Dienstag, 20. März 2018

Alessio Torino – „Über mir die Sonne“

(Hoffmann und Campe, 157 S., HC)
Auf der süditalienischen Insel Pantelleria verbringen die beiden achtjährigen Zwillingsschwestern Tina und Bea mit ihrer Mutter erstmals den Urlaub ohne ihren Vater, der sich – so ihre Mutter – in ein zwanzigjähriges „Nichts“ namens Laura verliebt hat. Während sich die Mutter mit dem schwermütigen und alkoholsüchtigen Kanadier Charles zu trösten versucht, der wiederum den Tod seiner Frau Angela nicht verwinden kann, vertreiben sich Tina und Bea die Zeit in der kleinen Bucht Cala, wo sie Quallen fangen und auf Felsen austrocknen lassen.
Der Schürzenjäger und Restaurantbetreiber Andre und sein halbitalienischer Freund Stefano mit seiner französischen Freundin, der Profischwimmerin Parì, sowie der aufmerksame Supermarktbesitzer Pagliaro aus Khamma komplettieren das überschaubare Ensemble, das den heißen Sommer am Meer mit gutem Essen, Weißwein, Cocktails und meist lockeren Gesprächen verbringt. Allein der Verdacht, dass sich Charles‘ Unfall als Selbstmordversuch entpuppt haben könnte, und der Umgang mit der Tatsache, dass die Mädchen ihren Vater vermissen, liegt wie eine dunkle Wolke über der unbeschwerten Leichtigkeit des Sommers.
„Andre war immer noch hinter der Cocktailtheke, er wollte sich mit dem Shaker nicht geschlagen geben. Er wird sich nie verlieben, in keine, hatte ihre Mutter gesagt. Und sie hatte es gesagt, als wäre es ein Todesurteil. Wie das wohl werden soll, hatte sie gesagt, wenn er alt ist.“ (S. 153) 
Der 1975 in Urbino geborene Alessio Torino veröffentlichte 2010 mit „Undici Dedici“ sein Romandebüt und wurde seither mit etlichen italienischen Literaturpreisen geehrt. Mit „Über die Sonne“ erscheint erstmals eines seiner Bücher in deutscher Übersetzung, aber es bleibt abzuwarten, ob ihm hierzulande eine ähnliche Popularität zuteilwird wie seinen Kollegen Umberto Eco, Andrea De Carlo, Giuseppe Fava, Italo Calvino, Andrea Camilleri oder Luciano de Crescenzo, denn so richtig fesselnd ist das schmale Bändchen nicht gelungen.
Torino hält sich nicht lange mit einer Einführung in sein kleines Figuren-Arsenal auf, sondern konfrontiert den Leser gleich mit den Urlaubsaktivitäten der beiden Zwillingsschwestern. Erst nach und nach werden beiläufig Einzelheiten zum Hintergrund der verschiedenen Figuren enthüllt, eine Charakterisierung bleibt Torino schuldig. Stattdessen konzentriert sich der Autor auf die fast schon nüchterne Beschreibung der Landschaft und des Gefühls, den Sommer dort zu verbringen, während die ungewöhnliche Konstellation, dass sich die Mutter mit ihren beiden Töchtern erstmals ohne das Familienoberhaupt im Urlaub befindet, auch nur am Rande thematisiert wird.
Die eigentliche Krise spielt sich eher bei dem schwerreichen Charles ab, der seine geliebte Angela an den Krebs verloren hat. Tina und ihre Mutter bemühen sich um den trinkfreudigen, hin und wieder verschwundenen Mann, doch eine wirkliche Entwicklung ist in diesen Beziehungen nicht auszumachen. So bleibt es dem Leser überlassen, in den kurzen Episoden und losen Urlaubsbekanntschaften, die Torino hier aneinanderreiht, seine eigenen Geschichten zu spinnen, wie die Menschen wohl auf Pantelleria gelandet sind und wie es mit ihnen weitergeht, wenn sie die Insel wieder verlassen haben. Einen bleibenden Eindruck hat das sprachlich gefällige Bändchen bei mir allerdings nicht hinterlassen.

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