Freitag, 15. Oktober 2010

Cesarina Vighy – „Mein letzter Sommer“

(Hoffmann und Campe, 190 S., HC)
Jahrzehntelang erfreute sich Amelia bester Gesundheit, hatte nie Probleme mit dem Alter, sah eher zehn Jahre jünger aus, ging mit Begeisterung ihrer Arbeit als Bibliothekarin nach, führte die ausgefallensten Recherchen für ihre Leser durch. Doch dann beginnt sie zu schwächeln, wandert von Arzt zu Arzt, bis ihr jemand die erschütternde Diagnose stellt, dass sie an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) leide. Doch statt leidend ihrem unvermeidlichen Ende entgegenzusehen, nimmt die Siebzigjährige ihr Schicksal mit ironischer Gelassenheit an und blickt auf ihr bewegtes Leben zurück.
Es beginnt in den Wirren des Ersten Weltkriegs, als die Großmutter bei der Geburt ihrer Tochter an Tuberkulose starb, worauf Amelias Mutter Nives bei verschiedenen Tanten in Mailand aufwuchs, von ihrem Vater aber gequält wurde, wo er nur konnte. Nives, die wegen ihres zweiten Namens nur Pina gerufen wurde, ließ sich bald mit einem verheirateten Rechtsanwalt ein, um dem grausamen Vater zu entfliehen, und zeugte mit ihm Amelia. Ihre Geschichte geht weiter über den Zweiten Weltkrieg hinweg, hinein in die turbulenten 70er Jahre, in denen die Roten Brigaden Aldo Moro hinrichteten. In all den unruhigen Zeiten machte Amelia ihren Weg, und sie schreibt liebevoll über ihre Eltern, über ihr Leben in Venedig und Rom. Es entsteht das Portrait einer gut beobachtenden, hoch gebildeten Frau, die ihre Eindrücke stets mit literarischen Vergleichen versieht und sie ebenso poetisch in Worte fasst.
„Die Kranken werden wieder zu Kindern. So bereiten sie sich in den Lehrjahren der Vernunft und Hinnahme der Behandlungen auf jene näher rückende Zeit vor, in der fremde (hoffentlich wenigstens rücksichtsvolle) Hände sie füttern, waschen und ankleiden werden und so aus ihren Körpern jene wehrlosen Gegenstände machen, die sie schon immer gewesen sind.“ (S. 145)
Es ist nicht immer leicht, den zeitlichen Sprüngen und Erzählsträngen zu folgen, die die Erinnerungen einer Todkranken durchziehen, doch in jeder Zeile wird die Intensität eines Lebens transparent, das auch zum Ende hin noch sehr bewusst wahrgenommen wird. Im Mai 2010 erlag die Autorin ihrer schweren Krankheit. „Mein letzter Sommer“ ist ihr ausdrucksvolles literarisches Testament.

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