Ray Bradbury – „Der Tod kommt schnell in Mexiko“

Montag, 15. Dezember 2025

(Diogenes, 310 S., Tb.)
Ray Bradbury ist zwar vor allem für Science-Fiction-Klassiker wie „Fahrenheit 451“, „Die Mars-Chroniken“ und „Der illustrierte Mann“ ebenso wie für seine Gruselgeschichten wie „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“, „Geisterfahrt“ und „Halloween“ bekannt, doch hat er seine schriftstellerische Laufbahn in den 1940er Jahren mit Kriminalgeschichten begonnen, die im Geiste seiner populären Vorbilder Dashiell Hammett, Raymond Chandler und James M. Cain begonnen, wobei ihm Leigh Brackett eine wertvolle Mentorin gewesen ist, wie Bradbury in seinem Vorwort zur Geschichtensammlung „Der Tod kommt schnell in Mexiko“ beschreibt. Hier finden sich fünfzehn oft bereits bemerkenswert einfallsreiche Geschichten, die Bradbury in seinen Zwanzigern schrieb, erstmals in einem Band vereint.
In „Ein kleiner Mörder“ wird das Ehepaar Alice und David Leiber mit der Geburt ihres Kindes konfrontiert, mit dem sich Alice nicht anfreunden mag. Tatsächlich glaubt sie, dass der Junge sie umzubringen versucht. Als sie tatsächlich nach einem Sturz von der Treppe tödlich verunglückt, ist auch David beunruhigt…
„Der Tod eines vorsichtigen Mannes“ erzählt von einem Mann namens Rob, der als Bluter besondere Vorkehrungen getroffen hat, um nicht bei kleinsten Unfällen zu verbluten, so wie es seinem Vater ergangen ist, als er nach einem Schnitt in den Finger auf dem Weg ins Krankenhaus verstarb. So trägt er immer ein Röhrchen mit Blutgerinnungstabletten mit sich. Allerdings schreibt er gerade einen biografisch gefärbten Roman, der bei zwei seiner Bekannten gar nicht gut aufgenommen werden würde. Dass er nun Päckchen mit Rasierklingen in einer ausgeklügelt konstruierten Falle erhält, lässt sein Alarmsystem klingeln. Tatsächlich sind Robs Gegner gerissener, als er sich in seinen kühnsten Träumen vorstellen kann…
Die Geschichte „Kleine Flocken grauer Asche“ ist aus der Perspektive eines gerade ermordeten Mannes geschrieben, der das Gewusel der Leichenbeschauer, Reporter und Detektive beschreibt.
Der Detektiv Douser Mulligan ist der Protagonist der beiden Geschichten „Ein Abend für zwei“ und „Begräbnis für vier“.
In „Ein Zirkus voller Leichen“ werden die siamesischen Zwillinge Raoul und Roger getrennt, nachdem Roger ermordet worden ist. Da Raoul nun keine Attraktion mehr für den Zirkus darstellt, muss er sich zunächst mit niederen Arbeiten abgeben. Allerdings steht der Verdacht im Raum, dass er seinen Bruder loswerden wollte, um endlich frei zu sein.
„Eine halbe Stunde in der Hölle“ erzählt die Geschichte eines merkwürdigen Mordes. Lieutenant Chris Priory muss ergründen, warum der ermordete Mr. Caldwell eine halbe Stunde lang um sein Leben kämpfen musste, obwohl er blind war und deshalb ein leichtes Opfer für seinen Mörder gewesen war…
Eigentlich ist die Ehe des Büroangestellten Charlie Guidney und seiner Lydia am Ende. Dennoch hofft er, mit ihr neu anfangen zu können, und erzählt ihr in „Ein langer Weg nach Hause“ davon, wie er seinen Chef Mr. Sternwell umgebracht habe, weil dieser ihn mal wieder so laut angebrüllt hätte. Nun müssten sie fliehen, und Lydia soll die Fahrkarten für die Zugreise in eine glorreichere Zukunft besorgen. Doch ein Schuss aus einer Waffe beendet diese Träume für immer und stürzt Guidney ins Chaos…
In „Totenwache für einen Lebenden“ macht es sich Richard Braling in einem Sarg mit Glasdeckel bequem ist zunächst nicht weiter beunruhigt, dass sich der Deckel nicht wieder öffnen lässt.
Und in „Gestern habe ich noch gelebt“ erinnert sich Cleve Morris an die verstorbene Schauspielerin Diana Coyle, die von allen wegen ihrer Schönheit geliebt oder gehasst worden war.

„Sie war der schönste Mensch, der je gestorben war. Ihr silbernes Abendkleid bildete einen kleinen Teich um sie. Ihre Fingernägel waren fünf feuerrote Käfer, die schimmernd und tot auf jeder Seite ihres hingesunkenen Körpers lagen. All die heißen Scheinwerfer sahen herunter und gaben ihr Bestes, sie warm zu halten; und sie erkaltete doch, rasend schnell. Mein Blut auch, dachte Cleve. Haltet mich warm, Scheinwerfer! Der Schock hielt alle in seinem Bann wie auf einem Szenenfoto.“ (S. 245)

Auch wenn Ray Bradbury zum Beginn seiner Karriere noch nicht seinen ganz speziellen, verzaubernden Ton gefunden hat, beweist die erst 1984 von ihm veröffentlichte Sammlung „A Memory of Murder“, dass sein Talent für ungewöhnliche Geschichten nicht nur Krimi-Fans zu beeindrucken verstand, sondern auch die Atmosphäre der goldenen Hollywood-Ära und ein Faible für freakige Elemente einzufangen vermochte. Insofern stellt „Der Tod kommt schnell in Mexiko“ (mit der stimmungsvoll fesselnden Titelgeschichte zum Schluss) eine wundervolle Zusammenstellung von Bradburys früh gereiften schriftstellerischen Talents dar, das sich in den folgenden Jahren zunehmend der Science-Fiction und dunklen Fantasy zuwenden sollte.

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen