James Sallis – (Lew Griffin: 1) „Stiller Zorn“

Sonntag, 28. November 2021

(DuMont, 189 S., Tb.) 
Seit Nicolas Winding Refns Verfilmung seines 2008 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichneten Romans „Driver“ ist der aus Arkansas stammende Schriftsteller und Übersetzer James Sallis aus der internationalen Krimi- und Literaturwelt nicht mehr wegzudenken. Seine ersten Erfolge feierte Sallis mit der Reihe um den schwarzen Privatdetektiv Lew Griffin, doch sind von den sechs zwischen 1992 und 2001 erschienenen Bänden leider nur die ersten beiden in deutscher Übersetzung erhältlich. Der erste Band, „The Long-Legged Fly“, wurde 1999 zunächst wortgetreu als „Die langbeinige Fliege“ in der von Martin Compart leider nur kurzlebigen Edition DuMont Noir mit einem lesenswerten Nachwort des Übersetzers Georg Schmidt veröffentlicht, 2013 als Neuauflage unter dem Titel „Stiller Zorn“
1964. Der Privatdetektiv Lewis „Lew“ Griffin schickt einen Mann namens Harry ins Jenseits, nachdem dieser sich an einem Mädchen aus Mississippi vergangen hatte, schlitzt ihm Kehle und Bauchdecke auf und kehrt irgendwann in sein Büro zurück, das er seit vier Tagen nicht mehr gesehen hat. Die Nachricht seiner Mutter, dass sein Vater im Sterben liegt, bekümmert ihn nicht weiter. Zwar ruft er seine Mutter im Krankenhaus von Memphis an, doch an einen Besuch denkt er nicht, da er an einem Fall arbeite. Für eine Gruppe von Gruppe von schwarzen Aktivisten soll er Corene Davis finden, die die Gruppe zu einem Vortrag eingeladen hatte, doch fehlt von ihr seit ihrem Flug von New York nach New Orleans jede Spur. Griffin findet die Gesuchte, nachdem er auf die Idee gekommen war, das Bild von Corene Davis aus dem Time Magazine aufhellen zu lassen. Offensichtlich wollte die populäre Aktivistin untertauchen, doch das ist ihr nicht so bekommen wie erhofft … 
Sechs Jahre später wird Griffin in seinem neuen Büro in Downtown von den aus Clarksdale, Mississippi, stammenden Eltern eines sechzehnjährigen Mädchens beauftragt, ihre offensichtlich nach New Orleans ausgebüchste Tochter ausfindig zu machen. Offensichtlich wollte sie in New Orleans Karriere als Schauspielerin machen. 1984 rappelt sich Griffin nach einem seiner vielen Alkoholexzesse wieder aus, wird aus der Touro Infirmary entlassen, wo er von einer Pflegerin namens Vicky besonders herzlich betreut wurde. Da der Detektiv nicht weißt, wo er unterkommen soll, bietet ihm eine alte Freundin, die Prostituierte Verne, einen Platz in ihrer Wohnung an, doch dann kommt er auf das Angebot von William Samson zurück, in dem von ihm geleiteten Rehabilitationszentrum ein Bett im Gemeinschaftszimmer zu belegen, dann zieht er zu Vicky, mit der er in letzter Zeit einiges unternommen hat. Er treibt Schulden ein und soll für einen Mann, den er in Samsons Zentrum kennenlernte, die Schwester finden. Weitere sechs Jahre später hat Griffin seine Tätigkeit als Privatdetektiv eigentlich hinter sich gelassen, unterrichtet und ist als Autor recht erfolgreich geworden, doch dann muss er seine alten Fähigkeiten reaktivieren, um seinen eigenen Sohn wiederzufinden, der sich nach einem Frankreich-Trip wie vom Erdboden verschwunden zu sein scheint. 
„Wenn es nur irgendwas gäbe, mit dem man die Welt und uns selbst neu erschaffen könnte. Ich dachte daran, wie ich erst vor ein paar Monaten am Fluss entlangspaziert war und mir die Worte Tabula rasa und Palimpsest durch den Kopf gegangen waren. Doch die Welt ändert sich nicht, und wir zumeist ebenso wenig. Wir schauen bloß weiter in den gleichen Spiegel, probieren unterschiedliche Hüte und Mienenspiele, versuchen es mit neuen Untugenden, Meinungen und Vorurteilen; tun so, genau wie die Kinder, als könnten wir Dinge sehen und spüren, die gar nicht da sind.“ (S. 140) 
Man spürt es immer wieder, wie der Einfluss des Jazz auch die Geschichten um den schwarzen Privatdetektiv Lew Griffin prägt. James Sallis hat bereits in den 1980er Jahren Kritiken und Sachbücher zum Thema Jazz geschrieben, spielt selbst Instrumente wie das Horn, Fiedel, Mandoline und Dobro, und hat durch die Werke von Raymond Chandler gelernt, dass Detektivgeschichten ein Eckstein der amerikanischen Literatur darstellt. Von ihm hat Sallis den Grundgedanken übernommen, dass es in den Geschichten weniger um die Lösung eines Verbrechens geht als um die Erkenntnis, dass es keine Moral und Ordnung in der Welt gibt. 
In der Spanne von 26 Jahren, in denen sich die vier Episoden von „Die langbeinige Fliege“/“Stiller Zorn“ abspielen, hat Griffin auch nicht immer den gewünschten Erfolg bei seinen Ermittlungen, aber durch die Begegnungen mit den Menschen, die er durch die Suche nach vermissten Personen kennenlernt, geht ihm auch das Vertrauen in die Welt verloren, was ihm entweder Trost im Alkohol oder in Beziehungen suchen lässt, denen kein gutes Ende vorherbestimmt ist. 
In der Lebensgeschichte von Lew Griffin schwingt der trostlose Klang des Blues durch, und doch schlägt sich der Detektiv, Schuldeneintreiber, Lehrer und Schriftsteller irgendwie wacker, findet immer einen Unterschlupf, eine wie immer auch geartete Liebesbeziehung und einen Job. Er lässt sich nicht unterkriegen in dem Moloch der Großstadt, in der mehr als nur einzelne Menschen verloren gehen. Dabei sind es nur Fragmente, die Sallis seinem Publikum aus Griffins Leben präsentiert. Wenn er auf nicht mal 190 Seiten über ein Vierteljahrhundert im Leben seines Protagonisten rekapituliert, bleibt nicht viel Raum für ausführliche Charakterisierungen und vertrackte Plots. Vielmehr bietet Sallis‘ Debütroman eine Tour de force durch Schicksale, die Zeugnis davon ablegen, wie Schwarze immer noch ausgegrenzt und gedemütigt werden und auf der Suche nach etwas Glück auch auf falsche Versprechungen reinfallen. Die unorthodoxe Art, wie Sallis seine Figur durch das Leben straucheln, aber nicht fallen lässt, macht sein Debüt so fesselnd. 

 

Stephen King – „Dead Zone – Das Attentat“

Donnerstag, 25. November 2021

(Heyne, 560 S., Tb.) 
Bereits Mitte der 1970er Jahre avancierte Stephen King mit seinen ersten Romanen „Carrie“, „Brennen muss Salem“, „Shining“, „The Stand“ und der Kurzgeschichtensammlung „Nachtschicht“ zum Bestseller-Autor, dessen Werke schließlich von so illustren Regisseuren wie Stanley Kubrick, Brian De Palma, John Carpenter, Rob Reiner, George A. Romero und David Cronenberg verfilmt werden sollten. 1979 erschien mit „Dead Zone“ ein Thriller-Drama, das einmal mehr Stephen Kings erzählerisches Talent und sorgfältige Figurenzeichnung unter Beweis stellt. 
Im Alter von sechs Jahren stürzt Johnny Smith beim Schlittschuhlaufen so schwer, dass er für einen Moment das Bewusstsein verliert. Als er wieder aufwacht, gibt er zunächst sinnlos erscheinende Worte von sich: „Nicht überbrücken! Die Explosion. Die Säure!“ Dass der kleine Junge damit einen Unfall vorhersagt, den Chuck Spier wenig später mit seinem alten ´48er De Soto haben wird, ahnt niemand, aber Johnny hat in der Folge immer wieder mal Ahnungen, die ihn auch als Erwachsener begleiten. Er wird Lehrer und zieht mit seiner Freundin Sarah Bracknell über den Jahrmarkt von Castle Rock, wo Sarah Zeugin wird, wie Johnny unglaublichen Erfolg am Glücksrad hat. Da Sarah schlecht wird, bringt Johnny sie schließlich nach Hause und lässt ein Taxi für sich selbst rufen. Das Taxi wird in einen Unfall verwickelt, Johnny fällt in ein Koma, die Ärzte haben längst die Hoffnung aufgegeben, während Johnnys Mutter eine religiöse Fanatikerin wird. 
Als Johnny nach viereinhalb Jahren überraschend aus dem Koma erwacht, fühlt sich Vera Smith in ihrem unerschütterlichen Glauben an Gott bestätigt, verliert aber immer mehr den Bezug zur Realität und vor allem zu ihrer Familie. Johnny hat noch mehr als viereinhalb Jahre seines Lebens verloren, nämlich seine große Liebe Sarah, die mittlerweile verheiratet ist und Mutter eines Kindes. Johnny versucht zunächst, seine verkümmerten Muskeln wieder aufzubauen und ins Leben zurückzufinden. Seine hellseherische Gabe ist aber mittlerweile vollends ausgeprägt. Als er eine Krankenschwester warnt, dass ihre Wohnung gerade auszubrennen droht, und so tatsächlich Schlimmeres verhindert, wird Johnny zum gefundenen Fressen für die Medien. Das bleibt auch Sheriff George Bannerman nicht verborgen, der mit Johnnys Hilfe tatsächlich einen Serienmörder überführen kann. 
Am schockierendsten gestaltet sich für Johnny aber die Einsicht, dass der aufstrebende Politiker Greg Stillson in nicht allzu fernen Jahren US-Präsident wird und einen Atomkrieg heraufbeschwört. 
„Für Johnny war es noch nie so stark gewesen, niemals. Alles kam auf einmal wie ein dunkler Güterzug durch einen schmalen Tunnel, eine rasende Lokomotive mit einem einzigen gleißenden Scheinwerfer, und dieser Scheinwerfer wusste alles, und sein greller Lichtstrahl pfählte Johnny wie einen Käfer mit einer Nadel. Es gab keine Möglichkeit des Ausweichens, vollkommenes Wissen überrollte ihn und drückte ihn flach wie Blatt Papier zusammen, während der dunkle Zug über ihn hinwegraste.“ (S. 430) 
Johnny steht vor der schwierigen Entscheidung, ob er einen Mann töten darf, um größeres Unheil zu vermeiden … 
Stephen King gelingt es bis heute immer wieder, mit seinen immer noch oft dem Horror-Genre zugerechneten Romanen auch Kommentare zum Zeitgeist abzugeben, in denen seine Geschichten angesiedelt sind. Die Haupthandlung von „Dead Zone“ setzt im Oktober 1970 ein, dann wird sie nach viereinhalb Jahren, in denen der telepathisch begabte Hauptakteur aus dem Koma erwacht, fortgesetzt, so dass die Geschichte in die Amtszeit von US-Präsident Richard Nixon (1969-1974) fällt. Mit Johnny Smith steht ein ebenso kluger wie sensibler Mann im Mittelpunkt der Story, die von dem tiefen Unbehagen durch Nixons Präsidentschaft geprägt wird, die durch die Watergate-Affäre ihr unrühmliches Ende fand. 
Stephen King stellt seinen Protagonisten vor die schwierige moralische Frage, inwieweit man selbst ein Verbrechen begehen darf, um ein schlimmeres Übel – hier einen Atomkrieg! – zu verhindern. Der Autor charakterisiert Johnny Smith in allen Zügen, macht ihn für seine Leserschaft zur idealen Identifikationsfigur, mit der man zusammen leidet, dass viereinhalb Jahre des Lebens einfach im Koma verschwunden sind und damit auch die Liebe seines Lebens. Geschickt und behutsam baut King bis zum in jeder Hinsicht konsequenten Finale die Spannung auf. 
Das Buch war und ist so gut, dass es nicht nur 1983 von Regisseur David Cronenberg mit Christopher Walken als Johnny Smith und Martin Sheen als Greg Stillson verfilmt wurde, sondern auch noch eine über sechs Staffeln laufende Fernsehserie nach sich zog. 

