Montag, 3. Oktober 2016

Ross Macdonald – (Lew Archer: 14) „Schwarzgeld“

(Diogenes, 365 S., Pb.)
Als Lew Archer, Privatdetektiv aus Los Angeles, sich im Süden des Countys in einem noblen Tennisclub mit dem vielleicht zwanzigjährigen Peter Jamieson trifft, beauftragt der fettleibige, irgendwie vorzeitig gealtert erscheinende junge Mann den Ex-Cop mit der Suche nach Virginia (Ginny) Fablon. Sie sei im Begriff, eine große Dummheit zu begehen, wenn sie sich mit Francis Martel einlässt, einem Mann, der sich als französischer Aristokrat ausgibt. Dabei sei die Hochzeit zwischen Peter und Ginny, die zusammen aufgewachsen sind, für den nächsten Monat angesetzt gewesen.
Tatsächlich forscht Archer zunächst in der Vergangenheit des Mannes, der Peters Verlobten so den Kopf verdreht hat, und erfährt, dass sich Martel offensichtlich unter wechselnden Namen bei verschiedenen Universitäten eingeschrieben und bereits vor sieben Jahren für kurze Zeit als Aushilfe in dem hiesigen Tennisclub gearbeitet hatte. Zu jenem Zeitpunkt ist auch Ginnys Vater im Meer ertrunken, nachdem er seine Schulden nicht mehr bezahlen konnte und seinen Selbstmord zwei Tage zuvor in Gegenwart seiner Frau und Tochter angekündigt hatte.
Archer beginnt im Laufe seiner Ermittlungen aber zunehmend daran zu zweifeln, dass es sich bei diesem Unglücksfall um Selbstmord handelte. Die Spur führt Archer schließlich nach Las Vegas, wo Martel scheinbar eine Menge Schwarzgeld abgezweigt hatte und somit auch weitere Interessenten auf sich aufmerksam machte, so zum Beispiel den mittellosen Fotografen Harry Hendricks und seine betörende wie frustrierte Frau Kitty, die hinter Martels Geld her sind.
„Und dann kam mir der Gedanke, dass Ginny und Kitty, zwei Mädchen aus völlig unterschiedlichen Gegenden der Stadt, letztlich eine Menge gemeinsam hatten. Keine von beiden hatte das Missgeschick der Schönheit unbeschadet überstanden. Es hatte sie zu leblosen Wesen gemacht, Zombies in einer toten, öden Welt, ebenso schmerzlich anzusehen wie eine sinnlose Kreuzigung.“ (S. 309) 
Auch wenn Ross Macdonald (1915 - 1983) hierzulande noch nicht so einen großen Namen besitzt wie seine berühmten Kollegen Raymond Chandler und Dashiell Hammett, sorgt der Diogenes Verlag seit einer Weile mit wundervollen Neuübersetzungen seines Werks dafür, dass der Gewinner des Silver (1964) und des Gold Dagger Award (1965) auch zunehmend deutschsprachige Leser erreicht.
Mit dem sympathischen Privatdetektiv Lew Archer hat Macdonald nämlich eine echte Kultfigur erschaffen, die – wie Donna Leon in ihrem Nachwort erwähnt – „das eigene Handeln nicht weniger als das Verhalten anderer nach moralischen Kriterien bewertet“.
Archer nähert sich seinen Fällen ganz unvoreingenommen, verurteilt niemanden, empfindet Mitleid und sorgt sich vor allem um die Frauen, mit denen er es zu tun bekommt, ohne sich auf Affären mit ihnen einzulassen.
„Schwarzgeld“ ist ein klassischer Kriminalroman, bei dem es zunächst anscheinend nur um das Auffinden einer Person geht, bevor vergangene Ereignisse und in den Fall involvierte Personen in einem anderen Licht erscheinen und weitere Morde aufzuklären sind. Wie viele seiner bereits verfilmten Romane (u.a. als „Familiengeheimnisse“, „Killer aus dem Dunkel“ und „Eine Frau für alle Fälle“ sowie die sechsteilige Fernsehserie „Archer“) liest sich auch „Schwarzgeld“ wie ein Drehbuch zu einem Film. Die Handlung wird vor allem durch die überaus lebendigen Dialoge vorangetrieben. Archer ermittelt durch unzählige Gespräche, die er mit Beteiligten und möglichen Zeugen führt und durch die er sehr schnell herausfindet, mit welchem Typus von Mensch er es zu tun hat. Archers Schlussfolgerungen und Beschreibungen sind dabei in brillant präziser Prosa verfasst, ohne überflüssige Worte, dafür voller schöner Vergleiche, die das Lesen einfach zu einem durchgängigen Vergnügen machen.
 Leseprobe Ross Macdonald - "Schwarzgeld"

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