Samstag, 21. Februar 2015

Reif Larsen – „Die Karte meiner Träume“

(S. Fischer, 447 S., HC)
Der zwölfjährige Tecumseh Sparrow Spivet lebt auf der Coppertop Ranch nahe der winzig kleinen, von den Pioneer Mountains umgebenden Stadt Divide, Montana, als er einen Anruf erhält, der sein noch so junges Leben für immer verändern sollte. Am anderen Ende der Leitung meldet sich ein gewisser G. H. Jibson, Kustos für Illustration und Design am berühmten Smithsonian, und teilt T. S. mit, dass er den Baird-Preis für herausragende Leistungen in der populären Vermittlung wissenschaftlicher Sachverhalte gewonnen hat.
Spivets Mentor Dr. Yorn hat dem Institut ein Portfolio des leidenschaftlichen Kartographen vorgelegt, der die Tradition des Namens Tecumseh in der Spivet-Familie ebenso in Karten und Diagrammen festhält wie den Whiskykonsum seines Vaters, die Entstehung von Wurmlöchern in Iowa, das Vergehen der Zeit oder wie erwachsene Männer tanzen.
Der junge Spivet nimmt die Einladung nach Washington an, verrät dem Kustos allerdings nicht, dass er noch ein Kind ist, noch unterrichtet er seine etwas aus der Art geschlagene Familie von seinen Reiseplänen. Der Junge bringt einen Güterzug zum Stehen, indem er eine Signallampe rot anmalt, und macht sich auf eine abenteuerliche Reise, während der er das Tagebuch seiner Mutter liest. Während der Reise lernt der Leser nicht nur die Familiengeschichte der Spivets kennen - den schweigsamen, an Ritualen hängenden Vater, der die Ranch betreibt, die Mutter, die als Wissenschaftlerin einem nicht existierenden Käfer nachjagt, und die beiden Geschwister Gracie und Layton, der bei einem tragischen Unfall verstorben ist -, sondern auch warum und was T. S. Spivet alles in Diagrammen festhält.
„… seit der Steinzeit stellten die Menschen nun schon Dinge in Bildern dar, auf Höhlenwänden, im Staub, auf Pergament, auf Bäumen, Esstellern, Servietten, ja sogar auf der eigenen Haut, und einzig und allein zu dem Zweck, dass wir uns erinnern konnten, wo wir gewesen waren, wohin wir wollten und wohin wir gehen sollten. Tief in uns steckt der Wunsch nach solchen Wegweisern, nach Koordinaten, nach Absichtserklärungen, die uns aus dem Wust unseres Hirns herausführten, die sichtbar wurden in der wirklichen Welt. Seit meinen ersten Diagrammen davon, wie man Gott die Hand schüttelt, hatte ich gelernt, dass eine Darstellung nicht das Dargestellte selbst ist, doch konnte man sagen, genau dieser Zwiespalt war ja das Gute daran: der Unterschied zwischen einer Karte und dem Land selbst gab uns den Abstand, um unseren Platz in der Welt zu bestimmen.“ (S. 67) 
Gleich mit seinem Debütroman „Die Karte meiner Träume“ ist dem damals 28-jährigen New Yorker Reif Larsen 2009 ein ganz großer Wurf gelungen, der zeitgleich in 30 Ländern veröffentlicht und 2014 kongenial von Jean-Pierre Jeunet („Die fabelhafte Welt der Amelie“) verfilmt worden ist.
Schon optisch hebt sich das Werk von anderen Romanen ab, ist es doch liebevoll mit Randnotizen, Karten, Diagrammen und Anekdoten verziert, die das Lesen selbst zu einem Abenteuer machen und den Blick immer wieder von der eigentlichen Romanhandlung abschweifen lassen. „Die Karte meiner Träume“ ist ein Coming-of-Age-Roman der etwas anderen Art.
Er erzählt die Geschichte eines Jungen, der wie ein Fremdkörper in seiner eigenen Familie wirkt und der auf seiner Güterzugreise nach Washington auch zu sich selbst findet. Die Geschichte hat durchaus ihre Längen, aber durch den Charme, den der wissbegierige Ich-Erzähler ausströmt, bleibt der Leser gern am Ball, denn so liebevoll ist eine Geschichte über junge Persönlichkeitsentwicklung, Freundschaft, wissenschaftliche Neugierde, Schuld und Familie selten erzählt worden.
Leseprobe Reif Larsen - "Die Karte meiner Träume"

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