Jim Thompson – „Revanche“

Montag, 28. Februar 2022

(Diogenes, 208 S., Tb.) 
Patrick „Pat“ Cosgrove ist gerade mal dreiunddreißig Jahre alt und hat bereits fünfzehn Jahre seines Lebens im Zuchthaus von Sandstone wegen eines gescheiterten Bankraubs abgesessen. Da seine Eltern mittlerweile verstorben sind und seine Schwester nichts mehr mit ihm zu tun haben will, konnte Cosgrove vor fünf Jahren nicht die erste Gelegenheit für ein Berufungsverfahren nutzen, und sucht nun per Brief jemanden, der sich vor dem Berufungsausschuss für ihn einsetzt. 
Der Psychiater Dr. Roland Luther aus Capitol City setzt sich nicht nur für den jungen Mann ein, sondern besorgt ihm auch eine Unterkunft, teure Kleidung und einen leichten Job beim Straßenbauamt. Wie Cosgrove sofort vom Doc erfährt, praktiziert er seit Jahren nicht mehr, unterhält seine psychiatrische Klinik nur als Tarnung für seine krummen Geschäfte. Bereits die Gespräche, die Luther mit Senator Burkman und Myrtle Briscoe, der staatlichen Beauftragten für den Strafvollzug, führt, lassen bei dem ehemaligen Bankräuber das Gefühl aufkommen, dass Luther seinen Schützling für eine Mission braucht, über die er allerdings kein Wort verlauten lässt. 
Die Sache wird für Cosgrove aber vor allem in dem Moment brenzlig, als er sich sowohl mit Luthers attraktiver Sekretärin Madeline Flournoy als auch Luthers promiskuitiver Frau Lila einlässt und den Detektiv E.A. Eggleston tot an seinem Schreibtisch entdeckt und die Leiche verschwinden lassen muss, um nicht als Täter ins Visier zu gelangen … 
„Mein ganzes Leben war versaut worden. Das Beste, worauf ich jetzt hoffen konnte, war, dass ich meine Bewährung nicht verlor. Madeline war genauso verdorben und verbrecherisch wie der Rest, und sie würde genauso für alles bestraft werden. Aber … Ich wünschte mir, ich könnte aufhören, an sie zu denken.“ (S. 192)
Jim Thompson (1906-1977) zählt wie seine weit prominenteren Kollegen Raymond Chandler und Dashiell Hammett zu den wichtigsten Vertretern des Noir-Krimi-Genres, wurde als Drehbuchautor für Stanley Kubricks Frühwerke „Die Rechnung ging nicht auf“ und „Wege zum Ruhm“ bekannt, erlebte aber kaum noch mit, dass seine Romane „The Getaway“, „The Killer Inside Me“, „A Hell of a Woman“, „Pop. 1280“, „The Kill-Off“, „After Dark, My Sweet“ und „Grifters“ teilweise sehr erfolgreich von Regisseuren wie Sam Peckinpah, James Foley und Stephen Frears verfilmt wurden. Sein sechster Roman „Recoil“ entstand inmitten seiner produktivsten Zeit. 1953 erschienen neben diesem Roman noch drei weitere. Dabei bedient sich Thompson eines fast schon klassischen Noir-Plots: Ein völlig unbedarfter junger Mann kommt dank der Großzügigkeit eines einflussreichen Mannes zwar aus dem Gefängnis frei, begibt sich aber in eine schwer zu fassende Abhängigkeit, bei der gleich zwei Femmes fatale eine tragende Rolle spielen, aber natürlich auch die üblichen Verdächtigen in Form von korrupten Politikern und gierigen Detektiven und Anwälten. 
Die Geschichte wirkt aber unnötig kompliziert aufgebaut, lässt so die Motive der Beteiligten bis zum Ende nicht so recht erkennen, so dass der meist als Ich-Erzähler eingesetzte Cosgrove nur ahnen kann, was mit ihm geplant wird, denn keiner der Leute, die ihm vermeintlich Gutes tun, rückt mit der Sprache raus, bis Cosgrove eines Abends überraschend vor einer Leiche im Büro eines Detektivs steht. „Revanche“ ist sicher nicht der beste Roman von Thompson, fasziniert aber durch seine undurchsichtigen Figuren, die über dem ganzen Setting schwebende unheilschwangere Atmosphäre und einen Hoch knisternder erotischer Spannung. 

 

Jim Thompson – „Texas an der Kehle“

Samstag, 26. Februar 2022

(Ullstein, 144 S., Tb.) 
Als Sohn eines Verlegers von Sonderbeilagen hat es Mitch Corey nicht leicht gehabt und schon gar kein Gefühl dafür entwickelt, dass es die Menschen nicht gut mit ihm meinen könnten. Nach dem Tod seines Vaters verdiente sich Mitch seine Brötchen als Hotelpage und lernte dort Teddy kennen, die als Bilanzbuchhalterin einer Erdölgesellschaft gutes Geld verdiente. Teddy drängte ihn zur Heirat, wurde schnell schwanger und erklärte ihrem Mann, dass er sich um das Baby zu kümmern habe, während sie sich um den Lebensunterhalt kümmern würde. Doch als Mitch herausfand, dass seine verrückte Frau als Prostituierte arbeitete, war es mit der Liebe vorbei. 
Der gemeinsame Sohn Sam wuchs in einem Internat auf. Mittlerweile hat Mitch eine Karriere als Berufsspieler eingeschlagen und lernt Red kennen, die ihn so sehr liebt, dass sie ihm beim Abzocken von Würfelspielern hilft und ihn auch heiraten will. 
Das ist zwar auch ganz in Mitchs Sinne, doch ist er nach wie vor mit Teddy verheiratet, die sich ihr Stillschweigen über das Arrangement gut bezahlen lässt. So schrumpft das Vermögen, das sich Mitch und Red erspielt haben, auf dramatische Weise. Um wieder flüssig zu werden, erhält Mitch die Gelegenheit, eine Aktienoption bei dem Ölbaron Zearsdale wahrzunehmen, doch dafür fehlt ihm wieder das nötige Kapital. Nun muss er sich schnell eine lukrative Einnahmequelle erschließen, ohne dass Red davon etwas erfährt … 
„Er brauchte Texas mit der Rastlosigkeit, der Ungeduld und dem Selbstvertrauen seiner Menschen, deren Verhältnis zum Geld von der Freude am Risiko geprägt war. Hier musste er einsteigen. Wo die Menschen nicht wie in anderen Gegenden schlapp und ängstlich das Geld eingemottet auf der Bank alt werden ließen und lieber zu Bridgekarten griffen! Er hatte nur diese Chance.“ (S. 47) 
Mehr als zwanzig Jahre nach seinem Erstlings-Roman „Now and on Earth“ aus dem Jahre 1942 (2011 als „Jetzt und auf Erden“ in deutscher Erstveröffentlichung bei Heyne erschienen) hat Jim Thompson 1965 mit „Texas by the Tail“ einen humorvollen Noir veröffentlicht, der hierzulande erst als „Kalte Füße auf heißem Boden“ bei König (1973) und 1988 in gleicher Übersetzung als „Texas an der Kehle“ in der Krimi-Reihe von Ullstein erschien. Thompson hatte zuvor seine später erfolgreich verfilmten Romane „After Dark, My Sweet“, „The Getaway“, „The Grifters“ und „1280 schwarze Seelen“ geschrieben und einen Schlaganfall hinter sich.  
„Texas an der Kehle“ wartet zwar mit einigen Noir-Elementen auf, spielt aber geschickt und ironisch mit ihnen. So verkörpert Teddy die obligatorische Femme fatale, allerdings wird ihr eher eine Nebenrolle zugedacht, die vor allem in den häufig eingestreuten Rückblenden auftaucht, aber immerhin noch so großen Einfluss auf den Protagonisten ausübt, dass sich dieser auf gefährliche Missionen begibt, um zu kaschieren, dass das für die Hochzeit mit Red angesparte Kapital für unliebsame Erpressungszahlungen verwendet worden ist. Thompson beschreibt auf vergnügliche Art und Weise, wie Mitch und Red in Texas von Geld und Gier korrumpiert von einem Schlamassel ins nächste stolpern. Dabei webt der Autor in Rückblenden regelmäßig verschiedene Biografien ein und würzt seinen von spritzigen Dialogen geprägten Plot mit sinnlichen Anekdoten, die Mitch mit seinen beiden Frauen erlebt hat. Im Gegensatz zu Thompsons früheren Werken überwiegt hier die heitere Note und führt Mitch und Red nach einer abenteuerlichen Odyssee zu einem für einen Noir ungewöhnlichen Ende. 

 

Stephen Crane – „Geschichten eines New Yorker Künstlers“

Mittwoch, 23. Februar 2022

(Pendragon, 288 S., HC) 
Gerade mal 28 Jahre wurde der 1871 in Newark, New Jersey, geborene Stephen Crane, der für seine naturalistisch geschilderten Lebensentwürfe von Menschen bekannt wurde, die am Rande der Gesellschaft um ihre Existenz zu kämpfen hatten. Cranes Blick auf die Armen ist nicht zuletzt deshalb so bemerkenswert, weil er selbst als Sohn eines Methodisten-Predigers keine Not zu leiden hatte, sich früh für das Schreiben begeisterte und nach dem Tod seiner Eltern sein Studium abbrach, um als Journalist in New York vor allem über das Leben in den Slums der Stadt zu schreiben. Diese Erfahrungen brachte Crane in seinen ersten, 1893 veröffentlichten Roman „Maggie, a Girl of the Streets“ ein, der das Zentrum der Story-Sammlung „Geschichten eines New Yorker Künstlers“ bildet. Neben „Maggie, ein Mädchen von der Straße“ und dem damit korrelierenden Roman „Georges Mutter“ enthält das Buch viele Geschichten als deutsche Erstveröffentlichung. 
In der eröffnenden, 1902 erstmals veröffentlichten Titelgeschichte beschreibt Crane die Nöte einer Künstlergemeinschaft im New York der 1890er Jahre, das verzweifelte Warten auf ausstehende Honorarzahlungen, das Einteilen der kaum noch vorhandenen Nahrungsvorräte und das schwierige Haushalten mit dem wenigen Geld, das durch den Verkauf von Zeichnungen und Geschichten reinkommt. Dabei ist Crane gar nicht so penetrant darauf aus, Mitleid für seine Figuren zu erzeugen, doch führt seine einfühlsame Sprache genau dorthin. Wenn er beschreibt, wie Penny seine zwanzig noch verbliebenen Cent in zwei Stück Kuchen investiert, von denen er auch ein Stück dem alten Tim abgibt, zeichnet Crane nicht nur das triste Bild eines täglichen Überlebenskampfes. Er beschreibt damit ebenso, dass diese armen Menschen trotz ihrer Armut noch nicht ihre Würde und Nächstenliebe verloren haben. 
Besonders eindringlich ist Crane diese lebensnahe Schilderung in seinem Debüt-Roman „Maggie, ein Mädchen von der Straße“ gelungen, den Crane 1893 noch unter Pseudonym veröffentlichte. Mit Maggie Johnson, die mit ihrem Bruder Jimmie und ihren alkoholsüchtigen Eltern in einer schäbigen Mietskaserne in der Bowery aufwächst, sich in einer Textilfabrik mit dem Nähen von Kragen und Manschetten abmüht und sich in den großspurigen Pete verliebt, beschreibt Crane ein berührendes Schicksal, wie es viele Mädchen geteilt haben dürften, die von einem besseren Leben geträumt haben und bitter enttäuscht wurden. Ein ähnliches Schicksal teilt George Kelcey in dem Roman „Georges Mutter“. Es stellt sich heraus, dass er im selben Mietshaus wie Maggie wohnt, dass ihr Schicksal vielleicht einen anderen Weg eingeschlagen hätten, wenn ihre jeweiligen Träume sie nicht in die Irre geführt hätten. Denn so wie sich Maggie von Petes arroganten Getue blenden lässt, führt auch Kelceys Bedürfnis nach gesellschaftlicher Anerkennung nicht zu der erhofften Wende in seinem Leben. 
„Sein brummender Schädel brachte ihn zu der Einsicht, dass es Zeit war, sein Leben zu ändern. Sein Magen vermittelte ihm die Erkenntnis, dass die Weisheit darin lag, ein guter Mensch zu sein. Der Blick in die Zukunft gab jedoch wenig Anlass zur Hoffnung. Vor einer Rückkehr zum alten Trott graute ihm. Für die tägliche Müh und Plage war er nicht geschaffen. Er zitterte beim bloßen Gedanken daran. Doch auch der Weg durch die goldenen Pforte des Lasters hatte seinen Reiz verloren.“ (S. 181) 
Sowohl Maggie als auch George leiden massiv unter dem familiären Umfeld, in dem sie aufwachsen. Während Maggies Eltern im Alkohol die Flucht aus der bedrückenden Realität suchen, ist es bei Georges Mutter der Glauben, an den sie sich so fest klammert, dass sie immer wieder versucht, dass ihr Sohn sie in die Kirche und zur Betstunde begleitet. 
Crane schildert eindringlich den Kampf, den seine Figuren nicht nur ums Überleben, sondern auf dem Weg zum Glück bestreiten, ohne aber aus ihrem Milieu ausbrechen zu können. Selbst kleine Freuden wie ein zugelaufener Hund (in „Der kleine braune Hund“) oder die Teilnahme an einem Picknick („Das Picknick“) bringen nicht die erwünschten Veränderungen auf dem Weg zum Glück. Am Ende steht stets Ernüchterung und Enttäuschung über die geplatzten Träume und die erdrückende Einsicht, dass sich nichts ändern wird. 
Nachdem Pendragon im vergangenen Jahr mit „Die tristen Tage von Coney Island“ Stephen Crane der deutschsprachigen Leserschaft wieder nähergebracht hat, lädt auch „Geschichten eines New Yorker Künstlers“ dazu ein, tief in Cranes schriftstellerisches Können einzutauchen.  

Jim Thompson – „Der Verbrecher“

Sonntag, 20. Februar 2022

(Ullstein, 124 S., Tb.) 
Jim Thompson (1906-1977) gehört leider zu jenen Schriftstellern, die Zeit ihres Lebens längst nicht die Beachtung erfahren haben, die sie verdienten. Dass er bereits im Alter von 19 Jahren dem Alkohol verfallen war, einen Nervenzusammenbruch erlitt und 1935 für drei Jahre Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen ist, wirkte sich in der McCarthy-Ära nicht gerade förderlich für seine Karriere aus. Nachdem er seinen Lebensunterhalt mit True-Crime-Stories verdient hatte und erste Versuche scheiterten, in Hollywood Fuß zu fassen, veröffentlichte er Anfang der 1940er Jahre seine ersten Romane und hatte seine Blütezeit in den 1950er Jahren. Da schrieb er nicht nur die Drehbücher für Stanley Kubricks Frühwerke „Wege zum Ruhm“ und „Die Rechnung ging nicht auf“, sondern auch die Werke, die zumeist nach Thompsons Tod verfilmt wurden (u.a. „Getaway“, „Grifters“, „After Dark, My Sweet“). Zu den weniger bekannten Werken zählt der 1953 veröffentlichte Roman „The Criminal“, der bislang nur in der 1990 veröffentlichten Übersetzung von Olaf Krämer im Ullstein Verlag vorliegt. 
Der fünfzehnjährige Robert „Bob“ Talbert wird beschuldigt, die ein Jahr jüngere Nachbarstochter Josie Eddleman umgebracht zu haben. Als noch keine weiteren Grundstücke zwischen den Häusern der Talberts und Eddlemans bebaut waren, spielten die Kinder viel miteinander, doch kühlte das Verhältnis zwischen den Nachbarn merklich ab, als im Canyon Drive weitere Häuser entstanden. Während Jack Eddleman Karriere im Immobiliengeschäft gemacht hat, kommt Allen Talbert in Henleys Fliesenfirma nicht so recht voran. Der körperlich gut entwickelten Josie gefällt es, Jungen und Männern schöne Augen zu machen, und letztlich kann sich auch Bob nicht gegen Josies forsches Vorgehen wehren. 
Bob war auf dem Weg zum Golfplatz, um als Caddy etwas Geld zu verdienen und seinem Vater ein Geschenk kaufen zu können, als ihm Josie aufgelauert hat. Die Nachricht von ihrem Tod ist der Zeitung nur acht Zeilen wert, was den Chefredakteur aus der Haut fahren lässt. Er setzt seinen Reporter Donald Skysmith darauf an, die Geschichte auszuschlachten, während der bekannte Rechtsanwalt I. Kossmeyer versucht, den Jungen freizubekommen. Doch die öffentliche Meinung hat bereits ein Urteil gefällt … 
„Ich ging die Story noch mal durch. Und dieses Mal setzten die Zweifel ein, der Verdacht, den ich am Morgen hatte, begann zuzunehmen. Diese Menschen dachten, der Junge sei schuldig. Die, die ihn am besten kannten, seine eigenen Eltern, dachten, er sei schuldig. Wenn man versuchte, es auf den Punkt zu bringen, gab es keinen wirklichen Beweis.“ (S. 72) 
„Der Verbrecher“ liest sich fast wie eine der True-Crime-Stories, die Thompson zu Beginn seiner Karriere verfasst hat, wobei er die Geschichte aus der Perspektive verschiedener Beteiligter erzählt, beginnend mit dem Vater, der von dem nachbarschaftlichen Verhältnis zu den Eddlemans, seiner Arbeit in der Fliesenfirma und einem gemeinsamen Familienausflug berichtet, aber auch von einem Zwischenfall, bei dem Bob und Josie zusammen im Waschkeller der Talberts erwischt wurden. Thompson beschwört eine Atmosphäre von Neid, Gier und Verrat herauf, in der jeder der Beteiligten auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist und kein gutes Haar an möglichen Konkurrenten und Nebenbuhlern lässt. 
So wird der Mord an dem vierzehnjährigen Mädchen vor allem durch die Presse mächtig aufgebauscht, und Thompson nimmt sich entsprechend viel Zeit, um die Verhöre, die der mit der Situation völlig überforderte Angeklagte mit den Reportern und seinem Anwalt führt, zu schildern. Thompson selbst lässt allein seine Figuren zu Wort kommen und enthält sich jeder bewertenden Aussage. So entsteht das düstere Szenario eines Verbrechens, das von der Justiz nicht aufgeklärt werden kann, durch die Hetzkampagne in den Medien aber so stark manipuliert wird, dass der Junge letztlich keine Chance hat. Damit präsentierte der Autor bereits in den 1950er Jahren, über welch meinungsprägende Macht die Medien verfügen. 

 

