Sonntag, 28. August 2016

Dennis Lehane – (Kenzie & Gennaro: 1) „Ein letzter Drink“

(Diogenes, 354 S., Pb.)
Patrick Kenzie und Angie Gennaro sind seit Kindesbeinen miteinander befreundet und unterhalten gemeinsam die Detektei Kenzie & Gennaro in Bostons Viertel Dorchester. Als Kenzie ins Ritz-Carlton zu einem Gespräch mit dem Abgeordneten Jim Vurnan, Senator Sterling Mulkern und Senator Brian Paulson gebeten wird, bekommt er den Auftrag, die schwarze 41-jährige Jenna Angeline aufzufinden, eine Angestellte des Bundesparlaments, die seit neun Tagen vermisst wird. Mit ihr sind allerdings auch streng vertrauliche Dokumente verschwunden, die offensichtlich in Zusammenhang mit dem Gesetz gegen Straßenterrorismus stehen, das demnächst im Senat verabschiedet werden soll.
Kenzie und Gennaro finden die Frau tatsächlich bei ihrer Schwester und bekommen von ihr ein Foto zu sehen, auf dem Senator Paulson einen schwarzen Jungen missbraucht. Und schon befinden sich die beiden Privatermittler in einem Kreuzfeuer wieder, das die beiden erbittert verfeindeten Gangs entfachen, die von Socia auf der einen Seite und seinem Sohn Roland auf der anderen Seite angeführt werden. Denn auch die beiden Bandenführer sind in diesen Skandal involviert, der nicht nur in Politikerkreisen hohe Wellen schlagen dürfte, sollte er an die Öffentlichkeit kommen …
„Jenna Angeline war ein Wrack. Sie war verängstigt und erschöpft und wütend, und sie heulte die Welt an wie ein Wolf. Aber anders als die meisten Menschen in ihrer Lage war sie gefährlich, weil sie etwas besaß, das ihr ein Stück von dem verschaffen sollte, was ihr diese Welt bislang vorenthalten hatte. Aber so funktioniert die Welt normalerweise nicht, und Menschen wie Jenna sind Zeitbomben. Sie reißen vielleicht ein paar Menschen mit in den Tod, aber bei dem Inferno gehen sie auf jeden Fall selbst mit drauf.“ (S. 97) 
Als der in Dorchester, Boston, geborene Dennis Lehane 1994 seinen Debütroman „A Drink Before the War“ veröffentlichte, wurde er nicht nur gleich mit dem Shamus Award für den besten Erstlings-Roman ausgezeichnet, sondern startete damit auch eine Serie von bislang sechs Romanen um das charismatische Detektiv-Duo Kenzie & Gennaro.
Der Diogenes-Verlag, der bereits Lehanes Bestseller „Shutter Island“ und „Mystic River“ in neuer Übersetzung und dann auch die nach dem Epos „Im Aufruhr jener Tage“ folgenden Werke als deutsche Erstveröffentlichung herausgebracht hat, macht sich nun daran, mit den zuvor bei Ullstein erschienenen Romane um Kenzie & Gennaro nachzulegen.
Lehane begibt sich mit seinem Debüt auf die Spuren der klassischen Schwarzen Serie, wie sie beispielsweise Humphrey Bogart unvergesslich als Sam Spade verkörpert hat. Lehanes Ermittler, die weit mehr als nur eine freundschaftliche Arbeitsbeziehung miteinander unterhalten, geraten gleich in ihrem ersten Abenteuer in eine von Straßengewalt, Rassismus und Korruption geprägte Welt, der sie auch nur mit Gewalt begegnen können, um nicht selbst unter die Räder zu kommen. Dabei versteht es der Autor, in seinem Debüt vor allem das düstere Lokalkolorit seiner Bostoner Heimat einzufangen und sie gleichermaßen auf seine Figuren zu übertragen. Diese hätten durchaus noch etwas mehr Profil erhalten können, aber davon abgesehen bietet „Ein letzter Drink“ packende Krimi-Unterhaltung, auf deren Fortsetzung bei Diogenes sich Lehane-Fans hoffentlich in den nächsten Jahren noch erfreuen dürfen.
 Leseprobe Dennis Lehane - "Ein letzter Drink"

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