Sonntag, 12. Juni 2016

Anthony McCarten – „Superhero“

(Diogenes, 303 S., Tb.)
Der 14-jährige Donald Delpe lebt mit seinem älteren Bruder Jeff und seinen Eltern Renata und Jim in der englischen Kleinstadt Watford. Allerdings nicht mehr lange, denn er ist unheilbar an Leukämie erkrankt. Die letzte Chemotherapie hat zwar zunächst ganz gut angeschlagen und Renata wird nicht müde, sich durch die Fachliteratur zu kämpfen und ihrem jüngsten Spross immer wieder Lebensmut zuzusprechen, doch dann entdecken die Ärzte neue Metastasen.
Während Renata Donald weiterhin anstachelt, bloß nicht aufzugeben, scheint auch Jim resigniert zu haben. Er versucht nur noch, seinem sterbenskranken Kind etwas Lebensfreude und Erfahrungen mitzugeben, die eigentlich für spätere Lebensjahre vorherbestimmt sind. Donald selbst geht mit seiner Krankheit vor allem künstlerisch um. Mit MiracleMan hat der begnadete Comiczeichner einen sehr menschlichen Superhelden kreiert, der auch furzt, in die bildhübsche Krankenschwester Rachel verknallt ist und gegen den Bösewicht Gummifinger um sein Leben kämpfen muss, während Donald selbst sich in die 15-jährige Shelly verguckt hat.
In dem Psychiater Dr. Adrian King findet Donald schließlich nicht nur einen Arzt, sondern einen echten Verbündeten, der ihn mit auf Ausflüge nimmt und alles dafür tut, Donald seinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen …
„Soweit ich sehe, soll es für ihn die erste und letzte große Erfahrung in seinem Leben sein. Es geht um … das Wesentliche. Er fühlt sich vom Leben betrogen und will noch etwas von der Welt haben, bevor er sich von allem verabschiedet. Deshalb muss das ganze Leben, einfach alles, zu diesem einen Ereignis verdichtet werden. Die Nacht seines Lebens. Danach gibt es wahrscheinlich nur noch Verzweiflung und das Ende.“ (S. 204) 
Mit seinem dritten Roman nach „Liebe am Ende der Welt“ und „Englischer Harem“ hat der neuseeländische Theaterstück-, Drehbuch- und Romanautor Anthony McCarten die tragische Figur eines sterbenskranken Teenagers in den Mittelpunkt einer sehr warmherzigen wie tiefsinnigen, jedoch nie kitschigen, dafür aber sehr humorvollen Geschichte mit ebenso sympathischen Charakteren gestellt.
Fast wie ein Drehbuch geschrieben, skizziert McCarten in drei Akten jeweils kurz das Set („Innen. Onkologie. Tag“, „Außen. Eine Straße in der Stadt. Tag“), beschreibt dann kurz die Atmosphäre, lässt seine Protagonisten dann in sehr realistische, gefühlvolle und witzige Dialoge treten und wirft immer wieder thematisch passende Auszüge aus Donalds Comicgeschichte ein.
Neben der Haupthandlung um Donalds Krankheit und die Verwirklichung seines letzten großen Lebenswunsches bildet vor allem die Nebenhandlung um Dr. King einen weiteren interessanten Part der Geschichte, wenn er seine eigene unglückliche Ehe mit der schönen Sophie zu verarbeiten versucht.
2011 wurde der Roman übrigens nach McCartens eigenem Drehbuch von Ian Fitzgibbon unter dem deutschen Titel „Am Ende eines viel zu kurzen Tages“ verfilmt.
Leseprobe Anthony McCarten - "Superhero"

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