(btb, 416 S., Pb.)
Ron Currie machte in seiner Heimat bereits mit seinen ersten
beiden Büchern „God Is Dead“ (2007) und „Everything Matters!“ Furore,
wurde mit Autoren wie Kurt Vonnegut und Raymond Carver und
heimste die ersten Auszeichnungen wie den Young Lions Fiction Award von
der New York Public Library und den Metcalf Award von der American
Academy of Arts and Letters ein. Acht Jahre nach seinem letzten Roman „The
One-Eyed Man“ betritt Currie, der in den vergangenen Jahren vor
allem Drehbücher für Apple TV+, AMC Studios, ITV America und Amblin Television
mit seinem vierten Roman endlich auch deutschsprachiges Terrain. „Die Patin
von Maine“, übersetzt von John-Niven-Stamm-Übersetzer Stephan
Glietsch, bildet den Auftakt einer Roman-Reihe und zeigt, warum der Autor
beim Fernsehen so beliebt ist.
Die Frankokanadierin Babs Dionne hat eine bewegte
Vergangenheit hinter sich. 1968 wurde sie im zarten Alter von 14 Jahren in
ihrer Heimatstadt Waterville, Maine, von einem Polizisten vergewaltigt, den sie
daraufhin mit einem Messerstich in den Rücken tötete, was sie zu Pater Clement Thibault
und ins Kloster führte, um einer Strafe zu entgehen – allerdings wurde sie so
auch ihrer französischsprachigen Herkunft entfremdet. Fast fünfzig Jahre später
kontrolliert sie mit ihrer Familie den lokalen Opiumhandel, hängt dabei mit
ihren trinkfesten Freundinnen, vor allem Rita, ab und unterhält nach wie vor
eine freundschaftliche Beziehung zum unorthodoxen Pater Clement, der konsequent
die Aufforderung der Kirchenoberen zum Rücktritt ignoriert. Doch als ihre jüngste,
methsüchtige Tochter Sis verschwindet und auch ihre andere Tochter, die Afghanistan-Veteranin
Lori, zwischen Heroin und Oxycodon schwankt und beinahe an einer Überdosis draufgegangen
wäre, gerät Babs‘ Welt aus den Fugen, denn hinter Sis‘ Verschwinden vermutet
sie ein Gewaltverbrechen. Als dann auch noch ein sehr bestimmter Auftragskiller
seine Aufwartung macht und Babs zwingt, ihr Geschäft aufzugeben und fortan für
die Organisation von Ogopogo zu arbeiten, während ein außer Kontrolle geratener
Waldbrand das komplette Viertel zu zerstören droht, hat Babs alle Hände voll zu
tun, das Schlimmste von ihrer geliebten Familie abzuwenden…
Der Originaltitel des Romans – „The Savage, Noble Death
of Babs Dionne“ – verweist bereits auf den Tod der Heldin, und nachdem der
Autor in der „Prélude“ dreihundert Jahre Familiengeschichte skizziert hat, die
mit Babs‘ Beichte nach ihrer Vergewaltigung und dem nachfolgendem Rachemord bei
Pater Clement endet, verkündet er gleich zum Anfang des ersten Kapitels den Tod
von Babs‘ Tochter Sis. Was folgt, ist eine turbulente Familiengeschichte, die vor
allem durch die verzweifelte Suche nach Sis, die Erkenntnis, dass ein Serienmörder
in Waterville sein Unwesen treibt, und die Konfrontation mit einer
übermächtigen Konkurrenz an Spannung gewinnt.
Ron Currie hat also alle
Hände voll zu tun, all diese Handlungselemente geschickt aufeinander
abzustimmen, was durch die vielen Figuren – allein schon in Babs‘ Familie –
allerdings erschwert wird. Bei dem Tempo, das der Autor vorlegt, kommen
einzelne Figuren arg zu kurz, allein Lori bekommt durch ihre fantasierten
Begegnungen mit einem getöteten afghanischen Mädchen etwas mehr Profil, doch
die Handlung verliert so schnell an Übersichtlichkeit. Es sind vor allem die
pointierten Dialoge, der schwarze Humor und Babs‘ resolute Art, die Familie
zusammenzuhalten, die „Die Patin von Maine“ dennoch lesenswert machen. Für März
2027 steht bereits die Fortsetzung „Wir wollen euch bluten sehen“ in den
Startlöchern.

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