Sonntag, 18. August 2013

Daniel Woodrell – „Im Süden – Die Bayou Trilogie“

(Heyne, 651 S., Tb.)
Der amerikanische Schriftsteller Daniel Woodrell wurde hierzulande vor allem durch zwei Verfilmungen seiner Romane bekannt, „Wer mit dem Teufel reitet“ von Ang Lee (1999) und „Winters Knochen“ von Debra Granik (2010). Nachdem seine ersten drei Romane lange Zeit vergriffen waren, hat der Heyne-Verlag die drei Romane „Cajun Blues“ (1986), „Der Boss“ (1988) und „John X“ (1992), die ab Mitte der 90er Jahre bei Heyne und Rowohlt veröffentlicht worden sind, erstmals komplett in dem Band „Im Süden“ zusammengefasst.
Gemeinsam ist den drei Romanen der Ort, an dem sie angesiedelt sind, nämlich in der fiktiven Bayou-Gemeinde St. Bruno, die in den schwülen Sümpfen Louisianas liegt, und Detective Rene Shade, der es in seinen Fällen vor allem mit Glücksspiel und Korruption zu tun hat.
In „Cajun Blues“ ist Jeff Cobb nach Saint Bruno gekommen, um in den fetten Geldtopf der Stadt zu greifen. Von seinem Vetter Duncan und Pete Ledoux erhält er den Auftrag, einen Nigger kaltzumachen, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Wenig später wird Alvin Rankin, Hoffnungsträger der Demokratischen Partei, tot in seinem Haus aufgefunden, dann muss auch Teejay Crane dran glauben. Diesmal wurde aber ein junger blonder Mann in der Nähe des Tatorts gesehen, was für ein schwarzes Viertel ungewöhnlich genug ist.
„Der blonde Kerl hatte offensichtlich Eindruck gemacht. Man erinnerte sich an ihn, und Shade hatte keinerlei Schwierigkeiten, seine Route vom Olde Sussex Theatre bis zur Second Street zu verfolgen. Er brauchte nur an die Fenster zu klopfen und Leute auf der Straße zu fragen, ob sie einen panischen jungen Weißen mit irrem Blick gesehen hätten. In der Gegend wohnten zwar nicht nur Schwarze, aber sie beherrschten das Bild. Die wummernden Bässe, die aus den Stereoanlagen dröhnten, waren sepiafarbene Kunst, und selbst die Stimmen der weißen Anwohner klangen wie schwarzer Rap. Alle erinnerten sich an den Blonden, sagten aber nicht viel, sondern deuteten nur nach ‚da lang‘ – zum Fluss hinunter.“ (S. 144) 
Shade findet aber bald heraus, dass der gesuchte blonde junge Mann nicht allein für die Morde verantwortlich gewesen ist. Bei seinen Nachforschungen stößt er in ein Wespennest, das die wirtschaftlichen und politischen Spitzen der Stadt aufscheucht …
In „Der Boss“ will Shade gerade mit seiner Freundin Nicole für eine Woche zum Angeln in die Ouachitas aufbrechen, da muss er sich um die Leiche des Streifenpolizisten Gerald Bell kümmern. Der Fall ist deshalb so heikel, weil Bell nebenbei auch abkassierte, u.a. für den Cop Shuggie Zech, der Shade bei diesem Fall als Partner zugeteilt wird. Wie Shade von seinem Captain ganz offen mitgeteilt wird, war Bell an einem Spiel beteiligt, bei dem er eigentlich auf die Tür achten sollte. Stattdessen konnten drei maskierte Räuber unbehelligt die Runde der prominenten Spieler aufmischen und dabei eine Menge Bares kassieren. Shade bekommt den Auftrag, die Polizistenmörder nicht nur zu finden, sondern gleich kaltzumachen …
In „John X“ ist Rene Shade nach den unerfreulichen Ereignissen rund um seinen letzten Fall vom Dienst suspendiert worden und konzentriert sich nun auf das Familienleben und eine mögliche Hochzeit mit seiner schwangeren Freundin Nicole. Doch im Mittelpunkt der Ereignisse steht John X Shade, der Vater von Rene, Tip und Francois. Seine Frau Randi lässt ihn mit der zehnjährigen Tochter Etta sitzen und mit der Nachricht, dass sie Geld vom Killer Lunch gestohlen hat, um ihre Träume von einer Gesangskarriere verwirklichen zu können. Um nicht gleich in Lunchs Schusslinie zu geraten, flieht der alte Mann mit den unruhigen Händen und wässrigen Augen samt Etta nach St. Bruno zu seinen Söhnen, wo er sich mit organisierten Pokerrunden über Wasser halten will. Doch Lunch hat längst Witterung aufgenommen …
Die drei Romane der „Bayou“-Trilogie, denen bis heute leider keine Fortsetzung mehr gefolgt ist, sind vordergründig Krimi-Dramen vor einer außerordentlichen Kulisse. Aber das eigentliche Thema bei Woodrell sind die Menschen, die jeder auf ihre Weise ihr Päckchen zu tragen oder auch mehr oder weniger Schuld auf sich geladen haben. Die familiären Strukturen sind aufgebrochen und liegen in Trümmern. Stabile Ehen wurden für gelegentliche Abenteuer oder dauerhafte Affären aufs Spiel gesetzt, was immer wieder zu offenem Misstrauen, Hass und brutaler Gewalt führt. Der Autor füllt die Biografien seiner Figuren mit unzähligen humorvollen wie tragischen Anekdoten und lässt sie äußerst lebendig werden. Woodrells (Anti-)Helden betäuben die ermüdende Tretmühle ihres Daseins mit Alkohol, Gewalt, Glücksspielen und Sex. Erlösung ist nirgends in Sicht. Aus der Konstellation all dieser bemerkenswerten, irgendwie trostlosen Einzelschicksale knüpft Woodrell einen Sog aus klarer, Details ausschmückender Sprache und Geschichten, die nie ein gutes Ende nehmen. Und doch hofft der Leser nach jeder der drei Storys, dass ein besseres Leben für alle Beteiligten doch irgendwie noch möglich sein kann …
Leseprobe Daniel Woodrell - „Im Süden“

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