Jim Thompson – „Liebe ist kein Alibi“

Freitag, 18. Februar 2022

(Heyne, 128 S., Tb.) 
Tommy Carver ist ein guter Student, aber als adoptierter Sohn eines bettelarmen Farmers sieht er sich eines Tages sogar gezwungen, ein angebissenes Brot aus dem Papierkorb der Englischlehrerin Miss Trumbull zu fischen, für die er seit vier Jahren Korrekturen an der Highschool von Burdock County, Oklahoma, liest. Der an sich harmlose Vorfall bleibt allerdings nicht ohne Folgen. Der für seine langen Finger weitaus berüchtigter Hausmeister Abe Toolate beobachtet die Szene und berichtet dem Schulleiter Mr. Redbird davon, der den Jungen auf unbestimmte Zeit beurlaubt. Tommys Probleme werden größer, als sein Vater es mit einem Mann von der Öl-Gesellschaft zu tun bekommt, der ihm ein großzügiges Angebot unterbreitet, dass Mr. Carver allerdings nicht annehmen kann, denn die fünfzehn Morgen der Carvers nützen der Öl-Gesellschaft wenig, wenn sie nicht auch das fünftausend Morgen umfassende Umland für sich gewinnen können, das wie das von den Carvers bewirtschaftete Land Matthew Ontime gehört, der nicht das geringste Interesse daran hat, Versuchsbohrungen auf den Ackerflächen zuzulassen. 
Als Matthew Ontime, mit dessen Tochter Donna ein heimliches Liebesverhältnis hat, eines Morgens tot im Pferch seines eigenen Schweinestalls aufgefunden wird, gerät Tommy in Verdacht, da der Mann mit Tommys Messer ermordet wurde. Weder sein Pa noch die ebenfalls adoptierte Mary wollen Tommy ein Alibi geben, was Tommy wenig verwundert, schließlich unterhält sein Dad ein verbotenes Verhältnis mit Mary, die wiederum auch schon Tommy verführt hat. Mr. Redbird und Miss Trumbull besorgen Tommy einen Anwalt aus Oklahoma City, doch selbst der bissig auftretende Kossmeyer kann nicht verhindern, dass der Junge zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt wird … 
„Sein Gedankenapparat arbeitete ganz anders als meiner. Ich könnte nie so denken wie er. Aber als ich jetzt den Ausdruck in seinen Augen sah, da wusste ich, dass alles, was er getan hatte, ebenso schwer für ihn gewesen war wie für mich. Schwerer vielleicht, weil er nämlich nicht um sein Leben, sondern um meines gekämpft hatte. Und ich wusste jetzt, dass er es nicht des Geldes wegen getan hatte.“ (S. 110) 
Mit seinem fünften, 1952 veröffentlichten und 1972 erstmals ins Deutsche übersetzten Roman „Cropper’s Cabin“ erzählt der mittlerweile kultig verehrte Jim Thompson weit mehr als nur eine einfache Kriminalgeschichte. Thompson, dessen Romane wie „Getaway“, „After Dark, My Sweet“, „Grifters“ und „Der Mörder in mir“ verfilmt wurden und der die Drehbücher zu den beiden Stanley-Kubrick-Filmen „Wege zum Ruhm“ und „Die Rechnung ging nicht auf“ schrieb, zeichnet in dem dünnen Büchlein das Bild einer Gesellschaft, die allein als Folge staatlicher Willkür tief zerrissen erscheint. So lässt Thompson seinen Ich-Erzähler erklären, dass die in Oklahoma häufig anzutreffenden Namen Toolate und Ontime darauf zurückzuführen sind, dass das Stammeseigentum der fünf zivilisierten Indianerstämme vor der Bildung des Staates Oklahoma verteilt werden musste. Jedes vor dem dann bestimmten Zeitpunkt geborene Kind bekam ein Anteil von dem Stammesbesitz, jedes danach geborene bekam nichts und war zu einem Leben als einfacher, armer Indianer verdammt. Während das Mordopfer Matthew Ontime von dieser Regelung profitierte und als Besitzer von fast achttausend Morgen einer der reichsten Männer im Staat gewesen wäre, wenn er sein Land für Ölbohrungen verpachtet hätte, muss Abe Toolate seinen Lebensunterhalt als Hausmeister in einer Highschool verdienen. 
Thompson gewährt darüber hinaus auch Einblicke in die Bewirtschaftung des Ackerlandes und die Schwierigkeiten der Pächter, mit den Erträgen ihrer harten Arbeit über die Runden zu kommen. Aber auch Tommys schwierige Beziehungen zur wohlhabenden Ontime-Tochter Donna und der ehemaligen Prostituierten Mary, die sein Vater adoptiert hatte, damit sie sich um Tommy kümmern konnte, spielen eine Rolle in einem Roman, der eine recht unspektakuläre Geschichte erzählt, aber durch die atmosphärische Dichte gefällt. „Liebe ist kein Alibi“ erschien dann 1988 bei Goldmann Verlag erstmals in vollständiger Übersetzung und wurde leider nicht wie die meisten anderen bei Heyne oder Ullstein veröffentlichten Thompson-Werke neu von Diogenes aufgelegt. 

 

Michael Connelly – (Harry Bosch: 13) „Kalter Tod“

Dienstag, 15. Februar 2022

(Heyne, 320 S., Tb.) 
Bei seinem ersten Außeneinsatz in seiner neuen Dienststelle Homicide Special wird Detective Harry Bosch um Mitternacht zum Aussichtspunkt über dem Mulholland Damm geschickt, wo ein Mann mit zwei Schüssen in den Hinterkopf hingerichtet wurde. Bosch informiert seinen neuen Partner – den mehr als zwanzig Jahre jüngeren Ignacio „Iggy“ Ferras – und ist selbst weitaus schneller am Tatort, wo der Tote als Stanley Kent identifiziert wird. Der 42-Jährige hatte quasi zu allen Hospitälern im Großraum Los Angeles Zugang zu radioaktivem Material, das meist gezielt bei bestimmten Krebstherapien zum Einsatz kommt. Das erklärt auch die Anwesenheit von FBI-Agentin Rachel Walling, mit der Bosch während des „Echo Park“-Falls eine alte Affäre wiederaufleben ließ, doch fiel der Abschied am Ende weniger harmonisch aus. 
Walling hatte mit ihrem Partner schon vor einem Jahr Kontakt zu Kent und seiner Frau Alicia aufgenommen, um sie vor einer möglichen Bedrohung durch Terroristen zu warnen. Dieser Verdacht scheint sich zu bestätigen, als Bosch mit Walling zur Wohnung des Opfers fährt, wo sie Alicia Kent nackt und gefesselt in einer Urinlache auf ihrem Bett finden. Ihrer Aussage zufolge wurde sie von zwei maskierten Männern dazu gezwungen, eine Mail an ihren Mann mit dem Foto ihrer Fesselung zu schicken, worauf sie ihren Mann erpressten, ihnen das in der Klinik St. Aggy’s gelagerte Caesium zu übergeben. 
Tatsächlich ergibt die Überprüfung der Caesium-Vorräte, dass das radioaktive Material abhandengekommen ist, was allerlei nationale Sicherheitsbehörden auf den Plan ruft. Zum Glück findet Boschs Partner Ferras in der Nähe des Tatorts mit Jesse Mitford einen kanadischen Jugendlichen, der sich am früheren Anwesen von Madonna versteckt hielt und beobachtete, wie ein Maskierter zwischen den beiden Schüssen „Allah“ gerufen habe. Bosch hält seinen Zeugen in der Hinterhand, um an den Ermittlungen weiterhin beteiligt zu sein, denn aus Erfahrung weiß Bosch, dass das FBI die lokalen Polizeibehörden gerne außen vor lässt und sie nur die Drecksarbeit machen lässt. Schließlich bekommt Bosch im Tausch gegen den Namen seines Zeugen von Walling die Namen zweier mit Al-Kaida in Verbindung stehenden Terroristen, die sich nach neuesten Erkenntnissen in den USA aufhalten sollen … 
„Stanley Kent war gewarnt worden, dass ihn sein Beruf verletzlich machte. Seine Reaktion darauf war gewesen, sich zu seinem Schutz eine Schusswaffe zuzulegen. Und jetzt wäre Bosch jede Wette eingegangen, dass die Waffe, die er gekauft hatte, gegen ihn verwendet worden war, und zwar von einem Terroristen, der den Namen Allahs rief, bevor er abdrückte. Was war das für eine Welt, dachte Bosch, wenn sich jemand den Mut, einen anderen Menschen zu erschießen, dadurch holte, dass er den Namen seines Gottes rief.“ (S. 123) 
Mit seinem 13. Harry-Bosch-Abenteuer liefert Connelly ein ungewohnt kurzes Leseabenteuer ab, was vor allem dem Umstand geschuldet ist, dass „The Overlook“ als 16-teiliger Fortsetzungsroman in der „New York Sunday“ veröffentlicht wurde. So konzentriert sich Connelly ganz auf den Fall und lässt die emotionalen Querelen, die den störrischen und unbequemen Protagonisten wegen seiner Ex-Geliebten Rachel Walling umtreiben, weitgehend außen vor. Dass der Caesium-Diebstahl innerhalb von zwölf Stunden aufgeklärt wird, trägt natürlich ebenfalls zum straff inszenierten Plot bei. 
Der ist wiederum stark von den Ereignissen rund um 09/11 geprägt, vor allem von den anschließenden Restrukturierungen der unterschiedlichen Geheimdienste, die lapidar als „Buchstabensuppe“ zusammengefasst werden. Der Fall selbst beginnt vielversprechend, wirkt aber zum Ende hin zunehmend konstruiert und unglaubwürdig. Wie Bosch am Ende seiner Kollegin vom FBI in einem Quasi-Monolog die Ereignisse und Zusammenhänge erläutert, macht zwar deutlich, was für ein toller Ermittler Bosch doch ist, trägt aber nicht dazu bei, die Geschichte plausibler zu machen. 
So bietet „Kalter Tod“ zwar einen knackig straffen Krimi-Plot, kann aber an die psychologische Tiefe „normaler“ Bosch-Krimis nicht anknüpfen. 

 

