Samstag, 30. Januar 2016

Don Winslow – (Neal Carey: 2) „China Girl“

(Suhrkamp, 441 S., Tb.)
Nach seinem letzten Job, den ihn seine große Liebe Diane und ein Jahr seiner Ausbildung kostete, lebt der 24-jährige Neal Carey seit sieben Monaten zurückgezogen in einem Cottage, das verlassen in den Yorkshire Moors liegt, wo er sich ganz dem Studium von Tobias Smollettes Werk widmet.
Doch nun wendet sich sein Vater Joe Graham mit einem neuen Auftrag der „Friends of the Family“ an ihn, jener geheimen Abteilung des kleinen Finanzinstituts in Providence, Rhode Island, das seinen wohlhabenden Kunden nicht nur absolute Diskretion gegenüber Presse, Öffentlichkeit und Finanzamt zusicherte, sondern auch Abhilfe bei Problemen, die sich nicht immer mit Geld lösen lassen. Diesmal soll er den Biochemiker Dr. Robert Pendleton aufspüren, der im Auftrag von AgriTech über das Wachstum von Pflanzen forscht und nach einer Konferenz an der Stanford University nicht an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt ist.
Neal soll den Wissenschaftler in San Francisco, wo er sich mit einer chinesischen Liebesdienerin im Holiday Inn einquartiert hat, aufsuchen und ins Flugzeug setzen. Was sich nach einem leichten Auftrag von drei, vier Tagen Dauer anhört, entwickelt sich zu einem abenteuerlichen Trip, der Neal bis nach Hongkong und China führt. Denn als er Pendleton mit der schönen Künstlerin Li Lan endlich im Künstlerviertel Mill Valley aufgespürt hat, fliegen ihm auch schon die Kugeln um die Ohren. Offensichtlich handelt es sich bei Li Lan um eine chinesische Agentin, an der auch die CIA interessiert ist …
„Ich bin ein Abtrünniger meiner eigenen Firma, die mich vielleicht, vielleicht auch nicht, ebenso wie die CIA, tot sehen möchte. Ich wurde von besagter Frau in die Falle gelockt, möglicherweise in der Absicht, mich töten zu lassen. Irgendwie bin ich sie verliebt und muss sie warnen, dass sie sich in Gefahr befindet. Ich muss sie finden, um ein paar Antworten zu bekommen, erst danach kann ich mit meinem alten Leben weitermachen.“ (S. 138) 
Bevor der amerikanische Bestseller-Autor Don Winslow 1997 mit seinem Roman „Die Auferstehung des Bobby Z.“ bekannt geworden ist, schrieb er an einer fünf Bände umfassenden, zwischen 1991 und 1996 erschienenen Reihe um den jungen Privatermittler Neal Carey, deren Neuauflage in neuer Übersetzung der Suhrkamp Verlag in diesem Jahr abschließt.
Der zweite Band aus dem Jahr 1992, der 1997 unter dem Titel „Das Licht in Buddhas Spiegel“ erstmals in deutscher Sprache veröffentlicht wurde und nun als „China Girl“ erneut der wachsenden Winslow-Fangemeinde zugänglich gemacht wird, entwickelt sich von einer fesselnden Detektivgeschichte zu einem actionreichen Agenten-Thriller, der vor allem in der zweiten Hälfte, als Li Lan Gelegenheit bekommt, ihre Familiengeschichte zu erzählen, an atmosphärischer Dichte gewinnt und vor allem tiefe Einblicke in die chinesische Geschichte gewährt.
Der historische Diskurs ist zwar mit einigen Längen verbunden, die das Tempo aus der Geschichte nehmen und auch den Lesefluss hemmen, unterstreicht aber, dass Winslow schon früh damit begonnen hat, für seine Romane so exzessiv zu recherchieren, wie das mittlerweile bei seinen gefeierten Drogen-Epen „Tage der Toten“ oder „Das Kartell“ der Fall ist.
„China Girl“ kann nicht ganz an „London Underground“, den ersten Neal-Carey-Fall, anknüpfen und lässt seinen cleveren Helden auch keine wirkliche Entwicklung durchmachen, störender wirkt dagegen der deutliche Spannungsabbau in der zweiten Hälfte.
Leseprobe Don Winslow - "China Girl"

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