(Galiani, 288 S., HC)
Eigentlich ist Sven Regener (nicht nur deutschsprachigen)
Musikliebhabern als Frontmann, Gitarrist, Trompeter und Texter der Berliner
Rockband Element of Crime bekannt, doch seit seinem 2001
veröffentlichten Debütroman „Herr Lehmann“ sorgt Regener auch in
der Literaturszene für Furore. Seither hat Regener nicht nur weitere
Romane (u.a. mit Musiker-Kollege Andreas Dorau) und das Essay „Zwischen
Depression und Witzelsucht. Humor in der Literatur“ veröffentlicht,
sondern auch die Geschichte von Frank Lehmann und seiner Welt weitergesponnen.
Mit „Frankie und Freddie“ präsentiert Regener nun den schon
siebten Roman der Reihe.
Wir befinden uns am Vorweihnachtstag des Jahres 1980 im geteilten
Berlin. Bevor sein älterer Bruder Manfred, den alle nur Frankie nennen, nach
New York abreist, um dort sein Stipendium an der Kunsthochschule wahrzunehmen,
will Frank(ie) noch Weihnachten mit ihm feiern. Doch das Wiedersehen gestaltet
sich schwierig. In Kreuzberg muss Frankie feststellen, dass sein Bruder in
einem Probandenhotel an einem Test mit Antidepressiva teilnahm. Ein wenig
hinüber scheint er noch zu sein, denn Freddie hat Angst vor Menschen und kann
nicht mehr U-Bahn fahren. Also will sein Bruder ihn mit dem alten Kadett, den
ihm sein Bruder überlassen hat, am Kudamm abholen. Blöd nur, dass die Karre
nicht anspringt. Stattdessen rein in die Kastenente, mit der Karl Schmidt den
Winterdienst in verschiedenen Straßenzügen verrichtet. Tatsächlich schneit es
in Berlin gar nicht wenig. Und so beginnt eine wilde Odyssee durch das von der
Mauer getrennte Berlin, denn Freddie hat seine Tasche mit den Reiseunterlagen unter
der Matratze in seinem Hotel vergessen. Offenbar ist der Saxofonspieler Artsy
Fartsy damit unterwegs. Während der Schnitzeljagd muss Chrissie, in die sich
Frankie verguckt hat, nicht nur mit einem Grippemittel aufgepäppelt werden, sondern
auch die Batterie des Autos ausgetauscht werden. Über allem steht schließlich noch
die Frage im Raum, ob die Lehmann-Brüder nicht doch Weihnachten bei ihren
Eltern in Bremen verbringen sollten…
„Er machte einen fröhlichen Eindruck, es war überhaupt erstaunlich, fand Frank, wie sehr sein Bruder sich von dem ganzen Probandenkram erholt zu haben schien, eben noch ,Ich kann nicht U-Bahn fahren!‘ und Angstattacken oder was immer das war, außerdem wirres Gerede und einen auf hilflos machen und jetzt schon Frankie alter Fuchs und Freddie voll ein der Lage gewachsener Oberchecker, wie es aussah, ein unerwartetes Wiedersehen mit dem alten Angeber- und Kunstfuzzi-Freddie, dachte Frank etwas angefressen, der andere Freddie, den er in den letzten Wochen immer wieder am Kudamm besucht hatte, war ihm in der Rückschau lieber, der hätte ihn ruhig noch ein bisschen erhalten bleiben können, eigentlich übel, dachte Frank, dass man so denkt, irgendwie selbstsüchtig, dass man sich den angeschlagenen Freddie zurückwünscht, dachte er, aber so war es nun mal und morgen kann man ja wieder selbstlos sein, dachte er, morgen ist ja Weihnachten…“
An den besonderen Regener-Humor dürfte sich das
interessierte Publikum bereits seit den frühen Romanen gewöhnt haben. Den gibt
es in „Frankie und Freddie“ nämlich in Reinkultur. Endlose Sätze, die vor
allem Frankies wilde Gedankengänge auszudrücken versuchen, erfordern schon eine
gewisse Konzentration, doch zum Glück werden die oft nicht zielführenden
inneren Monologe regelmäßig durch die sehr lebendigen und komischen Dialoge
aufgepeppt, die den eigentlichen Reiz der Geschichte ausmachen. Darüber hinaus bietet
der wilde Trip der Lehman-Crew auch einen nostalgischen Blick auf das Berlin
der 1980er Jahre mit den vielen Geister-U-Bahnhöfen. Vor allem aber ist der
überschaubar lange Roman eine ebenso witzige wie einfühlsame Geschichte über
Freunde, Familie und Kollegen und die Art, wie man offen miteinander umgeht und
sich weiterhin in die Augen sehen kann.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen