Montag, 8. Januar 2018

Stephen King – „Shining“

(Bechtermünz Verlag, 623 S., HC)
Nachdem der trockene Alkoholiker, immer wieder cholerische Jack Torrance seinen Job als Englischlehrer verloren hat, weil er einen seiner Schüler, der ihn die Autoreifen aufschlitzt hatte, schlug, ist er dringend auf einen neuen Job angewiesen. Sein alter Saufkumpan und Kollege Al Shockley besitzt beträchtliche Anteile am geschichtsträchtigen Overlook-Hotel und hat ihm dort einen Job als Hausmeister besorgt.
Das Vorstellungsgespräch mit dem Hotel-Manager Stuart Ullman ist nur noch Formsache, aber Ullman verhehlt dabei nicht, dass er Jack für den Job als ungeeignet hält. Bevor das einsam in den Rocky Mountains liegende Hotel über den Winter geschlossen wird und durch heftige Schneefälle von der Außenwelt abgeschnitten zu werden droht, erhält Jack von Ullman am letzten Tag der Saison eine kurze Einweisung über den Aufbau des Hotels mit seinen hundertzehn Gästequartieren, darunter dreißig Suiten im dritten Stock, wobei in der Präsidentensuite bereits etliche Berühmtheiten verweilt haben. Und Jack bekommt auch die Geschichte eines seiner Vorgänger zu hören, des unglückseligen Delbert Grady, der im Winter 1970/71 erst seine Frau und die beiden Töchter ermordete, dann sich selbst.
Der schwarze Hotelkoch Dick Hallorann macht Jack, seine Frau Wendy und ihren sechsjährigen Sohn Danny noch mit den Vorräten vertraut und erkennt, dass Danny wie er selbst über die Gabe des „Shinings“ verfügt, nämlich zukünftige Ereignisse voraussehen, Vergangenes in alptraumhaft-lebendigen Visionen erleben und die Gedanken seiner Mitmenschen lesen zu können. Da Danny ein ungutes Gefühl beim Overlook-Hotel beschleicht, verspricht Hallorann dem Jungen, ihm zur Hilfe zu eilen, wenn er in Gedanken nur laut genug nach ihm ruft.
Kaum sind die Bediensteten abgezogen und die Torrance-Familie auf sich allein gestellt, findet Jack im Keller Unterlagen über die verruchte Geschichte des Hotels, in der offenbar auch Glücksspiele und Prostitution betrieben wurden und einige Mafia-Größen ein blutiges Ende fanden.
Jack ist so fasziniert von den beschriebenen Ereignissen, dass er einen Roman über die Geschichte des Hotels schreiben will, allerdings beschäftigt er sich auch mit den eigenen Verfehlungen, mit der Alkoholsucht und den Temperamentsausbrüchen, die sogar dazu führten, dass er seinem damals dreijährigen Sohn den Arm gebrochen hat. Seither droht die Familie zu zerbrechen. Doch statt im Oberlook-Hotel wieder zusammenzufinden, driftet Jack zunehmend ab, wird von der düsteren Atmosphäre des Hotels eingenommen und verängstigt sowohl Wendy als auch seinen Sohn. Danny wiederum hat schon beim Rundgang durch das Hotel die Blutflecke in Zimmer 217 bemerkt und wird immer wieder durch schreckliche Visionen mit den grausamen Geschehnissen aus der Vergangenheit des Hotels konfrontiert. Doch als das Hotel durch den Wintereinbruch auch telefonisch von der Außenwelt abgeschnitten ist, sind Wendy und Danny Jack fast hilflos ausgeliefert. Verzweifelt ruft Danny nach Dick, der den Winter allerdings in Florida verbringt …
„Hier fand ein langer und alptraumhafter Maskenball statt, und er war schon seit Jahren im Gange. Ganz allmählich waren hier Kräfte entstanden, heimlich und stumm, so wie ein Bankkonto Zinsen trägt. Kraft, Gegenwart, Gestalt, das waren alles nur Worte, und keines davon spielte eine Rolle. Es trug viele Masken, aber es bedeutete alles dasselbe. Jetzt, irgendwo, kam es, um ihn zu holen. Es versteckte sich hinter Daddys Gesicht, es imitierte Daddys Stimme, es trug Daddys Kleidung.
Aber es war nicht sein Daddy.“ (S. 586) 
An der Verfilmung durch Stanley Kubrick scheiden sich bekanntlich die Geister, Stephen King selbst zählt zu den größten Kritikern von Kubricks Kinoadaption seines bereits 1977 veröffentlichten Romans. Dieser ist 1985 via Bastei Lübbe auch in deutscher Sprache erschienen und untermauerte den weltweiten Siegeszug durch die Bestsellerlisten, die der „King of Horror“ mit seinen ersten beiden Romanen „Carrie“ und „Brennen muss Salem“ gestartet hatte.
Dank des sehr überschaubaren Figurenarsenals wirkt „Shining“ fast wie ein Theaterstück und konzentriert sich ganz auf die dreiköpfige Torrance-Familie und den hellsichtigen Hotelkoch Dick Hallorann.  
Stephen King nimmt sich viel Zeit, nicht nur der Torrance-Familie, sondern gleichsam auch den Lesern die Besonderheiten des Overlook-Hotels, seine außergewöhnliche Lage, seine prominenten Gäste und seine illustre Geschichte nahezubringen. Und auch die bewegte Familiengeschichte von Wendy, Jack und Danny wird aus der jeweiligen Sicht eindrucksvoll herausgearbeitet.
Besonders gut gelungen ist dem Autor das Grauen, mit dem sich die unrühmliche Hotelgeschichte in den Alltag, in die Gedanken und in das Verhalten der Torrance-Familie einschleicht und vor allem Jack zu einem unberechenbaren Mann macht. Dass bei den über 600 Seiten nie Langeweile aufkommt, ist vor allem den sympathischen Figuren zu verdanken, mit denen der Leser einfach mitfiebert. Selbst für den temperamentvollen Pechvogel Jack Torrance kann man nur Mitleid empfinden. Das furiose Finale hat Stanley Kubrick in der Filmversion bekanntlich komplett anders gestaltet, die Romanfassung ist sicherlich etwas spannender und menschlicher geglückt.

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