Mittwoch, 1. April 2015

John Williams – „Butcher’s Crossing“

(dtv, 365 S., HC)
Nach drei Jahren auf dem College in Harvard zieht es den jungen Will Andrews um 1870 von Ellsworth in die Kleinstadt Butcher’s Crossing, Kansas, wo er mit dem Fellhändler J.D. McDonald einen flüchtigen Bekannten seines Vaters aufsucht und dann mit dem Jäger Miller einen Mann anheuert, der einen Trupp zum Büffeljagen zusammenstellt. Auf diese Weise hofft der junge Mann, das Land kennenzulernen und wie Ralph W. Emerson eine „ursprüngliche Beziehung zur Natur“ aufzubauen.
Während Miller einen Wagen, Ochsen und Vorräte besorgt, freundet sich Andrews mit der Hure Francine an, die dem jungen Mann voraussagt, dass er nicht mehr so jung zurückkommen würde wie er jetzt sei, sondern von den gesammelten Erfahrungen älter und vor allem rauer. Ende August brechen Miller, Andrews, der gottesfürchtige Kutscher Charley Hoge und der deutschstämmige Häuter Schneider in die Colorado Rockies auf, wo Miller vor einigen Jahren riesige Büffelherden gesehen hat.
Besonders für den unerfahrenen Andrews erweist sich die Reise als strapaziös.
Dennoch genießt Andrews den Trip, das Antreiben der Ochsen, das Aufschlagen der Lager, die Gespräche mit den Männern, die schon so viel gesehen und erlebt oder im Falle von Hoge sogar eine Hand verloren haben. Zwischenzeitlich verliert Miller die Orientierung, das Wasser wird knapp, doch schließlich entdecken sie eine mehrere Tausend Büffel umfassende Herde, die Miller nach präzisem Plan in den kommenden Wochen drastisch reduziert. Andrews ist so fasziniert von dem Abenteuer, dass er seine frühere Welt völlig vergisst.
„ … er konnte sich weder an die Berge erinnern, die sie sich heraufgequält hatten, noch an die ausgedehnten Ebenen, über die sie sich durstig und verschwitzt geschleppt hatten, auch nicht an Butcher’s Crossing, das er erst vor wenigen Wochen kennengelernt und gleich wieder verlassen hatte. Jene Welt tauchte nur in unregelmäßigen, undeutlichen Bildern vor ihm auf, verbogen wie in einem Traum. Den Teil seines Lebens nämlich, auf den es ankam, hatte er zur Gänze hier in diesem hohen Tal verbracht, und wenn er darüber hinblickte – die gelbgrüne Weite, die hohen Berghänge mit dem tiefen Grün der Kiefern, durchzogen vom flammend hellen Rotgold herbstlicher Erlen, die aufragenden Felsen und Bergkuppen, allesamt überdacht vom intensiven Blau des dünnluftigen Himmels -, dann war ihm, als würden die Konturen der Gegend vor seinen Augen verschwimmen, als formte sein Blick, was er sah, und verhülfe seinerseits der eigenen Existenz erst zu Form und Ort.“ (S. 214) 
Doch dem Staunen über die Schönheit der Natur, die ihn völlig gefangen nimmt, folgt bald das Entsetzen, als das Wetter einen dicken Strich durch die ursprünglichen Reisepläne macht und die Männer um ihr Leben fürchten müssen …
Gerade mal vier Romane hat der in Englische Literatur promovierte amerikanische Schriftsteller John Edward Williams (1922 – 1994) geschrieben, ein fünfter blieb unvollendet. Das ist umso tragischer, als dass uns Williams großartige Literatur hinterlassen hat.
Nachdem der Deutsche Taschenbuch Verlag 2013 „Stoner“ als deutsche Erstveröffentlichung präsentierte, folgt nun mit „Butcher’s Crossing“ ein weiterer Meilenstein der Literaturgeschichte, ein Western, wie ihn sonst nur Cormac McCarthy („All die schönen Pferde“) schreiben könnte, einen Abgesang auf eine Zeit, die nie wiederkommt und deren Helden sich noch nicht verabschieden wollen.
Dass „Butcher’s Crossing“ dabei so eine archaische Wucht entfaltet, liegt an den großen Themen, die seine Figuren bewegen, hier der Jüngling, der eine akademische Karriere aufgibt, um das wahre Leben und die Natur kennenzulernen, dort der einfache Fellhändler, der darauf hofft, dass das Schienennetz der Eisenbahn nach Butcher’s Crossing führt und sein bislang wertloses Land zu einer guten Kapitalanlage werden lässt; das Mädchen, das der großen Stadt entflohen ist und sich auf ein ruhigeres Leben und sanftere Männer in der Einöde eingerichtet hat; der Jäger, der von Blut- und Geldgier angetrieben keine Grenzen kennt.
Williams verwendet viel Raum und Zeit dafür, die Welt zu beschreiben, in der Miller, Andrews & Co die letzten Büffel dieser Welt jagen, und das Buch wirkt wie das Testament einer verlorenen Zeit, als Menschen noch wochenlang durch die Prärie reiten konnten, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Dass sich die Jäger am Ende ihrer eigenen Lebensgrundlage berauben, gehört zu den bitteren Erkenntnissen von Männern, die sich mit dem Anbruch einer neuen Zeit und den Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus auseinandersetzen müssen. Das beschreibt Williams in einer so bildhaften Sprache, dass sich „Butcher’s Crossing“ wie ein Film vor den Augen des Lesers entfaltet.
Leseprobe John Williams - "Butcher's Crossing"

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