Samstag, 6. August 2016

Lee Child – (Jack Reacher: 1) „Größenwahn“

(Heyne, 479 S., HC)
Vor sechs Monaten ist Jack Reacher, Sohn eines Army-Offiziers, mit dem Dienstgrad eines Majors aus dem Dienst der Militärpolizei entlassen worden. Seither reist der 36-Jährige ziel- und arbeitslos durch Amerika, bis es ihm in den Sinn kommt, auf den Spuren des Blues-Gitarristen Blind Blake mit dem Bus nach Margrave, Georgia, zu reisen, wo er allerdings in Eno’s Diner unvermittelt verhaftet wird, weil er eines Mordes beschuldigt wird.
Wie sich nach der Autopsie des Opfers herausstellt, handelt es sich bei dem Toten um Reachers Bruder älteren Bruder Joe, den er seit sieben Jahren aus den Augen verloren hat und der offensichtlich zuletzt beim Finanzministerium gearbeitet hat. Die Spur führt zunächst zu dem Bankmanager Hubble, mit dem Reacher in U-Haft kommt, wo er nur knapp einem Mordanschlag entkommt.
Als Reachers Alibi endlich überprüft worden ist, macht er sich mit dem engagierten Chief Detective Finlay und der attraktiven Roscoe auf die Suche nach dem wahren Täter und stößt auf den Bürgermeister Teale und den Unternehmer Kliner, der mit seiner Stiftung für mächtigen Wohlstand in der unscheinbaren Kleinstadt sorgt. Doch als Finlays Chef Morrison und dessen Frau brutal in ihrem Haus abgeschlachtet werden, wird klar, dass eine Bande von skrupellosen Killern jeden aus dem Weg räumt, der das riskante Unternehmen gefährdet, das offensichtlich bis in einer Woche zum Abschluss kommen muss.
Für Jack Reacher wird der Aufenthalt in Margrave schließlich zu einer sehr persönlichen Angelegenheit. Er will nicht nur herausfinden, was sein Bruder überhaupt in dieser Kleinstadt zu tun hatte, sondern auch seine Mörder stellen. Dabei muss er sorgfältig abwägen, wem er überhaupt vertrauen kann, denn offensichtlich sind vor allem die Stadtoberhäupter in kriminelle Machenschaften von unvorstellbaren Ausmaßen verwickelt.
„Sie hatten die verbotene Tür aufgestoßen. Sie hatten einen zweiten, fatalen Fehler gemacht. Jetzt waren sie so gut wie tot. Ich würde sie zur Strecke bringen und sie anlächeln, wenn sie starben. Denn der Angriff auf mich war ein zweiter Angriff auf Joe. Er war nicht mehr da, um mir beizustehen. Es war eine zweite Herausforderung. Eine zweite Demütigung. Hier ging es nicht um Selbstverteidigung. Hier ging es darum, Joes Andenken zu ehren.“ (S. 211) 
Gleich mit seinem ersten Roman „Größenwahn“ aus dem Jahr 1997 gelang dem britischen Autor Lee Child ein großer Wurf und bildete gleichzeitig den Start der bis heute erfolgreichen Romanserie um den Ex-Militärpolizisten Jack Reacher, aus der sogar die beiden Romane „Sniper“ (Band 9) und „Die Gejagten“ (Band 18) mit Tom Cruise in der Hauptrolle verfilmt worden sind.
Auch wenn sich jeder einzelne Roman unabhängig von den anderen lesen lässt, ist es doch faszinierend und hilfreich, im Auftaktroman die grundlegenden Informationen zum Ich-Erzähler Jack Reacher zu erhalten, der als Sohn eines Soldaten überall in der Welt zur Schule gegangen ist, selbst Karriere beim Militär gemacht hat, indem er Deserteure aus der Army aufgespürt hat, und seit seiner Entlassung ziellos durch die Staaten reist, stets mit Bargeld bezahlt und anonym in Bussen und Zügen unterwegs ist.
Vor allem wird die tragische Tatsache thematisiert, wie Reacher seinen Bruder verliert, so unglaubwürdig nun auch das Szenario wirkt, wie er zufällig in Margrave auf seine Leiche stößt. In seinem ersten Fall erweist sich Reacher als entschlossener Mann mit ausgeprägten deduktiven Fähigkeiten und imponierendem Kampfgeist. Das geschilderte Leben in der Kleinstadt wirkt ein wenig wie Science-Fiction und auch die Art des Verbrechens, dem Reacher & Co auf der Spur sind, überzeugt nicht so recht. Doch Child versteht es, Jack Reacher als sympathischen und durchschlagskräftigen Mann mit bewegter Vergangenheit und starken Prinzipien zu etablieren sowie aus einem an sich unglaubwürdigen Szenario einen spannenden und actionreichen Plot zu kreieren. Dies wird auch in den nachfolgenden Jack-Reacher-Romanen die Erfolgsformel darstellen.
 Leseprobe Lee Child "Größenwahn"

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