Garrett Carr – „Der Junge aus dem Meer“

Freitag, 28. März 2025

 (Rowohlt, 416 S., HC)
Mit seinem Sachbuch „The Rule of the Land: Walking Ireland’s Border“ durfte sich der im irischen Donegal geborene Garrett Carr rühmen, bei BBC Radio 4 ein „Book of the Week“ vorgelegt zu haben, hierzulande ist der Dozent für Kreatives Schreiben an der Queen’s University und Autor für „The Guardian“ und „The Irish Times“ noch gänzlich unbekannt. Das wird sich allerdings mit seinem nun veröffentlichten Debütroman „Der Junge aus dem Meer“ schnell ändern.
In der Donegal Bay leben die paar Tausend Männer, Frauen und Kinder vor allem von der Fischerei. Sie arbeiteten hart, um ihre Hypotheken abzubezahlen, Erstbesitzer eines Autos zu sein und den Kindern all das mitzugeben, um später selbst eine Familie gründen zu können und ein Auskommen zu haben. Das Leben in der Küstenstadt nimmt eines Freitagmorgens eine eigenartige Wendung, als Mossy Shovlin mit einem Baby im Arm zur Filiale der Ulster Bank bringt, wo er verkündet, dass der Kleine, den er in den Armen hält, ein Geschenk aus dem Meer sei und in einem Fass gelegen habe. Der Fischer Ambrose Bonnar erklärt sich schnell bereit, sich zusammen mit seiner Frau Christine des niedlichen Babys anzunehmen. Sie nennen es Brendan und adoptieren es. 
Doch nicht alle sind von der wundersamen Ankunft des Babys entzückt, am wenigstens Brendans zwei Jahre älterer Bruder Declan, aber auch Christines Schwester Phyllis, die sich um ihren gemeinsamen, zunehmend pflegebedürftigen Vater kümmert, sieht mit Besorgnis, dass sich Christine nur noch um Brendan kümmert und die eigentliche Familie vernachlässigt. Vor allem Ambrose ist aber ganz vernarrt in das Kind, was der Rivalität zwischen den Brüdern in den kommenden Jahren neue Nahrung gibt. In dem Bemühen, es seinem Vater recht zu machen, verlässt Declan schließlich die Schule und lässt sich auf dem Schiff seines Vaters zum Fischer ausbilden. Brendan dagegen ist schon als Kind seine eigenen Wege gegangen, ist durch die Gegend gestromert und hat Hausbesuche gemacht, um die Menschen zu segnen.

„Tatsächlich war es so, dass viele von uns etwas Tiefergehendes spürten, wenn Brendan uns segnete, unter seiner Berührung wurde uns unsere eigene Bedeutungslosigkeit bewusst, wir waren Fässer, die im Meer trieben, doch zugleich hatten wir das Gefühl, dass hier eine wohlwollende Kraft am Werk sein könnte, eine hilfreiche Strömung, und das war tröstlich. Also ließen wir uns von ihm segnen, und eine Woche später dann vielleicht wieder.“

Doch als die Segnungen ihren Reiz einbüßen, sieht sich Brendan gezwungen, sich einen eigenen Platz in der Gemeinschaft zu schaffen, die ihn so wohlwollend aufgenommen hat…
Garrett Carr ist mit „Der Junge aus dem Meer“ ein besonders einfühlsamer Roman über das Leben in einer irischen Küstenstadt gelungen, in der durch die schicksalhafte Aufnahme eines Findelkindes die besten und die schlechtesten Seiten in den Menschen hervorgekehrt werden. Aus der Perspektive eines nicht ganz außenstehenden, aber mit den Ereignissen auch nie direkt verbundenen Erzählers wird beschrieben, wie „der Junge aus dem Meer“ über zwanzig Jahre lang die Geschicke in Donegal beeinflusst, wie Familienbande zerrüttet und wieder geflickt werden, wie viel Geld verdient wird, große Häuser gebaut und Fischfangquoten mit immer größeren Schiffen gebrochen werden, wie Eifersucht, Trauer, Fürsorge, Glaube, Hoffnung, Verzeihen und Liebe die Menschen voneinander weg treibt, um sie dann wieder nur umso enger wieder zusammenzuführen. „Der Junge aus dem Meer“ zieht den Leser bereits mit den ersten Seiten in den Bann, da es der Autor versteht, mit ausdrucksvollen Bildern die nicht nur physische, sondern auch die seelische Topografie von Donegal zu beschreiben, wo das Herz der Menschen am Ende doch am rechten Fleck zu sitzen scheint. Mit feinfühligen Charakterisierungen und deutlicher Sympathie für seine Figuren ist Carr ein großer irischer Roman gelungen, der stets den richtigen Ton trifft.

Niall Williams – „Das ist Glück“

Donnerstag, 27. März 2025

(Ullstein, 464 S., HC)
Der aus Dublin stammende und an der irischen Westküste lebende Schriftsteller Niall Williams hat bereits mit Romanen wie „Geschichte des Regens“ und „Das Alphabet der Liebe“ auch hierzulande Anhänger der irischen Literatur für sich gewinnen können. Ein besonders einfühlsamer Roman ist ihm 2019 mit „This Is Happiness“ gelungen, der auf der Shortlist für den Irish Book Awards Book of the Year und auf der Longlist für den Walter Scott Prize stand und mit einigen Jahren Verspätung nun als deutsche Erstveröffentlichung „Das ist Glück“ erscheint.
Der 78-jährige Noel blickt zu dem Sommer im Jahr 1958 zurück, als er eine Glaubenskrise nutzte, um das Priesterseminar in Dublin im Alter von siebzehn Jahren zu verlassen und zu seinen Großeltern Doady und Ganga nach Faha zu fahren. Dort lernt er Christy kennen, einen weitgereisten Mann, der im Auftrag für die Regierung dafür sorgen soll, dass auch Faha an das Stromnetz angeschlossen wird, und als Untermieter bei Noels Großeltern einzieht. Noel heuert als Gehilfe bei Christy an, der ihn mit einer Vielzahl von unglaublichen Geschichten versorgt. Schließlich kennt er sich auf den Straßen der Welt ebenso aus wie auf den Meeren, hat Nord-, Mittel- und Südamerika bereist und als Koch, Frisör, Handelsmatrose, Buchhändler, Schiffsbauer, Holzfäller und Schusterlehrling gearbeitet. Wie Noel erfahren soll, hat Christy noch einen weiteren Grund, um nach Faha zu kommen. Anna Mooney war vor fünfzig Jahren die Liebe seines Lebens gewesen, doch dann hat er sie am Altar stehengelassen und fühlt sich nun verpflichtet, um Verzeihung bei den Menschen zu bitten, die er im Verlauf seines Lebens verletzt hatte. Allerdings sucht Christy nicht den direkten Weg zu der Witwe des Apothekers, sondern lässt Noel die Vorarbeit verrichten.

„Er war ins nächste Stadium seines Plans vorgedrungen. Er hatte Annie Mooney ausfindig gemacht, war nach Faha gekommen, und nun hatte sie ihn gesehen. Mehr noch, sie hatte ihn wiedererkannt und offenbar gelächelt. Nach Art der Liebenden ließ er sich diesen Gedanken Nahrung sein, und im Gegenzug nährte er ihn mit österlicher Zuversicht und der altersschwachen Fantasie, es könnte jemals etwas nach Plan laufen.“

Bereits mit den ersten Seiten, wenn er die unterschiedlichen Arten des Regens beschreibt, der Faha ganzjährig im Griff zu haben scheint, unterstreicht Niall Williams nicht nur den virtuosen Umgang mit der Sprache, sondern beschreibt damit auch ein Dorf, das weder mehr noch weniger als jeder andere vergleichbare Ort war, der von Geschichten lebte, vom religiösen Leben, von der Landwirtschaft und natürlich von der Liebe. Zwar bildet die besondere Beziehung zwischen dem jungen Noel und dem weitgereisten, lebenserfahrenen Christy den Ausgangspunkt für eine alte Liebesgeschichte, doch folgt dieser nicht den gängigen Publikumserwartungen. Vielmehr als das Rätsel um diese unvollendete Liebe aufzulösen, dient die enge Bande zwischen dem Jungen und Christy dazu, Noel den Weg zu ebnen für die ersten eigenen romantischen Gefühle, die ebenso wie die seines neuen Freundes unorthodoxe Wege einschlagen. Williams beschreibt seine Figuren mit großem Einfühlungsvermögen und ehrlicher Sympathie. So verschroben die Bewohner von Faha auch sein mögen, Noels Großeltern vorneweg, so herrscht ein fürsorgliches Miteinander, das durch die sonntägliche Messe ritualisiert wird und durch die lebens- und liebeshungrigen jungen Leute beim Knutschen vor allem im Kino gelebt wird. Seinen Ich-Erzähler lässt Williams mit Humor und Altersweisheit über die Ereignisse in jenem Sommer des Jahres 1958 berichten, was der Geschichte jedoch nicht ihre jugendliche Unbekümmertheit nimmt, in die sich der 78-jährige Noel noch immer gut hineinversetzen kann. So schlicht der Buchtitel „Das ist Glück“ auch wirken mag, erzählt der hinreißend geschriebene Roman doch eine typisch irische Geschichte vom Erinnern und Verzeihen, von der Magie des Geschichtenerzählens und der Liebe.

Stephen King – „Das Bild – Rose Madder“

Dienstag, 25. März 2025

(Heyne, 588 S., HC)
Stephen King hat seit seinen frühesten Veröffentlichungen immer wieder starke Frauen in den Mittelpunkt seiner Erzählungen gerückt, am bekanntesten dürften wohl „Carrie“, „Sie“ und „Dolores“ sein, aber auch in dem weniger bekannten, weil verständlicherweise noch nicht verfilmten Roman „Das Bild – Rose Madder“ stellt der „King of Horror“ eine zunächst über Jahre gedemütigte Hausfrau in den Fokus einer Geschichte, die abgesehen von dem übernatürlichen Element keine großen Überraschungen präsentiert.
Seit vierzehn Jahren ist Rose mit dem Polizisten Norman Daniels verheiratet, doch die Ehe erweist sich seit ihrem achtzehnten Lebensjahr als Hölle auf Erden. Immer wieder tickt ihr Mann regelrecht aus und verprügelt sie nach Strich und Faden, wobei er eine besondere Vorliebe für ihre Nieren entwickelt. Bei einem seiner Gewaltausbrüche erleidet Rose eine Fehlgeburt, doch eines Tages genügt ein einzelner Blutstropfen auf dem Bettlaken, der Rose zur Besinnung kommen lässt. Sie nimmt die BankCard ihres Mannes an sich, hebt 300 Dollar vom Konto ab und marschiert zwei Stunden durch die Stadt, bis sie sich mit dem Taxi zum Busbahnhof Portside bringen lässt und mit dem nächstmöglichen Bus in eine 500 Meilen entfernte Stadt fährt. In der Hoffnung auf Hilfe und Orientierung wendet sich Rose an einen Mitarbeiter von Traveller’s Aid, der ihr die Adresse eines Frauenhauses gibt, das von dessen Ex-Frau Anna Stevenson geführt wird. Während Rose ihren Mädchennamen McClendon angenommen hat und trotz ihrer Angst vor ihrem Mann ihr Leben langsam in den Griff bekommt, lässt Norman Daniels natürlich nichts unversucht, um mit Rose mal wieder „aus der Nähe“ zu sprechen, wobei ihn sein detektivischer Instinkt tatsächlich bis zu Daughters and Sisters führt. Doch bis es so weit ist, hat Rose bereits eine eigene Wohnung, einen einträglichen Job als Hörbuch-Sprecherin und einen Verehrer namens Bill gewonnen, in dessen Pfandleihhaus sie ihren Ehering ging ein Bild eingetauscht hat, das sich in Roses Wohnung zu verändern scheint. Aber auch Norman macht auf der Suche nach Rose eine fundamentale Veränderung durch, als in einem Park einem Jungen die Stiermaske wegnimmt, die zu einem unauslöschlichen Teil seiner selbst wird…

„Wie kann das sein? fragte er sich bestürzt. Wie kann das möglich sein? Es ist doch nur ein alberner Jahrmarktspreis für Kinder! Ihm fiel keine Antwort auf diese Frage ein, aber die Maske löste sich nicht, wie fest er auch daran zog, und ihm wurde mit übelkeiterregender Deutlichkeit bewusst, wenn er die Nägel hineingraben würde, würde er Schmerzen verspüren. Er würde bluten. Und tatsächlich hatte die Maske nur noch eine Augenöffnung, die mitten ins Gesicht gewandert war. Seine Sicht durch diese Öffnung war dunkler geworden; das zuvor helle Mondlicht schien wolkenverhangen zu sein.“ (S. 535)

Mit „Rose Madder“, so der schlichte Originaltitel, der sich in erster Linie auf die Signatur des mysteriösen Bildes bezieht, das für den märchenhaften Subplot verantwortlich zeichnet, erzählt Stephen King in erster Linie die natürlich tragische, ansonsten leider sehr gewöhnliche Geschichte einer in der Ehe brutal missbrauchten Frau, wobei sowohl Rosie als auch ihr Mann Norman erschreckend klischeehaft gezeichnet sind. Erschwerend für die Glaubwürdigkeit der Geschichte kommt aber der Gegenentwurf des braven, zuvorkommenden Bill hinzu, der wie ein Ritter in strahlender Rüstung erscheint und die Geschichte zu einem zuckersüß kitschigen Ende führt. Und auch die Episode mit dem Bild, das sich vor den Augen seiner Besitzerin verändert und Rose schließlich mitten in die gemalte Szenerie zieht, wirkt eher wie ein Fremdkörper, der nur eingefügt wurde, um der trivialen Geschichte einen mythischen King-Touch zu verleihen. Leider geht der Schuss hier nach hinten los. „Das Bild – Rose Madder“ zählt so leider zu den langweiligeren Büchern von Stephen King.

Johan Harstad – „Unter dem Pflaster liegt der Strand“

Montag, 3. März 2025

(Claassen, 1152 S., HC)
Der 1979 im norwegischen Stavanger geborene Johan Harstad hat sich zumindest in seiner Heimat seit seinem 2005 veröffentlichten und 2006 auch auf Deutsch erschienenen Romandebüt „Buzz Aldrin wo warst du in all dem Durcheinander“ zu einem preisgekrönten Kult-Autor entwickelt, der sich bereits mit dem über 1200-seitigen letzten Roman „Max, Mischa & die Tet-Offensive“ nur mit einer kleinen Gruppe von Menschen beschäftigte, die er allerdings über einen Zeitraum von vierzig Jahren begleitete und dabei große Themen des 21. Jahrhunderts wie die Haltung zu Heimat, Kunst, Moral, Krieg und individuellen Vorstellungen von Glück und Geborgenheit abhandelte. Ähnlich ambitioniert präsentiert sich Harstads neues Epos mit dem vertrauten Titel „Unter dem Pflaster liegt der Strand“, der auf die revolutionären Utopien der Pariser Mai-Unruhen und die politische Aufbruchsstimmung um 1968 verweist.
Der norwegische Wissenschaftler Ingmar Olsen nimmt im Jahr 2018 an einer Konferenz rund um den Umgang mit radioaktivem Abfall in Warschau teil, wo er auch Edvard Hella wiedertrifft, den Vater von Ebba, mit der Ingmar in seinen Jugendzeiten viel abhing. Ebbas Vater hatte Ingmar einst zum Studium der Kernphysik und Geologie animiert. Schließlich sind Ingmar und seine Freunde Jonatan, Peter und Ebba in Forus aufgewachsen, einem Vorort von Stavanger, der eigentlich als Sitz der meisten Ölfirmen in Finnland bekannt ist und wo mithilfe eines sogenannten Kubikel-Reaktors Energie gewonnen werden sollte. Ingmar, der seit elf Jahren in Finnland lebt und arbeitet, wird während der Konferenz von einem Mann namens Cecil Bjornsen angesprochen, der in Virginia, Minnesota arbeitet und Forus ebenfalls kennt. 
Das Gespräch lässt Ingmar daran erinnern, wie erst Peter, dann Ebba und schließlich Jonatan und Ingmar 1998 den Ort für immer verlassen haben, dann führen die Erinnerungen weiter zurück zu dem Zeitpunkt, als der Kernphysiker Edvard Halla mit seiner Familie nach Forus zieht, im dort das Kubikel-Projekt zu leiten. So lernen die drei Freunden Hallas Tochter Ebba kennen, mit der sie nicht nur abhängen, sondern sich auch in sie verlieben, aber zunächst ist es Jonatan, der mit Ebba zusammenkommt und nun Ingmar von einem Containerschiff aus anruft. Jonatan hat auch im Keller eines merkwürdigerweise leerstehenden Hauses eine unliebsame Begegnung mit einem schwarzen Artefakt gemacht, das ihn in den Wahnsinn trieb. 
Aber nicht nur Jonatan hat diesen radioaktiven Stein berührt, auch ein Meteorologe leidet nach dem Kontakt mit ihm unter dem außergewöhnlichen Blick in die Zukunft und den Lauf der Geschichte. Später sind Agenten verschiedener Nationen auf der Jagd nach diesem mysteriösen Stein. Die Handlung erstreckt sich über Jahrzehnte und teils bis hin zu exotischen Orten wie Insel Tristan da Cunha im Südatlantik, doch kehrt der Ich-Erzähler Ingmar immer wieder zu den Jahren seiner unvergesslichen Jugend zurück…

„Es kommen unglaublich viele Dinge zusammen, aber unangemessen vereinfacht und kurz gefasst geht es vor allem um das Gefühl an jenem Abend, wir hätten eingesehen, dass unsere Leben, wie wir sie kennen und endlich lieben gelernt hatten, für immer vorbei wären und dass wir von nun an alle guten Tage damit vergleichen würden, wie es uns ging, als wir noch nicht darüber nachdachten, wie es uns ging, und dass sie bestenfalls auf dem zweiten Platz landen könnten.“

Johan Harstad hat mit „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ einen monumentalen, fast schon monströsen Roman vorgelegt, an dem er immerhin acht Jahre gearbeitet und mit allerlei (teils wirklich unnützen) Fakten beispielsweise zur Berechnung der Lastenverteilung von Containern auf den Schiffen oder amüsanten Anekdoten wie der zum Wohnen einladenden Haarpracht von Europe-Sänger Joey Tempest gefüllt hat. 
Thematisch packt der Autor nicht weniger als eine sorgfältige Aufarbeitung der Atomenergie an, von der Erfindung über die verheerende Verwendung als Kampfmittel im Krieg und die Katastrophen wie dem Reaktorunfall in Tschernobyl bis zu den (fiktiven) Experimenten des Kubikel-Reaktors. Zusammengehalten wird der weitverzweigte Plot durch die Coming-of-Age-Geschichte der Freunde Ingmar, Peter, Jonatan und Ebba, die sich nach 1998 in alle Winde – sogar bis nach Mexiko – verstreuen und die viel miteinander durchgemacht haben. Es ist dabei nicht immer leicht, den manchmal seitenlangen (!) Sätzen zu folgen oder die Sprünge durch Zeit und Raum mitzumachen. 
Kaum hat man sich in einen neuen Subplot eingelesen und eingelebt, ploppt schon das nächste Kapitel im Irgendwo und Irgendwann auf. Wer allerdings die Muße und Geduld hat, sich durch dieses imposante Werk zu wühlen, wird mit durchaus klugen und anregenden Gedanken zur Selbstreflexion belohnt, über die Art und Weise, wie wir in Zukunft leben wollen.

Colin Higgins – „Harold und Maude“

Samstag, 1. März 2025

 (Diogenes, 182 S., HC)
Hal Ashbys Film „Harold und Maude“ (1971) darf getrost als Klassiker der Filmgeschichte betrachtet werden und ist nicht nur durch das kongeniale Zusammenspiel von Bud Cort als Harold und Ruth Gordon in den Titelrollen, sondern auch durch den ikonischen Soundtrack von Cat Stevens zu internationaler Berühmtheit gelangt. Das Drehbuch stammt vom Australier Colin Higgins und stellte dessen Abschlussarbeit eines Drehbuchseminars an der Universität Los Angeles dar. Im selben Jahr brachte Higgins die Geschichte um Harold und Maude auch als Roman heraus, den der Diogenes Verlag nun in seiner neuen Reihe „Modern Classics“ wiederveröffentlicht.
Der 19-jährige Harold Chasen hat schnell adaptiert, dass er die Aufmerksamkeit seiner Mutter vor allem dann auf sich zieht, wenn er seinem Leben ein Ende zu setzen scheint. Doch als er sich mit einer Schlinge um den Hals mit Musik von Chopin im Hintergrund vom Stuhl stößt, rügt sie ihn nur wegen seines unangemessenen Verhaltens, schließlich kämen die Crawfords heute zum Abendessen. So sehr sich die wohlhabende Mrs. Chasen auch bemüht, ihren wohlerzogenen Sohn zur Vernunft zu bringen – weder der Psychiater Dr. Harley noch ihr als Brigadegeneral bei der Armee fungierende Bruder Victor können in dieser Hinsicht Erfolge verbuchen -, denkt sich Harold immer weitere Arrangements für vorgetäuschte Selbstmorde aus, die seine Mutter zunehmend verzweifeln lassen. Als letzten Ausweg sieht sie in einer Partnervermittlung, die Harold mit drei potenziellen Hochzeitskandidatinnen versorgt, die allerdings weder Harold noch seine wählerische Mutter zufriedenstellen. Doch dann lernt Harold bei einer Beerdigung die lebenslustige Maude kennen, die während ihres 79-jährigen Lebens zwar schon schwierige Zeiten durchmachen musste, aber nie ihre Zuversicht und den Lebensmut verloren hat. Mit ihr zusammen lernt Harold endlich, worauf es im Leben wirklich ankommt.

„,Ja. Ich weine. Ich weine um dich. Ich weine um das hier. Ich weine angesichts der Schönheit, eines Sonnenuntergangs oder einer Möwe. Ich weine, wenn ein Mann seinen Bruder quält … wenn er Reue zeigt und um Vergebung bittet … wenn Vergebung verweigert wird, ebenso, wie wenn sie gewährt wird. Wir lachen. Wir weinen. Dass sind zwei einzigartige menschliche Eigenschaften. Und das Wichtigste im Leben ist, dass man keine Angst davor hat, ein Mensch zu sein, mein lieber Harold.‘“ (S. 145)

Wer den Film wie ich bereits mehrere Male gesehen hat, wird beim Lesen des Romans immer wieder die dazu entsprechenden Bilder des Films vor Augen haben, was vor allem auf den Umstand zurückzuführen sein dürfte, dass der 1988 im Alter von 47 Jahren in Beverly Hills an Aids verstorbene Autor sein Drehbuch einfach in eine knackige Romanform gegossen hat, die die Filmhandlung nahezu identisch abbildet und insofern keine Überraschungsmomente bereithält. Es ist allerdings ebenso wenig verwunderlich, warum „Harold und Maude“ zur Pflichtlektüre für Englischschüler avanciert ist, denn die kurzweilige Novelle präsentiert nicht nur eine unorthodoxe Liebesgeschichte, sondern thematisiert auf humorvolle Art die Konventionen und Erwartungen von Mitglieder der sogenannten besseren Gesellschaft und die bedingungslose Liebe zum Leben von Menschen, die zu viel Schlimmes in ihrem Leben erlebt haben, um sich über die Misslichkeiten des Alltags oder allzu einengende Vorschriften zu beschweren. „Harold und Maude“ ist auch über fünfzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung ein jederzeit vergnügliches wie kluges Büchlein über die Liebe und den Tod, Freundschaft und Freiheit, Poesie und Musik, und begeistert durch seine beiden schrulligen Hauptfiguren.

Christian Schünemann – „Bis die Sonne scheint“

Donnerstag, 27. Februar 2025

(Diogenes, 252 S., HC)
Der 1968 in Bremen geborene Christian Schünemann ist bislang durch seine bei Diogenes veröffentlichte Krimiserie um den Starfrisör Tomas Prinz sowie die zusammen mit Jelena Volič verfassten Kriminalromane um die serbische Amateurdetektivin Milena Lukin bekannt geworden. Nun wagt er sich mit seinem neuen Buch „Bis die Sonne scheint“ an einen melancholisch-heiteren Familienroman.
Für Daniel Hormann ist 1983 noch alles in Ordnung, wie er der Postbeamtin Frau Pieper am Schalter bestätigt. Noch träumt er davon, dass er seine Konfirmation mit blauem Samtsakko und grauer Flanellhose begehen darf und mit reichlich Bargeldgeschenken beehrt wird. Doch dann hört er eines Abends ein Gespräch seiner Eltern mit und erfährt, dass die Lage mehr als ernst ist. Nicht nur, dass das Wasser durch das Dach des eigenen Bungalows tropft, auch das Konto ist leer. Dabei hat sich Daniels Vater Siegfried erfolgreich von einem angestellten technischen Zeichner bei der Stadt zu einem Firmengründer für das Entwickeln von Häusern im Selbstbau-Verfahren gemausert. Doch in Zeiten der Wirtschaftskrise mit ungünstigen Zinsen geht die Nachfrage nach Hormann Massivhäusern so stark zurück, dass Daniels Vater sich als Vertreter von Wasserfiltern versucht und seine Mutter Marlene einen Wollladen in der Einkaufspassage eröffnet. Davon dürfen die Großeltern Lydia und Henriette natürlich nichts erfahren, der Schein muss um jeden Preis gewahrt bleiben. Dass Geld, das durch die Vertreter-Provisionen und Marlenes Laden reinkommt, wird aber nicht etwa verwendet, um den Gerichtsvollzieher zu besänftigen und die Schulden zu begleichen, sondern um es sich mit der ganzen sechsköpfigen Familie mal richtig gutgehen zu lassen, sei es in schicken Restaurants oder bei spontanen Kurztrips in die Sonne…

„An der B6 sah ich meinen Vater im Auto, wie er in unseren Weg einbog. Ein Familienvater, der von der Arbeit kam, während meine Mutter auf dem Sofa Pullover strickte. Ein schönes, friedliches Bild. In Wirklichkeit hatte mein Vater nur unnötig Benzin verfahren und Wasserfilter angepriesen, die kein Mensch haben wollte, während meine Mutter die Nadeln heißlaufen ließ, weil wir Bargeld für den nächsten Einkauf brauchten.“ (S. 185)

Wie der Autor in seinem interessanten Nachwort beschreibt, kam Christian Schünemann die Idee zu „Bis die Sonne scheint“ nach einem Besuch bei seiner Tante in einem Vorort von Chicago, wo er sich Kopien von dem umfassenden Briefwechsel zwischen ihr und seiner Mutter machte. So setzte sich eine Familiengeschichte zusammen, die teils anders erzählt worden ist, als Schünemann sich erinnerte, was ihn zu der Erkenntnis brachte, dass jeder seine eigenen Erinnerungen und seine eigene Wahrnehmung habe. Von diesem Eindruck lebt dieser Roman, mit dem Schünemann die Geschichte seiner eigenen Familie verarbeitet. 
Was zunächst wie eine Coming-of-Age-Geschichte des pubertierenden Ich-Erzählers anmutet, entwickelt sich schnell zu einer zumindest zeitlich umfassenden Familienchronik, die bis zum Kennenlernen von Siegfrieds Eltern zurückreicht, die Kriegszeiten und die Jahre des Wiederaufbaus berücksichtigt, die mühsame Gründung einer Familie mit gesichertem Einkommen mit den Einkünften als Beamter und Buchhalterin ebenso wie der dann doch rapide anmutende wirtschaftliche Abstieg, von dem niemand etwas mitbekommen soll.
Das ist wunderbar flüssig und mit augenzwinkerndem Humor geschrieben, doch werden auf den gerade mal 250 Seiten so viele Figuren vorgestellt und so oft zwischen den Epochen gewechselt, dass eine tiefere Verbundenheit mit den Hormanns kaum aufkommt, was der Sympathie für die unternehmungslustige und einfallsreiche Familie keinen Abbruch tut. Doch Daniels Geschwister beispielsweise werden kaum mit einem Wort erwähnt, das Skizzieren der Familienchronik gewinnt mehr Bedeutung als die Beschreibung der innerfamiliären Beziehungen. Entweder hätte der Autor seinen Figuren mehr Raum zur Entfaltung verleihen oder das Figurenarsenal beschränken müssen, um einen nachhaltigen Lesegenuss zu gewährleisten.

Takis Würger – „Für Polina“

Mittwoch, 26. Februar 2025

(Diogenes, 296 S., HC)
Der 1985 in Hohenhameln geborene Takis Würger hat nach seiner journalistischen Ausbildung u.a. für den Spiegel viel aus dem Ausland berichtet und wurde 2010 vom Medium Magazin als einer der „Top 30 Journalisten unter 30“ ausgezeichnet. Auch mit seinem ersten, 2017 bei Kein & Aber veröffentlichten Roman „Der Club“ ließ Würger aufhorchen. Nun legt der Autor nach „Stella“, „Noah. Von einem, der überlebte“ und „Unschuld“ mit „Für Polina“ sein Diogenes-Debüt vor.
In den Sommerferien vor ihrem Abitur reist Fritzi Prager mit Regionalzügen und per Anhalter ins italienische Lucca, wo sie in günstiges Zimmer in einer Pension bezieht und im Schatten der alten Stadtmauer ihre mitgebrachten Bücher liest. Sie genießt die Spaziergänge durch die Gassen, das italienische Essen und die Tatsache, allein zu sein, was sie nicht abhält, sich in die Leben anderer Menschen hineinzuträumen. Sie lernt einen Hamburger Natursteinhändler kennen und wird von ihm schwanger, was ihre weiteren Lebenspläne durchkreuzt. Statt Jura in München zu studieren, wofür sie als Jahrgangsbeste bereits eine Zusage hat, wird sie nun Mutter eines kleinen, speckigen Jungen mit blonden Haaren. Sie lernt Güneş kennen, die neben ihr auf der Entbindungsstation liegt und ihre Tochter in Anlehnung an Dostojewskis Geliebte Polina genannt hat. 
Aus dieser Bekanntschaft entwickelt sich eine jahrelange Freundschaft. Fritzi bekommt durch Güneş einen Reinigungsjob in einer Netto-Filiale vermittelt und zieht in eine heruntergekommene Villa im Moor, wo der wortkarge Heinrich Hildebrand vor allem an Hannes einen Narren gefressen hat. Güneş und Fritzi sehen sich, wann immer es ihre Zeit erlaubt, und so verbringen auch Polina und Hannes bis in ihre Teenagerjahre viel Zeit miteinander. Obwohl sich die beiden Teenager ineinander verlieben und später miteinander schlafen, steht ihre Beziehung unter keinem guten Stern. 
Durch Missverständnisse und Versäumnisse verlieren sie sich sogar völlig aus den Augen - bis Hannes, der seinen Lebensunterhalt bei einem Hamburger Transportunternehmen für Klaviere verdient, auf einem der Instrumente, das er mit seinem Kollegen Bosch von einer Wohnung in die andere zu bringen hat, mitten in der Innenstadt eine herzzerreißende Melodie spielt und das Video von der unorthodoxen Darbietung viral geht…

„Hannes spielte, und die Menschen hörten ihn, als hörten sie Licht. Die Besucher des kleinen italienischen Nudelrestaurants auf der anderen Straßenseite verstummten, erst verdutzt, dann ergriffen. Due Studentinnen auf dem Weg ins Philosophieseminar verlangsamten ihre Schritte, kamen näher und blieben stehen. Die Kellner vergaßen ihre Bestellungen, die Babys in ihren Kinderwagen lauschten. Es war keine Zauberei. Oder vielleicht doch. Wann war Musik jemals etwas anderes als Zauberei?“ (S. 222)

Takis Würgers „Für Polina“ ist ebenso ein Coming-of-Age- wie Liebesroman. Auf der überschaubaren Länge von nicht mal 300 Seiten entfaltet der in Leipzig lebende Autor eine berührende, selten die Grenze zum Kitsch streifende Geschichte einer problematischen Liebesbeziehung, deren Dramatik sich vor allem aus der Ungewissheit speist, wo sich Polina überhaupt befindet. Die mehr oder weniger aktiv betriebene Suche nach Polina wird durch allerlei Krisen zurückgeworfen, aber auch durch Hannes‘ Weigerung, seinem Kompositionstalent eine Chance zu geben. Würger gelingt es, seinen allesamt irgendwie sympathischen, eigenwilligen Figuren auf wenigen Seiten Charakter zu verleihen, und vor allem zwischen Bosch und Hannes, aber auch zwischen Heinrich und Hannes entwickeln sich prägende Freundschaften fürs Leben. Dadurch wird der melancholischen Geschichte nicht nur Humor, sondern auch Zuversicht verliehen.
Die stärksten Momente weist „Für Polina“ in der einfühlsamen, bildreichen Sprache und den leisen Tönen auf, mit denen Würger vor allem die Empfindungen durch das Spielen und Komponieren klassischer Musik beschreibt, aber auch die Sehnsüchte Liebender, die einander unerreichbar fern erscheinen. Da sind märchenhafte Zuspitzungen wie Hannes‘ Karriere eigentlich völlig unnötig. Dafür hätten feinere Einsichten in Hannes‘ Gefühlsleben die Intensität der Geschichte vielleicht noch verstärkt. Aber auch von diesen kleinen Schwächen abgesehen ist „Für Polina“ eine zauberhafte kleine Geschichte über den Wert wahrer Freundschaften und die Kraft der Liebe – vor allem auch zur Musik – geworden.

Håkan Nesser – (Van Veeteren: 10) „Sein letzter Fall“

Mittwoch, 5. Februar 2025

(btb, 537 S., HC)
Seit Anfang der 1990er Jahre hat der schwedische Schriftsteller Håkan Nesser mit dem in der fiktiven nordeuropäischen Stadt Maardam wirkenden Hauptkommissar Van Veeteren eine Kultfigur des Skandinavien-Krimis geschaffen, die ähnlich beliebt zu sein scheint wie Henning Mankells Kommissar Wallander. 2003 legte Nesser mit „Sein letzter Fall“ den vorerst letzten Band der Reihe vor, ehe er Van Veeteren fünfzehn Jahre später für den Roman „Der Verein der Linkshänder“ wieder reaktivierte.
Im Jahre 1987 wird der Privatdetektiv Maarten Verlangen von der Amerikanerin Barbara Hennan damit beauftragt, ihren Mann Jaan G. Hennan zu observieren. Ins Detail geht die Frau, die erst vor ein paar Monaten mit ihrem Mann aus den USA nach Linden gezogen ist, nicht. Für Verlangen ist „G.“ kein Unbekannter, hat er ihn 1975, als er noch Polizist war, doch hinter Schloss und Riegel gebracht. Als Verlangen seinem Zielobjekt in eine Kneipe folgt, wird er von „G.“ angesprochen und als der Polizist wiedererkannt, der ihn damals festgenommen hatte. Doch von Feindseligkeit keine Spur. Stattdessen kippt er mit dem ehemaligen Polizisten Whisky, Cognac und Bier an der Theke, bis er angetrunken in sein Hotelzimmer torkelt. Am Tag darauf meldet Jaan G. Hennan, dass er am Morgen seine Frau tot im Swimmingpool aufgefunden habe. Offensichtlich hat sie nicht gemerkt, dass ihr Mann am Tag zuvor das Wasser aus dem Pool gelassen hatte. 
Als Van Veeteren, der damals noch mit seiner Frau Renate verheiratet gewesen war, mit dem Fall betraut wird, kann er gegen das wasserdichte Alibi, das Hennan zum Todeszeitpunkt vorweist, nichts ausrichten, obwohl er wie seine Kollegen felsenfest davon überzeugt ist, dass Hennan seine Frau umgebracht hat, um die 1,2 Millionen Gulden aus der Lebensversicherung zu kassieren, die er erst kürzlich abgeschlossen hat. Erschwerend kommt hinzu, dass Hennan diese Nummer offensichtlich schon mit seiner vorherigen Frau abgezogen hat. Da aber keine Beweise für ein Verbrechen vorliegen, wird Hennan vor Gericht freigesprochen… 
Fünfzehn Jahre später ist Van Veeteren nicht nur geschieden, sondern auch pensioniert und in einem Buchantiquariat beschäftigt. Eines Tages bekommt er Besuch von einer Frau, die ihren Vater Maarten Verlangen als vermisst gemeldet hat und von Kommissar Münster zu ihm geschickt worden ist. Die einzige Spur zu ihm befindet sich auf einem Zettel mit den Zahlen „14.42“ und der Zeile „G. Verdammt noch mal, jetzt aber“. Tatsächlich wird die Leiche des Privatdetektivs wenig später in einem Wald entdeckt, und Van Veeteren und seine Kollegen machen sich erneut auf die Jagd nach Jaan G. Hennan…
„Das also ist mein letzter Fall, dachte er plötzlich. Mein unwiderruflich letzter Fall. In dem Geschäft, das mein Leben bestimmt hat. Der Mörderjagd. Er musste zugeben, dass der Gedanke stimmte. Unabhängig vom Resultat. Unabhängig davon, ob sie G. auf Grund der vagen Spur finden würden, die Verlangen hinterlassen hatte, oder nicht. Unabhängig davon, ob sie überhaupt etwas erreichen würden. So sah es nun einmal aus. Sein letzter Fall.“ (S. 395)
Ebenso wie in Håkan Nessers früheren Werken dient auch die Krimihandlung in „Sein letzter Fall“ vor allem dazu, die Befindlichkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen und die Gemütszustände der Protagonisten zu erforschen. Nesser nimmt sich viel Zeit, um die Figuren einzuführen, um auch Van-Veeteren-Neulinge mit dem Wesen und der Biografie des (ehemaligen) Hauptkommissars vertraut zu machen. Doch auch in der Folge bleibt das Erzähltempo mehr als verhalten. 
Im Vergleich zur US-amerikanischen Spannungsliteratur erlaubt sich Nesser auch fast nichtssagende Dialoge, die wenig mit der Auflösung des Falls zu tun haben, aber ein Gefühl für die Personen vermitteln. Das liest einerseits angenehm erfrischend und macht die Romanfiguren sehr menschlich, doch bei über 500 Seiten führt dieser Schreibstil auch schon mal zur Ermüdung der Aufmerksamkeit, die am Ende sogar einem Stirnrunzeln weicht, wenn Nesser den Kriminalfall etwas arg konstruiert und unglaubwürdig enden lässt.

Daniel Glattauer – „In einem Zug“

Freitag, 31. Januar 2025

 (DuMont, 208 S., HC)
Daniel Glattauer, 1960 in Wien geboren, begann seine Karriere nach dem Abschluss seines Pädagogik- und Kunstgeschichte-Studiums bei „Die Presse“ und als Autor von Kolumnen, Gerichtsreportagen und Feuilletons bei der Tageszeitung „Der Standard“, ehe 1997 mit „Theo und der Rest der Welt“ sein erster Roman veröffentlicht wurde und gesammelte Kolumnen in verschiedenen Bänden zusammengefasst wurden. Hierzulande wurde Glattauer mit dem 2006 veröffentlichten Roman „Gut gegen Nordwind“, ein E-Mail-Roman, der 2019 mit Nora Tschirner und Alexander Fehling in den Hauptrollen verfilmt wurde. Nun stellt Glattauer sein neues Buch „In einem Zug“ vor, mehr Novelle als Roman.
Der Schriftsteller Eduard Brünhofer ist zu einem – wahrscheinlich - unangenehmen Termin mit seinem Verlag in München unterwegs. Der erfolgreiche Autor von Liebesromanen hat seit dreizehn Jahren nämlich nichts mehr veröffentlicht, was den Verlag offensichtlich beunruhigt. Doch bevor Brünhofer zu sehr ins Grübeln gerät, als er den Zug in Wien besteigt und sich in ein Abteil setzt, in dem ihm diagonal gegenüber am Fenster bereits eine Frau frühen mittleren Alters. Wie er selbst ist sie weder mit Lesen noch mit Hören oder Schlafen beschäftigt, aber natürlich taxiert man sich gegenseitig, wobei sich der Schriftsteller bereits fragt, wie eine Gesprächseröffnung zwischen ihnen aussehen könnte. Ob er wohl erkannt worden ist? Entsprechend überrascht reagiert er, als die Frau ihn mit ihrem alten Englischlehrer verwechselt hat. Interessant wird es, als sich die beiden einander vorstellen, er als DER Eduard Brünhofer, sie als Physio- und Psychotherapeutin Catrin Meyr, die ebenfalls nach München unterwegs ist. Also viel Zeit zum Unterhalten. Nach den üblichen Einstiegsfragen („Wie wird man so sein erfolgreicher Schriftsteller wie Sie?“) geht es schnell ins Eingemachte, denn die Therapeutin erweist sich mit ihren Fragen als sehr hartnäckig, hakt immer wieder nach und bringt den seit Jahren in seiner Profession untätigen Schriftsteller in Bedrängnis, als es um das große Thema Liebe geht. Da prallen nämlich zwei Welten aufeinander. Während Catrin zu ihrem verheirateten Teilzeit-Geliebten unterwegs ist und bekennt, für Langzeitbeziehungen nicht gemacht zu sein, schwärmt Eduard von seiner langjährigen Ehe mit Gina, eigentlich Regina, aus der eine mittlerweile erwachsene Tochter namens Tanja hervorgegangen ist. Schließlich will Catrin aus erster Hand das Erfolgsrezept einer glücklichen Langzeitbeziehung erfahren, was Eduard zwingt, darüber zu sinnieren, was er an Gina besonders schätzt…

„Die Liebe, die ich lebe, ist anderer Natur. Es ist meine private Liebe, die gehört mir, die verträgt sich nicht mit den Illusionen und Sehnsüchten eines ewig nach Gefühlsräuschen heischenden Lesepublikums. Ich liebe Gina, wenn ich sehe, mit welcher Hingabe sie unsere Fensterauslagen dekoriert. Ich liebe Tanja, wenn ich beobachte, wie sie ihre Alpakas streichelt und ihnen ihre Geheimnisse zuflüstert. Das ist meine Leidenschaft. Das ist meine Liebe. Die lebt in meinem Alltag. Die findet keinen Platz in einem Buch.“

Bereits mit seinem Erfolgsroman „Gut gegen Nordwind“ hat Daniel Glattauer bewiesen, dass er der Art, Liebesromane zu schreiben, neue Formen der Narration abgewinnen kann, indem er die beiden Protagonisten ihre Liebe durch einen anregenden E-Mail-Verkehr entwickeln lässt. Für seinen neuen Roman mit dem doppeldeutigen Titel „In einem Zug“ beschränkt Glattauer das Setting nahezu auf ein Zugabteil, so dass der Kurzroman gut als Zwei-Personen-Stück auf einer Bühne aufgeführt werden könnte. Aus diesem interessanten Setting heraus entwickelt sich ein zunächst spannendes Geplänkel über das Wesen des Schreibens und vor allem über die Liebe. Bei einigen Mini-Fläschchen Rotwein aus dem Zug-Bistro fallen einige Schranken, aber nicht alle Hemmungen. Eduard und Catrin kommen sich nur intellektuell näher. Ungewöhnliche Weisheiten über die Liebe bekommt die Leserschaft allerdings nicht geboten. „In einem Zug“ scheint eher dazu zu dienen, Glattauer durch sein Alter ego Eduard mit einer Mischung aus Selbstironie und Eitelkeit von dem Leben eines Romanschriftstellers zu erzählen, wobei er sich mal sprachlich gewitzt, mal selbstgefällig und profan gibt. Die gut 200 Seiten lesen sich allerdings wie in einem Zug, auch wenn das konstruierte Ende einen schalen Nachgeschmack hinterlässt.


Heinz Strunk – „Fleisch ist mein Gemüse. Eine Landjugend mit Musik“

Freitag, 31. Januar 2025

(Rowohlt, 256 S., Tb.)
Eigentlich heißt er ja Mathias Halfpape, der Heinz, aber seit seiner 1992 veröffentlichten Tonträger-Produktion „Spaß mit Heinz“ hat sich der in (Bad) Bevensen geborene und bei Harburg aufgewachsene Musiker und Autor das Pseudonym Heinz Strunk zugelegt, das er bis heute nicht mehr ablegen sollte. Mittlerweile hat Strunk etliche Solo-CDs, CDs mit Studio Braun, Fraktus und Künstlern wie Stephan Remmler, Revolverheld und Yasmin K. produziert, als Schauspieler und Drehbuchautor gearbeitet sowie Romane und Erzählungen veröffentlicht. Seinen literarischen Durchbruch feierte Strunk mit seinem 2004 veröffentlichten Debütroman „Fleisch ist mein Gemüse“, mit dem Strunk seine Zeit als Musiker in einer Unterhaltungskapelle verarbeitete.
1985. Der dreiundzwanzigjährige Heinz Strunk leidet seit elf Jahren unter der schlimmsten Form der Akne und lebt noch bei seiner Mutter, als er eines Augustnachmittags einen Anruf seines entfernten Bekannten Jörg bekommt, der in Lüneburg das kleine Musikgeschäft Ohrenschmaus unterhält und ihm einen Job als Saxofonist bei der Tanzband Tiffanys vermittelt. Die sucht für ein Schützenfest in Moorwerder noch einen fünften Mann, am liebsten mit Saxofon, wie Heinz von Bandleader Gundolf „Gurki“ Beckmann erfährt. Immerhin winken sechshundert Mark für zwei Tage. Heinz, der von seinen Musikerkollegen schnell „Heinzer“ genannt wird, bewährt sich und hofft, nach seiner eineinhalbjährigen Bundeswehrzeit endlich eine Karriere als Vollzeitmusiker im Pop-Business einschlagen zu können, auch wenn die Neue Deutsche Welle bereits in ihren letzten Zügen lag. Doch mit seinen Kollegen Norbert, Torsten, Jens und Gurki heißt es erst einmal, Schützenfeste, Feuerwehrbälle und Hochzeiten zu bespielen. Immerhin gibt es kostenloses Essen und Trinken, aber in Sachen Frauen tut sich leider absolut gar nichts. Als sich seine psychisch kranke Mutter aus dem Fenster stürzt und in die Geriatrie verlegt wird, muss Heinzer nicht nur allein in dem Harburger Reihenhaus klarkommen, sondern verfällt zusehends dem Alkohol und dem Automatenglücksspiel.
Nur so lässt sich Heinzers andauernder Frust über knappe Kassen, sinnentleerte Schlagertexte, besoffenes Publikum und mangelnden Gelegenheiten zum Kennenlernen von Frauen überhaupt aushalten. Trotz aller – wenn auch halbherziger - Bemühungen wie ein Musiklehrerjob in der Musikschule schafft es Heinzer auch nach zehn Jahren nicht, seinen Status quo wesentlich zu verbessern…

„Schrott kombiniert mit Schrott ergibt Vollschrott. Egal, ob wir zur Polyesterthermohose das Eiersweatshirt trugen, die bulgarische Karottenbundfaltenhose mit Drogeriesocken akzentuierten oder den elektrostatisch stark aufgeladenen Vollacrylunterziehrolli mit der aufgerubbelten Trainingshose zu komplettieren versuchten: Wir blieben Lumpenproletariat. Zeltartige Großraumjeans und essbare Einwegkleidung schlugen die letzte Luke zur Sonnenseite des Lebens endgültig und für immer zu.“ (S. 207)

Als Heinz Strunk auf Anraten seiner damaligen Freundin im Alter von über 40 Jahren sein erstes Buch veröffentlichte, landete er durch seine Vorstellung in Stefan Raabs Sendung „TV total“ gleich einen Bestseller, dem viele weitere – wie zuletzt die ebenfalls verfilmten Romane „Jürgen“ und „Der goldene Handschuh“ – folgen sollten. „Fleisch ist mein Gemüse“ beschreibt auf kurzweilige Weise genau das Leben junger Erwachsener im Tanzkapellen-Geschäft, wie man es sich gemeinhin auf dem Lande vorstellt. 
Ganz ungeniert berichtet Strunk von seiner tatsächlichen schweren Akne-Erkrankung, seinem zunehmend unmotivierten Engagement bei Tiffany’s (die im Roman zu Tiffanys wurden) und den Fehlschlägen hinsichtlich angestrebter Fraueneroberungen, so dass regelmäßig selbst abgemolken oder entsaftet werden musste. Die ausufernden Spiegeleier-Gelage nach den Auftritten sorgten schließlich für genügend Material zur Sperma-Produktion. Strunk gelingt es, das Lebensgefühl in den 1980er Jahren ebenso anschaulich wie amüsant darzustellen, wobei die Auftritte abgehalfteter Stars wie den One-Hit-Wonder-Acts Taco und Gombay Dance Band genüsslich durch den Kakao gezogen werden, während die effektive Professionalität von Klaus & Klaus oder Witzeerzähler Fips Asmussen neidlose Bewunderung erfährt. Natürlich wird sich über Dorftrottel in Gummistiefeln auf Schützenfesten ebenso hergezogen wie über dümmliche Schlagertexte, aber vor allem gefällt „Fleisch ist mein Gemüse“ durch die authentische Darstellung des Alltags Landkapellen-Musikern.

Stephen King – „Das Monstrum. Tommyknockers“

Montag, 27. Januar 2025

(Hoffmann und Campe, 688 S., HC)
Stephen King hatte 1986 mit „Es“ sein Magnum Opus abgeliefert und damit die Messlatte für seine zahlreichen Epigonen, aber für sich selbst ebenfalls sehr hochgelegt. Mit dem zweiten Band seiner „The Dark Tower“-Reihe („Drei“) und dem wunderbar von Rob Reiner mit Kathy Bates und James Caan in den Hauptrollen verfilmten Psycho-Horror-Schocker „Sie“ konnte der „King of Horror“ qualitativ überzeugend nachlegen, aber die produktive Phase (1987 wurden mit „Die Augen des Drachen“, „Sie“, „Drei“ und „Das Monstrum“ gleich vier Romane von ihm veröffentlicht) sowie seine Alkohol- und Kokainsucht zollten schließlich ihren Tribut. Sein Science-Fiction-Horror-Roman „Das Monstrum“ konnte nämlich nicht mehr an die Qualität früherer Werke anknüpfen und wurde zudem 1993 schlecht als Fernseh-Zweiteiler verfilmt.
Die erfolgreiche Western-Roman-Schriftstellerin Bobbi Anderson lebt zurückgezogen mit ihrem altersschwachen und auf einem Auge bereits blinden Beagle Peter im Haus ihres Onkels in Derrys kleinen Nachbarstadt Haven, Maine. Als sie eines Nachmittags im Juni 1988 im angrenzenden Wald an der Route 9 Holz schlagen will, sieht sie das Schimmern von Metall im Boden und fegt den darum liegenden Waldboden beiseite. Während Peter ein langgezogenes Heulen ausstößt, buddelt Bobbi fasziniert weiter, bis sie denkt, ein Auto oder etwas ähnlich Großes vor sich zu haben. Fortan richtet Bobbi ihren Alltag ganz auf das Freilegen des geheimnisvollen Objekts aus. Dabei verändert sie sich nicht nur körperlich – so fallen ihre Blutungen weit heftiger aus als bei Menstruationen üblich, dann fallen ihr auch Zähne aus -, sondern kann auch die Gedanken anderer Menschen lesen. Sie erfindet technische Geräte, die den Ort allmählich unabhängig vom lokalen Stromnetz machen, und schreibt in kürzester Zeit ihren wohl besten Roman.
Währenddessen droht Bobbis Freund und ehemaliger Liebhaber James Gardener als Ersatzgast des New England Poetry Caravan einmal mehr die Kontrolle über sich zu verlieren. Der gescheiterte Dichter und Alkoholiker wird das Gefühl nicht los, dass seine alte Freundin in Gefahr schwebt, und macht sich nach einem peinlichen Auftritt nach einer Lesung auf den Weg zu ihr. Dank der Metallplatte in seinem Schädel ist er gegen die Gedankenleserei, die mittlerweile auch andere Bewohner in Haven auszuüben in der Lage sind, gefeit, aber nicht gegen die Übelkeit und andere Veränderungen, die in der Stadt vor sich gehen. Er hilft Bobbi bei der Ausgrabung des nun offenkundig als UFO identifizierten Objekt und bekommt nur am Rande mit, dass sich die Bewohner von Haven verändern und sich von der Außenwelt abschotten. Als sie endlich die Luke öffnen, steht ihnen allerdings eine böse Überraschung bevor…
„Sie standen nebeneinander und lächelten einander an, und es war beinahe wie früher, aber der Wald war stumm, keine Vögel erfüllten ihn mit ihrem Zwitschern.
Die Liebe ist vorbei, dachte er. Jetzt handelt es sich wieder um dasselbe alte Pokerspiel, aber gestern nacht ist die Zahnfee gekommen, und ich nehme an, sie wird heute nacht wiederkommen. Möglicherweise mit ihrer Kusine und ihrem Schwager. Und wenn sie meine Karten sehen, vielleicht diesen Hauch eines Einfalls wie ein As in der Rückhand, dann ist es aus und vorbei. In gewisser Weise ist es komisch. Wir sind immer davon ausgegangen, dass die Außerirdischen wenigstens noch leben müssten, um eine Invasion durchziehen zu können. Nicht einmal H.G. Wells hat sich eine Invasion von Geistern träumen lassen.“ (S. 466)
An einer Stelle des Romans gibt Stephen King zu, dass kein Science-Fiction-Autor mit einem Funken Selbstachtung über Fliegende Untertassen schreiben würde, dass nur Wirrköpfe und religiöse Exzentriker – und natürlich die Regenbogenpresse – ihnen Platz in ihren Gedanken und Vorstellungen einräumten. Gut fünf Jahre bevor Chris Carter mit „Axte X“ das Gedankenspiel aber erfolgreich auf den Fernsehbildschirm gebracht hat, spielte Stephen King die Möglichkeit einer UFO-Ladung durch und vor allem die Folgen, die dieses Ereignis auf die Bewohner einer Kleinstadt in Maine nach sich ziehen. Nachdem King mit der Schriftstellerin Bobbi Anderson und dem Dichter James Gardener die Hauptfiguren ausführlich vorgestellt hat, führt er in einem Nebenplot einzelne Figuren aus Haven vor, wobei ein verpatzter Zaubertrick, bei dem der kleine Bruder des Möchtegern-Zauberers spurlos verschwindet, eine zentrale Rolle einnimmt. Es fordert der Leserschaft schon einiges an gutem Willen ab, die Vorgänge in Haven und die Natur der aus dem Volksmund bekannten Tommyknockers, denen Stephen King Gestalt zu verleihen versucht, anzunehmen. So mutig und verwegen sein Unterfangen auch gewesen ist, eine UFO-Geschichte zu schreiben, gelingt es King doch nicht, die Verwandlung der Bewohner von Haven und ihren Zusammenschluss per Gedankenübertragung so glaubwürdig zu gestalten, dass echte Spannung aufkommt. Vor allem zum Ende hin, wenn überflüssigerweise Bobbis rechthaberisch-dominante Schwester auch noch mitmischt und Gardener trotz übelster Verletzungen allen feindlichen Angriffen der Haven-Gemeinde strotzt, hat „Das Monstrum“ seinen anfänglichen Reiz eingebüßt.

John Irving – „Zirkuskind“

Montag, 13. Januar 2025

John Irving – „Zirkuskind“ 
(Diogenes, 970 S., Tb.) 
Seit John Irving mit zarten 26 Jahren sein immerhin schon 500 Seiten starkes Romandebüt „Lasst die Bären los!“ veröffentlicht hat, zählt der aus New Hampshire stammende Autor zu den erzählwütigsten Vertretern seiner Zunft. In der Regel dürfen seine Fans alle zwei bis vier Jahre mit einem neuen, gern auch mal 1000 Seiten umfassenden Opus von ihm rechnen. So wartet auch sein achter, 1994 erschienener Roman „A Son of the Circus“ mit eindrucksvollen 970 Seiten auf und entführt die geneigte Leserschaft nach Indien. 
Dr. Farrokh Daruwalla fühlt sich in seiner Heimatstadt Toronto, wo er die meiste Zeit mit seiner Wiener Frau lebt, die er während seines Studiums in der Schweiz kennengelernt hat, nach wie vor wie ein Einwanderer, weshalb es ihn immer wieder nach Bombay zieht, wo er geboren und aufgewachsen ist. Dort verbringt der etwas pummelige, schon in die Jahre gekommene Orthopäde seine Zeit vor allem damit, seinem Hobby zu frönen, nämlich Blutproben von Liliputanern des Great Blue Nile Circus zu sammeln, um ihre Gene zu studieren, was ihm allerdings so gut wie nie gelingt. Erfolgreicher ist er darin, Drehbücher für den von vielen verhassten Schauspieler John D. zu schreiben, dessen „Inspektor Dhar“-Filme stets nach dem gleichen Rezept funktionierten. Doch dann wird es turbulent. 
Mit dem Scholastiker Martin Mills taucht nicht nur überraschend der bislang unbekannte Zwillingsbruder des Schauspielers auf, um in Bombay an einer Schule zu lehren, sondern im traditionellen Duckworth-Goldclub treibt auch ein Mörder sein Unwesen, der mit seiner hinterlassenen Botschaft „Weil Dhar Mitglied im Club ist“ unmissverständlich klar macht, dass das Morden weitergeht, solange der vor allem von den kastrierten Transvestiten-Prostituierten verhasste Schauspieler nicht aus dem Club geworfen wird. 
Daruwallas zwergwüchsiger Chauffeur, der echte Kommissar Patel, das aus Iowa stammende Hippie-Mädchen Nancy und einige skurrilere Figuren wie der Junge mit dem Elefantenfuß, aufreizende Kinderprostituierte und ein Killer, der seinen Opfer Elefanten auf den Bauch malt, runden das Ensemble in dem multisexuellen und -kulturellen Plot ab, in dem der gute Doktor nicht nur den Verlust seines homosexuellen Freundes aus Toronto verkraften muss, sondern sich auch gegen die erotischen Verführungen der HIV-positiven Kinderprostituierten Madhu standhaft bleiben muss. 
„Ihre vorsätzliche Nacktheit war bedrückend, allerdings nicht, weil sie ihn wirklich gereizt hätte, Sex mit ihr zu haben (allein schon der Gedanke) erschien ihm plötzlich als der Inbegriff des Bösen. Er wollte gar keinen Sex mit ihr – er verspürte nur eine ganz flüchtige Begierde -, aber ihre überdeutliche Verfügbarkeit betäubte seine anderen Sinne. Dabei war er sich bewusst, dass sich ein so reines Übel, etwas so eindeutig Verkehrtes, wohl selten so folgenlos darbot. Das war ja gerade das Entsetzliche: Wenn er ihr gestattete, ihn zu verführen, würde das kein negatives Nachspiel haben – außer dass er sich, immer und ewig – daran erinnern und schuldig fühlen würde.“ (S. 759) 
Für „Zirkuskind“ hat John Irving Neuengland verlassen, und obwohl er in seiner Vorbemerkung beteuert, dass der Roman nicht von Indien handele und er Indien nicht kenne, spielt sich doch der Großteil des Romans dort ab, wobei das titelgebende Zirkuskind letztlich nur am Rand eine Rolle spielt. Vielmehr entfaltet Irving vor der berauschenden Kulisse der lauten, von Menschen nur so wimmelnden Metropole ein breites Spektrum an für ihn gewohnten kuriosen Figuren, von denen Dr. Daruwalla das Zentrum der Erzählung bildet, die sich über etliche Nebenhandlungen und Erinnerungen erstreckt und sich nicht recht entscheiden kann, ob sie Krimi, Drama, Kultur- oder Sittengeschichte sein will. 
Es geht um Glauben, sexuelle und kulturelle Identität, Wahrheit und Fiktion, um Familie und Randfiguren der Gesellschaft, natürlich auch um den Mikrokosmos Zirkus. Es hätte sicher gereicht, Daruwallas Geschichte als Zauderer zwischen den Welten und Kulturen zu erzählen und das Gefühl von Heimat und Fremdsein in all seinen Facetten zu thematisieren. 
Warum allerlei sexuelle Aktivitäten, seltsame Morde und Schicksale von Zirkuskindern alles so verworren machen müssen, bleibt mir persönlich ein absolutes Rätsel. 
„Zirkuskind“ ist von allen Irving-Romanen wohl derjenige, den man nicht unbedingt gelesen haben muss. 