Michael Connelly – (Harry Bosch: 12) „Echo Park“

Samstag, 12. Februar 2022

(Heyne, 464 S., HC) 
Michael Connellys Serie um den ambitionierten Cop Hieronymus „Harry“ Bosch ist eine unvergleichliche Erfolgsgeschichte. Bereits mit seinem Debütroman „Schwarzes Echo“ (1992) heimste der ehemalige Polizeireporter den renommierten Edgar Allan Poe Award für das Beste Erstlingswerk ein, der Nachfolgeroman „Schwarzes Eis“ erhielt den Maltese Falcon Award – und so heimste Connelly über die Jahre etliche weitere Preise wie den Nero Wolfe Award, Prix Mystère de la critique, Anthony Award und Shamus Award ein. 2006 erschien mit „Echo Park“ der bereits 12. Roman um Harry Bosch, dem Amazon bereits eine ähnlich erfolgreiche Serie („Bosch“) gewidmet hat. 
1993 war Harry Bosch mit seinem damaligen Partner Jerry Edgar mit einem Fall beschäftigt, der Bosch auch noch dreizehn Jahre später in seiner Funktion als Detective in der Abteilung „Offen – Ungelöst“ des Los Angeles Police Department beschäftigt. Damals wurden im Kofferraum eines Autos in der Garage einer seit Wochen leerstehenden Wohnung im High Tower die ordentlich zusammengelegten Kleider der jungen Marie Gesto gefunden, die seit zehn Tagen vermisst wurde. Bis heute fehlt von ihr jede Spur. 
Damals hatte sich Bosch auf Anthony Garland, den Sohn des Ölmagnaten Thomas Rex „T. Rex“ Garland, als Täter eingeschossen, doch konnte Bosch weder die Leiche des Mädchens ausfindig machen noch beweisen, dass Garland damit etwas zu tun gehabt haben könnte. Bosch hat sich gerade mal wieder die Akte vorgenommen, als diese vom Staatsanwalt Rick O’Shea und dem Beamten Freddy Olivas angefordert wird, der die Ermittlungen im aufsehenerregenden Fall Raynard Waits leitet. Da ihm wegen eines Doppelmordes die Todesstrafe droht, hat er mit der Staatsanwaltschaft einen Deal ausgehandelt: Waits würde sich zu neun weiteren Morden bekennen, die ihm nicht zur Last gelegt werden – darunter den an Marie Gesto -, und dafür „nur“ lebenslänglich in Haft gehen. Um den Deal abzuschließen, soll Waits die Beamten dorthin führen, wo er Marie Gesto begraben hat. In Begleitung von Staatsanwalt O’Shea, der gerade für das Amt des Bezirksstaatsanwalts kandidiert, Detective Olivas, Bosch, dessen Partnerin Kiz Rider sowie seinem Anwalt Maurice Swann führt Waits die Truppe in ein Waldstück. Doch die Aktion endet in einem Fiasko. Waits kann Olivas die Waffe entwenden, erschießt ihn und trifft auch Boschs Partnerin in den Hals, bevor er fliehen kann. Zusammen mit der FBI-Agentin Rachel Walling, mit der Bosch schon früher eine kurze Affäre unterhielt, macht sich Bosch auf die Suche nach Waits. 
Dabei wird er auch von dem Umstand angetrieben, dass in den Akten zum Fall Gesto ein Vermerk aufgetaucht ist, dass Waits damals versucht hatte, die Beamten zu kontaktieren, doch wurde dem Hinweis nicht nachgegangen. Doch irgendwie wird Bosch das Gefühl nicht los, dass O’Shea mehr mit der Sache zu tun hat, als er zuzugeben bereit ist … 
„O’Shea befand sich mitten in einem erbittert geführten Wahlkampf, und Geld war der Treibstoff, der eine Wahlkampfmaschinerie am Laufen hielt. Es war nicht auszuschließen, dass er in aller Stille Kontakt mit T. Rex aufgenommen hatte, worauf eine Abmachung getroffen und ein Plan in die Tat umgesetzt worden war. O’Shea erhält das Geld, das er benötigt, um die Wahl zu gewinnen, Olivas wird zum Chefermittler von O’Sheas Behörde ernannt, Waits nimmt Gesto auf seine Kappe, und Garland jun. ist endgültig aus dem Schneider.“ (S. 299) 
Mit „Echo Park“ ist Connelly einmal mehr ein fesselnder Thriller gelungen, der auf mehreren Ebenen gut funktioniert. In erster Linie geht es Bosch natürlich um die Lösung des Falles Marie Gesto, der ihn seit dreizehn Jahren beschäftigt. Schließlich ist er mit ihren Eltern immer in Kontakt geblieben, um sie darüber zu informieren, dass er am Ball bleibt. Die Aussicht, dass ein Serienmörder, dem die Todesstrafe droht, gleich mehrere zusätzliche Morde gesteht und Bosch die Möglichkeit eröffnet, den Fall Gesto endlich abzuschließen, bringt eine ganz neue Dynamik ins Geschehen, wobei politische Ränkeschmiede und natürlich viel Geld ebenso eine Rolle spielen wie Boschs Gefühlsleben, denn die neu entfachte Affäre mit Rachel Walling bringt einmal mehr Aspekte von Boschs Persönlichkeit zum Vorschein, die ihm immer wieder Probleme in seinem Liebesleben bescheren. 
Connelly versteht es, seine vielschichtige Story mit gleichbleibend steigender Spannung zu erzählen und dabei immer wieder Einblicke in die Polizeiarbeit zu gewähren sowie Bosch als Ermittler mit Herzblut zu präsentieren, mit dem man sich als Leser gern identifiziert. Interessanterweise sind Waits und Bosch im selben Pflegeheim aufgewachsen, wo Waits das Bild von zwei Hunden erwähnt, bei denen man sich entscheiden muss, welchen man füttert. Offenbar hat sich Waits für den falschen Hund entschieden, doch auch Bosch muss sich am Ende fragen, ob er mit seiner kompromisslosen Art nicht manchmal auf der falschen Seite des Gesetzes steht. 

 

James Sallis – „Driver 2“

Sonntag, 6. Februar 2022

(Liebeskind, 156 S., HC) 
Seit seinem Debüt „Die langbeinige Fliege“, dem Auftakt seiner sechs Bände umfassenden Reihe um den Privatdetektiv Lew Griffin, hat der aus Arkansas stammende Schriftsteller James Sallis zwar bereits einige preisgekrönte Romane vorgelegt, doch erst mit dem 2005 veröffentlichten und sechs Jahre später erfolgreich verfilmten Roman „Driver“ hat sich Sallis in den Olymp des literarischen Kriminalromans geschrieben. 2012 legte Sallis mit „Driven“ eine Fortsetzung nach, die dem Vorgänger in nichts nachsteht. 
Vor sechs, sieben Jahren hat Driver seine Karriere als Stuntfahrer in Hollywood-Filmen begonnen, doch wurden seine Talente auch von der Unterwelt zur Kenntnis genommen. Zunächst beschränkte sich Driver nur darauf, die Fluchtwagen zu fahren, später wurde er zwangsläufig mehr in die Überfälle hineingezogen. Als einer der Deals schiefging und Driver selbst zur Zielscheibe seiner Auftraggeber werden sollte, nachdem sie seine Freundin Elsa ausgeschaltet hatten, machte er mit den auf ihn angesetzten Killern kurzen Prozess, schnappte sich die Tasche mit der Viertelmillion Dollars und begab sich auf einen Rachefeldzug, der ihn schließlich zum Mafiaboss Nino führte. 
Mittlerweile ist Driver Anfang Dreißig und noch immer auf der Flucht. Er hat sich mit Paul West eine neue Identität zugelegt und hält nur noch mit seinem alten Kumpel Felix Kontakt. Der war einst als Ranger bei der Operation Wüstensturm beteiligt und verschafft Driver einen Unterschlupf in Phoenix. Doch irgendwie ist Driver wieder auf dem Schirm bei irgendwem gelandet, offenbar bei Leuten, die noch immer eine offene Rechnung mit ihm zu begleichen haben. Einmal mehr muss sich Driver aus seiner Deckung herausbewegen und eine Odyssee zu den Männern unternehmen, die ihm erneut das Licht auspusten wollen … 
„Das war es also, worauf letztlich alles hinauslief. Man saß mitten in der Nacht am Ende der Welt mit einem gescheiterten Killer zusammen und dachte über Standpunkte nach. Hatte er je welche gehabt? Und welche Art von Lügen erzählte er sich selbst? Etwa die, er könnte einen Weg aus all dem hier finden?“ (S. 88) 
Im Grunde genommen erzählt Sallis mit „Driver 2“ die gleiche Geschichte des Vorgängers noch einmal, nur dass die Nebenfiguren ausgetauscht werden. Immer wieder wird kurz zurückgeblickt, auf Drivers Beziehung zu Elsas Eltern, auf die Art und Weise, wie ihm einst ein Kumpel das Fahren beigebracht hatte, wie sich die Gewaltspirale bis zu Ninos Ableben entwickelt hat. Dieses Spiel beginnt mit „Driver 2“ nun von vorn. Sallis entwickelt den Plot auf wieder nicht mal 160 Seiten in kurzen Sequenzen, die mehr Lücken aufweisen als sie Fragen beantworten. Sallis hat es mit seiner höchst assoziativen Sprache zur Meisterschaft darin gebracht, den Leser so in die Handlung und die Köpfe seiner Protagonisten hineinzuführen, dass er die Leerstellen selbst ausfüllt. 
Angereichert werden die kurzen Begegnungen mit Drivers kurzzeitigen Weggefährten und Kontrahenten regelmäßig mit philosophischen Ideen, die in kurze, knackige Sätze verpackt werden. Auch bei den Actionszenen hält sich Sallis nicht lange auf. Drivers Attentäter tauchen wie aus dem Nichts auf und werden innerhalb kürzester Zeit aus dem Rennen genommen, mal auf der Straße, wo sich Driver natürlich am wohlsten und sichersten fühlt, dann aber auch in schummrigen Gassen oder in seiner vorübergehenden Unterkunft. Die Action treibt letztlich nur die Handlung voran und ist für Sallis eher nachrangig. Ihm geht es eher um die Welt, in der sich Driver bewegt und behaupten muss. Mit lakonischer Lässigkeit bleibt Driver einfach am Leben, da er kaum eine Alternative sieht. Sein Leben lang unterzutauchen ist nicht seine Sache, also sucht er die finale Konfrontation, taucht tief in die triste Dunkelheit großstädtischer Pestilenz ab und räumt mit dem Müll auf. 
Auch wenn die Handlung gegenüber „Drive“ wenig Neues präsentiert, ist die Art und Weise, wie Sallis seinen Figuren und ihrer Umgebung Leben einhaucht, einfach einmalig. 

 

