(Kiepenheuer & Witsch, 368 S., Tb.)
Mit seinem 1993 veröffentlichten Debütroman „Trainspotting“,
der 1996 erfolgreich von Danny Boyle verfilmt worden ist, hat der Schotte Irvine
Welsh gleich einen Volltreffer gelandet, obgleich ihm die Geschichte über
die Abgründe der Drogenszene von Edinburgh den Vorwurf der Drogenverherrlichung
einbrachte. Der dürfte allerdings auf die 1996 erschienene Sammlung dreier
Geschichten, „Ecstasy“, noch viel eher zutreffen, denn hier macht sich Welsh
kaum noch die Mühe, einen sinnvollen Plot zu den Sex- und Drogenexzessen zu kreieren.
Der Untertitel „Drei Romanzen mit chemischen Zusätzen“ bringt es dabei auf den
Punkt.
In „Die Unbesiegten. Eine Acid-House-Romanze“, mit 160
Seiten gleich die längste Geschichte, hadert die 27-jährige Heather mit ihrer
Beziehung mit dem spießigen Hugh, dem Geschäftsführer einer Bausparkasse, mit
dem sie zusammenlebt und der ständig das „Brothers In Arms“-Album der Dire
Straits laufen lässt. Aber eigentlich lebt sie für den Partyspaß mit ihrer
Arbeitskollegin Liz und ihrer besten Freundin Marie. Als Heather mit zwei
Freundinnen von Marie im Club ihr erstes Ecstasy einwirft, wird ihr schlagartig
bewusst, wie sinnlos und grausam ihr Leben bislang an ihr vorbeigerauscht ist.
Im Chill-out-Raum lernt sie den 30-jährigen Partygänger Lloyd kennen, mit dem
sie sofort über das Leben und die ganze Welt zu palavern beginnt. Als sie sich
von ihm drücken lässt, fühlt sich Heather so glücklich wie noch nie in ihrem
Leben, doch die Beziehung, die sie mit Lloyd beginnt, kann die Leere in ihrem
Leben zunächst nicht vertreiben…
„… es war, als würde ich jeden kennen, all diese fremden Menschen. Wir teilten ein Verständnis und eine Intimität, die niemand, der das nie so und hier erlebt hatte, je kennenlernen würde. Als wären wir alle gemeinsam in unserer eigenen Welt, einer Welt frei von Hass und Furcht. Alle Furcht war von mir abgefallen, nur das war passiert. Ich tanzte, und die Musik war wundervoll. Menschen, Fremde, umarmten mich. Auch Jungs, aber nicht eine fiese Art. Als ich an Hugh dachte, tat es mir leid für ihn. Leid, weil er das hier nie kennenlernen würde, leid, weil er sein Leben definitiv verschwendet hatte.“ (S. 117)
„Fortune’s Always Hiding. Eine Risiken-und-Nebenwirkungen-Romanze“
erzählt von der hübschen Samantha, die als Folge des Medikaments Tenazadrin,
das ihre Mutter während der Schwangerschaft eingenommen hatte, mit
verkrüppelten Armen auf die Welt gekommen ist und nun Rache an den Verantwortlichen
nehmen will, die das Tenazadrin in den 1960er Jahren auf den Markt gebracht
haben. Sie bandelt mit dem Hooligan Dave an, dessen Leben vorrangig daraus
besteht, mit seinen Kumpels bei Fußballspielen die gegnerischen Fans
aufzumischen. Für Samantha ist er damit das perfekte Werkzeug für ihren
Rachefeldzug…
In „Lorraine geht nach Livingston. Eine Rave-und-Regency-Romanze“
wird die fettleibige Rebecca Navarro, erfolgreiche Autorin von Liebesschnulzen,
nach dem Genuss ihrer geliebten Pralinen und dem darauffolgenden Schlaganfall
ins Krankenhaus eingeliefert. Sie hatte gerade an ihrem noch unbetitelten Manuskript
zu ihrem 14. Miss-May-Regency-Roman gearbeitet. Im Krankenhaus wird sie von der
fürsorglichen Schwester Lorraine aufgepäppelt und entwickelt eine tiefe
Zuneigung zu ihr, während im Keller des Gebäudes der Fernsehstar Freddy Royle
den Angestellten, in Lorraine verliebten Glen besticht, dass er ein Auge
zudrückt, wenn Freddy sich an den besser aussehenden Leichen vergeht. Für
Rebecca erweist sich allerdings nach ihrer Entlassung die Entdeckung, dass ihr Lebensgefährte
Perky ein verabscheuungswürdiges Doppelleben geführt hat, als Antrieb, ihrem
Roman eine drastische Wendung zu verleihen…
Irvine Welsh bleibt in „Ecstasy“ seinem Stil
treu, wenn er in lebendiger, authentisch wirkender Sprache Genres und Milieus
vermischt, souverän zwischen der Clubszene, den Fußballfans und Hooligans, den
Geschäftsführern und einfachen, frustrierten Angestellten changiert, wobei
sicher einige Klischees bedient werden. Sie alle versuchen, irgendwie durchs
Leben zu kommen und ihre Leidenschaften auszuleben, sei es beim Tanzen in den
Clubs unter Drogeneinfluss, beim Penetrieren frisch eingelieferter Leichen oder
dem Verdreschen gegnerischer Fußballfans. In Welshs drei qualitativ
durchaus unterschiedlichen Geschichten spielen Drogen – wie der Titel bereits proklamiert
- aber stets eine gewichtige, persönlichkeitsverändernde Rolle. Und das nicht
unbedingt im positiven Sinn. Welsh versteht es, das Hochgefühl
eindrucksvoll zu beschreiben, wenn seine Protagonist:innen dem Alltag
entfliehen wollen und sich sofort besser fühlen, wenn sie auf einem Trip sind,
doch dieses Hochgefühl hält nie lange an. Um seinen Plots aber etwas mehr Pepp
zu verleihen, reichert Welsh sie mit teils krassen Gewalt- und
Sex-Eskapaden auf, die gerade in der letzten Geschichte eher schockierenden
Selbstzweck darstellen. Dabei sind seine Beschreibungen der Befindlichkeiten in
England der 1990er Jahre durchaus treffend und geben einen faszinierenden Einblick
in die gesellschaftliche und politische Struktur der britischen Inseln.

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