Dienstag, 23. August 2016

Ray Bradbury – „Geisterfahrt“

(Diogenes, 265 S., HC)
Seit den 1950er Jahren, als er mit „Die Mars-Chroniken“ (1950) und „Fahrenheit 451“ (1953) Klassiker der Literaturgeschichte und Pflichtlektüre in den Schulen veröffentlichte, zählt der 1920 geborene und 2012 verstorbene amerikanische Schriftsteller Ray Bradbury zu den fantasiebegabtesten und versiertesten Geschichtenerzählern der Welt. Vor allem in unzähligen Story-Sammlungen wie „Der illustrierte Mann“, „Medizin für Melancholie“ und „Die Mechanismen der Freude“ dokumentierte Bradbury seinen schier unerschöpflichen Vorrat an geradezu magischen Geschichten, mit denen er seine Leser ebenso in die Vergangenheit wie in die Zukunft mitnahm.
„Geisterfahrt“ aus dem Jahre 1997 ist leider schon eine der letzten Geschichtensammlungen aus seiner Hand, aber auch im Alter von 77 Jahren sind dem Visionär noch beeindruckende Einfälle aus der Feder gesprudelt. In „Nachtzug nach Babylon“ beobachtet der Zauberlehrling James Cruesoe in einem Zug fasziniert, wie ein Trickspieler die Aufmerksamkeit seines Publikums fesselt, während es in „Wenn es MGM erwischt, wer kriegt dann den Löwen?“ um eine herrlich witzige Spielerei aus dem Zweiten Weltkrieg geht, bei der die fast benachbarten Gelände der MGM-Studios und Howard Hughes‘ Flugzeugfabrik zur Täuschung des Feindes die Beschilderung vertauschten.
„Guten Tag, ich muss fort“ ist die Geschichte des vor vier Jahren verstorbenen Henry Grossbock, der nicht darüber hinwegkommt, dass seine geliebte Frau nicht mehr so oft sein Grab besucht und schon gar keine Tränen mehr verdrückt, weshalb er sich aus seinem Grab heraus auf den Weg zu seinem Freund Steve Ralphs macht, um ihm sein Leid zu klagen. Die vielleicht schönste Geschichte, „Haus zweigeteilt“, dreht sich um das sexuelle Erwachen von Teenagern. Der zwölfjährige Chris kann es kaum fassen, dass sich die drei Jahre ältere Vivian an seiner Hose zu schaffen macht.
„Es war so seltsam. Chris konnte nur daliegen und sich von Vivian alles erklären lassen mit dieser dunklen, unglaublichen Pantomime. Von so etwas wird einem im ganzen Leben nichts gesagt, dachte er. Gar nichts wird einem gesagt. Vielleicht ist es zu gut zum Weitersagen, zu seltsam und wunderbar, um es in Worte zu fassen.“ (S. 45) 
In „Schwerer Diebstahl“ erleben die beiden Schwestern Rose und Emily Wilkes noch einmal den Zauber ihrer ersten Liebe, als eines Nachts die Liebesbriefe an Emily aus den Jahren 1919 bis 1921 gestohlen werden und mit unbekanntem Namen unterschrieben wieder in ihrem Briefkasten landen. „Kennen Sie mich wieder?“ beschreibt das unerwartete Aufeinandertreffen des Fleischers Harry Stadler mit einem seiner Kunden in Florenz, wo sie bei einem gemeinsamen Abendessen feststellen, dass sie gar keine Gemeinsamkeiten haben. Die Titelgeschichte erzählt von einem Jungen, der mit Staunen erlebt, wie ein Fremder mit völlig verdunkelnder Gesichtsmaske in der Stadt auftaucht und versucht, seine Studebakers, die er in Gurney verkauft, an den Mann zu bringen, was ihm durch sein Aufsehen erregendes Auftreten auch gelingt.
Aber im Grunde genommen geht es um die Dinge und Erfahrungen, die Menschen verändern, und vor allem um die Menschen, die andere Menschen verändern. Einen ähnlichen Subtext gibt es in „Es verändert sich nichts“, wo ein Mann in einer Buchhandlung am Meer alte Jahrbücher durchstöbert und dabei erst auf ein Foto seines alten Freundes Charlie Nesbitt stößt, allerdings in einem Jahrbuch von 1912, 26 Jahre vor seinem eigentlichen Schulabschluss und unter anderem Namen. Danach findet er unzählige weitere Beispiele in anderen Jahrbüchern, bis er seinem eigenen, jüngeren Ich im aktuellen Jahrbuch von Roswell High begegnet.
Immer wieder geht es um Erinnerungen, Träume und Identität, um die großen Mysterien des Lebens und des Todes, um Religion, Freundschaft und Liebe. Bradbury gelingt es, diese existentiellen Themenschatz in immer wieder neue, erfrischende, magische und verführerische Geschichten zu weben, dass man immer ein wenig oder meist sogar viel länger bei seinen sympathischen Helden verbleiben möchte.

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