Mittwoch, 6. Juni 2018

Jérôme Colin – „Ich warte auf dich am Ende der Straße“

(Atlantik, 174 S., Pb.)
Eigentlich wollte er bei Rot über Ampeln rauschen, durchgezogene Linien überfahren, gegen Gesetze verstoßen und existieren, stattdessen hat er sich nach seinem Journalismus-Studium ein Leben mit Léa und den drei gemeinsamen Kindern in einem kleinen Häuschen eingerichtet, verdient seinen Lebensunterhalt als Taxifahrer in Brüssel. Dabei führt der 38-jährige Hypochonder, dessen beiden Großväter ebenso wie sein Vater an Krebs gestorben sind, teils interessante, manchmal auch amüsante Unterhaltungen mit seinen Fahrgästen, spielt dabei seine Lieblingsmusik von Beck, Richard Hawley, Tom Waits, Jeff Buckley, Elliot Smith und Jacques Brel, erinnert sich daran, wie er Léa vor sechzehn Jahren begegnet ist.
Dann begegnet er Henry, einem Mann, den er jeden Freitag, Samstag und Sonntag gegen halb neun abends von zuhause abholen in eine Kneipe fahren soll.
Doch besonders angetan ist er von Marie, die er bei einem Kneipenbesuch mit seinem Freund Benjamin kennenlernt und mit der er eine Affäre beginnt. Léa und er trennen sich zunächst auf Zeit, die sie dafür verwenden wollen, um über sich und ihre Beziehung nachzudenken. In Gedanken ist der Taxifahrer aber immer bei Marie, kaum bei Léa …
„Wir können nicht anders als lieben. Wir müssen jemanden finden, der uns durch den Sturm begleitet. Wir müssen uns mit wenig zufriedengeben, um nicht allein zu verrecken. Wir müssen uns selbst weismachen, dass wir verliebt sind in Menschen, die wir nie ertragen würden, wenn wir das Glück gehabt hätten, der großen Liebe zu begegnen.“ (S. 156) 
In seinem Debütroman „Ich warte auf dich am Ende der Straße“ erkundet der in Brüssel lebende Journalist und Fernsehmoderator Jérôme Colin auf leicht eingängige Weise das Leben eines namenlosen Taxifahrers, der als Ich-Erzähler seine Gedanken und Erinnerungen zum Leben und zur Liebe von sich gibt. Begleitet von dem dazugehörigen Soundtrack aus Lieblingssongs, mit denen er bestimmte Ereignisse wie den ersten Kuss mit Léa verbindet, regen ihn zuweilen die Gespräche mit seinen Fahrgästen, die er aus ihrer Einsamkeit heraus ins pulsierende Leben kutschieren soll, zu diesen Erörterungen an.
Statt darüber betrübt zu sein, dass er aus seinem Studium nicht mehr gemacht hat, suggerieren die sympathischen Überlegungen gerade zur Liebe, dass der Taxifahrer sehr wohl zufrieden mit seinem Schicksal ist und einfach glücklich damit ist, auch neuen Empfindungen und Leidenschaften Raum zu geben. Darüber hinaus legt er Zeugnis von der Einsamkeit in der Großstadt und der Sehnsucht der Menschen nach einem aufregenden, anderen Leben ab.

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