 

David Baldacci – (Atlee Pine: 3) „Eingeholt“

Samstag, 20. November 2021

(Heyne, 512 S., HC) 
Eigentlich ist die das Field Office in Shattered Rock, Arizona, leitende FBI-Agentin Atlee Pine seit Jahren dabei, ihre Zwillingsschwester Mercy zu finden, die im Alter von sechs Jahren aus dem Haus ihrer Eltern in Andersonville entführt worden war. Atlee selbst ist bei dem Vorfall schwer verletzt worden. Ihr Chef Clint Dobbs hat Pine unbefristeten Urlaub genehmigt, um die Ereignisse vor dreißig Jahren in ihrer Heimatstadt zu untersuchen. Zwar hat sie in Andersonville den Verbleib ihrer Schwester nicht aufklären können, dafür aber eine Mordserie, wobei sie knapp einem Bombenanschlag entkommen ist. Was ihre privaten Recherchen angeht, hat die FBI-Agentin immerhin herausgefunden, dass sich ihre Mutter in jungen Jahren in einer Undercover-Mission bei der Mafia hat einschleusen lassen, wobei ein gewisser Bruno Vincenzo aus dem Verkehr gezogen werden konnte, der allerdings im Gefängnis ermordet wurde. 
Vincenzos Bruder Ito hat Pines Mutter für dessen Tod verantwortlich gemacht und die Pines in ihrem eigentlich sicheren Unterschlupf ausgemacht, Atlee fast getötet und ihre Schwester entführt. Nun befindet sich Pine mit ihrer Assistentin Carol Blum auf dem Weg nach Trenton, New Jersey, wo Itos Sohn Teddy in dem Haus seines Vaters gelebt hat, bevor er in Fort Dix seine Haftstrafe antreten musste. Nun scheint Itos Enkel Anthony in dem Haus zu wohnen, doch als sie den Mann vor Ort befragen will, türmt er und trifft dabei auf Special Agent John Puller vom CID. Der Militärpolizist ermittelt gegen Tony Vincenzo, weil er sich neben seinem Job im Fuhrpark von Fort Dix offensichtlich als Drogendealer betätigt. Pine und Puller bündeln ihre Kräfte, um sowohl Pines persönliche Mission und Pullers Ermittlungen voranzutreiben. 
Dabei stellen sie jedoch schnell fest, dass ihre Bemühungen von den allerhöchsten Stellen boykottiert werden. Ein hochrangige Army-General wird ins Ausland versetzt, nachdem er mit Puller gesprochen hat, Teddy wird in seiner Zelle ermordet, und schließlich entkommt Puller nur knapp einem Attentat. Mit der Hilfe von Pullers Bruder Bobby, einem IT-Experten im Dienst der Army, gelingt es Puller und Atlee, einer Verschwörung auf die Spur zu kommen, in die höchste politische Kreise involviert sind … 
Ähnlich wie David Baldaccis Kollege Michael Connelly in seiner neuen Reihe die Titelfigur Renée Ballard den schon berühmten Detective Harry Bosch gemeinsam ermitteln lässt, bringt auch Baldacci in dem dritten Band seiner Reihe um die taffe FBI-Agentin Atlee Pine mit dem erfahrenen Militärpolizisten John Puller zusammen. Das lässt zwar den Eindruck entstehen, als würden die weiblichen Protagonistinnen nur interessant genug erscheinen, wenn sie auf die tatkräftige Unterstützung ihrer populäreren männlichen Kollegen zurückgreifen können, doch bleiben sowohl Bosch als auch Puller in den Reihen um die weiblichen Cops und Agenten eher in der zweiten Reihe. Mit „Eingeholt“, dem dritten Band um die FBI-Agentin Atlee Pine und ihrer treuen Assistentin Carol Blum, verfolgt Baldacci den bereits erfolgreich umgesetzten Ansatz, Pines berührende persönliche Mission, den Verbleib ihrer vor dreißig Jahren entführten Zwillingsschwester aufzuklären, mit einem brisanten aktuellen Fall zu paaren. Das wirkt stellenweise etwas arg konstruiert, führt Pine und Puller aber auf eine lebensbedrohliche Odyssee, bei der viele Beteiligte getötet, gefoltert und schwer verletzt werden. 
Baldacci gelingt es souverän, die Schnitzeljagd mit viel Tempo und Dramatik voranzutreiben, bis sie völlig erschöpft ans Ziel kommen, das einige Überraschungen parat hat. So bietet „Eingeholt“ etwas überfrachtete, aber jederzeit packende Action und überzeugende Wendungen, so dass sich die Fans von Baldacci und Atlee Pine sicherlich auf weitere Fortsetzungen freuen dürfen.  

John Grisham – „Das Talent“

Montag, 15. November 2021

(Heyne, 398 S., HC) 
Mit seinen erfolgreich verfilmten Bestsellern wie „Die Firma“, „Die Akte“, „Die Jury“, „Der Klient“, „Der Regenmacher“ und „Die Kammer“ hat sich John Grisham Anfang der 1990er Jahre zum Shooting-Star des Justiz-Thrillers geschrieben. Doch statt jedes Jahr einfach einen weiteren spektakulären Fall vor Gericht zu präsentieren, hat er sich immer wieder gelegentlich eine „Auszeit“ genommen, um Romane zu schreiben, die von ihm geliebte Sportarten thematisierten. 
Nach „Der Coach“, „Touchdown“ und „Home Run“ legt der ehemalige Rechtsanwalt mit „Das Talent“ nun seinen vierten Roman in diesem Genre vor und erzählt die Geschichte eines siebzehnjährigen südsudanesischen Basketball-Spielers, der in den USA Karriere machen will. 
In der südsudanesischen Hauptstadt Juba gilt der siebzehnjährige Samuel Sooleymoon mit seinen 1,88 Meter Körpergröße als vielversprechender Point Guard, der über eine immense Schnelligkeit und Sprungkraft bekannt war, aber kaum den Korb von der Dreierlinie traf. Er wuchs in einem Dorf namens Lotta bei Rumbek, einer Stadt mit 30.000 Einwohnern, auf, und hat sein Leben meist mit Basketball und Fußball verbracht, während sein Vater Ayak in einer offenen Hütte, die als Schule galt, unterrichtete und seine ebenfalls hochgewachsene Mutter Beatrice sich als Hausfrau um den Garten und die Erziehung von Samuel und seinen beiden jüngeren Geschwistern James, Chol und Angelina kümmerte. Als Samuel eingeladen wird, in Juba an einem U18-Turnier teilzunehmen, macht er auf den Talentscout Ecko Lam einen so guten Eindruck, dass er tatsächlich zu Showturnieren in den USA eingeladen wird. 
Bei dem Turnier in Orlando gewinnt die südsudanesische Auswahl etliche Spiele, doch der Erfolg wird von der Nachricht überschattet, dass Rebellen Samuels Dorf zerstört haben. Wie sich später herausstellt, ist Samuels Vater bei dem Überfall umgekommen, während Angelina verschleppt worden ist und Beatrice mit den beiden Jungen in ein ugandisches Flüchtlingslager entkommen konnte. Samuel bleibt nach dem Turnier in den Staaten, wo der mit Ecko Lam befreundete Coach Lonnie Britt versucht, Samuel in die Auswahl zum NBA-Draft zu bekommen, und die Rechtsanwältin Ida Walker alle Hebel in Bewegung setzt, Samuels Familie ein Visum für die USA zu besorgen. Doch dazu muss Samuel seinen Highschool-Abschluss machen und Geld verdienen. Noch steht allerdings nicht fest, ob er tatsächlich das Zeug zum NBA-Profi hat. Die Gedanken an das Schicksal seiner Familie lassen Sooley, wie Samuel bald von seinen Fans genannt wird, nicht los … 
„Wenn im Wohnheim Nachtruhe herrschte und alles still war, saß er auf seinem Bett und durchforstete das Internet. Gelegentlich stieß er auf Fotos von Rhino Camp – Beatrice hatte gesagt, sie seien in Rhino South – und musterte angestrengt die Gesichter Hunderter Südsudanesen, in der verzweifelten Hoffnung, seine Mutter, James oder Chol zu entdecken. Immer noch klammerte er sich an den Gedanken, dass Angelina irgendwo dort war und nach ihrer Familie suchte.“ (S. 165) 
Bevor John Grisham eine Karriere als Rechtsanwalt und schließlich Bestseller-Autor einschlug, spielte er wie viele amerikanische Jungen davon, Profisportler zu werden, doch fehlte ihm das Talent, Baseball, American Football oder auch Basketball professionell zu spielen. Während Grishams bisherigen Sportromane „Der Coach“, „Touchdown“ und „Home Run“ aber noch einen gewissen Unterhaltungswert hatten, dümpelt die Story von „Das Talent“ leider über weite Strecken eher unspektakulär dahin. Dabei kommt das anfänglich noch etwas ausführlicher geschilderte Flüchtlingsdrama von Samuels Familie viel zu kurz. Stattdessen fokussiert sich Grisham auf die unglaubliche Karriere des südsudanesischen Jungen, der in kürzester Zeit nicht nur über zwei Meter groß wird, sondern dank unermüdlichen Trainings auch zum Matchwinner seiner College-Mannschaft wird, deren Siegesserie kein Ende zu nehmen scheint. 
Ein Großteil der Handlung nimmt dabei leider die Beschreibung der Spielverläufe ein, was für Nicht-Basketball-Fans schnell zur Zumutung wird. Vor allem leidet darunter die Intensität der an sich aufreibenden Schicksale des Basketball-Talents auf der einen und seiner im Flüchtlingslager verharrenden Familie auf der anderen Seite. Grisham beschränkt sich hier auf sehr sachliche, spröde Beschreibungen, die es der Leserschaft schwermachen, wirkliche Anteilnahme am Schicksal der Figuren aufzubringen. 
Das dramatische Finale ist letztlich wenig überzeugend gelungen, passt aber zu Grishams ohnehin unterdurchschnittlichen Werk. Er sollte besser bei seinen Justiz-Thrillern bleiben oder mehr Empathie für seine Figuren aufbringen, wenn es um eher emotionale Geschichten geht.  

Jo Nesbø – „Eifersucht“

Sonntag, 7. November 2021

(Ullstein, 268 S., HC) 
Seit Ende der 1990er Jahre zählt der norwegische Schriftsteller Jo Nesbø mit seiner Krimi-Reihe um den alkoholkranken Hauptkommissar Harry Hole zu Skandinaviens Top-Autoren. Neben den bislang 12 Bänden um Harry Hole hat Nesbø aber auch immer wieder alleinstehende Werke wie „Der Sohn“, „Headhunter“, „Macbeth“ und „Ihr Königreich“ sowie Kinderbücher veröffentlicht. 
Mit „Eifersucht“ legt er nun seinen ersten Band mit Kurzgeschichten vor, die sich interessanterweise alle um das titelgebende Thema drehen. 
Auf dem Flug von New York nach „London“ – so der Titel der ersten Story – lernt der Ich-Erzähler in der Business-Class eine neben ihm sitzende weinende, attraktive Frau namens Maria kennen, die ihm erzählt, dass ihr Mann sie mit ihrer besten Freundin betrügt. Sie ist deshalb so verzweifelt, dass sie ein Unternehmen damit beauftragt hat, sie zu töten. Das wird unwiderruflich innerhalb der nächsten drei Wochen geschehen. Die einzige Gewissheit, die Maria haben kann, ist, dass ihr Tod schmerzlos sein wird, Ort, Zeit und die Art und Weise zu sterben bleiben ihr unbekannt. Allerdings finden sich der Ich-Erzähler, der sich als Psychologe vorstellt, und Maria einander anziehend, so dass sie sich in einem Londoner Hotel treffen wollen, um zu überlegen, wie sie dem Mord-Vertrag entkommen können … 
Den Schwerpunkt der Geschichtensammlung bildet die 120 Seiten umfassende Titelgeschichte, in der der aus Athen stammende und auf das Mordmotiv „Eifersucht“ spezialisierte Ermittler Nikos Balli auf die Insel Kalymnos mit Julian Schmid den vermissten Zwillingsbruder von Franz aufspüren soll. Offensichtlich waren beiden Männer in dieselbe Frau verliebt, doch kurz vor Julians Verschwinden hat es einen Streit gegeben. Wenig später wird Julians Handtuch am Strand gefunden, Balli bekommt immer mehr das Gefühl, dass Franz seinen Bruder ermordet hat - u.a. durch eine SMS an Helena, in der Franz den Mord an Julian gesteht. 
Dieser Fall rüttelt in dem Ermittler Erinnerungen an die eigene Vergangenheit wach, denn wie die eineiigen Schmid-Zwillinge ist auch Balli begeisterter Kletterer gewesen, der zufällig Zeuge wurde, wie seine Frau Monique mit seinem Kumpel Trevor Sex hatte. 
„Welcher Schmerz wäre größer gewesen? Der, mit dem ich hätte leben müssen, wäre Trevor in jenem Sommer nach Frankreich gefahren und vielleicht für den Rest seines Lebens bei Monique geblieben, oder der, der mir zuteilwurde: sie jeden für sich zu verlieren? Und wäre eines von beidem schlimmer gewesen als ein Leben mit Monique auf der Grundlage einer Lüge. Ein Leben voller Verzweiflung, da unsere Ehe falsch war und nicht auf gegenseitiger Liebe beruhte, sondern auf gemeinsamer Schuld?“ (S. 144) 
Die Qualität der ersten beiden Geschichten gerade in Sachen Überraschungsmoment und psychologischer Tiefe erreichen die folgenden Geschichten nur noch selten. „Die Warteschlange“ fasziniert eher durch ihre brutale Kürze und die ebensolche Pointe, „Abfall“ thematisiert eine besondere Art der Müllentsorgung, wie sie einem Fahrer der Müllabfuhr natürlich naheliegt. „Das Geständnis“ fällt etwas zu weitschweifig aus, während „Odd“ der interessanten Frage nachgeht, ob ein Schriftsteller für eher die Kunst und ihr Erfolg oder die Liebe im Mittelpunkt stehen sollte. 
Jo Nesbø hat mit den sieben Geschichten rund um das Thema Eifersucht immer wieder interessante Ansätze gefunden, dieses wohlbekannte Mordmotiv in einen anderen Kontext zu stellen. Natürlich steht erwiesene Untreue dabei meist im Mittelpunkt der Geschichten, doch die psychologischen Aspekte reichen manchmal tiefer, wie der Autor oft sehr anschaulich darlegt. Der Unterhaltungswert zwischen den einzelnen Geschichten schwankt allerdings stark. Dabei hinterlassen „London“, „Eifersucht“ und „Odd“ die stärksten Eindrücke, während andere wie „Die Warteschlange“ oder „Das Geständnis“ wie Füllmaterial wirken. 
Auf jeden Fall dürften Nesbø-Fans jetzt wieder reif für einen Fall von Harry Hole sein. 

James Patterson – (Alex Cross: 25) „Danger“

Donnerstag, 4. November 2021

(Blanvalet, 444 S., Tb.) 
James Pattersons Thriller-Serie um den Kriminalpsychologen Alex Cross zählen seit Jahren zu den erfolgreichsten Thrillern weltweit – schließlich wurden bereits zwei von ihnen mit Morgan Freeman in der Hauptrolle („…denn zum Küssen sind sie da“, 1997, und „Im Netz der Spinne“, 2001) und einmal mit Tyler Perry („Alex Cross“, 2012) auch verfilmt. Im Jubiläumsband lässt der US-amerikanische Bestseller-Autor seinen sympathischen Protagonisten gleich gegen mehrere Auftragskiller antreten, die sukzessive die politische Elite der USA eliminieren. 
Fünf Tage nach der Beerdigung der 47-jährigen US-Präsidentin Catherine Grant, die überraschend im Oval Office tot zusammengebrochen war, erschießt Sean Lawlor die US-Senatorin Elizabeth Walker vor ihrem Haus. Bei den Ermittlungen bezieht der zuständige FBI Special Agent Ned Mahoney sowohl Alex Cross im Rahmen seiner Beratertätigkeit für das FBI als auch Alex‘ Frau Bree Stone, Chief of Detectives des Metropolitan Police Department in Washington, in das Team ein. 
Lawlor kann sich nur kurz über sein Honorar für den erledigten Auftrag freuen, denn von seiner Kollegin Kristina Varjan wird er mit einer Klaviersaite erdrosselt. Als der bekannte Gangster Fernando Romero nach einer Schießerei mit anschließender Geiselnahme den Mord an der Senatorin gesteht, scheint der Fall schnell zu den Akten gelegt werden zu können, doch in kurzer Abfolge fallen auch der amerikanische Präsident, der Sprecher des Abgeordnetenhauses, der Außenminister und die Finanzministerin Attentaten zum Opfer, worauf Larkin, der auf den Präsidentenposten nachgerückt ist, das Kriegsrecht ausruft. Alex Cross und seine Leute haben nicht viel Zeit, die offensichtliche Verschwörung aufzudecken, denn das Land droht im Chaos zu versinken … 
„Ich konnte verstehen, wieso die Leute kurz vor der Panik waren. Niemand wusste, wer oder was hinter den Attentaten steckte oder was als Nächstes kommen würde. Diese Angst und dazu die Unsicherheit reichten völlig aus, um die Menschen an den Rand ihrer psychischen Belastbarkeit zu drängen, und ich ging fest davon aus, dass es schon bald zu ersten Plünderungen und Aufständen kommen würde.“ (S. 262) 
Alex Cross hat es in seinen vielen Berufsjahren bereits mit den raffiniertesten Killern zu tun, aber für sein 25. (Roman-)Abenteuer hat sich sein Schöpfer noch mal was ganz Besonderes ausgedacht. In „Danger“ werden einfach mal die Superlative bemüht, und zwar in Reihe. Patterson begnügt sich nicht damit, nur eine hochrangige Politikerin durch einen Auftragsmörder eliminieren zu lassen, nein, es muss gleich mehr als eine Handvoll der hochrangigsten Staatsmänner und -frauen und eine ganze Schar von bestens vorbereiteten und koordinierten Killern sein, die die USA zu destabilisieren versuchen. Nebenbei avanciert Alex‘ sonst nur als Bankspieler eingesetzte Sohn Damon beim Basketballspiel gegen die stark favorisierte Mannschaft aus Georgetown natürlich als Matchwinner, nachdem Damons Schwester Jannie ohnehin schon als Leichtathletik-As Furore gemacht hat. 
Patterson drückt wie gewohnt stark aufs Tempo. Die über 100 sehr kurzen Kapitel und die einfache Sprache lassen das Publikum kaum Atem holen, allerdings bleibt bei so viel Action die erzählerische Tiefe auf der Strecke. Weder die Attentäter, die meist recht schnell wieder vom Spielfeld genommen werden, noch die politischen Scharmützel in der Frage um die rechtmäßige Präsidentschaftsnachfolge. Dazu wirkt es einfach unglaubwürdig, dass Cross als Kriminalpsychologe dem Präsidenten die Idee zur Ermittlungsstrategie vorlegt. 
Außerdem wirken die Nebenhandlungen wie Cross‘ Umgang mit seiner neuen Klientin, die er in seiner Teilzeit-Praxis betreut, und die anonymen Zettel mit dem Hinweis, dass Cross den Verfasser der Zeilen bitte aufhalten solle, eher störend, was zudem auf Kosten der Haupthandlung und ihrer Figuren geht. So ist „Danger“ zwar ein flott geschriebener und auch spannender Thriller geworden, der aber weit entfernt von Pattersons besten Arbeiten ist. 

Raymond Chandler – (Philip Marlowe: 4) „Die Lady im See“

Samstag, 30. Oktober 2021

(Diogenes, 326 S., HC) 
Raymond Chandler (1888-1959) zählt neben Dashiell Hammett und James M. Cain zu den großen amerikanischen Hardboiled-Krimiautoren. Seine Figur des melancholischen Privatdetektivs Philip Marlowe hat nicht zuletzt durch Humphrey Bogarts Verkörperung in Howard Hawks' „Tote schlafen fest“ die Vorstellung des Publikums von einem Privatdetektiv geprägt. Leider hat Chandler bis zu seinem Tod nur sieben Marlowe-Romane (neben etlichen Kurzgeschichten) geschrieben, die nun nach und nach in einer Neuedition vom Diogenes Verlag erscheinen. „Die Lady im See“ stellt dabei den vierten Band in der Chronologie dar. 
Als Philip Marlowe das Treloar Building an der Olive Street betritt, wo die Gillerlain Company ihren Sitz hat, ist er auf dem Weg zu Derace Kingsley, dem Geschäftsführer des Kosmetik-Unternehmens. Er beauftragt Marlowe damit, seine Ehefrau Crystal zu suchen, die vor einem Monat einen Wochenendtrip zum gemeinsamen Wochenendhaus in der Nähe vom Puma Point unternommen hat, aber seitdem nicht mehr gesehen wurde. Das letzte Lebenszeichen seiner Frau erhielt Kingsley in Form eines Telegramms, in der Crystal ankündigte, über die mexikanische Grenze zu gehen, um sich scheiden zu lassen. Offenbar wollte sie ihren Liebhaber, den Gigolo Chris Lavery, heiraten, doch der habe Kingsley vor kurzem gegenüber behauptet, Crystal seit zwei Monaten nicht mehr gesehen zu haben. Marlowe macht sich also auf den Weg zum Privatsee Little Fawn Lake, wo er mit Bill Chess den Verwalter der Häuser von Kingsley und seines Freundes trifft. 
Von ihm erfährt Marlowe, dass Chess‘ Frau Muriel fast zu gleichen Zeit wie Crystal verschwand. Dann entdeckt Marlowe zufällig eine Leiche im See, die Chess nur anhand ihrer Kleider als Muriel identifizieren kann. Als auch noch ihr Wagen und ihre Kleider in einem Schuppen im Wald nahe des Sees gefunden werden, deutet alles darauf hin, dass die Frau im See ermordet wurde. Marlowe sucht daraufhin Lavery auf und stellt fest, dass sich gegenüber das Haus von Dr. Albert S. Almore befindet, bei dem Muriel Chess unter dem Namen Mildred Haviland als Arzthelferin arbeitete. Nach dieser Mildred suchte bereits ein Polizist namens De Soto, wie Marlowe von einer Lokalreporterin erfährt. Marlowe durchsucht das Haus von Bill Chess, nachdem dieser wegen Mordverdachts festgenommen wurde, und entdeckt eine Kette mit der Gravur „Von Al für Mildred, 28. Juni 1938. In Liebe.“ 
Als Marlowe dann auch Lavery erschossen in seiner Wohnung auffindet, scheint der Fall um das Verschwinden von Crystal Kingsley und Muriel Chess immer komplizierter zu werden … 
„Kingsleys Frau war bestimmt schon zur Fahndung ausgeschrieben oder würde es bald sein. Für die war die Sache in trockenen Tüchern. Eine widerliche Angelegenheit unter ziemlich widerlichen Menschen, zu viel körperliche Liebe, zu viel Alkohol und zu viel Nähe, die in wildem Hass münden, in Mordlust und Tod. Mir war das alles ein wenig zu einfach.“ (S. 184) 
Für seinen 1943 unter dem Titel „The Lady in the Lake“ erschienenen vierten Roman hat sich Chandler seiner beiden bereits 1938 und 1939 veröffentlichten Kurzgeschichten „Bar City Blues“ und „The Lady in the Lake“ bedient sowie beim Verweben der beiden Storys zu einem Roman auch die Geschichte „No Crime in the Mountains“ (1941) berücksichtigt, wie der Übersetzer der Chandler-Neuedition, Rainer Moritz, in seinem Nachwort erwähnt. Chandler beschreibt Bay City, wo sich der Großteil der Handlung abspielt, als wahren Sündenpfuhl, wo Dr. Almore die Prominenten mit Dorgen versorgt, schöne Frauen reihenweise den Männern die Köpfe verdrehen und sie als Wracks zurücklassen, und korrupte Cops wie Degarmo und die gewalttätigen Streifencops Cooney und Dobbs nahezu ungehindert ihre eigenen Dinger drehen. Auch wenn Philip Marlowe in erster Linie dem Police Captain Webber bei der Aufklärung der Morde hilft und dabei Kingsleys Auftrag nicht aus den Augen verlieren will, entpuppt sich „Die Lady im See“ weniger als klassischer Whodunit-Krimi, sondern als vertracktes Spiel um Identitäten, in das übrigens nicht nur die Femmes fatale verwickelt sind. 
Zwar nehmen die Verwicklungen zwischen den Vermissten- und Mordfällen zum Ende hin fast unübersichtliche Züge an, doch Chandler versteht es, mit seinem lakonischen Humor und seiner pointierten Sprache den Leser bei Laune zu halten, um Seite an Seite mit dem zutiefst moralischen Philip Marlowe zuzusehen, wie die Ordnung in der zerrütteten Welt wieder hergestellt wird.  