James Sallis – „Driver“

Samstag, 5. Februar 2022

(Liebeskind, 160 S., HC) 
James Sallis war im deutschsprachigen Raum nur durch die drei schmalen in der leider nur kurzlebigen DuMont-Noir-Reihe veröffentlichte Bändchen „Die langbeinige Fliege“, „Nachtfalter“ und „Deine Augen hat der Tod“ bekannt, ehe sein 2005 veröffentlichter Roman „Drive“ zwei Jahre später unter dem Titel „Driver“ bei Liebeskind erschien und mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet wurde. Nicht zuletzt durch die 2011 erfolgte Verfilmung des Romans durch Nicolas Winding Refn hat Sallis‘ noch überschaubares Gesamtwerk endlich die verdiente Aufmerksamkeit in der Gemeinde des literarischen Krimis gewonnen. 
In der Anonymität der amerikanischen Großstädte kennt man ihn nur als Driver. Der junge Mann, der zum bekanntesten Stuntfahrer in Hollywood avanciert ist, hat nichts anderes gelernt, als mit Autos umzugehen. Schon als Junge wurde er von seinem Vater auf Diebstahl-Touren mitgenommen. Da er bis zum zwölften Lebensjahr für sein Alter recht klein gewesen war, passte er nämlich durch die kleinsten Öffnungen. Eines Tages hatte seine Mutter aber genug von ihrem Mann, schlitzte ihm mit einem Messer am Esstisch die Kehle auf und landete in der Psychiatrie. 
Driver wuchs bei Pflegeeltern in Tucson auf, lernte von einem Kumpel das Autofahren, bis er ein paar Tage vor seinem sechzehnten Geburtstag seine Sachen packte, sich den Ford Galaxie von Mr. und Mrs. Smith schnappte und Richtung Kalifornien fuhr, wo er in einer Kneipe den bekannten Stuntfahrer Shannon kennenlernte. Dieser verschaffte ihm die ersten Jobs in Hollywood, nebenbei verdingte sich Driver als Fluchtwagenfahrer. Mittlerweile hält es Driver selten länger an einem Ort. Seine Sachen sind stets schnell gepackt, Spuren hinterlässt er so gut wie keine. Doch dann macht er bei einem Deal mit, den er eigentlich nicht überleben sollte. Driver begibt sich auf eine Rachemission. Schließlich hat er in den Drehpausen so einige Tricks von den Stuntleuten aufgeschnappt. Auf dem Weg zu Nino hinterlässt Driver einige Leichen, denen er Gutscheine von Ninos Pizzeria anheftet, so dass ihr Auftraggeber schnell erfahren wird, was da auf ihn zukommt … 
„Etwas schnürte ihm den Hals ab. Scheiße – Draht? Er zerrte daran, wusste aber, dass es nichts nützen würde. Irgendwer hinter ihm zog immer fester zu. Und das Warme auf seiner Brust, das musste dann wohl Blut sein. Als er fieberhaft versuchte, nach unten zu sehen, fiel ein glutiger Fleischbrocken, sein Fleisch, auf seine Brust. Das war’s dann also, dachte er, in dieser beschissenen Gasse, mit vollgeschissener Hose. Verdammte Scheiße. Driver steckte dem Espresso-Mann einen Coupon von Nino’s in die Jackentasche. Vorher hatte er die Worte ,Wir liefern auch außer Haus‘ rot eingekreist.“ (S. 119) 
Auch in seinem elften Roman braucht James Sallis nicht viele Worte, um die turbulente Geschichte eines jungen Mannes zu erzählen und nebenbei auch noch ein erschöpfendes Bild eines Landes zu zeichnen, in dem der American Dream längst zum Alptraum für die meisten Menschen geworden ist. In einer Zeit, in der die Städte immer hässlicher werden und ihre verlassenen Ränder mit den dort verbliebenen Menschen vor sich hin faulen, erzählt Sallis die Geschichte eines jungen Kerls, der gerade mal Anfang Zwanzig ist und so ziemlich alles verloren hat, was in seinem Leben mal Wert gehabt hat, vor allem die Familie. 
Nach den eigenen Eltern hat er auch seine Pflegeeltern hinter sich gelassen, Driver verliert Freunde und Ersatzväter wie Shannon und Doc. Ganz auf sich allein gestellt und so gut wie nur möglich in der Anonymität lebend kann sich Driver nur auf seine versierten Künste als Monteur und Fahrer verlassen. Sallis beschreibt in seiner unnachahmlichen Sprache eine durch und durch korrupte Welt, in der nur die Stärksten und Cleversten überleben. Selbst den Leuten, denen er am meisten zu vertrauen bereit ist, verraten ihn ohne Hemmungen. Geld und Macht scheint alles zu sein, was zählt. Driver wird in diese düstere Welt hineingesogen, kann sich behaupten, verlässt sich nur auf sich selbst, schlägt sich durch, strandet immer wieder in heruntergekommenen, anonymen Motels. Auf Rachefeldzug geht er nur, um selbst am Leben zu bleiben. Spaß bereitet es ihm nicht, hinter sich aufzuräumen, aber gewisse Dinge müssen einfach getan werden. Dabei gestatten sich Sallis und sein Protagonist keine Gefühlsduseleien. Liebe und Mitleid haben hier keinen Platz. Sallis wechselt ständig Ort und Zeit, lässt Driver in Träumen und Erinnerungen schwelgen, so dass sich erst nach und nach das Puzzle seines Lebens zusammensetzt. Das ist so temporeich und spannend geschrieben wie ein düsterer Action-Thriller, der einige Jahre später zum Glück mit „Driver 2“ noch seine Fortsetzung finden wird. 

 

James Sallis – „Deine Augen hat der Tod“

Montag, 31. Januar 2022

(Liebeskind, 192 S., HC) 
Nach den ersten drei Romanen um den Privatdetektiv Lew Griffin und vor der Trilogie um den Ex-Cop John Turner und dem preisgekrönten, auch erfolgreich verfilmten Roman „Driver“ präsentierte der US-amerikanische Schriftsteller James Sallis 1997 mit „Death Will Have Your Eyes“ einen Roman, der in seiner komplexen Struktur mit einem minimalistisch umrissenem Plot typisch für dem Autor werden sollte. In seinem früheren Leben ist David Auftragskiller für die Agency der Regierung gewesen, aber das ist bereits neun Jahre her. Mittlerweile hat er Karriere als Künstler gemacht und ist mit seiner Lebensgefährtin Gabrielle sesshaft geworden. Bis er eines frühen Morgens einen Anruf erhält, der ihn auf Schlag in sein früheres Leben zurückversetzt. 
David geht zum Joggen in den Part, ruft von einer Telefonzelle zurück. Die Agency hat bereits alles arrangiert. Bereits um zehn Uhr wird er unter dem Namen Dr. John Collins eine Maschine der American Airlines nach St. Louis besteigen, dann geht es weiter nach Memphis. Kaum hat er aufgelegt, wird David von zwei Räubern angegriffen. Wie auf Knopfdruck ist er wieder ganz der Alte, schaltet die beiden unerfahrenen Angreifer im Nu aus. Gabrielle bittet er, ein paar Sachen zu packen und irgendwo unterzutauchen. Als er wie geplant das für ihn reservierte Motelzimmer bezieht, retten ihm seine alten Instinkte das Leben. Offenbar hat die Agency jemanden geschickt, ihn auszuschalten, doch David geht mit seinem Attentäter eine friedliche Kooperation ein. 
Im Büro seines alten Chefs Johnsson wird David darüber informiert, dass er ebenso wie sein früherer Kollege Luc Planchat Teil eines bestimmten Programms gewesen sei, deren Spuren die Agency nun löschen will. Das Problem ist, dass Planchat sich ebenso wie David von der Agency losgesagt hat, aber mit einigen mysteriösen Todesfällen in der Vergangenheit in Verbindung gebracht wird. David bleibt nichts anderes übrig, als Jagd auf Planchat zu machen, um nicht selbst ins Visier der Attentäter zu geraten, aber auch, um Gabrielle zu finden. 
„All diese Biegungen und Verzweigungen, die Dunkelheit und Desorientierung, die Suche nach einem weisen Mann, Informationen sammeln, wie man sagt – all das war meine eigenwillige, blinde Fahrt von Washington nach Süden. Und als mir das klar wurde, wusste ich plötzlich auch, dass Gabrielle der Grund dafür war, dass ich meinen Weg nach New Orleans gesucht und gefunden hatte, wenn auch umständlich und vorsichtig. Es hatte wenig oder gar nichts mit Planchat und den anderen zu tun, die möglicherweise dort draußen waren.“ (S. 149) 
Mit „Deine Augen hat der Tod“ hat Sallis einen ganz und gar unkonventionellen Thriller abgeliefert, der nichts mit den action- und wendungsreichen Plots à la James Bond und Jason Bourne zu tun hat. Sallis führt seinen Protagonisten nur kurz mit dessen Reaktivierung ein. Die Wege von David und Gabrielle trennen sich so schnell, kaum dass wir Gabrielle als Tochter einer irischen Mutter und eines mexikanischen Vaters kennengelernt haben. Fortan begleitet der Leser David bei seinem Road Trip durch die Staaten, führt ungewöhnliche Dialoge mit seinen alten Weggefährten Johnsson und Blaise, trifft auf merkwürdige Weise mit Attentätern zusammen und lernt Amerika aus der Perspektive des einsam Reisenden kennen, die Cafés und Diners, die Motels und Städte für Piltdown, das eine exakte Nachbildung des britischen Oxford darstellt. 
Immer wieder flicht Sallis detaillierte Beschreibungen der Stationen auf Davids Reise ein, was den Erzählfluss der recht kurzen Geschichte zwar hemmt, dafür bringt der Autor seinem Publikum intime Eindrücke und Erinnerungen seines Protagonisten näher. Ohnehin spielt die Handlung selbst nur eine untergeordnete Rolle und dient nur dazu, auf rudimentäre Weise die Grundzüge des Agenten-Thrillers abzudecken. Viel mehr zeichnet Sallis wie so oft das vielschichtige Portrait eines Menschen außerhalb der Gesellschaft, auf der Suche nach sich selbst und der Bedeutung seiner Erinnerungen und Erfahrungen. Dieses Geflecht wirkt nicht immer nachvollziehbar, sinnvoll oder logisch – es ist letztlich so verworren wie die Reise des Lebens selbst. Das in wenigen Sätzen abzubilden und dabei ganze Seelenlandschaften zu evozieren ist Sallis‘ große Kunst. 

 

