Sonntag, 20. Juli 2014

Ryan David Jahn – „Die zweite Haut“

(Heyne, 319 S., Tb.)
Der 34-jährige Büroangestellte Simon Johnson fristet ein ziemlich ödes Dasein in Los Angeles. Er weiß so wenig mit seinem Leben anzufangen, dass er sonntags sogar lieber ins Lohnabrechnungsbüro fahren würde, um nicht überlegen zu müssen, wie er seine Zeit verbringen kann. Doch eines Tages dringt ein Einbrecher in seine Wohnung ein, in der es nichts zu holen gibt außer seiner Plattensammlung, und trachtet Simon sogar nach dem Leben. Nach einem heftigen Kampf ringt Simon den Fremden nieder und schlägt so lange mit einer Taschenlampe auf den Eindringling ein, bis dieser tot zusammenbricht.
Als er endlich dazu kommt, den Toten genauer zu betrachten, erschrickt Simon, dass er seinem Ebenbild ins Gesicht blickt. Zunächst lagert er die Leiche mit Eis in der Badewanne und versucht, den Umständen auf den Grund zu gehen. Die Papiere weisen den Toten als Jeremy Shackleford aus, und nach einigen Überlegungen beschließt Simon, nicht nur Jeremys Identität anzunehmen, sondern auch sein Leben zu leben. Wie sich nämlich herausstellt, lebte der Tote mit einer schönen Künstlerin namens Samantha in einer komfortablen Wohnung zusammen und arbeitete als Mathematikdozent an einer Kunstschule. Doch die Übernahme des anderen Lebens verläuft nicht ohne Zwischenfälle. Offensichtlich unterhielt Jeremy an der Schule eine Affäre mit der 18-jährigen Studentin Kate Wilhelm und besuchte mit Dr. Zurasky denselben Psychiater wie er selbst. Und schließlich wird Jeremy/Simon von einem Privatdetektiv beschattet. Je mehr Simon zu ergründen versucht, warum Jeremy ihn umbringen wollte, desto mehr gerät er in ein Netz aus Täuschungen, seltsamen Erinnerungen und unerklärlichen Déjà vus, die ihn an seinem Verstand zweifeln lassen.
„Simon Johnson hatte ein ruhiges Leben geführt – aber als Jeremy Shackleford in sein Apartment eingebrochen war, hatte sich alles verändert. Simon hatte ihn versehentlich getötet, aber dennoch hatte es ihn verändert, oder? Die Kälte, mit der er reagierte, entsprach der Kälte, die sein ganzes Leben prägte – aber jetzt war dieses heiße Verlangen nach mehr entbrannt und glühte in ihm wie heiße Kohlen. Und er war zu einem Monster geworden – er war Jeremy Shackleford geworden, oder? Oder er wurde langsam zu Jeremy Shackleford – der Verwandlungsprozess hatte eingesetzt. All diese Dinge, die so tief unter der Oberfläche seines Lebens verborgen gelegen hatten, dass sie größtenteils nur formlose Schatten waren – all diese tentakelbewehrten Kreaturen schossen hervor, all diese Bestien aus seinem Innenleben brachen sich Bahn an die Oberfläche, und sie waren hässlich und schrecklich.“ (S. 286) 
Bereits mit seinen ersten beiden bei Heyne Hardcore veröffentlichten Romanen „Ein Akt der Gewalt“ und „Der Cop“ erwies sich der amerikanische Drehbuch- und Romanautor Ryan David Jahn als Meister des psychologischen Thrillers, der tief in die Abgründe der Seele seiner Figuren zu blicken versteht.
Sein in den USA bereits 2010 unter dem Titel „Low Life“ veröffentlichtes Werk „Die zweite Haut“ erweist sich zunächst als klassischer Krimi, in dem ein Einbruchsopfer zu ergründen versucht, warum eine Art Doppelgänger nach seinem Leben trachten wollte. Doch seit diesem Überfall streut Jahn immer wieder geschickt Hinweise ein, die dem Geschehen eine mysteriöse Note verleihen. In der zweiten Hälfte des Romans weiß nicht mal mehr der Leser, ob Simon/Jeremy an einer starken Paranoia leidet oder ob die geschilderten Ereignisse tatsächlich übernatürlichen Ursprungs sind.
All dies beschreibt Jahn in einer kühlen wie pointierten Sprache, die die Spannung bis zur Zielgeraden aufrechterhält.
Leseprobe Ryan David Jahn - "Die zweite Haut"

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen