Mittwoch, 24. Februar 2016

Benedict Wells – „Vom Ende der Einsamkeit“

(Diogenes, 346 S., HC)
Nach einem Motorradunfall im September 2014 wacht Jules aus dem Koma auf, in dem er zwei Tage gelegen hat, und rekapituliert die Stationen seines Lebens. Aufgewachsen in einem wohl behüteten Elternhaus, stehen Jules und seine beiden Geschwister Marty und Liz nach einem Autounfall schon in frühen Jahren als Waisen dar, werden in einem Internat untergebracht, wo Jules die geheimnisvolle Alva kennenlernt. Während sein älterer Bruder Marty sich mit sämtlichen Ausländern, Nerds und Klugscheißern umgibt und Liz jeder Art von jungen Männern den Kopf zu verdrehen beginnt, die Schule schmeißt und die Welt erkundet, zieht sich Jules zunehmend in seine Traumwelten zurück.
In Alva hat er eine eigenartige Vertraute, doch bevor sich mehr daraus entwickeln könnte, verschwindet Alva aus seinem Leben. Als er ihr nach Jahren wiederbegegnet, ist sie mit dem viel älteren russischen Schriftsteller Alexander N. Romanow verheiratet und lebt mit ihm in einem abgelegenen Chalet bei Luzern, wo Jules für einige Monate mit ihnen lebt.
Die Novellen, die Jules seit Jahren im Kopf herumgeistern, nehmen in Romanows Arbeitszimmer allmählich Form an, während Alvas Mann an Alzheimer erkrankt und rapide abbaut. Für Alva und Jules scheint auf einmal doch noch eine gemeinsame Zukunft greifbar …
„Ich fühlte nur, dass mit ihr alles anders verlaufen wäre. Die Jahre nach dem Internat, der Fehlgriff mit dem Jurastudium, von dem mir niemand abgeraten hatte, und schließlich mein Umzug, nein, meine Flucht von München nach Hamburg. Auf keinem dieser Bilder war Alva zu sehen, und ohne sie gab es nichts mehr, das vor der Einsamkeit bewahrte.“ (S. 121) 
Mit seinem neuen Roman hat Bestseller-Autor Benedict Wells („Becks letzter Sommer“, „Fast genial“) einen zutiefst berührenden Roman über Familie, Freundschaft, Liebe, Verlust, Hoffnung, Enttäuschungen und Erinnerungen kreiert, der einen Mann über sein extrem wechselhaftes Leben nachsinnen lässt. Zwar steht dabei seine schwierige Beziehung zu Alva im Mittelpunkt, doch lässt der Ich-Erzähler seine Gedanken auch immer wieder zu seinen eigensinnigen Geschwistern und ihren Beziehungen abschweifen und vor allem zu Romanov, der für Jules sowohl ein Förderer seines schriftstellerischen Talents als auch Konkurrent um Alvas Liebe darstellt.
All das verwebt Wells zu einem atmosphärisch dichten, psychologisch tiefgründigen und emotional berührenden Werk zusammen, das vor allem die Kraft der Liebe heraufbeschwört.
Leseprobe Benedict Wells - "Vom Ende der Einsamkeit"

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