James Sallis – „Der Killer stirbt“

Samstag, 29. Januar 2022

(Liebeskind, 251 S., HC) 
Nicht nur mit seinen beiden Reihen um den Privatdetektiv Lew Griffin und den Ex-Cop, Ex-Häftling und Ex-Psychiater John Turner hat sich der US-amerikanische Autor James Sallis in die Herzen von Kritikern und Lesern geschrieben, populär wurde er vor allem durch seinen 2008 mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichneten Roman „Drive“, den Nicolas Winding Refn drei Jahre später mit Ryan Gosling in der Hauptrolle verfilmte. 2011 legte Sallis mit „Der Killer stirbt“ erneut einen mehrfach (u.a. mit dem Hammett Prize und dem Grand prix de littérature policière) ausgezeichneten Roman vor, der zwar von Mord und Tod und Ermittlungen handelt, aber jede Erwartung an einen konventionellen Kriminalroman unterläuft. 
Der alternde und sterbende Auftragsmörder Christian soll den unbedeutenden Buchhalter John Rankin ausschalten. Tagelang verfolgt der Killer den sehr strukturierten Tagesablauf des Hyundai fahrenden Mannes und muss dann erstaunt feststellen, dass ihm offensichtlich ein anderer Kollege zuvorgekommen ist, es aber vermasselt hat. Als der angeschossene Rankin aus dem Bürogebäude getragen und ins Krankenhaus gefahren wird, versucht Christian herauszufinden, was da genau passiert ist und wie seine Auftraggeber auf die gescheiterte Mission reagieren. 
Währenddessen träumt der elfjährige Jimmie davon, wie dem ihm unbekannten Wayne Porter die Kehle durchgeschnitten wird. Im Wachzustand versucht er das Leben in dem Haus zu regeln, in dem er seit einem Jahr schon ganz allein lebt. Erst war seine Mutter von einem Tag auf den anderen verschwunden, wenig später suchte auch sein Vater das Weite. Jimmie verkaufte das Auto seines Vaters, die Silbermünzen seiner Mutter und fing schließlich an, übers Internet Sachen zu kaufen und zu verkaufen, so dass er von der Gesellschaft und den Institutionen unbemerkt sein eigenverantwortliches Leben führen kann. Einzig die aufmerksame Nachbarin Mrs. Flores weiß von seinem Geheimnis und versorgt den Jungen, der jede Woche im Altenheim aus einem Buch vorliest, gelegentlich mit Essen. 
Die beiden Cops Sayles und Graves versuchen, den Mordanschlag auf Rankin zu untersuchen, kommen aber keinen Schritt weiter. Sayles ist ohnehin in Gedanken oft bei seiner Frau Josie, die im Hospiz auf ihren Tod wartet. Schließlich kreuzen sich die Wege von Christian und Sayles … 
„Sayles beugte sich zum Bett hinunter. Ihm fielen alle möglichen Dinge ein, die er sagen könnte. Über das Verständnis, was jetzt wichtig war. Dass es okay war, loszulassen. Ruhe zu finden. Aber was er flüsterte, mit den Lippen nur Zentimeter vom Ohr des Mannes entfernt, war etwas viel Einfacheres: Du bist nicht allein.“ (S. 247) 
Bereits in seinen ersten Romanen um den Privatdetektiv, Literaturdozenten und Autor Lew Griffin hat James Sallis sich von den gängigen Konventionen von Dramaturgie und Erzählfluss entfernt und sich darauf konzentriert, durch detailliert geschilderte Augenblicke und Erinnerungsfetzen ein Gefühl für seine Figuren zu entwickeln. Mit „Der Killer stirbt“ hat Sallis diese Kunst perfektioniert. Es nimmt etwas Zeit in Anspruch, bis sich der Leser in die letztlich miteinander verwobenen Einzelschicksale hineinfindet. Die beiden Detectives Sayles und Graves versuchen ebenso wie der allmählich von seiner tödlichen Krankheit gezeichnete, langsam erblindende Killer Christian herauszufinden, wie es zu dem Attentat auf den unbedeutenden Buchhalter gekommen ist. 
Doch die Aufklärung wird zur Nebensache, schließlich muss sich Christian mit seiner eigenen Sterblichkeit und Sayles mit dem nahenden Tod seiner Frau auseinandersetzen. Jimmie ist schließlich durch seine Alpträume mit Christian verbunden, sucht den Sinn des Lebens im Internet, wo er auf ein interessantes Blog stößt, in dem ein Autor namens Traveler mit seinen Beiträgen das Leben seiner Leser verändert hat. 
Sallis geht es nicht darum, eine klassische Whodunit-Geschichte zu erzählen. Er bringt auf einzigartige Weise die Schicksale einzelner Menschen zusammen, verzichtet auf chronologische Kohärenz, wechselt ständig zwischen den Figuren und ihren Gedanken, Erinnerungen, Träumen und Erlebnissen hin und her. Verlust und Tod und Angst verbindet sie alle miteinander, doch die Beziehungen zwischen ihnen sind fragil, lassen sich lange Zeit nur erahnen. 
Mit seinen gerade mal 250 Seiten ist „Der Killer stirbt“ zu kurz geraten, um sich auch nur mit einer der Figuren identifizieren zu können, die kaum miteinander ins Gespräch kommen, aber in den messerscharf formulierten Beobachtungen und Gedanken kommt die ganze Tragik des menschlichen Daseins zum Ausdruck. Das ist vielleicht weniger ein gelungener Kriminalroman als große, wenn auch sperrige Literatur. 

 

James Lee Burke – (Dave Robicheaux: 18) „Eine Zelle für Clete“

Donnerstag, 27. Januar 2022

(Pendragon, 544 S., Pb.) 
Seit der aus Louisiana stammende Schriftsteller James Lee Burke 1987 mit „The Neon Rain“ den ersten Roman um den Vietnam-Kriegsveteranen, Alkoholiker und Cop Dave Robicheaux und seinen besten Freund und Partner Clete Purcel veröffentlichte, ist der Südstaaten-Autor aus der internationalen Krimi- und Literaturszene nicht mehr wegzudenken. Die meist um die 500 Seiten starken Romane tauchen nicht nur tief in die außergewöhnliche Atmosphäre der Landstriche ein, in der die Narben der Sklaverei längst nicht verheilt sind, sondern machen den Leser mit den dunkelsten und hellsten Seiten der menschlichen Seele vertraut. Das trifft vor allem auf den mittlerweile 18. Band der preisgekrönten Reihe zu, in der es Robicheaux und Purcel mit einer Reihe von bestialischen Morden an jungen Frauen zu tun bekommen. 
Als Detective Dave Robicheaux im Iberia Parish die Morde an sieben jungen Frauen untersucht, erhält er einen Tipp von dem Häftling Elmore Latiolais. Eines der Opfer war nämlich seine Schwester Bernadette, die allerdings, wie er betont, keine Prostituierte wie die anderen Mädchen gewesen sei. Für ihren Tod macht er allerdings den Zuhälter Herman Stanga verantwortlich. Robicheaux verhört den Mann, bekommt aber keine weiteren sachdienlichen Informationen aus dem Mann heraus. Mit etwas mehr Nachdruck versucht es später Robicheaux‘ Kumpel Clete. Im betrunkenen Zustand prügelt er Stanga halbtot, wenig später wird Stanga ermordet aufgefunden. 
Während Robicheaux alle Hände voll zu tun hat, seinen Kumpel vor dem Knast zu bewahren, sorgt er sich auch noch um seine Adoptivtochter Alafair, die ihre erste große Liebe mit dem bekannten Schriftsteller Kermit Abelard erlebt. Allerdings wirkt der Mann in den Augen des Cops und fürsorglichen Vaters alles andere als koscher, hängt er doch mit dem schmierigen Ex-Knacki Robert Weingart ab. Robicheaux vermutet, dass die beiden Männer Alafair nur ausnutzen, da sie ihren ersten Roman durch die Kontakte der beiden wahrscheinlich besser in einem Verlag unterbringen könnte. Doch je mehr sich Robicheaux und Purcel in die Angelegenheiten der einst mächtigen Abelard-Familie und des Knast-Autors Weingart einmischen, umso mehr wühlen sie Dreck auf, bei dem ein soziales Hilfsprojekt und Landnutzungsrechte eine große Rolle spielen und nach weiteren Todesfällen auch auswärtige Auftragskiller auf den Plan rufen. Aber vor allem mit Clete Purcel ist nicht zu spaßen … 
„Dass er sich für die gerechte Sache einsetzte, befreite ihn in seinen Augen von jeder Schuld, so als wären seine Verfehlungen nur ein Opfer, das er für die gute Sache brachte. Doch er war in seiner Naivität nicht allein. Ich selbst ermittelte in Angelegenheiten, für die ich nicht zuständig war, meine Einschätzungen waren oft von Vorurteilen beeinflusst, meine Hartnäckigkeit grenzte wahrscheinlich an Besessenheit. In den Augen der anderen war vieles, was ich tat, genauso verrückt wie Cletes Eskapaden. Und da waren wir nun, die zwei Hofnarren in Louisiana, die es mit Angehörigen der gesellschaftlichen Elite aufnahmen, ohne den kleinsten Beweis in der Hand zu haben.“ (S. 419) 
Einmal mehr wühlen Detective Dave Robicheaux und sein ehemaliger Partner im Vietnam-Krieg und im New Orleans Police Department, Clete Purcel, mächtig im Dreck, den die herrschende Schicht im Iberia Parish stets so gut zu verbergen versteht. Die beiden „Bobbsey Twins“ nehmen dabei nicht immer Rücksicht auf rechtliche Vorgaben und Dienstvorschriften. Wenn sie erst einmal das Gefühl haben, dass eine Sache stinkt, lassen sie nicht mehr locker, bis die Pestbeule ausgemerzt ist – oft sehr zum Missfallen von Robicheaux’ Chefin Helen Soileau, die aber auch weiß, dass Robicheaux meist auf der richtigen Spur ist. Sein Kumpel Clete ist da weniger zimperlich und als Privatdetektiv ohnehin etwas offener in seiner Vorgehensweise. 
James Lee Burke inszeniert ein fein gesponnenes Netz aus menschlichen Abgründen und unheilvollen Beziehungen, die zu dem schmerzlichen Tod sieben junger Frauen geführt haben, aber viel tiefer in die über Jahrhunderte gewachsene Geschichte der Südstaaten reicht. Auch hier kommen wieder mafiöse Verbindungen und ein Menschenbild zum Vorschein, das zeigt, dass die Sklaverei noch tief in den Köpfen der Menschen verwurzelt ist. Der Plot ist durchweg fesselnd und so geschickt konstruiert, dass fortwährend interessante Verknüpfungen und Hintergründe aufgedeckt werden, die allerdings schwer zu beweisen sind und die Bobbsey Twins zu drastischen Maßnahmen zwingen, denn ihre Gegner erweisen sich weit skrupelloser bei ihren Verbrechen. Etwas kurz kommt allerdings Robicheaux‘ Familie. Da Alafair direkt an dem Geschehen beteiligt ist, bekommt sie etwas Raum zur Entwicklung, aber Robicheaux‘ Frau Molly spielt die kleinste Nebenrolle, die man sich nur vorstellen kann. 
Dafür sind Burke die Charakterisierungen seiner beiden Protagonisten, aber auch der undurchsichtigen Typen im Umfeld der Abelards und Blanchets ausgesprochen tiefgründig und faszinierend gelungen, die Dialoge und Action herrlich spritzig formuliert. „Eine Zelle für Clete“ gehört fraglos zu den besten Romanen der großartigen Robicheaux-Reihe. 

