Sonntag, 11. Februar 2018

Stephen King – „Die Augen des Drachen“

(Heyne, 382 S., Tb.)
Einst herrschte Roland, der Gütige, über das Königreich Delain. Er war weder der schlechteste noch der beste König, der das Land regiert hatte, aber er gab sich große Mühe, keinem Unrecht zu tun. Als sein Ende nahte, war jedem im Königreich klar, dass Rolands erster Sohn Peter das Zepter übernehmen würde, doch der dämonische Hofzauberer Flagg setzte alles daran, Peters jüngeren und weitaus schwächeren Bruder Thomas auf den Thron zu hieven.
Da Peter so sehr seiner ebenso schönen wie gutmütigen Mutter Sasha glich und wenig beeinflussbar schien, schmiedete Flagg einen teuflischen Plan, an dessen Beginn der unauffällige Mord an der Königin stand, die verblutete, als sie Thomas zur Welt brachte. Tatsächlich gelingt es dem teuflischen Flagg, Peter den Mord an seinem Vater anzuhängen, so dass Peter für den Rest seines Lebens in der Spitze der Nadel – so der Name für das Gefängnis im königlichen Schloss – verbringen und Thomas zum neuen König gekrönt werden.
Als dessen Berater könnte Flagg viel leichter seine eigenen Ziele verwirklichen. Als Zeuge von Flaggs Bösartigkeit gab sich Thomas zunehmend dem Alkohol hin und ließ das Königreich vor die Hunde gehen, während Peter seinerseits einen Plan schmiedete, aus dem hundert Meter über dem Erdboden befindlichen Gefängnis zu fliehen. Doch dafür benötigte er die Hilfe seines alten Dieners Dennis und des mittlerweile verbannten Richters Peyna …
„Peter hatte einen Traum gehabt – seit über einer Woche kehrte er immer wieder und wurde zunehmend deutlicher. Darin sah er Flagg über einen hellen, leuchtenden Gegenstand gebeugt – er tauchte das Gesicht des Magiers in ein fahlgrünes Licht. In diesem Traum kam stets der Zeitpunkt, da Flagg zuerst überrascht die Augen aufriss – und sie dann zu tückischen Schlitzen zusammenkniff. Die Brauen sträubten sich; die Stirn runzelte sich; sein Mund zog sich verbittert wie ein Halbmond nach unten. In diesem Augenblick konnte der träumende Peter eines – und nur eines – deutlich lesen: Tod.“ (S. 279) 
Bevor sich Stephen King an sein großes Magnum Opus machte, den achtteiligen Zyklus um den „Dunklen Turm“, veröffentlichte er 1983 eine auf 1250 limitierte und illustrierte Ausgabe des Märchens „Die Augen des Drachen“, das er eigentlich für seine eigene Tochter Naomi und für Ben, den Sohn seines befreundeten Kollegen Peter Straub, geschrieben hatte. Erst vier Jahre später erschien die – gekürzte - deutsche Erstausgabe bei Heyne.
„Die Augen des Drachen“ ist aus der Sicht eines klassischen Geschichtenerzählers geschrieben, der immer wieder geschickt sein Publikum direkt anspricht und es so wunderbar in das Geschehen miteinbezieht. Die Geschichte enthält alles, was ein gutes Märchen ausmacht: einen aufrechten König, der in seiner Jugend Drachen erlegte; eine schöne und schüchterne Königin, die ihrem Erstgeborenen persönlich die beste Erziehung angedeihen lässt; den eifersüchtigen und einfältigen Spätgeborenen und den dämonischen Hofzauberer, der geschickt intrigiert und seine tödlichen Gifte ganz nach seinen teuflischen Plänen einzusetzen versteht.
Mit Roland und Flagg sind zumindest namentlich auch schon Hinweise auf den „Dunklen Turm“ gegeben, doch im Gegensatz zu den komplexen Konstruktionen in Raum und Zeit, die King in diesem monumentalen Fantasy-Epos entworfen hat, ist „Die Augen des Drachen“ ganz geradlinig erzählt und natürlich auch für ein jüngeres Publikum wunderbar geeignet.  
Stephen King, der wenig später sein einflussreiches Horror-Meisterstück „Es“ publizieren sollte, erwies sich bereits hier als fesselnder Storyteller, der sich offenbar in jedem literarischen Genre zu Hause fühlt. 
Leseprobe Stephen King - "Die Augen des Drachen"

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