Kent Haruf – „Ein Sohn der Stadt“

Montag, 25. Oktober 2021

(Diogenes, 284 S., HC) 
Der am 24. Februar 1943 in Pueblo, Colorado, geborene Schriftsteller Kent Haruf schrieb leider nur sechs Romane, bevor er 2014 verstarb, und alle sechs Romane spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt, ebenfalls in Colorado gelegen. Nachdem sich sein letzter Holt-Roman „Unsere Seelen bei Nacht“ nicht zuletzt durch die erfolgreiche Verfilmung mit Robert Redford und Jane Fonda in den Hauptrollen ein internationaler Bestseller wurde, erscheinen nach und nach auch die vorangegangenen Bände, mit „Ein Sohn der Stadt“ nun der zweite Roman in der Holt-Chronologie. 
Acht Jahre lang war der ehemalige Highschool-Footballstar Jack Burdette verschwunden – mit 150.000 Dollar, die er als Geschäftsführer der Farmerkooperative unterschlagen hat. Am späten Samstagnachmittag Anfang November kehrt der ehemalige Frauenschwarm in einem roten Cadillac überraschend nach Holt zurück, wobei er sich in jeder Hinsicht zum Nachteil verändert hat, gelbgesichtig, fettleibig, schmuddelig und mit schütterem Haar schindet er trotz seiner einschüchternden körperlichen Erscheinung keinen Eindruck mehr. Sheriff Bud Sealy nimmt Burdette sofort fest. Dabei ist dessen Vergehen längst verjährt. 
Pat Arbuckle, Herausgeber des „Holt Mercury“, erinnert sich, wie Jack Burdette bereits in der Schule alle für sich einnahm und vor allem von der hübschen Wanda Jo Evans angeschmachtet wurde, die ihm die Hausaufgaben machte und ihn mit Spickzetteln für die Seminararbeiten. Als Gegenleistung durfte sie ihn bei den Straßenrennen am Freitag- und Samstagabend begleiten. Nach dem Tod seines Vaters, der im betrunkenen Zustand von einem Güterzug erfasst wurde, brach er mit seiner streng religiösen Mutter und bezog ein Zimmer im Hotel Letitia, wo er regelmäßig Pokerrunden veranstaltete. 
Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich damit, nach der Schule und an den Wochenenden im Getreidesilo der Farmer-Kooperative zu arbeiten, wo er sich so gut machte, dass ihm später der Job als Manager angeboten wurde, doch zunächst leistete er seinen Wehrdienst ab, bevor er nach Holt zurückkehrte, wo Wanda Jo weiterhin vergeblich darauf wartete, dass Jack sie zur Frau nahm. Stattdessen kehrte er in seiner Funktion als Manager nach einer Tagung von Kooperative-Managern in Tulsa nicht nur um Tage verspätet zurück, sondern präsentierte dabei mit Jessie auch noch seine Ehefrau, die er bei dem Kongress kennengelernt hatte. Das war nicht nur für Wanda Jo ein schwerer Schlag, sondern zeigte auch, aus welchem Holz Jack wirklich geschnitzt war. Schließlich ließ er Jessie mit den zwei Kindern sitzen und verschwand nach Kalifornien … 
„Offenbar wollte sie in Holt bleiben, um dies durchzustehen, aus nur ihr selbst bekannten Gründen. Als wäre sie entschlossen, auch auf solche Ereignisse in ihrer eigenen ruhigen und selbständigen Art zu reagieren, als hinge ihr Selbstbild allein davon ab. Als würde sie etwas beweisen wollen. Daher war es letztendlich tragisch. Es ging um mehr als nur Geld. Als es vorbei war, schmerzte es dermaßen, darüber nachzudenken, dass es nur sehr wenige Leute in Holt gab, die bereit waren, sich überhaupt daran zu erinnern.“ (S. 184f.) 
Während der 1., 1984 veröffentlichte Holt-Roman „The Tie That Binds“ noch auf seine deutsche Übersetzung wartet, erzählt Kent Haruf mit „Ein Sohn der Stadt“ aus der Perspektive des örtlichen Zeitungsverlegers Pat Arbuckle die Geschichte eines Idols, das nicht nur erst die Mädchen und später die Frauen in der Stadt verrückt machte, sondern seinen Charme mit krimineller Energie verband, bis er sich um 150.000 Dollar bereicherte und ohne ein Wort sowohl die Stadt als auch seine Familie verließ. 
Was Jack Burdettes Verschwinden und seine unerwartete Rückkehr nach acht Jahren bei den Bewohnern der Stadt auslöst, beschreibt Haruf in gewohnt einfacher, aber eindringlicher Sprache, die vor allem die Emotionen der Stadtbewohner einfühlsam beschreibt. Dabei geht es weniger darum, wie die Kooperative nach dem ungeheuerlichen Betrug weiter ihre Arbeit verrichtete, sondern um das Schicksal der Zurückgebliebenen, wobei Wanda Joe und Burdettes Frau Jessie besonders im Fokus der Erzählung stehen. 
Wirklich dramatisch entwickelt sich die Geschichte nach Burdettes Rückkehr. Hier macht der Autor deutlich, wie stark Burdette die Geschicke in Holt, die Schicksale der Menschen, die er betrogen und verlassen hat, noch immer zu lenken versteht.  
„Ein Sohn der Stadt“ dokumentiert auf beeindruckende Weise, mit welch großer Empathie Kent Haruf seine Figuren und ihre Entwicklung gestaltet, so dass man sich als Leser direkt im Geschehen, in den Herzen und Köpfen der Menschen glaubt. 

Håkan Nesser – (Gunnar Barbarotti: 7) „Schach unter dem Vulkan“

Sonntag, 24. Oktober 2021

(btb, 430 S., HC) 
Seit der schwedische Erfolgsschriftsteller Håkan Nesser 2003 mit „Sein letzter Fall“ seinen zehnten und vorerst letzten Roman um Kommissar Van Veeteren veröffentlichte, etablierte er mit Inspektor Barbarotti eine neue Figur, die fortan in Serie ermittelte. Mit „Schach unter dem Vulkan“ erscheint nun der bereits siebte Roman um den längst zum Kommissar beförderten Barbarotti, der mit seiner Kollegin und Frau Eva Backman im fiktiven Kymlinge das mysteriöse Verschwinden dreier Schriftsteller aufklären muss. 
Der erfolgreiche Schriftsteller Franz J. Lunde leidet seit zwei Jahren unter einer Schreibblockade. Seiner Lektorin Rachel Werner hat er zwar versichert, bis Weihnachten ein Manuskript über sechzig, siebzig Seiten vorzulegen, die Hälfte des Vorschusses ist auch schon ausbezahlt worden, doch die zündende Idee ist ihm bislang noch nicht gekommen. Als Lunde bei einer Lesung in Ravmossen aus dem Publikum mit der Frage einer Frau aus dem Publikum konfrontiert wird, ob er das perfekte Verbrechen, das er in seinem letzten Buch beschrieb, selbst erlebt habe, bricht der Moderator zwar die Fragerunde ab, doch im Hotelzimmer macht sich anschließend Angst bei dem Autor breit, der gerade an einem sehr autobiografisch gefärbten Manuskript mit dem Titel „Letzte Tage und Tod eines Schriftstellers“ arbeitet. 
Bei der anschließenden Lesung am 21. November in Kymlinge wiederholt sich der Vorfall, danach verschwindet Lunde spurlos von der Bildfläche. Als Lundes in der Schweiz lebende Tochter Viktoria tagelang keinen Kontakt zu ihrem Vater herstellen konnte, gibt sie eine Vermisstenmeldung auf. Während Barbarottis Kollegin und Frau Eva in Sydney verweilt, um ihrem fast dreißigjährigen Sohn Kalle aus der Klemme zu helfen. Er sitzt wegen des Verdachts auf Drogenbesitz und Misshandlung seiner Frau in Untersuchungshaft. In einem Gespräch mit Lundes Schwester und der Polizeianwärterin Sisulu erfährt Barbarotti, dass Lundes Frau vor einigen Jahren nach einer Wanderung an der Grenze zwischen den USA und Kanada verschwand und Lunde selbst vor ein, zwei Jahren auch völlig untergetaucht sei. 
Als aber mit der Lyrikerin Maria Green und dem gefürchteten Literaturkritiker Jack Walde zwei weitere Autoren von der Bildfläche verschwinden, ohne dass es einen Anhaltspunkt gibt, was es mit diesen Fällen auf sich hat, beginnen Barbarotti und seine dann aus Australien zurückgekehrte Frau mit der kaum Resultate bringenden Spurensuche. 
„Wie stellt man sicher, dass man mit diesem Frachter keinen Schiffbruch erleidet? Wenn nirgendwo Land in Sicht ist, wie gelingt es einem dann, wenigstens den richtigen Kurs zu finden? Er merkte, dass ihn Lindhagens länger zurückliegende Bemerkung ärgerte, drei Fälle ergäben ein besseres Muster als zwei. War das nur etwas gewesen, das man in die Runde warf, weil es schlau klang, oder war da etwas dran? Auf welche Weise konnte Jack Waldes Schicksal, wie immer es auch aussehen mochte, zur Klärung der Frage beitragen, was mit Franz J. Lunde und Maria Green passiert war?“ (S. 326) 
Mit „Schach unter dem Vulkan“ bewegt sich Nesser in einem Metiers, das er aus eigener Erfahrung nur zu gut kennt, doch bekommt der Leser nur wenig Neues aus dem Literaturbetrieb vermittelt, außer einer Idee davon, wie verschroben und zurückgezogen Schriftsteller sein können. Davon abgesehen plätschert der neue Barbarotti-Roman ebenso ziellos dahin wie die Ermittlungen von Nessers Protagonisten, der selbst etwas blass bleibt. Die kurze Krise, die die räumliche Trennung von Barbarotti und Backman heraufbeschwört, ist schon so schnell überwunden, wie Eva Backman wieder aus Australien zurückkehrt und sich mit ihrem Mann in die Ermittlungen reinhängt. 
Auch hier gewinnen die Figuren wenig Profil, am meisten noch Lunde und der Kritiker Walde, der unter Pseudonym sehr erfolgreich Romane verfasst, die er als Kritiker gnadenlos verreißen würde, doch Spannung kommt nie auf, da es nie auch nur einen Hinweis auf das Schicksal der drei vermissten Autoren gibt und erst zum Ende der Fall eher zufällig gelöst wird. 
Bis dahin lässt Nesser auch recht oberflächliche Kommentare zu Donald Trump und den Auswirkungen der gerade um sich greifenden Corona-Pandemie in die Geschichte einfließen, überzeugt mit humorvollen Einfällen und sprachlichen Feinheiten, doch insgesamt zählt „Schach unter dem Vulkan“ definitiv zu den schwächeren Werken des schwedischen Bestseller-Autors.  