 

Paul Auster – „Mond über Manhattan“

Freitag, 21. Januar 2022

(Rowohlt, 384 S., HC) 
Im Herbst 1965 kommt der 18-jährige Student Marco Stanley Fogg nach New York, um an der Columbia Literaturwissenschaft zu studieren. Als er nach neuen Monaten das Studentenwohnheim verlassen kann und in der West 112th Street ein Apartment bezieht, sind es die von seinem Onkel Victor geerbten Bücherkisten, mit denen der junge Mann die Räumlichkeiten möbliert. Als dieser im Frühjahr 1967 unerwartet im Alter von 52 Jahren verstirbt, verliert Fogg nicht nur seine letzte familiäre Bindung – seine Mutter kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben, als Fogg elf war, einen Vater hat es nie gegeben, so dass sein Onkel zum Vater-Ersatz wurde - sondern auch den Halt in seinem Leben. 
Mit dem geerbten Geld kann Fogg sein Studium nicht zu Ende finanzieren, er leidet Hunger, verliert die Wohnung, deren Besonderheit vor allem darin besteht, dass mit der kleinen Aussicht auf den Broadway auch die Leuchtreklame eines chinesischen Restaurants zu sehen ist. Der „Moon Palace“-Schriftzug lässt Fogg an die Moon Men denken, an die Band seines Onkels, dessen Bücher er nach und nach verkauft, um von dem mickrigen Erlös Miete und Essen zu bezahlen. Als das nicht reicht und Fogg die Wohnung räumen und das Studium schmeißen muss, zieht Fogg als Obdachloser durch die Straßen, nächtigt im Central Park, hungert bis auf die Knochen ab, bis ihn die Zufallsbekanntschaft der 19-jährigen Kitty Wu vor dem sicheren Tod bewahrt. 
Sie besorgt ihm eine Bleibe bei seinem früheren Studienkollegen David Zimmer, wo er allmählich wieder zu Kräften kommt und schließlich eine Stelle als Vorleser beim exzentrischen, blinden und reichen 86-jährigen Thomas Effing bekommt. Dem alten, an den Rollstuhl gefesselten Mann liest er allerdings nicht nur vor, sondern er unternimmt auch Spaziergänge mit ihm und schreibt seine obskure Lebensgeschichte auf. Demnach hieß Effing früher Julian Barber, kam zufällig an viel Geld, als er an die Westküste reiste, und begann unter neuem Namen ein neues Leben. 
Als Effing stirbt, schreibt Fogg, der seinen Vornamen auf die Initialen M.S. verkürzt hat, wie vom alten Herrn gewünscht dessen Nachruf und beginnt, Effings Sohn Solomon Barber ausfindig zu machen. Als Barber nach einem Auslandsaufenthalt für ein langes Wochenende nach New York kommt, um mit Fogg über seinen Vater zu reden, findet der junge Mann heraus, dass seine Mutter eine der Studentinnen des Geschichtsprofessors war, der als Siebzehnjähriger einen biografisch gefärbten, nie veröffentlichten Roman über seinen Vater geschrieben hatte. Als sich Fogg mit dem Manuskripts auseinandersetzt, fügen sich die Puzzleteile seines Lebens allmählich zusammen, und er macht sich selbst auf eine abenteuerliche Reise in den Westen, um die Höhle zu suchen, die Effing in seiner Geschichte erwähnt hat … 
„Vielleicht war es die schiere Aussichtslosigkeit des Unternehmens, was bei mir den Ausschlag gab. Wenn ich auch nur die geringste Möglichkeit gesehen hätte, dass wir die Höhle finden könnten, würde ich mich wohl kaum auf die Suche eingelassen haben, aber die Vorstellung, auf eine sinnlose Suche auszuziehen, zu einer Reise aufzubrechen, die ein Fehlschlag werden musste, sagte meiner derzeitigen Sicht der Dinge zu. Wir würden suchen, aber wir würden nicht finden. Nur die Reise als solche war wichtig, und am Ende bliebe uns nichts als die Vergeblichkeit des Strebens.“ (S. 359) 
Von Beginn an in seiner schriftstellerischen Karriere hat sich bei Paul Auster Biografisches mit fiktionalen Geschichten vermischt. Neben den (auto-)biografischen Titeln „Die Erfindung der Einsamkeit“, „Das rote Notizbuch“, „Von der Hand in den Mund“ und „Die Geschichte meiner Schreibmaschine“ hat er auch in seinen frühen Romanen „Die New-York-Trilogie“ und „Im Land der letzten Dinge“ stets außergewöhnliche, wenn auch fiktionale Lebensgeschichten veröffentlicht, die bereits Austers Talent für die einfühlsame Beschreibung der Innen- und Außensicht seiner Figuren dokumentiert. 
Mit seinem 1989 veröffentlichten Roman „Moon Palace“, der im folgenden Jahr in deutscher Übersetzung von Werner Schmitz erschienen ist, schickt Auster seinen jungen Protagonisten Marco Stanley Fogg auf eine Sinnsuche von wortwörtlicher existentieller Bedeutung. Fogg, der sich aus großen Reisenden wie Marco Polo, Henry Morton Stanley und Phileas Fogg aus dem Roman „In 80 Tagen um die Welt“ von Jules Verne zusammensetzt, muss seit seiner Kindheit lernen, ohne Eltern aufzuwachsen, findet in seinem Jazz-Klarinette spielenden Onkel einen passenden Vater-Ersatz und muss auf die harte Tour die Herausforderungen des Erwachsenwerdens meistern – das alles unter den Begleiterscheinungen der ersten Mondlandung und dem Vietnamkrieg. 
Doch bevor auch Fogg fremde Welten erkunden kann, landet er ganz tief unten, bis auf die Knochen abgemagert lernt er schließlich eine unermessliche Woge an Hilfsbereitschaft und Liebe kennen, lernt aber auch, die Welt mit anderen Augen zu sehen, als er gezwungen wird, für seinen blinden Arbeitgeber Mr. Effing ganz alltägliche Dinge zu beschreiben. Als er sich auf eine hoffnungslose Reise begibt, nachdem er auch seine Liebe verloren hat, fügen sich die Puzzleteile seines Lebens endlich zusammen. 
Auster erweist sich bei dieser abenteuerlichen Odyssee als bravouröser Stilist, der mit seinen bildhaften Beschreibungen den Leser in die Handlung mit hineinzieht. Erst als sich Auster mit den zunehmend abenteuerlichen Lebensläufen von Foggs Verwandten, Vorfahren und Weggefährten auseinandersetzt, schleichen sich auch Längen ein, doch findet „Mond über Manhattan“ einen versöhnlichen Abschluss. Der Roman zeigt auf vielfältige Weise auf, welch ungewöhnliche Geschichten doch hinter unscheinbar wirkenden Menschen stecken, wie Wahrnehmung und Einstellung das Schicksal eines Menschen beeinflussen können.  

Jo Nesbø – (Harry Hole: 6) – „Der Erlöser“

Dienstag, 11. Januar 2022

(Ullstein, 508 S., HC) 
In seinem sechsten Fall ermittelt der Osloer Kriminalkommissar Harry Hole im Todesfall des Junkies Per Holmen. Der heroinabhängige Junge wurde in einem Container auf dem Hafengelände von Bjørvika erschossen aufgefunden, die Pistole neben sich. Doch so recht will sich der Alkoholiker Hole mit dem offensichtlichen Selbstmord nicht zufriedengeben, besucht das Café der Heilsarmee, in der sich Obdachlose und Abhängige immer mal wieder aufwärmen und kommt in Holmens Familie den wahren Umständen von Pers Tod auf den Grund. Währenddessen hat Harry Hole mit etlichen Veränderungen in seinem Leben zu kämpfen. 
Sein früherer Chef Bjarne Møller lässt sich auf eigenen Wunsch nach Bergen versetzen, um dort das Dezernat für Gewaltverbrechen zu leiten. Zum Abschied erhält Hole von ihm eine zu laut tickende Armbanduhr, die er eines Nachts frustriert aus dem Fenster wirft. Møllers Nachfolger Gunnar Hagen nervt Hole nicht nur mit seinen Erzählungen über die Tapferkeit japanischer Soldaten, sondern versucht Hole auch noch etwas Disziplin beizubringen. Während seine frühere Lebensgefährtin Rakel einen neuen Liebhaber hat, macht Hole allmählich wieder Bekanntschaft mit seinem vertrauten Feind Alkohol. Ebenso schwierig erweisen sich die Ermittlungen im Mordfall von Robert Karlsen, einem bekannten Soldaten der Heilsarmee, der während eines Konzerts mitten in der Vorweihnachtszeit auf Norwegens bekanntester Straße aus kürzester Distanz erschossen wurde. 
Anhand der Bilder, die das Dagbladet als Mitorganisator der Konzerte am Egertorg gemacht hat, fällt ein Mann mit einem auffälligen roten Schal auf, den die Polizei als den kroatischen Auftragsmörder Stankic identifiziert. Der wartet bereits am Flughafen auf den Rückflug nach Zagreb, doch spielt ihm das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Durch den zwangsläufig verlängerten Aufenthalt in Oslo erfährt Stankic, dass er den falschen Karlsen erschossen hat. Offensichtlich hatte Robert kurzfristig mit seinem Bruder Jon, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht, den Dienst getauscht. 
Während „der Erlöser“ seinen Irrtum korrigieren will, sterben weitere Menschen, so Jon Karlsens wohlhabende Geliebte Ragnhild und Holes junger Kollege Jack Halvorsen, der seinen Verletzungen nach einem Messerangriff im Krankenhaus erliegt. Hole reist auf eigene Faust nach Zagreb, um Stankics Auftraggeber zu ermitteln, und stellt fest, dass Jon Karlsen das eigentliche Opfer des Attentats werden sollte. Zurück in Oslo beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, denn Hole will auf jeden Fall verhindern, dass Stankic weitere Morde ausübt, doch dann läuft alles anders als geplant … 
„Er spürte einen Kloß im Hals, der immer dicker wurde, und dachte an etwas, das Møller bei ihrer letzten Begegnung hier oben gesagt hatte: Es sei verrückt, dass man vom Zentrum Norwegens zeitgrößter Stadt nur sechs Minuten mit der Seilbahn fahren musste und sich plötzlich in eienr Gegend befand, in der sich ein Mensch verlaufen und zu Tode kommen konnte. Dass man im Zentrum von etwas, das man selbst als Gerechtigkeit empfand, plötzlich jede Orientierung verlieren und zu etwas mutieren konnte, das man normalerweise selbst bekämpfte.“ (S. 507) 
Es geht hoch her in „Der Erlöser“, dem sechsten Band um den 1,93 Meter großen, alkoholkranken Kommissar Harry Hole. Mit dem einführenden Fall des toten Junkies in einem Container beweist Hole sich und den Lesern, dass er noch immer mit dem Gespür eines brillanten Ermittlers gesegnet ist. Dieses braucht er dann auch im aufsehenerregenden Mord an dem Heilsarmee-Soldaten Robert Karlsen. Je tiefer Hole und seine Kollegen in die Organisation der Heilsarmee bekommen, desto verworrener erscheinen auch die Beziehungen zwischen den Beteiligten. Affären, Korruption, Missgunst und Hass sind hier offenbar ebenso an der Tagesordnung wie in der regulären Welt. 
Tatsächlich entwickelt Nesbø hier seine größten Stärken, wenn er nach und nach dieses komplexe Geflecht entwirrt und dabei geschickt Stück für Stück elementare Ereignisse aus der Vergangenheit sowohl der beiden Karlsen-Brüder als auch deren gemeinsame Bekannte Martine freilegt, mit der Hole selbst gern etwas anfangen würde. Allerdings schleichen sich in dem 500-Seiten-Krimi auch so einige Längen ein, die der Autor durch unnötige Spielereien und kleine falsche Fährten einfügt. Dafür ist das furiose und temporeiche Finale dramaturgisch erstklassig inszeniert und bekommt am Ende für Hole auch noch eine sehr persönliche, überraschende Note. Es bleibt also weiterhin spannend in Holes Leben und Karriere! 

