Samstag, 5. März 2011

Håkan Nesser – „Die Perspektive des Gärtners“

(btb, 320 S., HC)
Vor vierzehn Monaten beobachtete der Schriftsteller Erik Steinbeck am Küchenfenster seines Hauses in Saaren, wie ein Mann seine vierjährige Tochter Sarah im Garten ansprach und sie in sein grünes Auto einsteigen ließ. Bevor Erik an der Straße ankam, war der Wagen über alle Berge, die Polizei fand bis jetzt nicht einen einzigen Anhaltspunkt, was mit Sarah geschehen sein könnte. Vor allem Eriks Frau Winnie, die schon einmal eine Tochter in Sarahs Alter durch einen gewaltsamen Tod verloren hat, kam mit dem erneuten Verlust ihres Kindes nicht klar, verbrachte eine Zeit in einer psychiatrischen Anstalt und schlug schließlich vor, nach New York zu ziehen, um einen Neuanfang zu starten.
Doch Erik und Winnie finden nicht mehr zueinander und verbringen ihre Zeit meist getrennt voneinander. Während Winnie an einem fast fotografisch detaillierten Bild arbeitet, das die Entführungsszene aus Eriks Sicht darstellt und nur noch auf das Gesicht des Mannes wartet, an dessen Züge sich Erik aber nicht erinnern kann, arbeitet Erik in der Bibliothek an seinem neuen Roman. Als er Winnie zweimal überraschend in der Stadt sieht, leugnet sie jeweils, sich dort befunden zu haben. Dann behauptet sie plötzlich, Sarah sei noch am Leben. Erik macht sich Sorgen, dass Winnie wieder in ihren krankhaften Zustand nach dem Verschwinden ihrer Tochter zurückfällt.
„… wenn nun meine Ehefrau behauptet, unsere Tochter sei tatsächlich am Leben, dann will ich das nicht als Zeichen sehen, dass sie auf dem Weg zurück in die Dunkelheit ihrer Krankheit ist. Obwohl es natürlich so ist. Ich brauche eine gesunde Winnie – zumindest eine einigermaßen gesunde Winnie -, meine Kräfte reichen nicht für eine neue Welle des Wahnsinns. Guter Gott, denke ich, lass sie nicht den Verstand verlieren, lass nicht alles den Bach runtergehen. Lass etwas geschehen, das uns wieder ein bisschen Hoffnung gibt. Aber dass Sarah tatsächlich am Leben sein soll? Ich wage diesen Gedanken kaum zu denken.“ (S. 112f.)
Erik macht in der Bibliothek, in der er fast täglich arbeitet, die Bekanntschaft von Mr. Edwards, einem pensionierten Privatdetektiv, der dem Schriftsteller anbietet, herauszufinden, was Winnie mit ihrer Zeit, die sie nicht in ihrem Atelier verbringt, so treibt. Offensichtlich hat sie eine Parapsychologin namens Grimaux aufgesucht, und Erik fällt sofort der Zusammenhang mit dem gleichnamigen französischen surrealistischen Poeten auf, der ein Gedicht verfasst hat, das auf mysteriöse Weise Winnie und Erik einst zusammengeführt hat. Und je mehr Erik den immer geheimnisvolleren Hinweisen auf Winnie und Sarah folgt, desto mehr Rätsel geben Erik zu denken …
Dass der schwedische Bestseller-Autor Håkan Nesser nicht nur Krimis nach Schema F produziert, hat er bereits mit „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ bewiesen. Sein neuer Roman ist in New York angesiedelt, wo der Autor einige Jahre gelebt hat, und trägt von Beginn an jene surrealistischen Züge, die auch einige Romane des New Yorker Schriftstellers Paul Austers tragen.
„Die Perspektive des Gärtners“ wirft immer wieder Fragen nach Namen und Identitäten auf, lässt die Grenzen zwischen Realität, Traum, Vorsehung und Wahnsinn miteinander verschmelzen und immer wieder neue Rätsel die bisherigen Merkwürdigkeiten in neuem Licht erscheinen. Dabei tritt Sarahs Schicksal nicht unbedingt in den Hintergrund, aber zunehmend geht es auch um die Frage, was es mit Winnie auf sich hat. Dadurch, dass der Leser das Geschehen allein aus Eriks Perspektive verfolgen muss, bleibt lange Zeit ungewiss, inwieweit vielleicht Erik selbst dem Wahnsinn verfallen ist. Nesser erweist sich wieder einmal als sprachlich versierter Autor, der mit viel Liebe zum psychologischen Detail einen außergewöhnlichen wie verstörenden Roman geschaffen hat, der mit einem ebenso überraschenden Ende aufwartet.
Lesen Sie im Buch: Nesser, Håkan - Die Perspektive des Gärtners

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen