Sonntag, 5. April 2015

Jeffery Deaver – (Lincoln Rhyme: 10) „Todeszimmer“

(Blanvalet, 608 S., HC)
Kaum hat Lincoln Rhyme eines Morgens Besuch von Bill Myers, Captain der jüngst eingerichteten Special Services Division des NYPD, und der stellvertretenden Bezirksstaatsanwältin Nance Laurel erhalten, stecken er, Amelia Sachs und Lincolns ehemaliger Partner Lon Sellitto schon wieder in einem äußerst heiklen Fall: Der in Venezuela aufgewachsene US-Bürger Roberto Moreno, der sich als lautstarker Gegner der imperialen US-Wirtschaftspolitik viele Feinde in der USA gemacht hat, wurde während eines Interviews in einem Hotel auf den Bahamas erschossen, der Journalist und Morenos Leibwächter kamen bei dem Attentat ebenfalls um.
Zwar wird der Anschlag offiziell den südamerikanischen Drogenkartellen zugeschrieben, doch Laurel vermutet, dass Morenos Ermordung auf Anweisung des National Intelligence and Operation Service (NIOS) erfolgt ist, einer neuen geheimdienstähnlichen Institution, die bei der Liquidierung von Amerika-Gegnern offensichtlich auch Kollateralschäden in Kauf nimmt. Laurel hat dabei nicht nur NIOS-Chef Shreve Metzger, sondern durchaus aus höhere Regierungsvertreter im Visier.
Doch die Ermittlungen erweisen sich als schwierig, denn offensichtlich handelte der Auftragskiller nicht allein. Als Ermittlungs-Spezialist Lincoln Rhyme unter schwierigsten Bedingungen endlich den Tatort auf den Bahamas in Augenschein nehmen will, sind die wichtigsten Beweise in dem sogenannten „Todeszimmer“ längst entsorgt worden.
Erst bei der genauen Analyse der Obduktionsberichte kommt Lincoln dem eigentlichen Motiv auf die Spur. Allerdings scheinen die Täter den Ermittlern immer eine Spur voraus zu sein und das ohnehin gefährliche Leben von Lincoln und Amelia auf eine harte Probe zu stellen.
„Sachs und Rhyme lebten beide riskant – sie wegen des gefährlichen Jobs und ihrer Leidenschaft für Geschwindigkeit, er wegen seiner körperlichen Verfassung. Vielleicht, nein vermutlich wurde ihr Zusammenleben dadurch intensiver, ihre Verbindung enger. Und meistens akzeptierte sie diesen Umstand. Doch nun, da Rhyme weg war und sie einen besonders schwierigen Schauplatz untersuchte, bei dem der Täter genau über sie Bescheid wusste, konnte sie nicht anders, als sich vor Augen zu führen, dass sie immer nur einen Pistolenschuss oder einen Herzschlag davon entfernt waren, auf ewig allein zu sein.“ (S. 278f.)
Im zehnten Band der prominenten Lincoln-Rhyme/Amelia-Sachs-Reihe, deren erster Band „Der Knochenjäger“ ebenso erfolgreich 1999 von Phillip Noyce mit Denzel Washington und Angelina Jolie in den Hauptrollen verfilmt worden ist, haben es der querschnittsgelähmte Lincoln Rhyme und seine Ermittlungs- wie Lebenspartnerin Amelia Sachs wieder mit einem äußerst schwierigen Fall zu tun, bei dem die Beweislage alles andere als vielversprechend aussieht und die Ermittlungen durch eine überaus ehrgeizige Staatsanwältin und einen raffinierten Killer nicht gerade gefördert werden.
Wie Jeffery Deaver den komplexen Plot aufbaut, ist ebenso beachtenswert wie sein Talent, die Spannung auf immerhin 600 Seiten gekonnt sukzessive aufzubauen und die Spurensuche und deren Analyse immer wieder in eine neue Richtung zu lenken. Nebenbei kommt auch das Privatleben von Rhyme und Sachs etwas zur Sprache. Hier hätte Deaver allerdings etwas mehr preisgeben können als Rhymes bevorstehende Operation und die zunehmenden Probleme, die Sachs‘ Arthrose bei der Ausübung ihres Dienstes bereitet.
Davon abgesehen bietet „Todeszimmer“ aber einen gewohnt grandios inszenierten, packend geschriebenen Kriminalfall, der das gesamte Potenzial des genialen Ermittler-Duos beansprucht.
Leseprobe Jeffery Deaver - "Todeszimmer"

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