Joe Hill – „King Sorrow II“

Samstag, 3. Oktober 2026

(Heyne, 640 S., HC)
Wie Joe Hill in seiner Danksagung am Ende von „King Sorrow II“ erwähnt, hat er das Manuskript ein Jahr nach Fertigstellung liegen gelassen, er hat sowohl seine Eltern Tabitha und Stephen King als auch seinen Bruder Owen (der mit seinem Vater das Epos „Sleeping Beauties“ geschrieben hat) draufschauen lassen und einige ihrer gewinnbringenden Änderungsvorschläge übernommen. Es scheint sich also zu lohnen, Schriftsteller-Sohn berühmter Schriftsteller-Autoren zu sein, denn zehn lange Jahre nach seinem letzten Roman „Fireman“ hat Joe Hill mit „King Sorrow“ ein 1200-seitiges Fantasy-Horror-Epos vorgelegt, das es in sich hat und den besten Werken seines in epischen Ausmaßen ebenfalls bestens bewanderten Vaters (siehe u.a. „Es“, „The Stand – Das letzte Gefecht“ und „Die Arena“) in nichts nachsteht. Vorhang auf für den zweiten Teil von „King Sorrow“!
Arthur Oakes und seine Freunde Colin, Donna, Van, Allie und Gwen waren noch College-Kids, als sie mehr als nur berauscht in einer Silvesternacht aus einem geheimnisumwitterten, in Menschenhaut gebundenen Journal die Formel zur Beschwörung eines Drachens namens King Sorrow aus der Großen Dunkelheit zitierten, um sich gegen ihre Peiniger zur Wehr zu setzen - und sich auf einmal mit einer alles verschlingenden Kreatur konfrontiert sahen, die von ihnen jedes Jahr zu Ostern ein neues Opfer forderte.
Mittlerweile sind die Freunde erwachsen geworden und leben jeweils ihr eigenes Leben. Donavan „Van“ McBride hat über seine Begegnung mit King Sorrow hoch über den Wolken ein Buch – „Höllenflug: Die unglaubliche Geschichte von BA 238“ - geschrieben – Colin avancierte zum Start-up-Unternehmer, der zunächst sein Geld mit Überwachungstechnologie und Sicherheitssoftware verdiente, um dann in das Geschäft mit Risikokapitalfonds einzusteigen. Gwen versucht ihre Schuld an der Tatsache, dass King Sorrow über die Jahre immer drastischere Opfer verlangte, zu denen auch Unschuldige zählten, als Rettungssanitäterin abzuarbeiten, während Arthur nach England gegangen ist, um Englische Literatur zu lehren und an einem Buch über das Drachentöten zu schreiben. Als Donna und Van von einer geheimnisvollen Organisation gekidnappt werden, damit sie das Geheimnis um das mysteriöse Wesen offenbaren, das sie durch die Berührung eines verborgenen Zeichens auf ihrer Haut beschwören, entfachen sie ein Inferno, das nicht nur unzählige Opfer fordert, sondern Arthur und seinen Freunden auch bewusst macht, dass sie King Sorrow zerstören müssen, um wieder in Frieden leben zu können. Vor allem Arthur hat sich in seiner Forschung damit beschäftigt, wie selbst mächtige Drachen erlegt werden können:

„Ihr Schwachpunkt lag in ihrer Unersättlichkeit, in ihrer blinden Gier nach Blut und Unglück. Auch wenn sie gerissene Kreaturen waren, brachte sie dieser Hunger nach dem Kummer und dem Leid ihrer Opfer oft in tödliche Gefahr. In vielen Erzählungen gelang es dem Helden, sich dem schrecklichen Lindwurm zu nähern, indem er sich unsichtbar machte (siehe beispielsweise Beutlin, Bilbo). In den Geschichten wimmelte es nur so von Zauberringen und -tränken, die unsichtbar machten – ein Hinweis darauf, dass auch das Böse seine Schwachstellen hatte.“ (S. 435)

Im ersten Teil gelang es Joe Hill hervorragend, die Umstände, unter denen Arthur und seine Freunde King Sorrow beschworen haben, einleuchtend zu schildern und die Erscheinung des Drachen wie eine natürliche Folge der Ereignisse wirken zu lassen. Aus den damals unbedarften Studenten, die nur ihre Peiniger in die Schranken weisen wollten, sind nun Erwachsene geworden, die in mehr oder weniger verantwortungsvollen Jobs in der Wirtschaft, Bildung oder Verwaltung tätig sind, sich aber der zunehmenden Verantwortung bewusstwerden, die sie nach dem Entfesseln des Drachen für ihre Mitmenschen tragen. Zum einen sind unter King Sorrows jährlichen Opfern zunehmend Unschuldige zu beklagen, zum anderen sind sich viele der Clique nicht mehr sicher, ob die Opfer, die vor allem Colin ausgesucht hat, wirklich so böse sind, dass sie den Tod verdienen. „King Sorrow II“ entwickelt sich in dieser Hinsicht mehr zu einer Charakterstudie, zu einem Entwicklungsroman, der sich ebenso sehr der Bedrohung durch den Drachen als auch dem Schicksal der einst so eingeschworenen Clique widmet. Dabei wird schnell deutlich, dass nicht mehr alle an einem Strang ziehen, was den Umgang mit King Sorrow angeht. Indem den Beteiligten auf schmerzliche Weise bewusstwird, dass es einen Verräter unter ihnen gibt, schraubt Joe Hill die Spannungsschraube wieder an uns sorgt mit ebenso drastischen wie überraschenden Wendepunkten für eine fesselnde Dynamik, die sich in einem fulminanten Finale entlädt. Trotz einiger Längen durch Nebenschauplätze und Zeitsprünge entwickelt sich „King Sorrow II“ zu einem würdigen Abschluss eines dunklen Fantasy-Epos, das mit seinen märchenhaften Elementen ebenso überzeugt wie mit der Charakterisierung der Figuren.