Mittwoch, 11. Februar 2015

Steve Tesich – „Ein letzter Sommer“

(Kein und Aber, 492 S., HC)
Auf die drei Freunde Daniel Price, Larry Misiora und Billy Freund – der immer nur Freud genannt wird - wartet 1960 in dem Industriestädtchen East-Chicago ein Sommer der Entscheidungen. Nach ihrem High-School-Abschluss wissen sie noch nicht, wohin es sie ziehen wird und welche Jobs sie annehmen sollen. Daniels Aufmerksamkeit ist erst einmal Rachel gewidmet, die gerade in die Nachbarschaft gezogen ist und in die sich Daniel sofort verliebt. Doch nach einem ersten vielversprechenden Kuss gestaltet sich die Beziehung zwischen ihnen schwierig. Rachel wechselt ihre Launen und Themen so schnell, dass sich Daniel nicht sicher sein kann, ob Rachel ihn auch tatsächlich so liebt wie er sie.
Und während Daniel ganz mit sich und seinen Gefühlen, seiner Verliebtheit, seinen Hoffnungen und Zweifeln beschäftigt ist, erkrankt sein Vater an Rückenmarkkrebs und erfordert die ganze Aufmerksamkeit seiner Mutter, die in Chicago als Putzkraft arbeitet und anschließend ihren Mann im Krankenhaus besucht. Währenddessen verlässt Larry die Stadt, ohne sich verabschiedet zu haben, und Billy nimmt sich die nicht so schlanke Patty als Freundin und richtet sich seine eigene Garage ein. Während Daniels Freunde den Weg in ihre Zukunft eingeschlagen haben, weiß Daniel immer noch nicht, woran er bei Rachel ist und wohin ihn sein Leben treibt.
„Ich vermisse mein früheres Leben. Ich vermisse, dass Freud sich auf mich lehnte und dass Misioras fiese blaue Augen auf Mrs. Deweys Veranda ihre Fiesheit verloren. Unser gemeinsamer Schulweg, unser Ringkampftraining, das vorletzte Schuljahr mit dem Gefühl, dass das nächste Jahr mein Jahr sein würde, all das vermisste ich. Ich wusste, wie es war, mit einem Mädchen zu schlafen, aber ich vermisste das Wunderbare daran und das luftige Gefühl offener Fenster in meinem Kopf, in dem sich inzwischen eine Dunkelkammer befand, in der jetzt Bilder und Szenen entwickelt wurden, wie ich sie mir in meinem früheren Leben nie hätte vorstellen können.“ (S. 314) 
Der 1942 in Serbien geborene, im Alter von vierzehn Jahren nach East Chicago, Indiana, übergesiedelte Steve Tesich hat etliche Drehbücher und Theaterstücke geschrieben (u.a. das mit einem Oscar ausgezeichnete Drehbuch zu „Vier irre Typen – Wir schaffen alle, uns schafft keiner“ und zur John-Irving-Adaption „Garp und wie er die Welt sah“), aber nur zwei Romane, ehe er 1996 an einem Herzschlag verstarb.
Sein Erstlingswerk „Ein letzter Sommer“ präsentiert sich als einfühlsamer Entwicklungsroman über einen 17-Jährigen, den eine Hassliebe mit seinem Vater verbindet und der auf schmerzliche Weise erfahren muss, dass die erste Liebe ebenso glücklich wie traurig und verzweifelt machen kann. Tesich versteht es dabei hervorragend, die emotionalen Wechselbäder seines jugendlichen Helden so poetisch und lebensnah zu schildern, als erlebe man selbst noch einmal jene Liebe, die den Maßstab bildet selbst für die reiferen Lieben, die noch folgen werden.
Tesich bleibt in seinem knapp 500-seitigen Roman aber nicht bei Daniel und Rachel, sondern beschreibt auch die schwierige Beziehung Daniels zu seinem Vater, die ihren schmerzhaften Höhepunkt erreicht, als sein Dad zum Sterben wieder nach Hause kommt. Am Ende findet Daniel aber doch seinen Weg, mit all diesen Schicksalsschlägen umzugehen. Bei aller Tragik und Verzweiflung webt Tesich immer wieder humorvolle Einfälle in die Geschichte seines Ich-Erzählers, den er mit viel Wärme, Sensibilität und Verständnis portraitiert.
Leseprobe Steve Tesich - "Ein letzter Sommer"

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