Irvine Welsh – „Ecstasy“

Samstag, 21. Februar 2026

(Kiepenheuer & Witsch, 368 S., Tb.)
Mit seinem 1993 veröffentlichten Debütroman „Trainspotting“, der 1996 erfolgreich von Danny Boyle verfilmt worden ist, hat der Schotte Irvine Welsh gleich einen Volltreffer gelandet, obgleich ihm die Geschichte über die Abgründe der Drogenszene von Edinburgh den Vorwurf der Drogenverherrlichung einbrachte. Der dürfte allerdings auf die 1996 erschienene Sammlung dreier Geschichten, „Ecstasy“, noch viel eher zutreffen, denn hier macht sich Welsh kaum noch die Mühe, einen sinnvollen Plot zu den Sex- und Drogenexzessen zu kreieren. Der Untertitel „Drei Romanzen mit chemischen Zusätzen“ bringt es dabei auf den Punkt.
In „Die Unbesiegten. Eine Acid-House-Romanze“, mit 160 Seiten gleich die längste Geschichte, hadert die 27-jährige Heather mit ihrer Beziehung mit dem spießigen Hugh, dem Geschäftsführer einer Bausparkasse, mit dem sie zusammenlebt und der ständig das „Brothers In Arms“-Album der Dire Straits laufen lässt. Aber eigentlich lebt sie für den Partyspaß mit ihrer Arbeitskollegin Liz und ihrer besten Freundin Marie. Als Heather mit zwei Freundinnen von Marie im Club ihr erstes Ecstasy einwirft, wird ihr schlagartig bewusst, wie sinnlos und grausam ihr Leben bislang an ihr vorbeigerauscht ist. Im Chill-out-Raum lernt sie den 30-jährigen Partygänger Lloyd kennen, mit dem sie sofort über das Leben und die ganze Welt zu palavern beginnt. Als sie sich von ihm drücken lässt, fühlt sich Heather so glücklich wie noch nie in ihrem Leben, doch die Beziehung, die sie mit Lloyd beginnt, kann die Leere in ihrem Leben zunächst nicht vertreiben…

„… es war, als würde ich jeden kennen, all diese fremden Menschen. Wir teilten ein Verständnis und eine Intimität, die niemand, der das nie so und hier erlebt hatte, je kennenlernen würde. Als wären wir alle gemeinsam in unserer eigenen Welt, einer Welt frei von Hass und Furcht. Alle Furcht war von mir abgefallen, nur das war passiert. Ich tanzte, und die Musik war wundervoll. Menschen, Fremde, umarmten mich. Auch Jungs, aber nicht eine fiese Art. Als ich an Hugh dachte, tat es mir leid für ihn. Leid, weil er das hier nie kennenlernen würde, leid, weil er sein Leben definitiv verschwendet hatte.“ (S. 117)

„Fortune’s Always Hiding. Eine Risiken-und-Nebenwirkungen-Romanze“ erzählt von der hübschen Samantha, die als Folge des Medikaments Tenazadrin, das ihre Mutter während der Schwangerschaft eingenommen hatte, mit verkrüppelten Armen auf die Welt gekommen ist und nun Rache an den Verantwortlichen nehmen will, die das Tenazadrin in den 1960er Jahren auf den Markt gebracht haben. Sie bandelt mit dem Hooligan Dave an, dessen Leben vorrangig daraus besteht, mit seinen Kumpels bei Fußballspielen die gegnerischen Fans aufzumischen. Für Samantha ist er damit das perfekte Werkzeug für ihren Rachefeldzug…
In „Lorraine geht nach Livingston. Eine Rave-und-Regency-Romanze“ wird die fettleibige Rebecca Navarro, erfolgreiche Autorin von Liebesschnulzen, nach dem Genuss ihrer geliebten Pralinen und dem darauffolgenden Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert. Sie hatte gerade an ihrem noch unbetitelten Manuskript zu ihrem 14. Miss-May-Regency-Roman gearbeitet. Im Krankenhaus wird sie von der fürsorglichen Schwester Lorraine aufgepäppelt und entwickelt eine tiefe Zuneigung zu ihr, während im Keller des Gebäudes der Fernsehstar Freddy Royle den Angestellten, in Lorraine verliebten Glen besticht, dass er ein Auge zudrückt, wenn Freddy sich an den besser aussehenden Leichen vergeht. Für Rebecca erweist sich allerdings nach ihrer Entlassung die Entdeckung, dass ihr Lebensgefährte Perky ein verabscheuungswürdiges Doppelleben geführt hat, als Antrieb, ihrem Roman eine drastische Wendung zu verleihen…
Irvine Welsh bleibt in „Ecstasy“ seinem Stil treu, wenn er in lebendiger, authentisch wirkender Sprache Genres und Milieus vermischt, souverän zwischen der Clubszene, den Fußballfans und Hooligans, den Geschäftsführern und einfachen, frustrierten Angestellten changiert, wobei sicher einige Klischees bedient werden. Sie alle versuchen, irgendwie durchs Leben zu kommen und ihre Leidenschaften auszuleben, sei es beim Tanzen in den Clubs unter Drogeneinfluss, beim Penetrieren frisch eingelieferter Leichen oder dem Verdreschen gegnerischer Fußballfans. In Welshs drei qualitativ durchaus unterschiedlichen Geschichten spielen Drogen – wie der Titel bereits proklamiert - aber stets eine gewichtige, persönlichkeitsverändernde Rolle. Und das nicht unbedingt im positiven Sinn. Welsh versteht es, das Hochgefühl eindrucksvoll zu beschreiben, wenn seine Protagonist:innen dem Alltag entfliehen wollen und sich sofort besser fühlen, wenn sie auf einem Trip sind, doch dieses Hochgefühl hält nie lange an. Um seinen Plots aber etwas mehr Pepp zu verleihen, reichert Welsh sie mit teils krassen Gewalt- und Sex-Eskapaden auf, die gerade in der letzten Geschichte eher schockierenden Selbstzweck darstellen. Dabei sind seine Beschreibungen der Befindlichkeiten in England der 1990er Jahre durchaus treffend und geben einen faszinierenden Einblick in die gesellschaftliche und politische Struktur der britischen Inseln. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen