Montag, 16. November 2015

Ross Macdonald – (Lew Archer: 17) „Der Untergrundmann“

(Diogenes, 363 S., Pb.)
An einem strahlenden Septembermorgen füttert Privatdetektiv Lew Archer gerade seine Buschhäher mit Erdnüssen, als er den Nachbarsjungen Ronny Broadhurst kennenlernt, der mit seiner Mutter vorübergehend in die Wohnung der Wallers eingezogen ist, nachdem sich Jean Broadhurst von ihrem Mann Stanley getrennt hat. Dieser holt Ronny gerade ab, um mit ihm zu Oma Nell nach Santa Teresa zu fahren, mit einer Blondine auf dem Beifahrersitz. Doch bei Ronnys Oma kommen sie nie an.
Als Jean und Lew sich auf die Suche nach Ronny machen, erfährt Archer, dass sich Stanleys Leben ganz um die Suche nach seinem Vater Leo dreht, der vor fünfzehn Jahren mit der Frau eines anderen durchgebrannt sein soll, aber die gebuchte Schiffspassage nach San Francisco nie angetreten hat.
Als auch Stanley ermordet aufgefunden wird, ermittelt Archer auf einmal nicht nur in der Entführung des Braodhurst-Jungen, für die ein halbwüchsiges Paar verantwortlich zu sein scheint, sondern auch in der Mordsache, deren Wurzeln in einem Verbrechen liegen, das bereits vor fünfzehn Jahren begangen worden ist. Je mehr sich Archer mit dieser Geschichte aus Leidenschaften, Lügen, Erpressung und Affären auseinandersetzt, desto verworrener präsentiert sich das Beziehungsgeflecht zwischen allen Beteiligten.
„Ich begann zu ahnen, wo das Problem lag. Ein gar nicht mal seltenes Problem, das entsteht, wenn Familien sich in eine so fade und erstickende Traumwelt einspinnen, dass die Kinder schließlich ausbrechen, um sich an den scharfen Kanten der erstbesten sich bietenden Realität zu wetzen. Oder sich mit Hilfe von Drogen ihre eigene Traumwelt schaffen.“ (S. 135) 
Neben Dashiell Hammett und Raymond Chandler zählt Ross Macdonald (1915 – 1983) zu den großen Autoren der amerikanischen Kriminalliteratur, und die Neuübersetzung von Karsten Singelmann des im Original 1971 erschienenen Klassikers „Der Untergrundmann“ bei Diogenes zeigt auch eindrucksvoll, warum Macdonald nicht nur ein begnadeter Krimiautor, sondern einfach ein grandioser Erzähler gewesen ist.
Bereits mit der Einführung der klassischen Dreieckskonstellation einer einsamen Frau, des eifersüchtigen Ehemanns und des gut beobachtenden Außenseiters, der unversehens zwischen die Fronten gerät, hat Macdonald einen Konflikt initialisiert, der sich im Verlauf der weiteren Geschichte immer weiter fein verästelt, bis alle Beteiligten irgendwie ihre Wunden zu lecken und lange verborgene Geheimnisse preiszugeben haben.
Mit Lew Archer schuf Macdonald dabei einen sympathischen Protagonisten, der ebenso wie die Menschen, mit denen er in dieser Geschichte zu tun hat, unter großer Einsamkeit leidet, der aber im Gegensatz zu den meisten von ihnen zu großer Empathie fähig ist und vor allem den Frauen stets mit Respekt und oft sogar großer Sympathie begegnet, was für die Kriminalliteratur jener Zeit absolut außergewöhnlich gewesen ist, wie auch Donna Leon in ihrem für die Neuübersetzung extra verfassten Nachwort bemerkt.
„Der Untergrundmann“ zeichnet sich bei allen vertrackten Wendungen, die die Geschichte im Verlauf von zwei ereignisreichen und durch einen verheerenden Waldbrand überschatteten Tagen nimmt, durch eine geschliffene Sprache und großartige Figurenzeichnung aus, wobei die Flammen des Waldbrands nicht nur das Zuhause der Menschen bedrohen, sondern gleichsam als Metapher für die Zerstörung menschlicher Schicksale stehen. Auf die weiteren Neuübersetzungen klassischer Lew-Archer-Romane darf der Krimi- und Literaturfreund deshalb mehr als gespannt sein.

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