Jonathan Franzen – „Crossroads“

Dienstag, 19. Oktober 2021

(Rowohlt, 826 S., HC) 
Mit schwergewichtigen Romanen wie „Die Korrekturen“, „Schweres Beben“, „Freiheit“ und „Unschuld“ hat sich der US-amerikanische Schriftsteller und Essayist Jonathan Franzen als einer der wichtigsten Stimmen der Gegenwartsliteratur etabliert. Nun legt er mit seinem neuen Roman „Crossroads“ erneut einen imponierend ausschweifenden Familienroman vor – und das ist nur der Anfang seiner „Ein Schlüssel zu allen Mythologien“ genannten Trilogie. 
Am 23. Dezember 1971 steckt die Familie des protestantischen Pastors Russ Hildebrandt ganz in den Vorbereitungen des Weihnachtsfestes, doch eigentlich sind Russ, seine Frau Marion und ihre Kinder Perry, Clem und Becky mit ihren jeweils eigenen und zwischenmenschlichen Problemen beschäftigt. Das Familienoberhaupt hat es beispielsweise noch immer nicht verwunden, dass ihm der der beliebte Rick Ambrose als Leiter des Jugendprogramms „Crossroads“ den Rang bei den jüngeren Mitgliedern der Gemeinde in New Prospect abgelaufen hat. 
Während Russ in seiner – übrigens von seiner Frau verfassten – Predigten eher von Vietnam und den Navajos redet, bringt sein jüngerer und empathischerer Kollege die Jugendlichen dazu, auf eine durchaus schmerzlich ehrliche, aber auch spirituell bereichernde Weise miteinander umzugehen. Perry, der schon als Jugendlicher Drogen an der Schule vertickte, versackt zunehmend selbst im Drogenrausch und führt das fragile Familiengefüge bis an die Belastungsgrenze. Mittlerweile hat sich Becky nämlich mit dem Musiker Tanner Evans eingelassen, mit dem sie unbedingt nach Europa will, wofür ihre jüngst verstorbene Tante ihr eine großzügige Summe in ihrem Testament hinterlassen hat. Clem wiederum will die moralische Ungerechtigkeit wieder wettmachen, dass er wegen seines begonnenen Studiums nicht nach Vietnam musste, während vor allem weniger privilegierte Schwarze eingezogen wurden. Als Russ einer Siebzehnjährigen anvertraut, dass es in seiner Ehe nicht gut laufe, kommt es fast zum Eklat, wird dieses unangemessen wirkende Geständnis doch fast als sexuelle Belästigung betrachtet. Die Demütigung, die Russ durch diese Ausgrenzung erfährt, schlägt sich auch in seiner Ehe nieder. Während er seiner zunehmend dickeren Frau kaum noch Beachtung schenkt, flüchtet er sich in die Phantasie, mit der zehn Jahre jüngeren Witwe Frances Cottrell anzubandeln, die Russ nur zu gern von ihren rassistischen Vorurteilen befreien möchte, ihr seine liebsten Blues-Platten ausleiht und sie zur Arbeitsfreizeit ins Najavo-Reservat mitnimmt. 
Als Marion von der sich anbahnenden oder schon vollzogenen Affäre erfährt, sehnt sie sich nach ihrer Jugendliebe Bradley zurück, den sie durch ein gedankenloses Manöver vertrieben hatte, macht Diät und sucht ihn nach über dreißig Jahren wieder auf. 
„Sie war nie über Bradley hinweggekommen. Der Mann, in den sie ihr Leben investiert hatte, war zweite Wahl gewesen – so unsicher, wie Bradley selbstbewusst war, so unbeholfen beim Schreiben und zögerlich beim Sex, wie sich Bradley in beidem als großartig erwiesen hatte. Vielleicht hatte sie damals in Arizona einen Mann gebraucht, den sie führen und übertrumpfen konnte, aber die Ehe war längst zu einem bloßen Arrangement verkommen: Als Gegenleistung für ihre Dienste warf Russ sie den Wölfen nicht zum Fraß vor.“ (S. 401) 
Jonathan Franzen legt mit „Crossroads“ nicht nur einen umfangreichen Familienroman über drei Generationen vor. Vielmehr macht er durch die seelischen Nöte einer christlich geprägten Familien Anfang der 1970er in einem fiktiven Vorwort von Chicago die moralischen Konflikte transparent, die jedes einzelne Familienmitglied daran hindern, glücklich zu werden. Stets scheint das, was ein gottgefälliges Leben vermeintlich ausmacht, im Gegensatz zu dem zu stehen, was sich die Protagonisten für sich selbst wünschen. 
So steht für Russ Hildebrandt bei seiner Gemeindefreizeit im Navajo-Reservat auf einmal weniger die Mission im Mittelpunkt, die Teilnehmer einen anderen Blick auf die Ureinwohner zu gewinnen, als die Möglichkeit, möglichst viel Zeit mit der attraktiven Witwe Frances zu verbringen. Und Becky muss als Alleinerbin des Vermögens ihrer Tante entscheiden, ob sie das Geld christlich unter den anderen Familienmitgliedern aufteilen oder wie von ihrer Tante gewünscht einen Trip nach Europa finanzieren soll, wobei immer noch genügend Geld für die ersten Jahre ihrer College-Ausbildung übrigbleiben würde. 
Franzen überlässt es seinen Lesern, sich ein eigenes Bild von diesen Überlegungen und letztlich getroffenen Entscheidungen zu machen. Er selbst agiert als parteiloser, detailliebender Chronist, der tief in das innerste Wesen seiner Figuren eintaucht und so ein wunderbar lebendiges Epos über Liebe und Lügen, Selbstverwirklichung, Sündhaftigkeit und Pflichtbewusstsein, Geheimnisse, Erwartungen und Enttäuschungen erschafft, das man nicht mehr aus den Händen legen mag und dessen Fortsetzung sehnlichst erwartet wird.  

Mick Herron – (Jackson Lamb: 4) „Spook Street“

Sonntag, 3. Oktober 2021

(Diogenes, 448 S., Pb.) 
Während Daniel Craig wohl definitiv zum letzten Mal in der Rolle des weltweit berühmtesten britischen Spions in „Keine Zeit zu sterben“ die Welt im Kino zu retten versucht, geht es seit Jahren schon im sogenannten Slough House weitaus ruhiger zu. Unter der Leitung des furzenden, wenig umgänglichen, aber enorm gerissenen Jackson Lamb verrichtet seine beim MI5 in Ungnade gefallenen „Slow Horses“ öden Papierkram, geraten aber immer wieder zwischen die Fronten, wenn der offizielle Geheimdienst in Schwierigkeiten steckt. 
So kann der MI5 nicht verhindern, dass in der Westacres-Mall bei einem Bombenanschlag über vierzig Menschen ums Leben kommen – kein guter Einstig für den neuen MI5-Leiter Claude Whelan. Dann gibt es auch noch einen Mord im Haus von David „O.B.“ Cartwright aufzuklären. 
Mit Sorge hat der MI5 verfolgt, wie der einstige Stellvertreter des MI5-Bosses Charles Partner und Großvater von Slow Horses River Cartwright, allmählich senil wird und versehentlich Geheimnisse ausplaudern könnte. Zunächst gehen der MI5 und Jackson Lambs Leute davon aus, dass der Tote in Cartwrights Badezimmer sein Enkel sei, doch bei dem zerfetzten Gesicht der Leiche muss die Autopsie Gewissheit geben. 
In der Zwischenzeit ist River Cartwright mit einer Zugfahrkarte, die er in der Tasche des Toten gefunden hat, nach Frankreich gereist, wo er auf das frisch abgebrannte Haus stößt, in dem zuvor eine merkwürdige Kommune untergebracht war. Bei dem Projekt Kuckuck hatte nicht nur Rivers Vater seine Hände im Spiel, sondern auch ein abtrünniger CIA-Agent. Bevor River die Puzzleteile zusammensetzen kann, wird er in London gekidnappt. Emmy Flyte, die von der Metropolitan Police zum MI5 gekommen ist, wo sie von der wegen Amtsmissbrauch geschassten Dame Ingrid Tearney die Leitung der internen Dienstaufsicht des MI5, den Dogs, übernommen hat, hofft auf die Unterstützung von Lambs lahmen Gäulen, die sich in ihrem Slough House nicht mehr sicher fühlen können. Schließlich löst der O.B. selbst das Rätsel. 
„Er wäre besser dran, sein Leben im Regen oder im Regent’s Park aufs Spiel zu setzen, als hier zu sitzen und Lamb zuzuhören, wie er den Dämon exorzierte, der ihn gepackt hatte. Und vielleicht hatte sie das auch getan, sagte sie sich jedenfalls später, wenn Cartwright nicht wieder angefangen hätte zu reden.“ (S. 335) 
Mit seinem bereits vierten „Slough House“-Roman präsentiert der englische Schriftsteller Mick Herron einmal mehr wunderbare Spionage-Unterhaltung, die mit einem großen Knall beginnt und dann immer tiefer in die Labyrinthe des MI5 und des weniger rühmlichen Ablegers von Jackson Lambs Slough Hous führt. Auf elegante Weise führt der Autor seine Leserschaft wie die blubbernden Heizungsrohre durch die einzelnen Büros von Slough House, stellt in wenigen Sätzen die einzelnen Mitarbeiter vor, zu denen sich bald auch Lambs alkoholsüchtige Sekretärin Catherine Standish gesellt, die bereits ihre Kündigung eingereicht hat, aber durch die Cartwrights wieder ins Spiel kommt. 
Herron findet einmal mehr eine ausgewogene Mischung aus bewährter Spionage-Action, vertrackten Fährten und Verbindungen, die vor allem tief in River Cartwrights Biografie eingreifen. Leider wird sich der Leser einmal mehr von einige vertrauten Figuren verabschieden müssen, aber Herron macht aus der Not eine Tugend und führt dafür neue interessante Charaktere ein, von denen sich zeigen wird, ob sie das harte Agenten-Dasein überstehen. Herron deutet bereits an, dass Diana Taverner sich nicht damit begnügen wird, die zweite Geige hinter ihrem neuen Boss Whelan zu spielen. 
Die wunderbar vielschichtigen, humorvollen Charakterisierungen von Jackson Lambs Crew-Mitgliedern, die pointierten Dialoge, die spannende Handlung und die atmosphärisch stimmige Beschreibung der Schauplätze in London machen „Spook Street“ zu einem echten Lesegenuss nicht nur für Fans des Spionage-Genres.  

