Mittwoch, 5. März 2014

Irvine Welsh – „Skagboys“

(Heyne, 832 S., HC)
Mit seinem erfolgreich von Danny Boyle verfilmten Romandebüt „Trainspotting“ (1993) wurde der schottische Schriftsteller Irvine Welsh weltberühmt, konnte aber mit seinen nachfolgenden Werken nicht mehr an den rauen wie authentischen Ton seines Erstlings anknüpfen. Zwar versuchte sich der mittlerweile in Chicago lebende Autor 2002 mit „Porno“ an einem Sequel, doch erst mit dem jetzt erschienenen Prequel „Skagboys“ kehrt Welsh zu alten Qualitäten zurück, wenn er in epischer Länge rekapituliert, wie die Junkies aus „Trainspotting“ zu dem wurden, was sie sind.
Die alten Bekannten Mark "Rents" Renton, Simon "Sick Boy" Williamson, David "Scruffy" Murphy, Francis "Franco" Begbie und weitere Figuren aus ihrem Umfeld beschreiben im Wechsel als Ich-Erzähler ihre verzweifelten Versuche, im sozialen Brachland des Thatcher-Regimes Anfang der 80er irgendwie klarzukommen. Die besten Chancen auf einen sozialen Aufstieg hat Mark Renton mit guten Aussichten auf einen erfolgreichen Abschluss an der Universität und einer netten Freundin. Doch als sein behinderter kleiner Bruder Davie stirbt, sind die Träume von einer besseren Zukunft nur noch Schall und Rauch. Ebenso wie seine arbeitslosen Kumpels in Leith hangelt sich Rents von einem Trip zum anderen, bis sie durch den Raub einer Spendenbüchse vor die Wahl gestellt werden, in den Knast zu wandern oder an einer Reha-Maßnahme teilzunehmen. „Eigentlich hätte ich jetzt schon einen Uniabschluss und wäre mit einem wunderschönen Mädchen verlobt! Aye, sicher könnte ich die Sucht weiter als Krankheit ansehen und auf der Grundlage des medizinischen Suchtmodells argumentieren, aber nachdem ich die Entgiftung geschafft hab, bin ich nun offiziell nicht mehr physisch abhängig. Das Problem: Im Moment sehne ich mich stärker denn je danach und auch nach der damit einhergehenden sozialen Komponente – der Deal, das Aufkochen, das Spritzen, das Abhängen mit den anderen abgefuckten Gestalten … nachts wie ein untoter Vampir durch die Gegend latschen, hin zu den schmuddligen Wohnungen in den schäbigsten Teilen der Stadt, um dort mit den anderen durchgeknallten Losern, die ihr Leben genauso wenig in den Griff bekommen wie ich, ohne Ende Dünnschiss zu labern“, schreibt Rents in sein Reha-Journal. „Ich weiß, dass das Zeug mein Leben zerstört, aber ich brauche es. Ich bin nicht bereit, aufzuhören.“ (S. 703f.) Irvine Welsh ist ein Meister darin, in der Sprache seiner Skagboys die sozialen Abgründe aufzuzeigen, die der Thatcherismus in den 80ern heraufbeschworen hat, und zeichnet authentisch das Lebensgefühl einer Generation nach, die nie in den Genuss kommen sollten, dass die Versprechen von Arbeit und Wohlstand eingelöst wurden. Dabei nimmt Welsh absolut kein Blatt vor den Mund und entfesselt in unverblümtem Slang kuriose Aktionen wie das Wettkacken am Montag, sexuelle Phantasien und Seitensprünge sowie den Wunsch, all das Elend zu vergessen, das in den Sozialbaugegenden in Edinburgh herrscht. Diese Schilderungen sind manchmal etwas lang geraten, aber voll drastischer Humoreinlagen und tiefer Einsichten in die sozialen Befindlichkeiten der britischen Thatcher-Ära. Lesen Sie im Buch: Welsh, Irvine - Skagboys

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen