächlich der AFL anschließt, droht auf einmal ein Streik der Polizisten, die seit sechs Jahren keine Lohnerhöhung erhalten haben und auf über siebzig Arbeitsstunden in der Woche kommen. In diesem Klima aus Misstrauen, Armut, tödlicher Krankheit, Rassismus und Unzufriedenheit trennen sich Danny und Luther von ihren Familien, um ihre eigenen hehren Ziele zu verfolgen, die in einem explosiven Gemisch aus Hass, Gewalt und Blut kaum zu erfüllen sein werden …
„Danny überlegte, ob er nach Hause gehen, sich den Dienstrevolver in den Mund schieben und ein für alle Mal Schluss machen sollte. Millionen Menschen waren im Krieg gestorben, für nichts als dämliche Territorialansprüche, und nun ging derselbe Krieg auf den Straßen weiter, heute in Boston, morgen in einer anderen Stadt. Arme Schweine, die sich gegeneinander aufhetzen ließen und sich gegenseitig den Schädel einschlugen. So war es immer gewesen, und so würde es immer sein. Das war ihm nun klar. Es würde immer so weitergehen.“ (S. 511) 
Nach den erfolgreich verfilmten Romanen „Spur der Wölfe“ (aka „Mystic River“ von Clint Eastwood) und „Shutter Island“ (von Martin Scorsese) legte der in Boston lebende Schriftsteller Dennis Lehane 2008 mit „Im Aufruhr jener Tage“ sein bisheriges Magnum Opus vor, einen epischen Gesellschaftsroman, der anhand der ungewöhnlichen Freundschaft eines engagierten Polizisten und eines jungen Schwarzen die vielschichtigen Probleme thematisiert, die zum Ende des Ersten Weltkriegs hin die amerikanische Metropole Boston erschüttert.
Bereits in dem großartigen ersten Kapitel, in dem Lehane die Begegnung zwischen dem aufstrebenden Baseball-Star Babe Ruth und dem talentierten Schwarzen Luther beschreibt, führt dem Leser sehr eindrucksvoll und empathisch den mehr oder weniger latenten Rassismus vor Augen, der zu jener Zeit geherrscht hat. Doch ebenso wie die Schwarzen haben auch alle anderen Minderheiten in der schwierigen Zeit, als viele Menschen um ihren Arbeitsplatz fürchten müssen, weil die Kriegsheimkehrer vorrangig in Lohn und Brot gebracht werden sollen, unter der rigorosen Politik von Bürgermeister, Gouverneur und Polizeichef zu leiden.
Überall scheinen Spitzel und Denunzianten zu lauern, politisches Kalkül über Menschlichkeit die Oberhand zu gewinnen.
„Im Aufruhr jener Tage“ ist ein hervorragend recherchiertes Stück bewegender Zeitgeschichte, ein vielschichtiger Familienroman und vitaler Politthriller, eine fundierte Milieustudie und selbst ein Liebesroman und vor allem ein wunderschöner Roman über die Freundschaft.
Erschreckend ist allerdings, wie aktuell die Themen in Lehanes großen Epos sind, denn gerade unter der neuen Präsidentschaft von Donald Trump dürften Minderheiten jeglicher Couleur und Gesinnung sich ähnlich fühlen wie Luther Laurence oder Dannys große Liebe Nora O’Shea …
Leseprobe Dennis Lehane - "Im Aufruhr jener Tage"

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