Susanna Clarke – „Jonathan Strange & Mr. Norrell“

Sonntag, 29. Dezember 2024

(Bloomsbury Berlin, 1022 S., HC) 
Es gehört schon ein gehöriges Maß an Selbstbewusstsein dazu, einem Verleger einen Erstlingsroman mit über 1000 Seiten zu präsentieren. Aber in magischen Zeiten, die durch die Erfolgsphänomene von Joanne K. Rowlings „Harry Potter“-Romanen und J.R.R. Tolkiens nach wie vor populärem „Herr der Ringe“-Universum geebnet worden sind, vermag ein Roman über die Rivalität zweier englischer Zauberer auch in heutigen Zeiten auf fruchtbaren Boden, also eine interessierte Leserschaft stoßen. Auch wenn Susanna Clarkes Romandebüt „Jonathan Strange & Mr. Norrell“ vollmundig als „Harry Potter für Erwachsene“ beworben wurde, braucht das Epos keine prominenten Fürsprecher oder wohlmeinende, aber irreführende Vergleiche, um sein Publikum zu überzeugen. 
Einst war England von den Zauberkünsten des „Rabenkönigs“ – wie John Uskglass gewöhnlich genannt wurde - geprägt, doch nach dem Tod des letzten aureatischen Zauberers, Dr. Martin Pale (1485-1567) ist die Zauberei im Königreich nahezu zum Erliegen gekommen. 
Nun, am Anfang des 19. Jahrhunderts, beschäftigen sich nur noch sogenannte Gentleman-Zauberer wie diejenigen in der Gilde von York mit der Geschichte der Zauberei, wenn sie sich bei ihren monatlichen Zusammenkünften ebenso lange wie langweilige Traktate über die Geschichte der englischen Zauberkunst vorlesen. Als die Gilde von York im Herbst 1806 mit John Segundus ein neues Mitglied aufnimmt, stellt er die berechtigte, interessante Frage, warum moderne Magier unfähig seien, die Zaubereien zu vollführen, über die sie schrieben. Nach hitzigen Diskussionen entschließt sich die Gilde, einen Brief an Mr. Norrell zu schreiben, der zurückgezogen in Hurtfew Abbey lebt und bekanntermaßen über die umfangreichste Bibliothek mit Werken zur Zauberei besitzt. Norrell lässt sich darauf ein, seine eigene Zauberkunst in York vorzuführen, und sorgt mit seiner eindrucksvollen Demonstration rund um die örtliche Kathedrale für die Auflösung der Gilde der Zauberer von York. 
Natürlich macht Norrells Wirken die Runde und bleibt auch der Regierung in London nicht verborgen, die im Krieg gegen Napoleon nicht weiterweiß. Als Norrell in London den brillanten jungen Zauberer Jonathan Strange kennenlernt, nimmt er ihn als Schüler auf, doch sehr bald geht Strange seinen eigenen Weg, unterstützt den Duke of Wellington in Spanien erfolgreich gegen die Franzosen. Doch über dem Leben und Wirken der zunehmend einander entfremdeten Zauberer hängt eine düstere Prophezeiung. Vor allem Jonathan Strange macht das zunehmend zu schaffen… 
„Zum ersten Mal wurde er gewahr, wie traurig sein Leben war. Er war umgeben von niederträchtigen Männern und Frauen, die ihn hassten und ihn insgeheim um sein Talent beneideten. Er wusste jetzt, dass jeder zornige Gedanke, den er je gedacht hatte, gerechtfertigt und jeder großzügige Gedanke verfehlt gewesen war. Seine Feinde waren verabscheuungswürdig und seine Freunde waren Verräter. Norrell war (natürlich) am schlimmsten von allen, aber sogar Arabella war schwach und seiner Liebe nicht würdig.“ (S. 474) 
Außerdem ist von einem „namenlosen Sklaven“ die Rede, der laut des Orakelspruchs König in einem fremden Land zu werden verspricht. Hier fühlt sich der schwarze, sehr distinguiert auftretende Dienstbote Stephen Black – ermuntert vom mysteriösen Herrn mit „Haar wie Distelwolle“ - angesprochen. Das imposante Figurenarsenal wird durch den zwielichtigen Childermass, den seherisch begabten Vinculus und die in Venedig weilende Familie Greysteel ergänzt, um nur einige zu nennen. Ermuntert durch den Erfolg, den die Rivalen Strange und Norrell mit ihren Zaubereien haben, beginnen auch andere Zöglinge, von der alten Zauberkunst Gebrauch zu machen… 
Susanna Clarke ist mit „Jonathan Strange & Mr. Norrell“ ein in jeder Hinsicht imposantes und imponierendes Werk gelungen, das seine Leserschaft bereits mit den ersten Seiten zu verzaubern versteht, wenn sie die Beschäftigungen der „theoretischen“ Zauberer der Gilde von York mit einem leicht ironischen Unterton beschreibt und gleichzeitig mit wissenschaftlich wirkenden Fußnoten, Quellenangaben und ausführlichen Anekdoten faszinierende Metaebenen öffnet. 
Die beiden Titelfiguren nehmen zwar einen Großteil der Geschichte ein, doch die in Nordenglang aufgewachsene und nun in Cambridge lebende Clarke nimmt sich ebenso viel Zeit für das immens große Figurenarsenal rund um die beiden Meister-Zauberer. Das stört zwar immer wieder ein wenig den Lesefluss, doch gelingt es der Autorin, mit sehr bildhaften, fantasiebegabten Beschreibungen sowohl die verschiedenen Charaktere als auch die Handlungsorte lebendig wirken zu lassen. 
Wer Jane Austen und Charles Dickens schätzt und Sinn für sprichwörtlich magische Erzählungen besitzt, wird mit „Jonathan Strange & Mr. Norrell“ bestens unterhalten. 

Stephen King – „Wahn“

Freitag, 13. Dezember 2024

(Heyne, 896 S., HC) 
Als Stephen King 2008 seinen Roman „Duma Key“ veröffentlichte (der dann in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Wahn“ erschien), blickte er bereits auf mehr als dreißig erfolgreiche Jahre als Schriftsteller zurück, dazu auf prominent verfilmte Bestseller wie „Es“, „Friedhof der Kuscheltiere“, „Shining“, „Christine“, „Dead Zone – Das Attentat“, „The Stand – Das letzte Gefecht“ und „Sie“. Nachdem er 1999 als Spaziergänger von einem Kleinbus erfasst worden war und drei Monate im Gefängnis verbracht hatte, schrieb King seinen Roman „Duddits“ mit der Hand, aber erst in „Der Turm“, dem siebten Band seines Fantasy-Epos „Der Dunkle Turm“, thematisierte er den Unfall ausführlich. Auch in „Wahn“ hallt das Echo dieses traumatischen Erlebnisses deutlich nach. 
Edgar Freemantle hat es in Minnesota als Selfmade-Bauunternehmer zu großem Erfolg gebracht, war im Alter von fünfzig Jahren genauso viele Millionen Dollar schwer und war glücklich mit Pam verheiratet und stolz auf die an der Brown studierenden Tochter Ilse und die in Frankreich als Lehrerin arbeitende Melinda. 
Doch dann stellte ein Unfall Freemantles Leben auf den Kopf: Der Zusammenprall seines Pick-ups mit einem zwölfstöckigen Kran führte nicht nur zu einem Schädel-Hirn-Trauma, sondern auch zum Verlust seines rechten Arms. Die Hirnprellung und die anhaltenden Kopfschmerzen führten zu einer Störung seines Sprachzentrums, zu unkontrollierten Wutanfällen und unerträglichen (Phantom-)Schmerzen, bis Pam die Kraft und den Glauben verliert, die Ehe fortzuführen. 
Freemantles Psychiater Dr. Kamen lässt seinen selbstmordgefährdeten Patienten daran erinnern, dass er früher gern gemalt habe, und schlägt ihm eine Auszeit auf der Insel Duma Key an Floridas Westküste vor. Als Freemantle am 10. November von seiner Reha-„Queen“ Kathi Green zum Flughafen gebracht wird und nach Florida fliegt, ahnt er nicht, dass er in ein Haus zieht, das zuvor schon von verschiedenen Künstler-Größen bewohnt worden ist. Freemantle bekommt mit Jack Cantori einen fleißigen Assistenten und freundet sich mit seinem Nachbarn Wireman an, der sich liebevoll um die 85-jährige, an Alzheimer erkrankte Elizabeth Eastlake kümmert, die nahezu alle Immobilien auf Duma Key ihr Eigen nennt. Freemantle nennt sein neues Heim Big Pink und beginnt nach einiger Zeit tatsächlich mit dem Malen, wofür er offenbar ein großes Talent besitzt. 
Doch die Bilder von Sonnenuntergängen mit Mädchen und Fischerbooten entwickeln ein gefährliches Eigenleben, das bald auch Freemantles Familie bedroht… 
„Was ich malte, wirkte nicht nur deshalb, weil es die Nervenenden reizte; es wirkte, weil die Leute wussten – auf irgendeiner Ebene wussten sie es tatsächlich -, dass sie hier etwas betrachteten, das aus einem Reich jenseits allen Talents stammte. Das Gefühl, das diese Duma-Bilder vermittelten, war Horror, kaum im Zaun gehalten. Horror, der darauf wartete, sich ereignen zu können. Mit verrotteten Segeln einlaufend.“ (S. 376) 
Als Ausgangspunkt für Kings wieder mal episch ausgefallenen Roman „Wahn“ dient ein Unfall, wie ihn Stephen King selbst fast zehn Jahre zuvor erlebt hat, und der im Kopf seines Protagonisten, den er als Ich-Erzähler etabliert, außergewöhnliche künstlerische Prozesse freisetzt. 
King verarbeitet so nicht nur erneut das Trauma seiner eigenen Unfall-Erfahrung, sondern verknüpft sie einmal mehr mit einem seiner Lieblingsthemen, mit dem künstlerischen Schaffensprozess. Welch unangenehme Nebenwirkungen das zeitigen kann, haben bereits Romane wie „Stark – The Dark Half“ und „Shining“ dokumentiert. King nimmt sich viel Zeit, die Geschichte von Edgar Freemantle zu erzählen. Der Rückblick auf sein bisheriges Leben fällt recht kurz aus, dafür nehmen im weiteren Verlauf die Beziehungen zu seiner Ex-Frau Pam und den beiden Töchtern ebenso viel Raum ein wie zu seinem neu gewonnenen Freund Wireman und der geheimnisvollen Elizabeth Eastlake, die einen besonderen Bezug zu den Künstlern in ihrem Leben zu haben scheint. 
Während die eigentliche Handlung in wenigen Sätzen zusammengefasst werden kann, nehmen die sukzessive gewonnenen Einblicke in das Leben von Wireman und seiner Herrin genügend Raum ein, dass sie Kings Leserschaft bald wie Menschen aus Fleisch und Blut erscheinen. Auch die zunehmend bedrückende Atmosphäre auf der Insel und die Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Prozess sind King sehr eindringlich gelungen, so dass die Spannung fast greifbar ist. 
Allein das Finale, das zumindest die Horror-Fans erfreuen wird, ist etwas zu dick aufgetragen und umständlich konzipiert worden, doch das schmälert den Genuss von „Wahn“ kaum. 

