Mittwoch, 18. Januar 2017

Andrea De Carlo – „Sie und Er“

(Diogenes, 642 S., HC)
Der erfolgreiche, seit Jahren aber nicht mehr produktive Schriftsteller Daniel Deserti hat mit seinem 14 Jahre alten Jaguar XJS Cabrio gerade die Mautstelle Mailand Südwest passiert, als er mit einem schwarzen Mercedes zusammenstößt, in dem der Mailänder Anwalt Stefano und seine amerikanische Freundin Clare Moletto sitzen.
Clare besteht darauf, den alkoholisierten und verletzten Fahrer des Cabrios ins Krankenhaus zu fahren, doch Tage später müssen immer noch die Formalitäten geklärt werden, da Daniels Versicherung seit drei Monaten abgelaufen ist. So begegnen sich Clare und Daniel wieder. So unterschiedlich sie in ihrem Wesen sind, nehmen beide doch eine intensive wie geheimnisvolle Anziehung zueinander wahr.
Er, der früh von seiner Mutter verlassen worden und bei seiner Tante aufgewachsen ist, hat sich bislang von Affäre zu Affäre manövriert und hat eine Frau und zwei Kinder in England zurückgelassen. Sie hat eigentlich keine Ahnung, mit welcher Art von Mann sie an welchem Ort eigentlich leben will, von ihrer beruflichen Orientierung ganz zu schweigen.
Nachdem sie den chaotischen Künstler Alberto verlassen hat, schien der gut situierte, Sicherheit ausstrahlende Anwalt Stefano zunächst die richtige Wahl zu sein, aber mittlerweile ist sie von seiner bis zur Arroganz reichenden selbstsicheren wie langweiligen Art fast schon genervt und fühlt sich mit seinem von seiner herrschsüchtigen Mutter unterstützten Plan, eine gemeinsame Wohnung zu beziehen, unter Druck gesetzt. Da kommen ihr die Schmeicheleien des wortgewandten wie aufmerksamen Schriftstellers gerade recht.
Sie lernen sich auf ebenso ungewöhnliche wie leidenschaftliche Weise kennen, unternehmen eine gemeinsame Reise, von der Stefano nichts mitbekommt, und doch schwebt über ihrem Abenteuer stets die Frage, ob Er und Sie wirklich eine gemeinsame Zukunft haben.
„Wann er sich zum letzten Mal so gefühlt hat, weiß er nicht mehr; vielleicht als kleiner Junge ohne jede Entscheidungsgewalt über sein Leben. Er versteht nicht, wie es so weit kommen konnte, nach allem, was er aus den zahllosen Fehlern hätte lernen müssen, die er im Lauf der Zeit gemacht hat, und aus den dauerhaften Spuren, die sie hinterlassen haben. Ihm ist, als sei er völlig unfähig, sich weiterzuentwickeln, und werde ständig zurückgeworfen von seinem Hang zur Selbstzerstörung und seinem Ehrgeiz, mit seiner Arbeit erfolgreich zu sein.“ (S. 548f.) 
Bei dem epischen Liebesdrama „Sie und Er“ kommen dem Leser unweigerlich Parallelen zwischen Philippe Djians Protagonisten und Andrea De Carlos Daniel Deserti in den Sinn. Doch während die Ich-Erzähler in den Romanen des Franzosen eher von der Leidenschaft für die Frauen durch das wilde Geschehen getrieben werden, ist der Schriftsteller in dem 2010 erschienenen und zwei Jahre später auch hierzulande veröffentlichten Roman des Italieners ein kritisch analytischer Typ, der trotz seiner erstaunlichen Beobachtungsgabe auch nur von einer unbefriedigenden Affäre zur nächsten schliddert. Bis eben die völlig unsichere Amerikanerin Clare in sein Leben tritt und es gehörig durcheinanderwirbelt.
Andrea De Carlo nimmt sich in diesem über 600 Seiten langen Roman viel Zeit, die zunächst zufällig erscheinenden und kurzen Begegnungen sowie die Gemütszustände des Mannes und der Frau zu beschreiben, die sich auf unerklärliche Weise so anziehend finden. Wie De Carlo schließlich die Natur der weiblichen und männlichen Anziehungskraft beschreibt, ist ebenso faszinierend, erhellend wie wunderschön.
Hier braucht es eigentlich kaum echte Handlung, weil allein Desertis Analysen dieser Beziehung spannend und treffend genug sind, um den Leser zu fesseln. Nichtsdestotrotz schickt er seine beiden Protagonisten am Ende auf eine furios inszenierte Reise, die ebenso wild verläuft wie ihre jeweils atemlosen Gefühlsregungen füreinander.
Leseprobe Andrea De Carlo - "Sie und Er"

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