(Heyne, 847 S., HC)
Stephen King hatte sich seit Mitte der 1970er Jahre längst
mit auch meist von renommierten Regisseuren erfolgreich verfilmten Werken wie „Carrie“,
„Shining“, „The Stand – Das letzte Gefecht“ und „Dead Zone – Das Attentat“
das Etikett „King of Horror“ verdient, als er 1982 mit „The Dark Tower: The
Gunslinger“ sein vertrautes Terrain verließ und den Auftakt einer epischen
Fantasy-Reihe vorlegte, die ursprünglich von Robert Brownings Gedicht „Childe
Roland to the Dark Tower Came“ inspiriert worden war und sich über die
Jahre zu einem mehrbändigen Super-Epos entwickeln sollte. Offensichtlich liegt King
dieses Genre, denn zwei Jahre nach dem Auftakt der Saga um den „Dunklen Turm“ veröffentlichte
er zusammen mit seinem Freund und Kollegen Peter Straub („Geisterstunde“,
„Koko“) den Fantasy-Horror-Roman „Der Talisman“, der immerhin siebzehn
Jahre brauchte, um mit „Das schwarze Haus“ eine Fortsetzung zu finden. Peter
Straub ist im September 2022 verstorben, lieferte Stephen King bereits
2013 die Idee zu einem weiteren „Talisman“-Roman. Der 12-jährige Jack Sawyer,
der sich von New Hampshire aus auf die gefährliche Suche nach dem Talisman
machte, um seine todkranke Mutter zu retten, und dabei die fantastische Gegenwelt
der Region kennenlernte, ist in „Andere als diese Welten“
mittlerweile zu einem 57 Jahre alten Ex-Cop gereift, der sich längst in der
Anderwelt, in Dezi am Reinen Meer an der Baronie Mejis von Mittwelt, zuhause
fühlt.
Seit er von einer Frau namens Wanda Kinderling angeschossen
wurde, kann er zwar noch immer zwischen den Welten flippen, doch in seiner
alten Heimat kann er nur kurz verweilen, weil sein nach der Schussverletzung
erkranktes Herz dann schlappmachen würde. Als sein alter Freund und Kollege
Dale Gilbertson vermisst wird, macht sich Jack auf die Jagd nach den Serienkiller-Pärchen
Roy Kinneston und Tara Lynne Speckhoffer, die sich von Charles Starkweather und
seiner Freundin Caril Ann Fugate inspiriert fühlten und offenbar ebenso wie Jack
selbst in der Lage sind, zwischen den Welten zu flippen und bereits den Tod von
Jacks Freund Pay auf dem Gewissen haben. Zusammen mit einem neu zusammengestellten
Ka-Tet macht sich Jack auf die Jagd nach den Killern, die unterwegs ein ganzes
Heer an Kindern und Jugendlichen für sich gewinnt, die sich mit Vogelbeersaft
die Haare rot färben.
„Jack hat eine große Aufgabe vor sich. Er hat zwar keine Ahnung, wie er sie bewältigen soll – ein Mann mit siebzehn Patronen gegen hundert oder mehr gut bewaffnete Halbwüchsige -, aber er weiß, dass er es versuchen muss, und das nicht nur, weil die rotschöpfige Miniarmee das Ende von allem herbeiführen könnte. Ihre Anführer Kinneston und Speckhoffer haben seinen Freund den Wympis vorgeworfen. Nach allem, was die Legenden über den letzten Revolvermann erzählen, glaubt er, dass Roland begreifen würde, was Jack tun muss. Er muss die beiden für ihre Taten bezahlen lassen.“ (S. 350)
Der Tod seines Freundes Peter Straub hat den
mittlerweile 78-jährigen Stephen King offenbar nachdrücklich vor Augen
geführt, dass ihm nicht ewig Zeit bleibt, bestimmte Projekte auf die lange Bank
zu schieben. So hat er versucht, mit „Andere als diese Welten“ gleich zwei Reihen
auf einen Schlag zu beenden, die „Talisman“-Trilogie ebenso wie die bereits mehrere
Bände umfassende Saga vom „Dunklen Turm“. Auch wenn sich Stephen King
Mühe gibt, die Grundzüge der Plots beider Universen wenigstens anzureißen, ist
es selbst für Kenner und Fans der Materie nicht ganz leicht, sich zu
orientieren, schließlich werden hier schon jeweils für sich recht komplexe
Welten in einen Topf geworfen. Aber sobald die Ausgangslage und Jack Sawyers
Aufgabe definiert sind, darf man sich auf ein magisches Abenteuer freuen, das
nicht von ungefähr sowohl an Tolkiens Epos „Der Herr der Ringe“
und Joseph Campbells „Der Heros in tausend Gestalten“, sondern
auch an Henri-Georges Clouzots Klassiker „Lohn der Angst“ und William
Friedkins Remake „Atemlos vor Angst“ erinnert, denn King
verweist in seinem Roman immer wieder auf diese Einflüsse. Die Verknüpfung der
Schicksale der Figuren aus früheren Romanen mit den neu eingeführten, die Jack Sawyers
Ka-Tet bilden, führt allerdings dazu, dass die Charakterisierung der handlungstreibenden
Figuren trotz der Romanlänge seltsam flach bleibt, wobei auch das Serienkiller-Paar,
das das Abenteuer erst initiiert hat, kaum in Erscheinung tritt. Insgesamt wirkt
„Andere als diese Welten“ wie ein holpriger Road-Trip in einer fremdartigen
Welt, voller Gefahren zwar, aber ohne echte Spannung. Für einen Abschluss so
gewichtiger Werke in Kings Biografie ist das leider enttäuschend, zumal
viele Episoden auch zu langatmig geraten sind und den Lesefluss stören.

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