Samstag, 17. September 2016

Jeffery Deaver – (Lincoln Rhyme: 1) „Der Knochenjäger“

(Blanvalet, 576 S., Tb.)
Die Anfang dreißigjährige Streifenpolizistin Amelia Sachs wird aufgrund eines anonymen Anrufs von der Zentrale zur Siebenunddreißigsten, Nähe Eleventh Avenue, geschickt, wo sie die Suche nach Hinweisen auf das gemeldete Verbrechen schon wieder abbrechen will, als sie an den Bahngleisen eine aus dem Boden ragende Hand entdeckt. Dem Ringfinger wurde sämtliches Fleisch entfernt und dafür ein Damenring aufgesetzt. Sachs sichert weiträumig den Tatort und erweckt dadurch das Interesse des brillanten Forensikers Lincoln Rhyme, der nach einem Unfall im Einsatz vor dreieinhalb Jahren querschnittsgelähmt ist und seither nur noch Kopf, Schultern und ein wenig den Ringfinger seiner linken Hand bewegen kann.
Obwohl er nicht mehr aktiv im Dienst ist, wird er von seinen Kollegen der New Yorker Polizeibehörde immer wieder um Hilfe bei den Ermittlungen gebeten. Als Detective Lon Sellitto und sein junger Kollegen Jerry Banks den Kriminalisten mit den bisherigen Fakten vertraut machen, sträubt sich Rhyme zunächst, da er eher damit beschäftigt ist, mit Dr. Berger einen Termin zur Beendigung seines Lebens zu finden.
Doch nachdem Rhyme sich mit dem Untersuchungsbericht auseinandergesetzt hat, spürt er den intellektuellen Kitzel, den er Zeit seines Lebens bei der Tatortanalyse empfunden hat. Obwohl Sachs gerade dabei ist, ihren Dienst bei der Pressestelle anzutreten, wird sie von Rhyme zur Besichtigung des wohl nächsten Tatorts verpflichtet, wo das nächste Opfer des „Unbekannten Nummer 238“ vermutet wird. Zwar kann Sachs das Leben der entführten Frau nicht mehr retten, aber die von ihr gesicherten Spuren weisen Rhyme darauf hin, dass der Täter sich offensichtlich gut mit dem Buch „Berühmte Kriminalfälle im alten New York“ und Lincoln Rhymes eigenen Werk „Tatorte“ auskennt.
Die erzwungene Zusammenarbeit zwischen Rhyme und Sachs gestaltet sich anfangs schwierig, doch Sachs beginnt sich zunehmend für die Arbeit an Tatorten zu faszinieren.
„Sie dachte an das Locardsche Prinzip: Wenn Menschen miteinander in Berührung kommen, gibt jeder irgend etwas an den anderen weiter. Etwas Großes, oder auch nur eine Kleinigkeit. Höchstwahrscheinlich wussten die meisten nicht einmal, was.
War auch etwas vom Unbekannten Nummer 238 auf dieses Blatt gelangt? Eine Hautzelle? Ein Schweißtropfen? Es war ein faszinierender Gedanke. Atemberaubend, spannend, furchterregend, so als wäre der Mörder hier in diesem winzigen, stickigen Raum.“ (S. 279) 
Es ist ein ungewöhnliches Paar, das der amerikanische Schriftsteller Jeffery Deaver mit seinem 1997 initiierten Startschuss für die bis heute erfolgreiche Reihe um den querschnittsgelähmten Kriminalisten Lincoln Rhyme und seine junge Assistentin Amelia Sachs etabliert hat. Die ungewöhnliche Kombination eines brillanten, aber des Lebens müden Star-Forensikers, der immer wieder von seinen alten Polizeikollegen um Mithilfe bei vertrackten Fällen gebeten wird, und einer wunderschönen Streifenpolizistin, die sich wegen ihrer Arthritis zur Pressestelle hat versetzen lassen und zuvor auf eine Karriere als Mannequin verweisen kann, bietet schon auf persönlicher Ebene starkes Potenzial, das in „Der Knochenjäger“ allerdings erst angedeutet wird.
Im Mittelpunkt steht nämlich vor allem die Tatortanalyse, das systematische Absuchen des Tatorts, das sorgfältige Sammeln der Spuren und ihre Ausweitung anhand von allerlei Datenbanken, mit denen beispielsweise Bodenproben zugeordnet werden können. Die oftmals sehr detailliert beschriebenen Analysen tun der Spannung allerdings überhaupt keinen Abbruch, sondern machen deutlich, wie wichtig diese akribische Arbeit ist, um dem Täter auf die Spur zu kommen.
Die persönlichen Tragödien, die Rhyme und Sachs jeweils durchmachen mussten, werden später auch ausführlicher thematisiert, als sich die beiden ungleichen Ermittler näherkommen, und bieten so den soliden Grundstein für viele weitere Fälle, an denen das charismatische Team bis heute arbeiten darf.
Leseprobe Jeffery Deaver - "Der Knochenjäger"

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