Dave Zeltserman – „Killer“

Sonntag, 19. September 2021

(Pulp Master, 264 S., Tb.) 
Leonard March stand 1993 für eine ganze Reihe von Verbrechen vor Gericht. Wegen Schutzgelderpressung, Menschenhandel, Prostitution und versuchten Mordes drohten ihm gut 30 Jahre Gefängnis, doch dann schlug March dem Staatsanwalt einen Deal vor, den er nicht ablehnen konnte. Indem er ihm die Mafiagröße Salvatore Lombard ans Messer lieferte, musste er „nur“ 14 Jahre absitzen und bekam dazu Straffreiheit für alle weiteren Verbrechen, die ihm im Gegenzug Lombard hätte anlasten können. Deshalb gesteht March dem Bezirksstaatsanwalt 28 Morde, die er für den Mafiaboss aus Chicago ausgeführt hat. 
Als er nun wieder auf freien Fuß kommt, ist March mit über 60 Jahren auf dem Buckel ein alter, ausgezehrter Mann, der nicht mehr in seine alten Klamotten passt und durch seinen Resozialisierungs-Fallmanager einen Job als Reinigungskraft in einem kleinen Bürogebäude in Waltham und ein möbliertes Einzimmerapartment bekommen hat. Doch wirklich entspannt kann March nicht sein. Zwar wird ihm geraten, möglichst schnell die Umgebung zu wechseln, um nicht Lombards Männern in die Hände zu fallen, aber in drei Wochen hat er vor dem Bezirksgericht in Chelsea zu erscheinen, wo über fünf Klagen auf Tod durch Fremdverschulden gegen ihn verhandelt wird. Marchs Alltag wird nicht nur von der Sorge geprägt, Lombards Rache zu spüren zu bekommen, sondern auch von den Leuten auf der Straße erkannt zu werden. 
Als er einen Überfall verhindert und zwei Crack-Junkies außer Gefecht setzt, wird der ehemalige Auftragskiller von den Medien zum Helden stilisiert, was March ebenso unangenehm ist, gerät er so noch leichter ins Fadenkreuz seiner ehemaligen Mafia-Familie. Schließlich macht er die Bekanntschaft der etwas heruntergekommen wirkenden, aber trotzdem überaus attraktiven, gut dreißig Jahre jüngeren Sophie, die von der Idee begeistert ist, zusammen mit ihm ein Buch über sein Leben zu schreiben und das große Geld zu machen. Doch March hat zu viel erlebt in seinem Leben, seine Frau Jenny an den Krebs verloren und den Kontakt zu seinen drei Kindern verloren, als dass er sich auf solche Angebote einlassen würde. 
„ … es war nun mal so, dass sie mit mir spielte und vom ersten Augenblick mit mir gespielt hatte, ich aber etwas wusste, von dem sie keine Ahnung hatte: dass es eine echte Verbindung gab zwischen uns. Ich hätte nicht genau sagen können, was es war, aber ich konnte es spüren, so deutlich wie ich Sophies elektrisierende Berührung spürte. So gut sie als Scharlatan auch war – und sie war verdammt gut -, ohne diese Verbindung hätte sie sich in meiner Gegenwart niemals so wohlgefühlt, und ich war überzeugt, diese Teil war kein Theater.“ (S. 186) 
Mit „Killer“ ist dem aus Boston stammenden Schriftsteller Dave Zeltserman ein faszinierendes Portrait eines ehemaligen Auftragsmörders gelungen, dem seine gewalttätige Vergangenheit nicht nur alles genommen hat, sondern auch nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis wie Betonklötze am Bein hängt. Zeltserman beschreibt den neuen Alltag seines Antihelden ebenso ausführlich wie lakonisch, so dass der Leser sofort feststellen muss, dass sich Leonard Marchs Lebensumstände in Freiheit nicht gerade verbessert haben. 
Immer mit der Angst im Nacken, von Lombards Leuten kaltgestellt zu werden, muss sich March den neugierigen und verängstigten Blicken der Menschen stellen, erhält Hausverbot in dem Café, in der zunächst morgens sein Frühstück einnimmt, übt nachts einen langweiligen Job aus und versucht vergeblich, den Kontakt zu seinen Kindern wieder herzustellen. Dazwischen rollt der Autor chronologisch die einzelnen Episoden auf, in denen March seine Karriere als Auftragsmörder einschlug, beschreibt einige der Jobs, die ausnahmslos schwarze Schafe waren, Killer, Kinderschänder und Verräter, die es nicht anders verdient haben, aber es gab auch einige Kollateralschäden … 
Wegen seiner misstrauischen Familie wollte March den Job schließlich aufgeben, aber wer erst einmal im Dienst der Mafia steht, kommt da nicht ohne weiteres lebend heraus.  
Zeltserman muss keinen tempo- und wendungsreichen Plot entwickeln, um „Killer“ zu einem packenden Lesegenuss zu machen. Es reicht die ungewöhnlich detaillierte Beschreibung des Ich-Erzählers, wie er mühsam sein Leben wieder auf die Kette bekommen will und dabei der ungeliebten Aufmerksamkeit der Medien entkommen muss. Zeltserman hat mit „Killer“ einen herrlich zynischen Neo-Noir geschrieben, der die deprimierenden Lebensumstände seines Protagonisten mit brutaler Nüchternheit beschreibt und auch die typische Femme fatale eine Hauptrolle spielen lässt. 
Das konsequent inszenierte Finale macht einmal mehr deutlich, dass Zeltserman eine ganz eigene Stimme in der Noir-Welt darstellt.  

Jim Thompson – „After Dark, My Sweet“

Mittwoch, 15. September 2021

(Diogenes, 220 S., Tb.) 
Seit seinem Debütroman „Now and on Earth“ (2011 als „Jetzt und auf Erden“ erstmals in deutscher Übersetzung erschienen) hat sich Jim Thompson, der seinen Lebensunterhalt teilweise als Alkoholschmuggler für Al Capone verdiente, schon mit 19 Jahren Alkoholiker war und zunächst True-Crime-Stories veröffentlichte, als Noir-Schriftsteller etabliert, der auch in Hollywood Fuß fassen konnte und beispielsweise die Drehbücher für Stanley Kubricks „Die Rechnung ging nicht auf“ und „Wege zum Ruhm“ schrieb. Die Veröffentlichung von „After Dark, My Sweet“ im Jahr 1955 fiel in seine produktivste Phase. 
William ,Kid‘ Collins hat bereits eine Boxer-Karriere und vier Aufenthalte in Heilanstalten hinter sich, als er am Stadtrand in einer Bar einkehrt und seine letzten Tage bei einem Bier Revue passieren lässt: Nachdem er die letzte Heilanstalt „verlassen“ hatte, nahm er einem Typen siebzig Dollar ab, überquerte die Staatsgrenze und ist seitdem nur auf Achse, mit nur noch vier Dollar in der Tasche. 
Er kommt mit dem Barkeeper Bert ins Gespräch und lernt die durchaus ansehnliche Fay Anderson kennen, die Collins mit zu sich nach Hause nimmt, wo sich schnell herausstellt, dass Collins‘ Gastgeberin nicht nur Witwe, sondern auch Alkoholikerin ist. Wie Collins ebenfalls bald erfahren muss, hat sie sich seiner nicht nur aus purer Nächstenliebe angenommen, sondern plant mit ihm und ihrem Komplizen ,Onkel‘ Bud die Entführung von Charles Vanderventer III, den Sohn einer mehr als wohlhabenden Familie. Zwischenzeitlich bekommt Collins zwar die Möglichkeit, durch die Unterstützung von Dr. Goldman wieder ein geordnetes Leben zu führen, doch entscheidet er sich für Fay, deren alkoholinduzierte Launen er erträgt, weil sie im ,normalen‘ Zustand auch sehr liebenswert sein kann. 
Bei der Entführung soll Collins die Rolle des Chauffeurs übernehmen, der das Entführungsopfer normalerweise von der Schule abholt, worauf Onkel Bud der Familie 72 Stunden Zeit für die Zahlung des Lösegeldes einräumt. Zwar erwischt Collins das falsche Vanderventer-Kind, doch ansonsten scheint der Plan aufzugehen – bis sich herausstellt, dass das Opfer unter Diabetes leidet und seinen Entführern unter den Händen wegzusterben droht … 
„Ich war so verwirrt und durcheinander, dass mir nichts mehr logisch erschien, jede Kleinigkeit war für mich ein neuer Grund für meinen Verdacht. Alles und nichts. Wenn sich die Sache in die falsche Richtung entwickelte, gefiel es mir nicht, aber wenn sie sich in die andere entwickelte, gefiel es mir auch nicht. Und – und ich musste damit aufhören! Wenn ich nicht aufhören würde, wenn die Leute mir weiterhin Schwierigkeiten machten, mich weiterhin einkreisten, mich an die Wand drückten und mir die Luft abschnitten und …“ (S. 143) 
Thompson hat sich in den über zehn Romanen vor „After Dark, My Sweet“ bereits eine gewisse Routine erarbeitet, was die stets verhängnisvollen Beziehungen seiner Protagonisten angeht. Auch in diesem Roman taumelt der Ich-Erzähler mit bewegter Vergangenheit von einer schwierigen Situation in die nächste, lässt sich auf die falschen Leute ein und hofft doch nur, mit Fay – trotz ihrer Fehler und Schwächen – ein neues Leben beginnen zu können. 
Der Autor erweist sich als guter Beobachter menschlichen Verhaltens, charakterisiert seine Figuren durchaus tiefgründig, treibt die Handlung temporeich und mit vielen Wendungen voran, würzt den Plot mit gewohnt pointierten Dialogen und wartet mit einem überraschenden Finale auf. 
Auch wenn „After Dark, My Sweet“ nicht den allerbesten Noir aus Thompsons Feder darstellt, unterhält der Roman von Anfang bis Ende auf hohem und wurde 1990 von James Foley mit Rachel Ward, Jason Patric und Bruce Dern in den Hauptrollen verfilmt. 

