Samstag, 14. Februar 2015

Ray Bradbury – „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“

(Diogenes, 272 S., Tb.)
Kurz vor ihrem jeweils 14. Geburtstag fällt den beiden benachbarten Freunden James Nightshade und William Halloway ein Handzettel in die Hände, der für den morgigen 24. Oktober den Zirkus von Cooger & Dark ankündigt, einen bunten Rummelplatz und vielen Attraktionen wie der schönsten Frau der Welt, Mademoiselle Tarot, dem schwebenden Menschen, der Dämonen-Guillotine, Mr. Elektriko und dem illustrierten Mann. In der Nacht trifft der Zirkus mit dem Zug ein, wie Jim und Will mit freudiger Erregung beobachten, doch sie merken schnell, dass ungewöhnliche Dinge in der Stadt vorgehen: Der Friseur hat sein Geschäft wegen Krankheit geschlossen, auf dem Weg zum Zirkus entdecken sie die herrenlose Tasche des Blitzableiterverkäufers, der Jim zuvor noch einen Blitzableiter geschenkt hatte.
Besonders fasziniert sind sie von einem Karussell, das je nachdem in welche Richtung es sich dreht, die darauf fahrenden Menschen jünger oder älter macht. Allerdings werden Jim und Will bei ihrer Entdeckung selbst bemerkt und müssen nun um ihr Wohl fürchten. Wills Vater Charles entdeckt in der Bibliothek im Zeitungsarchiv Berichte über den Zirkus, wie er nachweisbar ab 1848 alle dreißig, vierzig Jahre im Oktober in die Stadt gekommen ist.
Schon hat Mr. Dark, der illustrierte Mann, die Spur der neugierigen Jungen aufgenommen und bietet ihnen Freikarten an. Zusammen mit Wills Vater versuchen die beiden Jungen, das Böse, das mit dem Zirkus in die Stadt gekommen ist, zu besiegen.
„Der Tod existiert nicht. Es hat ihn nie gegeben, es wird ihn nie geben. Aber wir haben von ihm so viele Bilder gemalt, all die Jahre hindurch, haben versucht, ihn festzuhalten, zu verstehen, dass wir ihn als Wesenheit ansehen, seltsam lebendig und gierig. Aber er ist nichts weiter als eine stehengebliebene Uhr, ein Verlust, ein Ende, Dunkelheit. Nichts. Und der Zirkus ist klug genug zu wissen, dass wir uns vor dem Nichts mehr fürchten als vor dem Etwas. Gegen ein Etwas kann man kämpfen. Aber … das Nichts?“ (S. 194). 
Kaum einer hat es je so eindringlich, einfühlsam und fantasiereich das Staunen von Kindern und Jugendlichen über die Wunder der Welt und des Lebens in Worte und Geschichten zu verpacken wie der amerikanische Schriftsteller Ray Bradbury („Die Mars-Chroniken“, „Fahrenheit 451“) in der Blütezeit seiner auch produktivsten Schaffensperiode zwischen den 50er und 60er Jahren.
In seinem auch von Disney verfilmten Roman „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ (1962) erzählt er eine wunderbare Halloween-Geschichte von zwei abenteuerlustigen Jungen, die unverhofft mit dem Bösen konfrontiert werden, das sich zunächst nur in Andeutungen und unheilvollen Hinweisen manifestiert, dann aber zunehmend bedrohlichere Formen annimmt. Hier verbindet Bradbury geschickt den Reifungsprozess heranwachsender Jungen mit der fantastischen Geschichte eines unheimlichen Zirkus, wobei Wills Vater die Jungen immer wieder mit faszinierenden Monologen über die großen Themen verzaubert und sie so zur Schwelle zum Erwachsenensein befördert.
Der 2012 verstorbene Schriftsteller verblüfft dabei mit einer wunderbar poetischen Sprache, bildgewaltigen Beschreibungen und wundersamen Assoziationen, die zum Träumen und Fantasieren einladen und Erinnerungen an jene goldenen Tage weckt, als man selbst noch unbeschwert und neugierig durch die Sommer und Herbste tanzte.

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