Montag, 26. Februar 2018

Anthony McCarten – „Jack“

(Diogenes, 255 S., HC)
Die Berkeley-Literaturstudentin Jan Weintraub hat sich im Frühjahr 1968 vorgenommen, die offizielle Biographie über ihr Idol Jack Kerouac zu schreiben, doch ihn aufzufinden erweist sich als gar nicht so leicht. Nach zehn veröffentlichten Romanen hat Kerouac zwei Jahre zuvor beschlossen, sich völlig aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Als sie ihn schließlich in Florida bei seiner Mutter aufspürt, bleibt ihr nicht viel Zeit, die Erlaubnis von dem Kultautor einzuholen, dessen Roman „Unterwegs“ in den 1950er Jahren zur Bibel der Beatniks geworden war, denn der 47-Jährige hat sich vorgenommen, sich totzusaufen. Doch mit einer dreisten Lüge gelingt es Jan, nicht nur eine Einladung in Jacks Haus zu bekommen, sondern mit ihrem Idol auch über seine Vergangenheit zu sprechen, über die Reihenfolge in der Entstehung seiner Werke, über seine erste Frau Edie Parker, über die Freundschaft mit Allen Ginsberg, William W. Burroughs und vor allem mit Neal Cassady, der das Vorbild für Jacks berühmteste Figur, Dean Moriarty, werden sollte.
Doch vor allem will die ambitionierte Studentin an die Briefe kommen, die Jack verschiedenen Quellen zufolge sorgsam archiviert hatte, aber nun verbrannt sein sollen. Als sie von Jack dabei erwischt wird, wie sie seine Schubladen nach den Briefen durchsucht, erfährt die Beziehung zwischen Autor und Biographin eine ganz neue Dynamik. Nicht nur Jans Mutter gerät mehr in den Fokus ihrer Ambitionen, sondern auch Jacks einst bester Freund Neal.
„Bei alldem, in dem ganzen Bericht, den ich auf Band aufgenommen hatte, zeigte er nicht einen Hauch von Bedauern über sein Verhalten, wie ich es eigentlich von ihm erwartet hätte. Kein Hinweis, dass etwas daran nicht richtig gewesen sei, kein Gefühl der Mitschuld an Neals Niedergang, (…) nicht ein Fünkchen Mitgefühl. Wer war dieser Mann bloß, fragte ich mich, dieser riesige weiße Wal, der so selten aus der Tiefe auftauchte?“ (S. 92) 
Anthony McCarten hat bereits mit seinen Drehbüchern zu den verfilmten Biographien von Stephen Hawking („Die Entdeckung der Unendlichkeit“) und Winston Churchill („Die dunkelste Stunde“) eindrucksvoll bewiesen, dass er einen ganz besonderen Blick auf die Lebensgeschichten ungewöhnlicher Persönlichkeiten besitzt. Zum Beatnik-Star Jack Kerouac hat der in Neuseeland geborene und in London lebende Bestseller-Autor („Englischer Harem“, „Superhero“) insofern eine ganz besondere Beziehung, weil dieser ihn zum Schreiben gebracht habe und er sich sehr gut mit den Dämonen auskenne, die auch Kerouac verfolgt haben.
Der erste Teil des ebenso kurzen wie kurzweiligen und wendungsreichen Buches liest sich zunächst wie die eher konventionelle Annäherung einer Möchtegern-Biographin an ihr Idol. Von ihrem eingangs geschilderten Besuch seiner Beerdigung richtet die Berkeley-Studentin als Ich-Erzählerin den Blick zurück auf die Suche nach Jack Kerouac und den nicht immer leichten Zugang zu ihrem Idol, der sich aber doch auf Tonbandaufnahmen der Gespräche zwischen ihnen einlässt. Hier werden im Schnelldurchlauf die wichtigsten Stationen in Kerouacs Leben skizziert, etwas ausführlicher wird dabei auf Neal Cassady eingegangen, an dem die Biographin ein besonderes Interesse zeigt.
Warum das so ist, wird im zweiten Teil nach Jans Kompromittierung durch Kerouac deutlich, als einige unbequeme Wahrheiten aufgedeckt werden und ein munteres Spiel um Identitäten seinen Lauf nimmt. Hier verlässt McCarten das vertraute Terrain konventioneller Künstler-Biographien und richtet den Blick nicht nur verstärkt auf die Ich-Erzählerin, sondern widmet sich dabei ganz allgemein auch der Frage, wer wir eigentlich sind und woran die Identität eines Menschen eigentlich festgemacht wird. Der philosophische Diskurs ist dabei aber ganz unterhaltsam in die Verstrickungen eingebunden, in die sich die junge Frau manövriert hat und für die sie sich nicht nur Kerouac gegenüber rechtfertigen muss.
McCarten gelingt dabei das Kunststück, eine literarische Kultfigur wieder lebendig werden zu lassen und dabei den Leser zum Nachdenken über seine eigene Persönlichkeit anzuregen.
Leseprobe Anthony McCarten - "Jack"

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