Michael Connelly – (Harry Bosch: 15) „Der Widersacher“

Samstag, 7. Dezember 2024

(Knaur, 458 S., Tb.) 
Seit 1992 schickt der ehemalige Polizeireporter Michael Connelly seinen unermüdlich und aufrichtig für Gerechtigkeit kämpfenden Detective Harry Bosch auf Verbrecherjagd und ist immer wieder für einige der besten Krimis verantwortlich gewesen, die es sogar ins Serienformat von Amazon Prime geschafft haben. Fast zwanzig Jahre später ist Bosch längst pensioniert, konnte aber seine Dienstzeit verlängern lassen und ist nun der Einheit Offen-Ungelöst des Los Angeles Police Departments zugeteilt. Mit seinem Partner David Chu bekommt er von Lieutenant Duvall den Fall von Lily Price zugewiesen, die 1989 ermordet worden war. Nun konnte eine DNA-Probe dem bereits inhaftierten Sextäter Clayton S. Bell zugeordnet werden, der zum Zeitpunkt des Mordes allerdings erst acht Jahre alt war. 
Wie Bosch und Chu bei einem von der Therapeutin Hannah Stone begleiteten Verhör mit Pell erfahren, war Pells Mutter während seiner Kindheit mit einem Mann namens Chill liiert, der Pell sexuell missbraucht und mit einem Gürtel geschlagen habe. So könnte Pells Blut an Lily Prices Hals gelangt sein. Doch bevor sich Bosch und Chu auf die Suche nach diesem mysteriösen Chill machen können, werden sie zu einem brisanten aktuellen Fall abkommandiert. Niemand Geringerer als Stadtratsmitglied Irvin Irving hat Bosch angefordert, den Tod seines Sohnes George zu untersuchen. 
Als Irving noch Chef der Einheit für interne Untersuchungen beim LAPD war, machte er Bosch immer wieder das Leben schwer, doch hält er Bosch für so integer und vertrauenswürdig, dass er ohne Rücksicht auf die Ergebnisse, zu denen der Detective kommen wird, die Wahrheit herausfinden wird. Dabei sieht zunächst alles danach aus, als habe sich der Lobbyanwalt vom Balkon von Zimmer 79 des Chateau Marmont Hotels zu Tode gestürzt. Bei ihren Ermittlungen stoßen Bosch und sein Partner, der hinter Boschs Rücken Informationen an eine Reporterin der Los Angeles Times weitergibt und so Boschs Vertrauen nachhaltig untergräbt, auf die Neuvergabe von Taxilizenzen, bei der sowohl der Stadtrat als auch sein Sohn die Finger im Spiel hatten. Der Geschädigte ist ausgerechnet Robert Mason, ein alter Cop, der Bosch allerdings ein wasserdichtes Alibi für Irvings Todeszeitpunkt präsentiert… 
„Mason stand auf und ging mit gesenktem Kopf zum Ausgang. Bosch sah ihm hinterher und dachte über die Wechselwirkung von Beziehungen und Ermittlungen nach. Er war in der Erwartung hierhergekommen, einen korrupten Polizisten zu finden, der einen Schritt zu weit gegangen war. Stattdessen betrachtete er Mason inzwischen als ein weiteres Opfer Irvin Irvings. Und ganz oben auf der Liste von Irvings Opfern stand dessen eigener Sohn. Vielleicht brauchte sich Mason gar keine Gedanken zu machen, wie er den Stadtrat am besten zur Rede stellen sollte. Vielleicht kam ihm Bosch zuvor.“ (S. 253) 
Auch in Boschs neuen Fällen ist mal wieder „High Jingo“ angesagt, die vertrackte Verquickung von Polizeiarbeit und Politik. Connelly ist als ehemaliger Verfasser von Polizeireportagen erfahren genug, um diese Fallstricke immer wieder in packende Krimis zu verpacken. Wie so oft sind es gleich zwei Fälle, mit denen es Bosch und sein ungeliebter Partner Chu in „The Drop“ zu tun bekommen, wobei der Originaltitel in erster Linie auf den Deferred Retirement Option Plan – kurz: DROP - anspielt, an dem Bosch als bereits pensionierter Cop teilnimmt. Das erhöht nicht nur das Tempo der Erzählung, sondern fesselt auch die Aufmerksamkeit der Leserschaft. 
Connelly liefert, was er am besten kann: akribisch beschriebene Ermittlungsarbeit mit etlichen Spuren, wobei nur der Irving-Fall etwas kniffliger zu sein scheint, während der Cold-Case-Fall von Lily Price vor allem dazu dient, Bosch eine neue Liebschaft zu verschaffen und ein actionreiches Finale zu präsentieren. 
„Der Widersacher“ lebt wie eigentlich alle Bosch-Romane von der charismatischen Persönlichkeit des Protagonisten, der auch mal Fehler macht, sich diese aber auch eingesteht. Zwar verderben etwas arg viele Zufälle eine durchweg glaubwürdige Story, aber für Connelly-Fans ist „Der Widersacher“ ein Muss.


Heinz Strunk – „Zauberberg 2“

Mittwoch, 4. Dezember 2024

(Rowohlt, 288 S., HC) 
In seinem 1924 veröffentlichten, 1000 Seiten umfassenden Bildungsroman „Der Zauberberg“ fühlte sich Thomas Mann von einem Besuch in einem Sanatorium inspiriert, in dem seine lungenkranke Frau therapiert wurde, und ließ seinen Protagonisten Hans Castorp für sieben Jahre in einem Sanatorium in den Schweizer Bergen verweilen. Heinz Strunk („Fleisch ist mein Gemüse“, „Jürgen“) hegte seit sieben Jahren schon die Idee, Manns Klassiker in die Neuzeit zu überführen. Sein schmales Bändchen „Zauberberg 2“ könnte man als Fortsetzung missverstehen, stattdessen verströmt der Roman den typischen Strunk-Touch und liest sich bis auf ein Kapitel zum Schluss wie ein moderner Abgesang auf gewinnmaximiert geführte Therapiehäuser. 
Bereits mit Mitte dreißig muss sich Jonas Heidbrink keine Sorgen mehr um seinen Lebensunterhalt machen. Sein Start-up hat er so gut verkauft, dass er nie mehr arbeiten muss, doch mit dieser Erkenntnis geht eine mit Angstzuständen und Langeweile einhergehende Sinnkrise einher, mit der sich der in Neumünster geborene und in Hamburg lebende „Erfinder“ in einem Sanatorium in der mecklenburgischen Einöde kurz vor der polnischen Grenze in dreißig Tagen auseinanderzusetzen gedenkt. Doch die ärztliche Eingangsuntersuchung bringt noch andere Baustellen ans Licht: Der Verdacht auf Hautkrebs, eine Fettleber und einen Nierentumor muss erst einmal ausgeräumt werden. 
Bis dahin und darüber hinaus setzt sich Heidbrink wie seine Leidensgenossen Tag für Tag mit der einlullenden Sanatoriums-Routine auseinander, mit Visiten, aus Klassikern der Hausmannskost bestehenden Mahlzeiten in fest strukturierten Gruppen und natürlich diversen Therapien. Heidbrink findet weder die Musiktherapie noch die Fototherapie oder Bibliotherapie besonders heilsam, weshalb sich in Heidbrink immer mehr der Wunsch nach selbstgewählter Isolation breitmacht. Aus dem geplanten Monat wird erst ein halbes Jahr, dann ein ganzes. Heidbrink sieht Klienten kommen und gehen, bemerkt aber auch den schleichenden Niedergang des Hauses. 
Da wird erst ein Nebengebäude geschlossen, das Essen schmeckt nach in der Mikrowelle aufgewärmtes Convenience Food, das Personal wird sichtlich abgebaut, und Heidbrink geht es noch immer nicht besser… 
„Das Klinikum ist nun so groß wie die ganze Welt. Ein mächtiges Gebäude an einer anonymen Straße in einer fremden Gegend in einem verlassenen Land. An jedem Dritten des Monats erhält Heidbrink seine Privatliquidation, die er unverzüglich begleicht. Morgens kämpft er sich, unter einer Ladung Schotter in einem tiefen Schacht begraben, aus Schichten von Müdigkeit, Langeweile und Dumpfheit hoch an die Oberfläche. Er fürchtet die schlaflosen Nächte, die endlosen Nachmittage, all die leeren Stunden.“
Heinz Strunk versteht „Zauberberg 2“ als Hommage an Thomas Manns berühmten Klassiker „Der Zauberberg“ und hat die Begebenheiten entsprechend angepasst. Das Sanatorium hat Strunk von den Schweizer Alpen ins norddeutsche Flachland verlegt, aus Lungenkranken seelische Wracks gemacht, die von den Ärzten möglichst lange in der Heilanstalt „festgehalten“ werden. 
Strunks Roman umfasst nicht mal ein Drittel von Manns Werk, doch nimmt sich der Wahlhamburger genügend Zeit, um in der dritten Person von den Zuständen in dem Sanatorium zu erzählen. Die Vorgeschichte seines Protagonisten beschränkt sich auf das Notwendigste. Wichtig scheinen nur die Zustände im Hier und Jetzt. Das liest sich die erste Hälfte recht eintönig, weil im Klinik-Alltag vor allem den Alltag strukturierende Routine angesagt ist. Das macht Strunk nicht zuletzt durch die wiederholte Auflistung von Heidbrinks Vitalwerten deutlich („Sauerstoff 97, Temperatur 36,5, Blutdruck 128:82, Puls 65“). Davon abgesehen erfahren wir mehr über Heidbrinks LeidensgenossInnen als über ihn selbst. 
In der ersten Hälfte des Romans ist es vor allem Strunks ausgefeilter Stil, der die triste Atmosphäre auflockert, in der zweiten Hälfte verändert sich merklich der Ton. Das hängt nicht nur mit dem schleichenden Niedergang des Sanatoriums, sondern vor allem mit den Psychopharmaka zusammen, die Heidbrink immer weniger gut verträgt. Das bietet Strunk die Steilvorlage, in dem Kapitel „Kirgisenträume“ ausgiebig aus Manns Vorlage zu zitieren. 
Sicher, Strunk blickt mit „Zauberberg 2“ fast schon subversiv pedantisch in die seelischen Abgründe unserer Zeit, doch kann er sich dabei ein immer wieder aufflackerndes Schmunzeln nicht verkneifen.