(Diogenes, 310 S., Tb.)
Ray Bradbury ist zwar vor allem für
Science-Fiction-Klassiker wie „Fahrenheit 451“, „Die Mars-Chroniken“ und
„Der illustrierte Mann“ ebenso wie für seine Gruselgeschichten wie „Das
Böse kommt auf leisen Sohlen“, „Geisterfahrt“ und „Halloween“ bekannt,
doch hat er seine schriftstellerische Laufbahn in den 1940er Jahren mit
Kriminalgeschichten begonnen, die im Geiste seiner populären Vorbilder Dashiell
Hammett, Raymond Chandler und James M. Cain begonnen, wobei ihm Leigh
Brackett eine wertvolle Mentorin gewesen ist, wie Bradbury in seinem
Vorwort zur Geschichtensammlung „Der Tod kommt schnell in Mexiko“
beschreibt. Hier finden sich fünfzehn oft bereits bemerkenswert einfallsreiche
Geschichten, die Bradbury in seinen Zwanzigern schrieb, erstmals in
einem Band vereint.
In „Ein kleiner Mörder“ wird das Ehepaar Alice und David
Leiber mit der Geburt ihres Kindes konfrontiert, mit dem sich Alice nicht
anfreunden mag. Tatsächlich glaubt sie, dass der Junge sie umzubringen
versucht. Als sie tatsächlich nach einem Sturz von der Treppe tödlich
verunglückt, ist auch David beunruhigt…
„Der Tod eines vorsichtigen Mannes“ erzählt von einem Mann
namens Rob, der als Bluter besondere Vorkehrungen getroffen hat, um nicht bei
kleinsten Unfällen zu verbluten, so wie es seinem Vater ergangen ist, als er
nach einem Schnitt in den Finger auf dem Weg ins Krankenhaus verstarb. So trägt
er immer ein Röhrchen mit Blutgerinnungstabletten mit sich. Allerdings schreibt
er gerade einen biografisch gefärbten Roman, der bei zwei seiner Bekannten gar
nicht gut aufgenommen werden würde. Dass er nun Päckchen mit Rasierklingen in
einer ausgeklügelt konstruierten Falle erhält, lässt sein Alarmsystem klingeln.
Tatsächlich sind Robs Gegner gerissener, als er sich in seinen kühnsten Träumen
vorstellen kann…
Die Geschichte „Kleine Flocken grauer Asche“ ist aus der
Perspektive eines gerade ermordeten Mannes geschrieben, der das Gewusel der
Leichenbeschauer, Reporter und Detektive beschreibt.
Der Detektiv Douser Mulligan ist der Protagonist der beiden
Geschichten „Ein Abend für zwei“ und „Begräbnis für vier“.
In „Ein Zirkus voller Leichen“ werden die siamesischen
Zwillinge Raoul und Roger getrennt, nachdem Roger ermordet worden ist. Da Raoul
nun keine Attraktion mehr für den Zirkus darstellt, muss er sich zunächst mit
niederen Arbeiten abgeben. Allerdings steht der Verdacht im Raum, dass er
seinen Bruder loswerden wollte, um endlich frei zu sein.
„Eine halbe Stunde in der Hölle“ erzählt die Geschichte
eines merkwürdigen Mordes. Lieutenant Chris Priory muss ergründen, warum der
ermordete Mr. Caldwell eine halbe Stunde lang um sein Leben kämpfen musste,
obwohl er blind war und deshalb ein leichtes Opfer für seinen Mörder gewesen
war…
Eigentlich ist die Ehe des Büroangestellten Charlie Guidney
und seiner Lydia am Ende. Dennoch hofft er, mit ihr neu anfangen zu können, und
erzählt ihr in „Ein langer Weg nach Hause“ davon, wie er seinen Chef Mr.
Sternwell umgebracht habe, weil dieser ihn mal wieder so laut angebrüllt hätte.
Nun müssten sie fliehen, und Lydia soll die Fahrkarten für die Zugreise in eine
glorreichere Zukunft besorgen. Doch ein Schuss aus einer Waffe beendet diese
Träume für immer und stürzt Guidney ins Chaos…
In „Totenwache für einen Lebenden“ macht es sich Richard
Braling in einem Sarg mit Glasdeckel bequem ist zunächst nicht weiter
beunruhigt, dass sich der Deckel nicht wieder öffnen lässt.
Und in „Gestern habe ich noch gelebt“ erinnert sich Cleve Morris
an die verstorbene Schauspielerin Diana Coyle, die von allen wegen ihrer
Schönheit geliebt oder gehasst worden war.
„Sie war der schönste Mensch, der je gestorben war. Ihr silbernes Abendkleid bildete einen kleinen Teich um sie. Ihre Fingernägel waren fünf feuerrote Käfer, die schimmernd und tot auf jeder Seite ihres hingesunkenen Körpers lagen. All die heißen Scheinwerfer sahen herunter und gaben ihr Bestes, sie warm zu halten; und sie erkaltete doch, rasend schnell. Mein Blut auch, dachte Cleve. Haltet mich warm, Scheinwerfer! Der Schock hielt alle in seinem Bann wie auf einem Szenenfoto.“ (S. 245)
Auch wenn Ray Bradbury zum Beginn seiner Karriere
noch nicht seinen ganz speziellen, verzaubernden Ton gefunden hat, beweist die
erst 1984 von ihm veröffentlichte Sammlung „A Memory of Murder“, dass
sein Talent für ungewöhnliche Geschichten nicht nur Krimi-Fans zu beeindrucken
verstand, sondern auch die Atmosphäre der goldenen Hollywood-Ära und ein Faible
für freakige Elemente einzufangen vermochte. Insofern stellt „Der Tod kommt
schnell in Mexiko“ (mit der stimmungsvoll fesselnden Titelgeschichte zum
Schluss) eine wundervolle Zusammenstellung von Bradburys früh gereiften
schriftstellerischen Talents dar, das sich in den folgenden Jahren zunehmend
der Science-Fiction und dunklen Fantasy zuwenden sollte.

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