 

Garry Disher – (Wyatt: 7) „Dirty Old Town“

Sonntag, 2. Januar 2022

(Pulp Master, 324 S., Tb.) 
Der australische Schriftsteller Garry Disher hat sich breit aufgestellt. Zwar ist er vor allem durch seine Krimi-Reihen und den Berufsdieb Wyatt und Inspektor Challis bekannt geworden, hat aber auch etliche Kinder- und Jugendbücher sowie Sachbücher geschrieben. Nach den sechs erfolgreichen Wyatt-Romanen „Gier“ (1991), „Dreck“ (1992), „Hinterhalt“ (1993), „Willkür“ (1994), „Port Vila Blues“ (1996) und „Niederschlag“ (1997) schien die Geschichte von Wyatt zunächst auserzählt, doch nach 13 Jahre Pause legte Disher mit „Dirty Old Town“ (2010) den siebten Roman der erfolgreichen Reihe nach, auf die bislang noch zwei weitere Abenteuer folgten. 
Einst ist Eddie Oberin als Bankräuber und Fluchtwagenfahrer aktiv gewesen. Mittlerweile schiebt er als Hehler und Informant eine ruhigere Kugel. Ihm hat Wyatt den Tipp mit dem überschuldeten Hafenmeister des Port of Melbourne zu verdanken, der es sich gut bezahlen ließ, Schiffe nicht in Quarantäne zu schicken. Bei einem der Geldübergaben ist Wyatt zur rechten Stelle, doch die Polizei auch. Wyatt gelingt zwar die Flucht, doch die erbeutete Aktentasche enthält nur 1600 australische Dollar und sonst nur Papier zwischen den Ober- und Unterseiten der vermeintlichen Geldbündel. Einträglicher wirkt der nächste Coup, an dem der altmodische Dieb beteiligt ist. 
Wyatt hat weder Interesse, sich mit den ausgeklügelter Elektronik zu befassen, noch mit Drogen zu handeln. Stattdessen konzentriert er sich ganz auf das Geschäft mit Geld, Juwelen und Gemälden. Oberin hat durch seine Ex-Frau Lydia Stark den Tipp bekommen, dass die Gebrüder Henri und Joe Furneaux Schmuck der Extraklasse herstellen. Statt ihren Laden zu überfallen, wollen sie eine Lieferung kapern. Um die Probleme zu umgehen, die mit der wenig ertragsreichen Liquidierung der Schmuckstücke zusammenhängen, kommt mit dem französischen Kurier Alain Le Page eine weitere Komponente ins Spiel. Neben seiner legalen Fracht aus Edelsteinen, Goldketten und kleinen Goldbarren transportiert Le Page nämlich auch gestohlene Exemplare von Luxusmarken wie Breitling, Rolex, Piaget, Georg Jensen etc., auf die es Stark, Oberin und Wyatt abgesehen haben. 
Doch der Überfall verläuft anders als geplant: Oberin und seine Geliebte Khandi Cane ziehen den Deal auf eigene Rechnung durch, schießen Lydia an. Wyatt nimmt sich der verletzten Frau an und entwickelt dabei mehr Gefühle für sie, als ihm lieb ist. Doch auch Eddie Oberin kommt nicht ungeschoren aus der Sache raus. Die ehrgeizige Polizistin Rigby gelangt nämlich an den Koffer, an dem sich statt des erwarteten Klunkers Wertpapiere befanden. Nun machen die geprellten Partner Jagd aufeinander … 
„Er fragte sich, was Eddie wisse oder vermute, und logischerweise auch, wie er, Wyatt, sich an seiner Stelle verhielte. Ganz sicher würde er die Nachrichten im Radio und Fernsehen verfolgen. Er würde sich fragen, warum man nicht von Leichen in der Nähe des brennenden Audi berichtete. Und das würde ihn aus der Bahn werfen. Wenn er glaubt, dass ich noch lebe, dachte Wyatt, wird er es mit der Angst zu tun bekommen. Wenn er glaubt, dass ich tot bin, wird er sich fragen, warum die Cops dazu schweigen.“ (S. 136) 
Eigentlich stellt „Dirty Old Town“ ein klassisches Heist-Szenario mit unübersehbaren Noir-Elementen dar. Disher muss seinen Protagonisten Wyatt nicht groß einführen. Die Art, wie er die Hafenmeister-Geschichte durchzieht, sich bei Ma Gadd eine neue Waffe besorgt und dabei das unerwünschte Interesse ihres grobschlächtigen Neffen Tyler auf sich zieht, präsentiert einen durch und durch abgekochten und fokussierten Dieb, der seine Coups ebenso sorgfältig plant und nachbereitet, wie er sie durchzieht. 
Nachdem der vermeintliche Luxus-Schmuck-Coup aber fürchterlich aus dem Ruder gelaufen ist, beginnt die eigentliche Story, die Disher aus den verschiedenen Perspektiven aller Beteiligten erzählt. Das sorgt für Tempo und allerlei Verstrickungen. Zwar verpasst der Autor seinen Figur jeweils eine eigene Vita und Kontur, aber so richtig erwärmen mag man sich als Leser für niemanden, weshalb sich auch kein Bedauern einstellt, wenn eine Figur nach der anderen aus dem Spiel ausscheidet und sich Wyatt zum knackigen Finale nur noch mit seinem Endgegner herumschlagen muss. Das ist durchaus unterhaltsam geschrieben, fesselt allerdings nicht über die gesamte Strecke. Dazu nimmt der Plot zu viele Umwege in Kauf. 
So bietet „Dirty Old Town“ zwar ein turbulentes Wiedersehen mit Wyatt, doch dafür hätte Garry Disher seinen Helden nicht unbedingt reaktivieren müssen. 

 

Rick DeMarinis – „Götterdämmerung in El Paso“

Montag, 27. Dezember 2021

(Pulp Master, 320 S., Tb.) 
Als Sohn des italienischen Gangsters „Big Al“ DeMarinis ist Rick DeMarinis (1934-2019) früh mit der Welt in Kontakt gekommen, die er zwischen 1975 und 2015 in Romanen und Kurzgeschichten thematisiert hat. Zwar ist sein schriftstellerisches Werk innerhalb dieser 40 Jahre recht überschaubar geblieben, wurde aber immer wieder ausgezeichnet, so mit dem Jesse H. Jones Award des Texas Institute of Letters und dem Independent Publishers Award. Mit „El Paso Twilight“ erschien leider schon sein letzter Roman, der 2012 bei Pulp Master in deutscher Übersetzung vorgelegt wurde und wunderbar respektlos mit den Konventionen des Krimi-Genres aufräumt. 
Luther Penrose und J.P. Morgan sind schon seit der Schule enge Freunde. Da sich Luther in der Schule als großkotziger Streber präsentierte und von seinem besten Kumpel vor den Rowdys beschützt werden musste, etablierte sich diese Beziehung auch ihrem Einsatz bei Desert Storm. Als Millionenerbe war es Luther vergönnt, sich seiner Schriftstellerei zu widmen, während J.P. Morgan eine Karriere als Versicherungsdetektiv einschlug und nach seinem Rausschmiss dort nun auf eigene Rechnung Aufträge übernimmt. 
Luther ist gerade mit seinem neuen Werk beschäftigt, einem historischen Bildungsroman mit dem Titel „Der Entfesselte Parsifal“, als er seinen Freund damit beauftragt, seine Frau Carla wieder zurückzubringen. Die Dozentin für Lateinamerikanische Studien der Universität von Texas in El Paso setzt sich als leidenschaftliche Aktivistin für mexikanische Illegale ein und scheint mit dem Doktoranden Hector Martinez durchgebrannt zu sein, so Luthers Vermutung. Er setzt dabei nicht allein auf J.P.s Loyalität, sondern heuert auch noch die Detektei Hamilton Scales & Partner an. J.P. gelingt es, das vermeintliche Liebespaar in Las Vegas ausfindig zu machen, entdeckt aber, dass Carla und Hector eher durch ihre ehrenamtlichen Missionen verbündet sind als durch amouröse Leidenschaften. Es dauert nicht lange, da hängen J.P. auch die Kopfgeldjäger, Texas Ranger und eine obskure Nazi-Bruderschaft sich an die Fersen von Carla, Hector und J.P. Denn wie sich herausstellt, ist eine Menge Geld im Spiel … 
„Für mich sah die Sache folgendermaßen aus: Sie würde niemals nach Chihuahua City fahren. Sie würde einfahren. Auch Hector würde nicht nach Chihuahua City fahren. Höchstwahrscheinlich war er bereits tot. Und ich würde todsicher keine zehntausend Dollar von jemanden bekommen, der im Knast war oder tot. Dieses irre Vorhaben war bereits gescheitert und die Folgen würden alles andere als angenehm werden.“ (S. 183) 
Bereits in „Kaputt in El Paso“ hat DeMarinis das US-Grenzstädtchen am Rio Grande, auf dessen anderer Seite Juárez liegt, zum Mittelpunkt einer grenzüberschreitenden Handlung in bester Noir-Tradition gemacht. Mit „Götterdämmerung in El Paso“ bekommen das Flüchtlingsthema und vor allem rassistische Ressentiments, wie sie später in der Donald-Trump-Ära auf die Spitze getrieben wurden, eine besondere Bedeutung. So wie J.P. Morgans exzentrischer und selbstgefälliger Schriftsteller-Freund Luther in seinem neuen Roman, für den er tatsächlich einen Verleger findet, Hitler und Richard Wagner in einen Topf wirft, erhält die nationalistische Note durch die von verschiedenen Seiten organisierte Jagd auf Luthers Frau und ihrem Liebhaber weiteren Treibstoff. 
Es ist eine mehr als blutige Hetzjagd, die sowohl die Gesuchten als auch J.P. selbst nach Vegas, Phoenix bis nach Albuquerque treibt und immer wieder neue Aspekte zutage treten lässt, die die Geschichte ebenso abstrus wie bedrohlich real erscheinen lassen. DeMarinis präsentiert mit „Götterdämmerung in El Paso“ einen grotesken Road Trip, der die tiefe Zerrissenheit innerhalb der US-amerikanischen Bevölkerung und ihrem Verhältnis zu ihren Nachbarn aus Mexiko offenbart.