 

Dave Zeltserman – „Small Crimes“

Freitag, 10. September 2021

(Pulp Master, 340 S., Tb.) 
Nachdem er den Bezirksstaatsanwalt Phil Coakley mit dreizehn Messerstichen ins Gesicht für immer fürchterlich verunstaltet hatte, durfte der korrupte Cop Joe Denton sieben Jahre im Gefängnis seiner Heimatstadt Bradley absitzen, wo er kurz vor seiner Entlassung noch eine Partie mit dem Gefängnisdirektor Morris Smith spielt. Dass Denton nach so kurzer Zeit auf Bewährung entlassen wird, hat er vor allem der Tatsache zu verdanken, dass er damals seinen Boss, Dan Pleasant, und den hinter ihm stehenden Polizeiapparat nicht verpfiffen hatte. Dabei hat Denton durchaus noch mehr auf dem Kerbholz, als ihm damals in der Verhandlung zur Last gelegt worden war. 
Eigentlich will Denton nun verlorene Zeit nachholen, vor allem mit seinen beiden Töchtern. Doch wie er von seinen Eltern, bei denen er nach seiner Entlassung einzieht, erfahren muss, hat seine Ex-Frau Elaine mit den Kindern die Stadt in Richtung Albany verlassen und will nichts mehr von ihm wissen. Allerdings hängt Denton noch seine Vergangenheit nach. Sein alter Chef hat zwar ein Päckchen mit sechstausendfünfhundert Dollar und Papiere für ihn, die Denton offiziell nach zwanzig Dienstjahren mit 3460 Dollar monatlich in Pension gehen lassen, aber er hat noch einen schmutzigen Job zu erledigen: Während der örtliche Mafiaboss Manny Vassey mit Krebs im Endstadium im Krankenhaus auf sein letztes Stündlein wartet, liest ihm Coakley täglich aus der Bibel vor und versucht dem Todkranken ein Geständnis abzuluchsen. Das würde nicht nur für Denton, sondern auch für seine ehemaligen Kollegen und vor allem für Pleasant mehrere Jahre Knast bedeuten. Bevor Vassey irgendetwas ausquatscht, soll Denton zeitnah entweder Vassey oder Coakley ins Jenseits befördern. Da kommt ihm die Bekanntschaft mit der Krankenschwester Charlotte Boyd gerade recht. 
Denton versucht, sie dazu zu bewegen, Vassey eine tödliche Dosis Morphium zu spritzen, doch inzwischen versucht auch Vasseys psychopathischer Sohn Junior, seinen alten Herrn vor unbequemen Besuchen zu beschützen. Doch Denton ist guter Dinge, dass sich trotz aller Schwierigkeiten die Geschichte zu seinen Gunsten entwickelt … 
„Es gab keinen Grund zur Beunruhigung. Manny würde sich bald verabschieden, und fertig. Dan Pleasant würde mir nicht länger im Nacken sitzen, Phil Coakley mit leeren Händen dastehen und Junior, tja, der war nach wie vor eine Baustelle. Um ihn musste sich irgendwie gekümmert werden. Es musste ihm heimgezahlt werden, dass er zweimal auf mich geschossen hatte. Mir würde schon etwas einfallen, und wenn alles vorbei war, würde ich woanders einen Neuanfang machen.“ (S. 206) 
Der von Noir-Autoren wie Jim Thompson und James M. Cain beeinflusste aus Boston stammende Schriftsteller Dave Zeltserman legt mit dem 2008 veröffentlichten Roman „Small Crimes“ einen temporeichen Thriller vor, der die Schwierigkeiten seines Ich-Erzählers thematisiert, nach einer glücklicherweise viel zu kurzen Haftstrafe sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Allerdings überwirft er sich nicht nur schnell mit seinen Eltern und seiner Ex-Frau, die ihm den Kontakt mit den gemeinsamen Kindern verbietet, sondern hat noch mit seiner kriminellen Vergangenheit zu kämpfen. 
Zwar wirkt der korrupte Ex-Cop nach seiner Entlassung etwas geläutert, doch braucht es nicht viel, bis er wieder zum Koks greift und die Menschen in seiner Nähe zu manipulieren versucht. 
Sympathieträger sucht man in „Small Crimes“ vergebens. Zeltserman versieht seine sprachlich recht einfach gestrickte Geschichte vor allem mit viel Action, die Denton in immer schwierigere Situationen manövriert, die oft nur mit Gewalt und Verrat zu lösen sind. Das ist ebenso spannend wie unterhaltsam, doch überzieht Zeltserman am Ende etwas den Bogen mit einem zu unglaubwürdigen Finale. Wer aber auf ebenso flüssig zu lesende wie temporeiche Thriller-Kost steht, wird an „Small Crimes“ viel Freude haben.  

Hari Kunzru – „Red Pill“

Samstag, 4. September 2021

(Liebeskind, 352 S., HC) 
Mit seinen Romanen „Götter ohne Menschen“ und „White Tears“ hat sich der britische Autor Hari Kunzru bereits als einer der interessantesten Stimmen innerhalb der Gegenwartsliteratur präsentiert. Nun legt er mit „Red Pill“ einen vielschichtigen Roman vor, der nicht von ungefähr auf die Wahl zwischen den Pillen im Science-Fiction-Klassiker „The Matrix“ verweist. 
In seinem neuen Roman schickt Kunzru seinen Protagonisten auf eine wilde Odyssee der Selbstfindung, die von Paranoia, Verschwörungstheorien und medialer Manipulation geprägt wird. Ein amerikanischer Schriftsteller in den mittleren Jahren, seit fünf Jahren mit der Menschenrechtsanwältin Rei verheiratet, mit der er und ihrer gemeinsamen dreijährigen Tochter in Brooklyn lebt, erhält ein dreimonatiges Stipendium für den Aufenthalt der in Berlin Wannsee Kulturstiftung Deuter Zentrum für Sozial- und Kulturforschung. Hier versucht er, nicht nur seine Schreibblockade zu durchbrechen, sondern auch seine Ehe zu retten, die – wie er glaubt - unter seiner mangelnden Inspiration und Produktivität leidet. 
Doch während die Akademie ihrem Gründer, einem ehemaligen Wehrmachtsoffizier, der als vermögender Industrieller das Ziel verfolgte, „das volle Potenzial des individuellen menschlichen Geistes“ zu fördern, Werte wie Offenheit und Transparenz proklamiert, sieht sich der US-Amerikaner gezwungen, in einem Arbeitsraum mit den anderen Stipendiaten zu schreiben und an gemeinsamen Abendessen teilzunehmen. Schließlich gewinnt er den Eindruck, dass sein Zimmer überwacht wird. Statt sich mit der unerwarteten Arbeitssituation zu arrangieren, unternimmt der Schriftsteller lange Spaziergänge in Wannsee, wo einst die Nazis die Vernichtung der Juden beschlossen haben, streamt in seinem Zimmer die Cop-Serie „Blue Lives“, dessen Showrunner er zufällig bei einer Gala anlässlich der Berlinale kennenlernt und der sich für den Stipendiaten als ultrarechter Verschwörer erweist, dessen Ambitionen er beim Durchforsten verschiedener Blogs und Foren zu entschlüsseln versucht. 
Als der Schriftsteller das Deuter-Zentrum verlassen muss, fliegt er jedoch nicht nach Hause, wo sich seine Frau zunehmend Sorgen um seine geistige Verfassung macht, sondern folgt Anton nach Paris und Schottland, fest dazu entschlossen, alles zu tun, um die Sicherheit seiner Familie zu gewährleisten. Denn wenn man Anton seine Pläne verwirklichen lässt, ist sich der Schriftsteller sicher, wird die Welt nicht mehr so sein wie zuvor … 
„Ich glaube, wir haben alle einen Ort, ein geistiges Labor, an dem wir mit Gedanken experimentieren, die zu fremd oder zu zerbrechlich sind, um offen gezeigt zu werden. Ich glaube, dass wir diesen Ort schützen müssen, um uns wie Menschen zu fühlen. Er schrumpft, sein Spielraum wird durch Techniken der Voraussage und Kontrolle eingeschränkt, durch das unheilvolle Gebot der sozialen Medien, Dinge zu teilen.“ (S. 322) 
Vordergründig erzählt Kunzru, der 2016 selbst zu Gast an der American Academy in Berlin Wannsee gewesen und wie sein Protagonist Sohn eines indischen Vaters und einer britischen Mutter ist, die Geschichte eines Mannes, der eine elementare Sinn- und Schaffenskrise zu bewältigen versucht, aber in dem geschichtsträchtigen Deuter-Zentrum schnell sein eigentliches Ziel aus den Augen verliert. Er ist von Heinrich von Kleists Selbstmord ebenso gefesselt wie von der brutalen Cop-Serie „Blue Lives“, wird durch die Bekanntschaft des faszinierenden und undurchschaubaren Anton aber zunehmend aus der Bahn geworfen. 
Kunzru beschreibt auf eindringliche Weise, wie leicht unsere wie selbstverständlich wirkenden liberalen, demokratischen Werte über Bord geworfen werden können. In einem eigenen Abschnitt erzählt der Autor die Geschichte von Monika, der Putzfrau im Deuter-Zentrum, die in der DDR aufgewachsen ist, sich der dortigen Punk-Bewegung angeschlossen hat und schließlich als mutmaßlicher Stasi-Spitzel denunziert wurde. Von den Gräueln des Nazi-Regimes über das Wirken der Stasi-Diktatur bis zu dem Abend, an dem Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde, entwickelt Kunzru das beunruhigende Bild einer Gesellschaft, in der die Menschen zunehmend bereit sind, sich vorschnell über die sozialen Medien manipulieren und instrumentalisieren zu lassen und so die liberale Werteordnung verraten, um rassistischen und nationalistischen Kräften das Feld zu überlassen. 
Zwar wirkt „Red Pill“ nicht sehr einheitlich in seiner Form, springt Kunzru doch sehr oft bei Ort und Zeit, Ton und Thema hin und her, aber die beunruhigende Botschaft des Romans wirkt lange nach.