John Grisham – „Das Talent“

Montag, 15. November 2021

(Heyne, 398 S., HC) 
Mit seinen erfolgreich verfilmten Bestsellern wie „Die Firma“, „Die Akte“, „Die Jury“, „Der Klient“, „Der Regenmacher“ und „Die Kammer“ hat sich John Grisham Anfang der 1990er Jahre zum Shooting-Star des Justiz-Thrillers geschrieben. Doch statt jedes Jahr einfach einen weiteren spektakulären Fall vor Gericht zu präsentieren, hat er sich immer wieder gelegentlich eine „Auszeit“ genommen, um Romane zu schreiben, die von ihm geliebte Sportarten thematisierten. 
Nach „Der Coach“, „Touchdown“ und „Home Run“ legt der ehemalige Rechtsanwalt mit „Das Talent“ nun seinen vierten Roman in diesem Genre vor und erzählt die Geschichte eines siebzehnjährigen südsudanesischen Basketball-Spielers, der in den USA Karriere machen will. 
In der südsudanesischen Hauptstadt Juba gilt der siebzehnjährige Samuel Sooleymoon mit seinen 1,88 Meter Körpergröße als vielversprechender Point Guard, der über eine immense Schnelligkeit und Sprungkraft bekannt war, aber kaum den Korb von der Dreierlinie traf. Er wuchs in einem Dorf namens Lotta bei Rumbek, einer Stadt mit 30.000 Einwohnern, auf, und hat sein Leben meist mit Basketball und Fußball verbracht, während sein Vater Ayak in einer offenen Hütte, die als Schule galt, unterrichtete und seine ebenfalls hochgewachsene Mutter Beatrice sich als Hausfrau um den Garten und die Erziehung von Samuel und seinen beiden jüngeren Geschwistern James, Chol und Angelina kümmerte. Als Samuel eingeladen wird, in Juba an einem U18-Turnier teilzunehmen, macht er auf den Talentscout Ecko Lam einen so guten Eindruck, dass er tatsächlich zu Showturnieren in den USA eingeladen wird. 
Bei dem Turnier in Orlando gewinnt die südsudanesische Auswahl etliche Spiele, doch der Erfolg wird von der Nachricht überschattet, dass Rebellen Samuels Dorf zerstört haben. Wie sich später herausstellt, ist Samuels Vater bei dem Überfall umgekommen, während Angelina verschleppt worden ist und Beatrice mit den beiden Jungen in ein ugandisches Flüchtlingslager entkommen konnte. Samuel bleibt nach dem Turnier in den Staaten, wo der mit Ecko Lam befreundete Coach Lonnie Britt versucht, Samuel in die Auswahl zum NBA-Draft zu bekommen, und die Rechtsanwältin Ida Walker alle Hebel in Bewegung setzt, Samuels Familie ein Visum für die USA zu besorgen. Doch dazu muss Samuel seinen Highschool-Abschluss machen und Geld verdienen. Noch steht allerdings nicht fest, ob er tatsächlich das Zeug zum NBA-Profi hat. Die Gedanken an das Schicksal seiner Familie lassen Sooley, wie Samuel bald von seinen Fans genannt wird, nicht los … 
„Wenn im Wohnheim Nachtruhe herrschte und alles still war, saß er auf seinem Bett und durchforstete das Internet. Gelegentlich stieß er auf Fotos von Rhino Camp – Beatrice hatte gesagt, sie seien in Rhino South – und musterte angestrengt die Gesichter Hunderter Südsudanesen, in der verzweifelten Hoffnung, seine Mutter, James oder Chol zu entdecken. Immer noch klammerte er sich an den Gedanken, dass Angelina irgendwo dort war und nach ihrer Familie suchte.“ (S. 165) 
Bevor John Grisham eine Karriere als Rechtsanwalt und schließlich Bestseller-Autor einschlug, spielte er wie viele amerikanische Jungen davon, Profisportler zu werden, doch fehlte ihm das Talent, Baseball, American Football oder auch Basketball professionell zu spielen. Während Grishams bisherigen Sportromane „Der Coach“, „Touchdown“ und „Home Run“ aber noch einen gewissen Unterhaltungswert hatten, dümpelt die Story von „Das Talent“ leider über weite Strecken eher unspektakulär dahin. Dabei kommt das anfänglich noch etwas ausführlicher geschilderte Flüchtlingsdrama von Samuels Familie viel zu kurz. Stattdessen fokussiert sich Grisham auf die unglaubliche Karriere des südsudanesischen Jungen, der in kürzester Zeit nicht nur über zwei Meter groß wird, sondern dank unermüdlichen Trainings auch zum Matchwinner seiner College-Mannschaft wird, deren Siegesserie kein Ende zu nehmen scheint. 
Ein Großteil der Handlung nimmt dabei leider die Beschreibung der Spielverläufe ein, was für Nicht-Basketball-Fans schnell zur Zumutung wird. Vor allem leidet darunter die Intensität der an sich aufreibenden Schicksale des Basketball-Talents auf der einen und seiner im Flüchtlingslager verharrenden Familie auf der anderen Seite. Grisham beschränkt sich hier auf sehr sachliche, spröde Beschreibungen, die es der Leserschaft schwermachen, wirkliche Anteilnahme am Schicksal der Figuren aufzubringen. 
Das dramatische Finale ist letztlich wenig überzeugend gelungen, passt aber zu Grishams ohnehin unterdurchschnittlichen Werk. Er sollte besser bei seinen Justiz-Thrillern bleiben oder mehr Empathie für seine Figuren aufbringen, wenn es um eher emotionale Geschichten geht.  

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