Donnerstag, 1. März 2018

Richard Bachman – „Amok“

(Heyne, 220 S., Tb.)
Mitten im Algebraunterricht bei Mrs. Jean Underwood an der Placerville High School wird Charles Decker in das Büro von Direktor Thomas Denver gerufen, um mit ihm über den Vorfall mit Charlies Mitschüler John Carlson zu sprechen, den er krankenhausreif geschlagen hatte. Doch Charlie lässt sich auf keine Diskussion ein, verlässt das Büro mit dem kompromittierenden Vorwurf, vom Direktor sexuell belästigt worden zu sein, holt aus seinem Spind die Pistole seines Vaters und schießt seiner Algebra-Lehrerin in den Kopf.
Als der Geschichtslehrer Mr. Vance nach dem Rechten sehen will, erschießt Charlie auch ihn und hält seine 24 Klassenkameraden als Geiseln. Auf Verhandlungen mit der Polizei oder dem Schulpsychologen Mr. Grace lässt sich Charlie nicht ein.
Stattdessen lässt er seine Mitschüler von ihren ersten sexuellen Erfahrungen und anderen einschneidenden persönlichen Erlebnissen berichten, gibt auch von sich selbst einiges preis.
„Ich warf einen schnellen Blick zum Publikum. Sie waren gebannt, wie hypnotisiert. Sie dachten nicht an Mr. Grace oder Tom Denver oder Charles Everett Decker. Sie beobachteten angespannt, und was sie sahen, war vielleicht ein kleiner Einblick in ihre eigenen Seelen, der ihnen aus einem zersprungenen Spiegel entgegenblitzte. Es war prächtig. Es war wie frisches Gras im Frühjahr.“ (S. 101) 
Nachdem der stets äußerst produktive Schriftsteller Stephen King mit seinen ersten Romanen „Carrie“ (1974), „Brennen muss Salem“ (1975) und „The Shining“ (1977) die Bestsellerlisten gestürmt hatte, wollte er austesten, ob sich seine Bücher auch ohne den großen Namen dahinter verkaufen würden, und veröffentlichte zwischen 1977 und 1984 die fünf Romane „Amok“ (1977), „Todesmarsch“ (1979), „Sprengstoff“ (1981), „Menschenjagd“ (1982) und „Der Fluch“ (1984) unter dem Pseudonym Richard Bachman, die später, als dessen Geheimnis gelüftet war, auf dem deutschen Markt mit dem Zusatz „Bachman ist King – Stephen King ist Bachman“ veröffentlicht wurden.
Das Bachman-Debüt „Amok“ ist auch nach vierzig Jahren erschreckend aktuell, betrachtet man die zunehmenden Massaker von Amokläufern an amerikanischen High Schools. Während die aktuellen Diskussionen allerdings eher um die Frage nach dem Waffenbesitz thematisieren, nutzt Stephen King alias Richard Bachman das extreme Szenario einer Geiselnahme mit dem Mord an zwei Lehrkräften eher als Coming-of-Age-Drama, bei dem die jungen Erwachsenen sich gezwungen sehen, Geheimnisse ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen zu offenbaren und sich dadurch bei anderen Mitschülern teils unbeliebt machen, teils aber einfach überraschende Erkenntnisse liefern.
Charles Decker, der die Geschichte aus seiner Perspektive erzählt, taugt dabei nicht zwingend als sympathische Identifikationsfigur, aber um die Chuzpe, mit der dieser junge Mann jedwede Autoritätsperson beleidigt und vorführt, beneiden ihn sicher so einige Leser in Charlies Alter.
So kurzweilig sich die 220 Seiten lesen lassen und Einblicke in die Psyche nicht nur des soziopathisch veranlagten Protagonisten, sondern auch in die ganz normaler Teenager gewähren, so ist dieses Frühwerk doch noch weit von der atmosphärischen Dichte und psychologischen Raffinesse entfernt, die wir aus späteren Meisterwerken des „King of Horror“ kennen.

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