Mittwoch, 5. April 2017

Ian McEwan – „Kindeswohl“

(Diogenes, 224 S., HC)
Die 59-jährige Fiona Maye ist eine angesehene Familienrichterin am High Court in London und seit dreißig Jahren mit dem 50-jährigen Geschichtsprofessor Jack verheiratet. Weil er noch einmal die große Leidenschaft und Ekstase erleben will, bahnt er eine Affäre mit der 29-jährigen Statistikerin Melanie an, will seiner Ehe aber zuvor noch die Chance geben, das alte Feuer wiederzubeleben. Fiona fühlt sich durch diese Konfrontation nur gedemütigt und stürzt sich umso mehr in ihre Arbeit. Insofern trifft es sich ganz gut, dass sie mit einem außerordentlich dringenden Fall betraut wird.
Der 17-jährige Adam Henry ist schwer an Leukämie erkrankt und könnte gerettet werden, wenn er neben der obligatorischen Medikamenteneinnahme auch eine Bluttransfusion bekäme.
Doch das lehnen seine Eltern aus religiösen Gründen streng ab. Bei den Zeugen Jehovas ist es verboten, fremdes Blut „in den Körper aufzunehmen“, wie es ihrer Meinung im griechischen und hebräischen Originaltext der Bibel heißt.
Zwar kann Adam in drei Monaten, wenn er 18 wird, selbst über seine ärztliche Behandlung entscheiden, doch bis dahin liegt es an Fiona, eine Entscheidung zu fällen, ob den Eltern gestattet werden darf, ihren Sohn aus religiösen Gründen qualvoll sterben zu lassen, oder ob dem Krankenhaus als klagende Partei gestattet werden darf, die erforderlichen lebensrettenden Maßnahmen einzuleiten.
„Entweder, dachte Fiona, während ihr Taxi auf der Waterloo Bridge im Stau stand, geht es hier um eine Frau am Rande eines Nervenzusammenbruchs, die sich von ihren Gefühlen zu einer beruflichen Fehlentscheidung hinreißen lässt, oder darum, ob ein Junge durch das Einschreiten eines weltlichen Gerichts dem Glaubenssystem seiner Sekte entrissen wird oder nicht. Beides zugleich schien ihr nicht möglich.“ (S. 99) 
Um sich selbst ein Urteil darüber zu bilden, ob sich der junge Mann der Konsequenzen seiner Entscheidung (und damit auch der Eltern) in Gänze bewusst ist, besucht Fiona den Patienten im Krankenhaus …
Wie gewissenhaft Fiona Maye mit den Scheidungen, Unterhalts- und Sorgerechtsfällen umgeht, die sie zu verhandeln hat, macht der in London lebende Bestseller-Autor Ian McEwan („Abbitte“, „Am Strand“) in seinem kurzen Roman „Kindeswohl“ mit vielen eindrucksvollen Beispielen deutlich, die die renommierte Juristin in der Vergangenheit verhandelt hat.
Besonders knifflig sowohl in juristischer als auch moralischer Hinsicht gestaltet sich die zeitlich drängende Entscheidung zum Kindeswohl bei dem Zeugen Jehovas Adam, bei dem die gewissenhafte Richterin sogar selbst mit dem todkranken Patienten spricht, um herauszufinden, wie sehr seine Einstellung von der religiösen Erziehung seiner Eltern abhängt, auch wenn sie sein eigenes Todesurteil bedeutet. Fiona fällt schließlich eine Entscheidung, die ungeahnte Konsequenzen mit sich bringt.
Die Stärken von „Kindeswohl“ liegen vor allem in der umfassenden Darstellung der Frage, wie zwischen säkularem und kirchlichem Recht entschieden werden soll, vor allem die minutiös beschriebene Gerichtsverhandlung mit der Argumentation beider Parteien stellt einen außergewöhnlichen Höhepunkt des Romans dar. Dagegen erscheint die weniger tiefgehende Ehekrise eher nebensächlich und weicht die Intensität des lebensbedrohlichen Dramas auf.
Auch die scheinbar wahllose Aneinanderreihung anderer an sich interessanter Fälle aus Fionas Gerichtspraxis wirkt der Dramaturgie der Erzählung etwas entgegen, aber ohne dieses aufbauschende Begleitmaterial wäre „Kindeswohl“ eben nur eine Kurzgeschichte geworden.
Leseprobe Ian McEwan - "Kindeswohl"

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