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Irvine Welsh – „Men in Love“

Sonntag, 13. September 2026

(Kunstmann, 560 S., HC)
Mit seinem 1993 veröffentlichten Debütroman „Trainspotting“ avancierte der Schotte Irvine Welsh zum Shooting-Star der britischen Literaturszene, zumal das Buch drei Jahre später durch Danny Boyles kongeniale Verfilmung weltweit durch die Decke ging. Seither sind mit „Skagboys“ ein Prequel und mit „Porno“ und „Die Hosen der Toten“ zwei Sequels erschienen, die die Geschichte der aus Edinburgh stammenden Clique um Mark „Rent Boy“ Renton, Simon „Sick Boy“ Williamson, Daniel „Spud“ Murphy, Robert „Second Prize“ McLaughlin und Francis „Franco“ Begbie weitererzählten. Nun erscheint mit „Men in Love“ ein weiteres Buch um die frühere Drogen-Clique.
Während Mark Renton sich nach Amsterdam abgesetzt hat, nachdem er seine Kumpels bei einem Heroindeal abgezockt hatte, versuchen seine früheren Weggefährten sich in der Heimat ein neues Leben aufzubauen. Sick Boy verfolgt eine Karriere als Pornofilmer und besucht Entzugssitzungen, um seine räuberischen Machenschaften voranzutreiben. Dabei verliebt er sich in Amanda Genevieve Coningsby, die rebellische Tochter einer vornehmen Familie mit einem prächtigen Anwesen an der Themse. Amanda lässt sich nicht nur auf eine Liaison mit dem bekennenden Schürzenjäger ein, sondern schockiert ihre Eltern auch noch mit der Ankündigung, den aus einfachen Verhältnissen stammenden jungen Mann zu ehelichen. Schließlich ist ein gemeinsames Kind unterwegs. Bis zur Hochzeit, die auf dem herrschaftlichen Coningsby-Anwesen stattfinden soll, unternimmt Sick Boy einen Abstecher nach Paris, um mit ein paar therapeutischen Seitensprüngen auszutesten, ob er für eine romantische Verbindung gewappnet ist. Vor allem reizt es ihn aber auch, seinen gesellschaftlichen Ambitionen näherzukommen und Amandas snobistischen Eltern die Stirn zu bieten.

„Ihre Welt besteht aus prachtvollen Häusern, vornehmen Internaten, Pferden, Ställen und teuren Auslandsreisen. Meine aus schachtelartigen Sozialwohnungen, Fußballgeschwätz, Drogen, Diebstahl, Betrug und Zuhälterei. Was auch immer die Zukunft bringen mag, wir haben jemanden gezeugt, der für immer Teil unserer beiden Leben sein und uns stets verbinden wird. Wenn es mir über den Kopf wächst, male ich mir die zahlreichen Möglichkeiten aus, wie alles den Bach runtergehen könnte.“

Die Handlung kommt aber vor allem durch den psychopathisch veranlagten, an krankhafter Selbstüberschätzung leidenden Begbie und den gutmütigen Verlierer Spud ins Rollen. Als sich Sick Boy und Begbie zufällig in ihrem alten Viertel Leith über den Weg laufen, sieht sich Sick Boy gezwungen, Begbie als Trauzeuge zu seiner Hochzeit einzuladen, nachdem er sich den dummen Scherz erlaubt hatte, dem homophoben Begbie in dessen Haftzeit Schwulenpornos zu schicken. Mit der Einladung will Sick Boy vor allem den Verdacht von sich ablenken, dass er hinter der Aktion gesteckt hat. So verläuft die Hochzeit nicht nur für Amandas schockierte Eltern anders als erwartet, die alte Leith-Clique lässt die Feier zu einer gewalttätigen Farce werden…
Wer „Trainspotting“ und die nachfolgenden Romane um die verkorkste Leith-Bande verschlungen hat, wird auch an „Men in Love“ seine Freude haben, denn auch wenn die Jungs mittlerweile die Finger vom Heroin lassen, sind sie doch nach wie vor süchtig – nach Ecstasy, Sex und Gewalt. Welsh gelingt es wie kein Zweiter, den besonderen Slang der schottischen Arbeiterklasse Ende der 1980er Jahre einzufangen und den Plot weniger durch die Handlung als durch die lebendigen Dialoge voranzutreiben. Mark Rentons Flucht ins Amsterdamer Exil und sein Bemühen, dort einen Rave-Club aufzubauen, wird eher am Rande weitergesponnen, im Zentrum stehen vor allem Sick Boys überraschende Liaison mit der aus feinem Hause stammenden Amanda und die kleinkriminellen Machenschaften von Begbie & Co. Die Konfrontation zwischen dem Pornofilmer/Ficker Sick Boy mit Amandas piekfeinen Eltern dient dem Autor natürlich für einige Seitenhiebe auf die sogenannte bessere Gesellschaft, doch spürbar viel mehr Freude bereitet es Welsh, seine Figuren mit frauenverachtenden Sprüchen und sexuellen Eskapaden durch die Geschichte galoppieren zu lassen. Das ist immer wieder mal sehr witzig und herrlich unanständig, verliert über die lange Distanz aber an Reiz. Vielleicht ist die Geschichte von Renton & Co. auch einfach mal auserzählt.