Ron Currie – (Die Patin von Maine: 1) „Die Patin von Maine“

Dienstag, 25. August 2026

(btb, 416 S., Pb.)
Ron Currie machte in seiner Heimat bereits mit seinen ersten beiden Büchern „God Is Dead“ (2007) und „Everything Matters!“ Furore, wurde mit Autoren wie Kurt Vonnegut und Raymond Carver und heimste die ersten Auszeichnungen wie den Young Lions Fiction Award von der New York Public Library und den Metcalf Award von der American Academy of Arts and Letters ein. Acht Jahre nach seinem letzten Roman „The One-Eyed Man“ betritt Currie, der in den vergangenen Jahren vor allem Drehbücher für Apple TV+, AMC Studios, ITV America und Amblin Television mit seinem vierten Roman endlich auch deutschsprachiges Terrain. „Die Patin von Maine“, übersetzt von John-Niven-Stamm-Übersetzer Stephan Glietsch, bildet den Auftakt einer Roman-Reihe und zeigt, warum der Autor beim Fernsehen so beliebt ist.
Die Frankokanadierin Babs Dionne hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich. 1968 wurde sie im zarten Alter von 14 Jahren in ihrer Heimatstadt Waterville, Maine, von einem Polizisten vergewaltigt, den sie daraufhin mit einem Messerstich in den Rücken tötete, was sie zu Pater Clement Thibault und ins Kloster führte, um einer Strafe zu entgehen – allerdings wurde sie so auch ihrer französischsprachigen Herkunft entfremdet. Fast fünfzig Jahre später kontrolliert sie mit ihrer Familie den lokalen Opiumhandel, hängt dabei mit ihren trinkfesten Freundinnen, vor allem Rita, ab und unterhält nach wie vor eine freundschaftliche Beziehung zum unorthodoxen Pater Clement, der konsequent die Aufforderung der Kirchenoberen zum Rücktritt ignoriert. Doch als ihre jüngste, methsüchtige Tochter Sis verschwindet und auch ihre andere Tochter, die Afghanistan-Veteranin Lori, zwischen Heroin und Oxycodon schwankt und beinahe an einer Überdosis draufgegangen wäre, gerät Babs‘ Welt aus den Fugen, denn hinter Sis‘ Verschwinden vermutet sie ein Gewaltverbrechen. Als dann auch noch ein sehr bestimmter Auftragskiller seine Aufwartung macht und Babs zwingt, ihr Geschäft aufzugeben und fortan für die Organisation von Ogopogo zu arbeiten, während ein außer Kontrolle geratener Waldbrand das komplette Viertel zu zerstören droht, hat Babs alle Hände voll zu tun, das Schlimmste von ihrer geliebten Familie abzuwenden…
Der Originaltitel des Romans – „The Savage, Noble Death of Babs Dionne“ – verweist bereits auf den Tod der Heldin, und nachdem der Autor in der „Prélude“ dreihundert Jahre Familiengeschichte skizziert hat, die mit Babs‘ Beichte nach ihrer Vergewaltigung und dem nachfolgendem Rachemord bei Pater Clement endet, verkündet er gleich zum Anfang des ersten Kapitels den Tod von Babs‘ Tochter Sis. Was folgt, ist eine turbulente Familiengeschichte, die vor allem durch die verzweifelte Suche nach Sis, die Erkenntnis, dass ein Serienmörder in Waterville sein Unwesen treibt, und die Konfrontation mit einer übermächtigen Konkurrenz an Spannung gewinnt.  
Ron Currie hat also alle Hände voll zu tun, all diese Handlungselemente geschickt aufeinander abzustimmen, was durch die vielen Figuren – allein schon in Babs‘ Familie – allerdings erschwert wird. Bei dem Tempo, das der Autor vorlegt, kommen einzelne Figuren arg zu kurz, allein Lori bekommt durch ihre fantasierten Begegnungen mit einem getöteten afghanischen Mädchen etwas mehr Profil, doch die Handlung verliert so schnell an Übersichtlichkeit. Es sind vor allem die pointierten Dialoge, der schwarze Humor und Babs‘ resolute Art, die Familie zusammenzuhalten, die „Die Patin von Maine“ dennoch lesenswert machen. Für März 2027 steht bereits die Fortsetzung „Wir wollen euch bluten sehen“ in den Startlöchern.

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