(Kunstmann, 560 S., HC)
Mit seinem 1993 veröffentlichten Debütroman „Trainspotting“
avancierte der Schotte Irvine Welsh zum Shooting-Star der britischen
Literaturszene, zumal das Buch drei Jahre später durch Danny Boyles
kongeniale Verfilmung weltweit durch die Decke ging. Seither sind mit „Skagboys“
ein Prequel und mit „Porno“ und „Die Hosen der Toten“ zwei
Sequels erschienen, die die Geschichte der aus Edinburgh stammenden Clique um
Mark „Rent Boy“ Renton, Simon „Sick Boy“ Williamson, Daniel „Spud“ Murphy,
Robert „Second Prize“ McLaughlin und Francis „Franco“ Begbie weitererzählten. Nun
erscheint mit „Men in Love“ ein weiteres Buch um die frühere
Drogen-Clique.
Während Mark Renton sich nach Amsterdam abgesetzt hat,
nachdem er seine Kumpels bei einem Heroindeal abgezockt hatte, versuchen seine
früheren Weggefährten sich in der Heimat ein neues Leben aufzubauen. Sick Boy verfolgt
eine Karriere als Pornofilmer und besucht Entzugssitzungen, um seine
räuberischen Machenschaften voranzutreiben. Dabei verliebt er sich in Amanda
Genevieve Coningsby, die rebellische Tochter einer vornehmen Familie mit einem
prächtigen Anwesen an der Themse. Amanda lässt sich nicht nur auf eine Liaison
mit dem bekennenden Schürzenjäger ein, sondern schockiert ihre Eltern auch noch
mit der Ankündigung, den aus einfachen Verhältnissen stammenden jungen Mann zu
ehelichen. Schließlich ist ein gemeinsames Kind unterwegs. Bis zur Hochzeit,
die auf dem herrschaftlichen Coningsby-Anwesen stattfinden soll, unternimmt
Sick Boy einen Abstecher nach Paris, um mit ein paar therapeutischen
Seitensprüngen auszutesten, ob er für eine romantische Verbindung gewappnet
ist. Vor allem reizt es ihn aber auch, seinen gesellschaftlichen Ambitionen näherzukommen
und Amandas snobistischen Eltern die Stirn zu bieten.
„Ihre Welt besteht aus prachtvollen Häusern, vornehmen Internaten, Pferden, Ställen und teuren Auslandsreisen. Meine aus schachtelartigen Sozialwohnungen, Fußballgeschwätz, Drogen, Diebstahl, Betrug und Zuhälterei. Was auch immer die Zukunft bringen mag, wir haben jemanden gezeugt, der für immer Teil unserer beiden Leben sein und uns stets verbinden wird. Wenn es mir über den Kopf wächst, male ich mir die zahlreichen Möglichkeiten aus, wie alles den Bach runtergehen könnte.“
Die Handlung kommt aber vor allem durch den psychopathisch
veranlagten, an krankhafter Selbstüberschätzung leidenden Begbie und den gutmütigen
Verlierer Spud ins Rollen. Als sich Sick Boy und Begbie zufällig in ihrem alten
Viertel Leith über den Weg laufen, sieht sich Sick Boy gezwungen, Begbie als Trauzeuge
zu seiner Hochzeit einzuladen, nachdem er sich den dummen Scherz erlaubt hatte,
dem homophoben Begbie in dessen Haftzeit Schwulenpornos zu schicken. Mit der
Einladung will Sick Boy vor allem den Verdacht von sich ablenken, dass er
hinter der Aktion gesteckt hat. So verläuft die Hochzeit nicht nur für Amandas schockierte
Eltern anders als erwartet, die alte Leith-Clique lässt die Feier zu einer gewalttätigen
Farce werden…
Wer „Trainspotting“ und die nachfolgenden Romane um
die verkorkste Leith-Bande verschlungen hat, wird auch an „Men in Love“
seine Freude haben, denn auch wenn die Jungs mittlerweile die Finger vom Heroin
lassen, sind sie doch nach wie vor süchtig – nach Ecstasy, Sex und Gewalt. Welsh
gelingt es wie kein Zweiter, den besonderen Slang der schottischen Arbeiterklasse
Ende der 1980er Jahre einzufangen und den Plot weniger durch die Handlung als
durch die lebendigen Dialoge voranzutreiben. Mark Rentons Flucht ins
Amsterdamer Exil und sein Bemühen, dort einen Rave-Club aufzubauen, wird eher
am Rande weitergesponnen, im Zentrum stehen vor allem Sick Boys überraschende
Liaison mit der aus feinem Hause stammenden Amanda und die kleinkriminellen
Machenschaften von Begbie & Co. Die Konfrontation zwischen dem Pornofilmer/Ficker
Sick Boy mit Amandas piekfeinen Eltern dient dem Autor natürlich für einige
Seitenhiebe auf die sogenannte bessere Gesellschaft, doch spürbar viel mehr
Freude bereitet es Welsh, seine Figuren mit frauenverachtenden Sprüchen
und sexuellen Eskapaden durch die Geschichte galoppieren zu lassen. Das ist immer
wieder mal sehr witzig und herrlich unanständig, verliert über die lange Distanz
aber an Reiz. Vielleicht ist die Geschichte von Renton & Co. auch einfach
mal auserzählt.
