Montag, 11. Januar 2016

Joe R. Lansdale – „Die Wälder am Fluss“

(DuMont, 366 S., Tb.)
Während Jacob Crane im östlichen Texas des Jahres 1933 als Farmer, Friseur und Constable für den Unterhalt der Familie sorgt, ist sein elfjähriger Sohn Harry vom geheimnisvollen Ziegenmann fasziniert, dem nachgesagt wird, in den dichten Wäldern am Sabine River Kinder und Tiere zu stehlen. Mit seiner jüngeren Schwester Thomasia – kurz: Tom – ist er gerade in der Abenddämmerung unterwegs, um die Jagdhund-Terrier-Mischung Toby von ihren Leiden zu erlösen, da stoßen sie auf eine schrecklich zugerichtete Frauenleiche. Am nächsten Morgen führt Harry seinen Vater zur Fundstelle, wobei sie an dem Haus des alten Mose vorbeikommen, den die Dorfbewohner bald als Täter ausmachen. Schließlich hat er die Geldbörse der toten Frau gefunden.
Und es werden weitere Frauen gefunden, meist schwarze Prostituierte, die furchtbar zerschnitten und auf einzigartige Weise geknebelt sind, aber erst als auch ein weißes leichtes Mädchen tot aufgefunden wird, reagieren der Ku-Klux-Klan. Bevor die Männer in den weißen Gewändern den alten schwarzen Mann lynchen können, versteckt Harrys Vater den Verdächtigen. Das Versteck bleibt allerdings nicht lange geheim, und weder Harry noch sein Vater können verhindern, dass Mose an einem Baum aufgeknüpft wird. Danach ist Harrys Vater nicht mehr derselbe.
„Daddy suchte eine Zeit lang nach dem Mörder, aber abgesehen von ein paar Spuren am Ufer, die davon zeugten, dass dort jemand nach Essbarem gesucht hatte, fand er nichts. Ich hörte, wie er Mama erzählte, er habe in den Wäldern am Fluss das Gefühl gehabt, jemand beobachte ihn – als gäbe es da draußen jemanden, der die Wälder und den Fluss genauso gut kannte wie die Tiere dort; und dass dieser Jemand ein Auge auf ihn habe.“ (S. 119) 
Die Morde hören nach Moses Tod zwar auf, doch die meisten Menschen mit gesundem Verstand glauben nicht daran, dass Mose die Taten begangen hat. Während sich die Aufregung nach den Morden legt, taucht ein alter Verehrer von Harrys Mutter wieder auf und verschwindet auf mysteriöse Weise. Und Harry glaubt immer wieder, den Ziegenmann in seiner Nähe zu sehen …
Dass der mehrfach preisgekrönte Horror- und Krimi-Autor Joe R. Lansdale gern als Autor in der Tradition von Südstaaten-Größen wie William Faulkner und Mark Twain gesehen wird, lässt sich an seinem 2000 in den USA, in Deutschland durch den DuMont Buchverlag veröffentlichten Roman „Die Wälder am Fluss“ wunderbar illustrieren.
Schließlich steht im Mittelpunkt des Geschehens ein elfjähriger Junge, der in den 1930er Jahren die Schrecken der Depression und die nach wie vor anhaltende Rassendiskriminierung nicht nur bezeugen muss, sondern auch am eigenen Leib erlebt. Lansdale erweist sich wieder einmal als brillanter Erzähler, der anhand einiger Morde an kaum geachteten Frauen darlegt, wie vergiftet die gesellschaftliche Atmosphäre in dieser Zeit gewesen ist, als die kleinsten Indizien ausgereicht haben, um das Leben eines schwarzen Mannes auszulöschen.
Dem Autor gelingt es, in „Die Wälder am Fluss“ eine klassische Coming-of-Geschichte mit einer packenden Thriller-Handlung, einer Portion Washington-Irving-Horrors und einem Gesellschaftsroman zu verbinden, wobei die düsteren Verbrechen die besten und die schlechtesten Eigenschaften der Einwohner von Marvel Creek hervorkehren.
Neben der packenden Handlung sind es aber vor allem wieder die stark gezeichneten Figuren und die schwül-intensive Atmosphäre, die „Die Wälder am Fluss“ so lesenswert machen.
Leseprobe: Joe R. Lansdale – „Die Wälder am Fluss“

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