Samstag, 31. August 2013

Tony O’Neill – „Sick City“

(Heyne, 398 S., Tb.)
Nach vier Jahren, die Jeffrey mit seinem spendablen Liebhaber Bill zusammengelebt hat, stirbt der alte Mann an Herzversagen und hinterlässt einen ratlosen Junkie. Die Tatsache, dass Bill einst ein Cop gewesen war, der als einer der ersten Polizisten am Tatort der Sharon-Tate-Morde gewesen ist, bietet ihm die einmalige Chance für einen Neuanfang.
Jeffrey räumt den einen Safe des alten Mannes leer - Bargeld, Kokain, Marihuana und eine Pistole -, dann einen weiteren mit einer externen Festplatte, CD-ROMs und noch mehr Drogen. Doch der wahre Schatz verbirgt sich in einer alten Filmdose, die das letzte Zeugnis des Lebens der Hollywood-Ikone Sharon Tate darstellt. Mit diesen Habseligkeiten begibt sich Jeffrey in die Entzugsklinik des Fernseh-Therapeuten Dr. Mike, der in seiner Sendung „Detoxing America Prominente beim Drogen-Entzug begleitet. Dort teilt er sich das Zimmer mit dem nun mittellosen Randal, dem verwöhnten Spross einer Hollywood-Familie. Gemeinsam schmieden die beiden den Plan, nach ihrem Entzug den brisanten Sharon-Tate-Film an einen exzentrischen Sammler zu verkaufen.
 „Seit er Jeffrey zuletzt gesehen hatte, nagte die Idee, den Sexfilm zu verkaufen, an Randal. Der Gedanke daran hatte ihm geholfen, den Stumpfsinn des täglichen Lebens in der Ebtzugsklinik zu ertragen, dank ihm hatte er all die sinnlosen, luftleeren Meetings mit Beratern und den sogenannten Life Coaches durchgestanden. Der Film selbst hatte in seiner Vorstellung die Kraft eines Glücksbringers. Er stellte für ihn die Chance dar, endlich aus seinem kaputten Leben in Hollywood aussteigen und woanders neu beginnen zu können.“ (S. 238) 
Doch mit dem Verkauf des Sammlerstücks ist es nicht getan. Randal und Jeffrey wollen sich die Vermittlungsprovision sparen und den Deal anderweitig unter Dach und Fach bringen. Damit lösen die beiden Junkies aber nur eine weitere Reihe von Drogen- und Sexexzessen aus, Blutvergießen inklusive.
Der ehemalige Marc-Almond-Keyboarder und Punk-Band-Musiker Tony O’Neill hat seine Drogenerlebnisse bereits in seinem Debütroman „Digging the Vein“ (2006) verarbeitet, aber auch sein vier Jahre später erschienenes Werk „Sick City“ dreht sich eigentlich nur um das Leben mit der Sucht. Die Krimihandlung dient dabei als roter Faden für das chaotische Treiben der beiden Anti-Helden, die erfahren müssen, dass auch ein Millionengewinn keine Erlösung bedeutet, sondern einfach das massivere Konsumieren von noch mehr Drogen. Natürlich gehören auch eine Menge Sex in den verzweifeltsten, brutalsten Variationen dazu, die Ermordung von Dealern und das Ableben von schönen Transvestiten.  
Tony O’Neill beschreibt in „Sick City“ alle schaurigen Nebenwirkungen der Drogenexzesse auf mehr als anschauliche, ungeschönte Art. „Sick City“ ist die lautmalerische Chronik zerstörter Existenzen und rechnet scharf mit den selbst proklamierten Heilsbringern ab. Das ist abschreckend und unterhaltsam zugleich, denn bei allem Elend, das O’Neill beschreibt, lässt er seinen makabren Humor nie zu kurz kommen.
Leseprobe: Tony O'Neill – “Sick City”

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