Donnerstag, 15. März 2018

Harald Schodl – „Sommerfrische“

(Text/Rahmen, 368 S., HC/eBook)
Der Journalist Carl Sandtner versucht seinen verschollenen Freund und Kollegen Benny Kappel zu finden. Nachdem sie seit drei Jahren nichts voneinander gesehen und gehört hatten, erhielt Carl vor einigen Wochen einen kryptischen Anruf von Benny, der aber dann zum vereinbarten Treffen nicht erschienen war und seitdem wie vom Erdboden verschluckt zu sein scheint. Von Bennys Ex-Frau Sylvia, die auf seine Unterhaltszahlungen wartet, erfährt er, dass Benny zuletzt als Kaufhausdetektiv tätig gewesen ist. Auch wenn die Polizei im weniger schicken Wiener Stadtteil Ottakring nicht gewillt ist, intensiver nach Benny zu suchen, erhält Carl von Abteilungsinspektor Lafa immerhin einen ersten Anhaltspunkt geliefert, der ihn zum Sicherheitsverantwortlichen beim Wiener Kaufhaus Heimwert, Manfred Racz, führt.
Carl heuert dort ebenfalls als Detektiv an, installiert eine Wanze in Racz‘ Büro und kommt so einer kriminellen Vereinigung auf die Spur, in der Racz und sein Kollege Stefan Kalhammer eher die zweite Geige spielen, dafür aber der Unterwelt-Boss Johannes Hoffmann mit seinen wenig zimperlichen Handlangern Zucker-Pauli und Satin-Schorsch umso kräftiger mitmischen.
„Dass in dem Kaufhaus etwas mindestens genauso faul war wie die Zähne altersschwacher südosteuropäischer Straßenhunde war mittlerweile auch für Carl klarer als Wiener Hochquellwasser. Könnte also Heimwert der Schlüssel sein, um die Hieroglyphen zu entziffern, die Bennys rätselhaftes Verschwinden hinterlassen hatte?“ (Pos. 2004) 
Mit seinem Debütroman „Sommerfrische“ taucht der Wiener Autor Harald Schodl tief in die dunklen Abgründe der österreichischen Hauptstadt ein und schafft bereits in dem stimmungsvollen Prolog eine drückend-schwüle Atmosphäre, die sich mit ihrer Mischung aus Schweiß und Blut, Dreck und Gestank nachdrücklich im Gehirn des Lesers festsetzt.
Unter der unerträglichen Hitze leidet vor allem der Journalist Carl Sandtner, dessen von Dämonen und Fürsorge getriebene Persönlichkeit eher an skandinavische als amerikanische Vorbilder erinnert und definitiv die vielschichtigste und sympathischste Figur des Romans darstellt. Dagegen orientieren sich Hoffmann, Racz und Kalhammer an den Genrekonventionen für Bösewichter, wobei Schodl hier durch seine derbe, schwarzhumorige Sprache zumindest in den Dialogen für den entsprechenden Biss sorgt.
Positiv fällt auch die ungewöhnlich vielfältige Charakterisierung von Racz‘ schöner Schwester Annette auf, die nicht nur mit dem Handicap einer Beinprothese leben muss, sondern auch nicht so recht von Hoffmann loskommt. Dagegen wirken die immer wieder mal kurz thematisierten Morde an prominenten SPÖ-Politikern wie ein MacGuffin, der den Spannungsfluss eher stört als vorantreibt. Allerdings ist Schodl auch nicht an einem eindimensionalen Krimi-Plot gelegen. Stattdessen zeigt der ehemalige Student der Publizistik, Politikwissenschaften und Geschichte, dann als zehn Jahre als Journalist arbeitende Autor, wie sich am Beispiel des „Wiener Boten“ die politische Gesinnung im Land nachhaltig verändert hat.
„Sommerfrische“ ist ein überaus gelungenes Debüt, das durch seine atmosphärische Milieubeschreibung, eine starke Hauptfigur und eine sehr bildhafte Sprache überzeugt und das Potenzial besitzt, den Auftakt einer längeren Reihe um den charismatischen Carl Sandtner zu bilden.
Leseprobe Harald Schodl - "Sommerfrische"

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